Globalgeschichte der europäischen Expansion


21.06.18
KulturKultur, Internationales, Theorie 

 

Rezension von Michael Lausberg

Wolfgang Reinhard: Die Unterwerfung der Welt. Eine Globalgeschichte der europäischen Expansion 1415-2015, Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung, C.H. Beck Verlag, München 2016, 58 EURO (D)

„Ich expandiere, also bin ich ist eine angemessene Aktualisierung der klassischen philosophischen Formel für Europa“ (S. 17)

Der Autor Wolfgang Reinhard ist emeritierter Professor für Neuere Geschichte an der Universität Freiburg und legt hier ein sehr opulentes Werk über die europäischen Expansion und Kolonisation zwischen 1415 und 2015 vor.

Dieses Werk beruht auf der auch von demselben Autor geschriebenen vierbändigen Reihe „Geschichte der europäischen Expansion“, die im Kohlhammer Verlag 1983-1990 erschien. Dies ist eine gründliche Neubearbeitung um einige Jahre erweitert, es wurden Kürzungen bei Diagrammen, Karten, Abbildungen, Tabellen vorgenommen. Die Anmerkungen wurden durch umfassende bibliografische Nachweise für jeden Abschnitt ersetzt.

In unendlich langen, harten Kriegen eroberte Rom alle Länder ringsum das Mittelmeer (= mare nostrum). Hauptgegner dabei war die reiche und mächtige phönizische Handelsstadt Karthago, die in den drei äusserst verlustreichen Punischen Kriegen (264 – 241, 218 – 202, 149 – 146 v. Chr.) nieder gerungen wurde. Als Ergebnis dieser Kriege strömten unermessliche Reichtümer, Massen von Sklaven als Kriegsgefangene, sowie griechische Kultur und Wissenschaft nach Rom ein. Das römische Reich dehnte sich auch immer weiter nach Asien aus, schuf dort Provinzen und hatte in den Parthern einen einflussreichen Feind an ihren Grenzen.

Im ausgehenden Mittelalter entdeckte Europa sein Interesse für fremde Länder. Es waren vor allem wirtschaftliche und religiöse Gründe, die dabei eine vorrangige Rolle gespielt haben. Marco Polo, ein venezianischer Kaufmann, hat mit seiner Chinareise im 13. Jahrhundert das Zeitalter der Entdeckungen eingeleitet. Zwar ist die Authentizität seiner Reiseberichte umstritten, unabhängig davon waren die Erzählungen über China Inspiration für spätere Zeiten. Vor allem die Suche nach Gold, der Mangel an Gewürzen und eine zunehmende Behinderung des Handels mit dem Orient veranlassten dann im 15. Jahrhundert die Portugiesen, einen Seeweg nach Indien zu suchen. Der portugiesische Prinz Heinrich der Seefahrer stattete eine Reihe von Expeditionen aus, die sich an der Westküste Afrikas vorschifften. Die ersten Niederlassungen entstanden als portugiesische Handels- und Nachschubsposten auf Inseln vor Afrika (z. B. Madeira) und an der westafrikanischen Küste (z. B. Elmina).

Das Zeitalter des Kolonialismus beginnt mit Beginn der Neuzeit: Seit den Amerikareisen von Christoph Kolumbus zum Ende des 15.Jahrhunderts (1492 gilt als Eckdatum der Wende Mittelalter/Neuzeit) bildeten europäische Mächte Kolonialreiche in Übersee, so zunächst Spanien und Portugal, bald auch die Niederlande, Großbritannien und Frankreich. Kolonialismus ging mit der europäischen Expansion einher. Das Ende der Kolonialzeit liegt zwischen den ersten Souverenitätserklärungen nach der Französischen Revolution (1797: USA, Haiti) und dem Ende des Zweiten Weltkriegs (1945) und der Gründung der UNO als Konzept gleichwertiger Nationen weltweit. Dabei war aber gerade das 19.Jahrhundert von einem Spätkolonialismus neuer geopolitischer Akteure geprägt, darunter auch ehemaligen Kolonien. Am Wettlauf um die koloniale Aufteilung Afrikas im 19.Jahrhundert waren schließlich auch Belgien, Italien und Deutschland beteiligt; in Asien suchte vor allem Russland zu expandieren; und an der Wende zum 20. Jahrhundert kamen die USA und Japan als Kolonialmächte hinzu. Neben wirtschaftlichen Gewinnerwartungen und der Sicherung künftiger Rohstoffbasen spielten Machtrivalität und Prestigefragen unter den Motiven eine wichtige Rolle, die den Kolonialismus im Zeitalter des Imperialismus ? zu dem der Kolonialismus einen Teilaspekt bildet ? vorantrieben. Für die ausgehende Kolonialzeit spricht man auch von postkolonial und einem Zeitalter der Dekolonialisierung insbesondere im mittleren 20.Jahrhundert, wobei aber imperialistische Bestrebungen bis heute andauern, und sich sogar wieder verstärken, weshalb der Begriff Neokolonialismus erscheint.

Der Autor geht weiterhin auf die Aspekte und Merkmale des Kolonialismus ein: Dies sind die meist staatlich geförderte Inbesitznahme auswärtiger Territorien und die Unterwerfung, Vertreibung oder Ermordung der ansässigen Bevölkerung durch eine Kolonialherrschaft bezeichnet. Kolonisten und Kolonialisierte stehen einander dabei kulturell in der Regel fremd gegenüber, was bei den Kolonialherren im neuzeitlichen Kolonialismus mit dem Glauben an eine kulturelle Überlegenheit über sogenannte „Naturvölker“ und teils an die eigene „rassische Höherwertigkeit“ verbunden mit dem Glauben an den Sozialdarwinismus verbunden war. Diese Vorstellung wurde durch frühe Theorien einer soziokulturellen Evolution gestützt. Die Kolonisierung der Welt durch europäische Nationen leistete der Ideologie des Eurozentrismus Vorschub.

Es ist lobenswert, dass der Autor auch den Begriff und die Merkmale des Neokolonialismus in den Blick nimmt. Regierungen und Unternehmen der reichen Industriestaaten – vor allem der USA, der EU und in den letzten Jahren verstärkt auch China –  versuchen sich die Kontrolle über die Ressourcen, Finanz- und Warenmärkte der ärmeren Länder zu sichern versuchen. In der Kritik stehen dabei insbesondere der Internationale Währungsfonds (IWF), die Weltbank (WB) und die Welthandelsorganisation (WTO). Länder werden von diesen Organisationen dazu gezwungen werden, Maßnahmen zu ergreifen, die vor allem den Interessen der reichen Staaten entsprechen, aber wenig bis keine Rücksicht auf die Entwicklung der betroffenen Volkswirtschaften nehmen – oft mit dem Ergebnis, dass die Armut der Bevölkerung sogar noch zunimmt. Als Beispiel können die Argentinien-Krise (1998–2002) oder die bislang (2004) weitgehend ergebnislosen Verhandlungen über die Öffnung der US- und EU-Märkte für Agrarprodukte aus afrikanischen Ländern angeführt werden.

Eine weitere Folge dieser einseitigen Wirtschaftspolitik liegt darin, dass die Investitionen multinationaler Konzerne, oft einhergehend mit steuerlichen und arbeitsrechtlichen Begünstigungen für die Investoren, nur wenigen Personen in den betroffenen Ländern Profite verschaffen, während die Mehrheit der Bevölkerung keinerlei Nutzen daraus ziehen kann. Im Gegenteil nutzen die international agierenden Firmen die niedrigen Löhne und Sozialstandards und verursachen darüber hinaus mitunter auch großen ökologischen Schaden (Auswirkungen der Erdölförderung in Nigeria, Abholzung von tropischen Wäldern, um Edelhölzer zu gewinnen, Förderung von Bodenschätzen, Lagerung von Giftmüll).

Während also diese Länder als Reservoir für billige Arbeitskräfte und Rohmaterialien benutzt werden, werden gleichzeitig eine nachhaltige Entwicklung und der Zugang zu modernen Technologien und Produktionsmethoden verhindert. So warnt auch die Welt-Ernährungsorganisation FAO vor neokolonialen Zuständen, wenn reiche Länder mit zu wenig Ackerboden wie z. B. Saudi-Arabien sich Plantagen in verarmten Staaten suchen. Die Installation und Unterstützung von Regimen, darunter zahlreicher Diktaturen in Afrika und früher auch in Lateinamerika, die den Interessen der multinationalen Konzerne dienen und nicht den Interessen der in diesen Ländern lebenden Bevölkerung, ist ein weiterer Eckpfeiler dieser Entwicklung.

Die Folgen dieser Entwicklung sieht man im Augenblick an den erzwungenen Migrationsbewegungen vor allem in Afrika in die reichen imperialistischen Länder des Nordens. Somit hat das Buch auch eine aktuelle Dimension. Dieses Werk ist ein Meilenstein für die Aufarbeitung des Zeitalters des Kolonialismus und des Imperialismus und stellt global gesehen alle wichtigen Expansionsbestrebungen mit 122 Abbildungen und Karten zusammen. Man darf sich nur vom Volumen nicht abschrecken lassen, denn dies wird das Standardwerk der nächsten Jahrzehnte sein.

 







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