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Hanuš Burger Anfang 1989 (Quelle: Aufbruch ins Ungewisse 1993: 186)

25.04.18
KulturKultur, Theorie 

 

Subjekthistorische Erinnerung an den Autor, Filmer, Exulanten und Nonkonformisten Hanuš Burger (1909-1990) und das letzte kurze Jahrhundert*)

von Richard Albrecht

Vorbemerkung – I. Lebensbeschreibungen – II. Autobiographisches – III. An der Westfront – IV. Filmographien – V. Die Todesmühlen – VI. Exkurs zur Exil-Forschung – Anhang

Besser spät als gar nicht, heißt es nicht nur im Deutschen. Was diese Erinnerung an Hanuš Burger betrifft, so hat es damit eine besondere Bewandtnis, die über den schlichten Tatbestand, daß ich den Genannten 1988/89 persönlich kennen und schätzen lernte, hinausgeht. Ende der vergangenen Nullerjahre, genauer nach der Sommerpause 2010, versuchte ich, zum zwanzigsten Todestag von Hanuš Burger am 13. November 1990, einen an ihn erinnernden Gedenkartikel zur Druckveröffentlichung zu placieren:

„Gern zusende ich Ihnen (m)ein Hanuš-Burger-Porträt – nicht nur, weil ich Herrn Burger, den ich im Sommer(semester) 1988 auch als Gast in mein Exil-Seminar an der WWU einlud, persönlich kannte und als Person schätzte. Sondern vor allem, weil sein Lebensweg als doppelter Emigrant (und Remigant) im vergangenen, dem 20. Jahrhundert, für dieses wesentlich ist. Deshalb mein Angebot, von Burgers 1977 erschienenen Memoiren ausgehend, für Sie zur Veröffentlichung (2010) diesen Beitrag zu erarbeiten /zu schreiben, Arbeitstitel EXIL ALS LEBENSFORM. Hanuš Burger (*4. Juni 1909/Prag †13. November 1990/München) zum 20. Todestag).“

Bei allen vier angefragten deutschsprachigen Zeitungen und Zeitschriften in zwei Staaten, Deutschland und Tschechien, gab es nur Desinteresse in Form von (drei) Absagen und (einer) Nichtantwort. So gesehen, kommt mein hier als Hanuš-Burger-Porträt erweiterter Beitrag verspätet. Aber gewiß - und mit Blick auf Hanuš´ sich am 13. November 2015 kalendarisch jährenden fünfundzwanzigsten Todestag - nicht zu spät.

I. Die erste bio-bibliographische Information über Hans Herbert oder Hanuš Burger las ich in Form eines mittleren Eintrags Mitte der 1980er Jahre im zweiten, englischsprachigen Band des Biographischen Handbuchs (1983: 171f.) Dort wurde, auch mit Burgers Hilfe, die lebendige Entwicklung des als Hans Hubert Burger 1909 geborenen Prager Juden veröffentlicht. Vorgestellt wird Burger als Filmregisseur und Autor mit Pseudonymen und Decknamen (Jan Burger; Peter Hradek). Und in den Blick der Emigrationsforschung kommen vor allem die US-amerikanischen Jahre 1939 bis 1950 des emigré, der in der Tat das war, was dort später premature antifascist (vorzeitiger oder verfrühter Antifaschist sozialistischer oder kommunistischer Provenience) genannt wurde.

Nach Übersiedelung der Familie nach Frankfurt/Main machte Hanuš dort 1928 sein Abitur, ging nach Wien und Prag, studierte 1929/30 in München unter anderem Dramaturgie und erhielt erste Engagements als Dramaturg an städtischen Schauspielhäusern in Bremen und Hamburg. Im Krisenjahr 1932 ging Burger zurück nach Prag, wurde Dramaturg am dortigen Deutschen Theater und auch als politischer Journalist für linke Zeitungen und Zeitschriften aktiv und bekannt. Als Stationen der Emigration genannt werden zunächst Österreich (1937), sodann Frankreich (1938) und USA (1939). 1950 remigierte Burger in die ?SSR nach Prag und von dort nach dem Scheitern des reformsozialistischen „Prager Frühling“ Ende 1968 in die Bundesrepublik Deutschland. Burger wurde als US-amerikanischer Soldat während des Zweiten Weltkriegs 1944 Staatsbürger der USA und 1950 wieder Bürger der ?SSR. Er ging zwei Ehen ein: die erste 1940 in den USA (1947 geschieden), die zweite 1947 ebendort mit Annette Rose, die mit Hanuš 1950 nach Prag, 1968 nach München ging und dort 1973 starb. (Beider Tochter, Jana Burgerova, 1950 in Prag geboren, emigrierte mit den Eltern 1968 nach München. Sie ist Diplom-Psychologin mit eigener Praxis für Psychotherapie und Psychoanalyse in Dachau.)

Schon in dieser ersten Zusammenfassung von Hanuš Burgers Lebensstationen finden sich wichtige Hinweise auf künstlerische Arbeit und politisches Engagement. Ergänzt um weitere Hinweise von ihm selbst (Burger 1981; Burger 1993) läßt sich dieses lebendige Leben so (zusammen)fassen (gekürzt nach Wikipedia; die Filmographie dort enthält etwa dreißig Verweise):

Nach seiner Rückkehr nach Prag arbeitete Hanuš Burgers bis 1936 als Regisseur, Dramaturg und Bühnenbildner im Neuen Deutschen Theater von Prag: Während seiner Tätigkeit für die Prager Urania wurde er auch gelegentlich von der Kommunistische Partei der Tschechoslowakei als Kurier eingesetzt. Nachdem er erst nach Österreich gegangen und anschließend in die Tschechoslowakei zurückgekehrt war, beauftragte ihn der US-amerikanische Journalist Herbert Kline damit, einen Dokumentarfilm über die Lage in den Sudetengebieten nach der deutschen Besetzung zu drehen. Das Ergebnis dieses Auftrags war der Film Crisis. Ende 1938 flüchtete Burger aus der Tschechoslowakei. Er kam über Frankreich in die USA, wo er in New York an der Theaterschule von Lee Strasberg lehrte und weitere Dokumentationen drehte. 1941 folgte der Eintritt in die Streitkräfte der USA, wo er später Mitglied einer Abteilung innerhalb der Stabsgruppe für Propaganda und Psychologische Kriegführung (P&PW Detachment) der 12. Armeegruppe wurde, die deutsche Zeitungen herausgeben sollte. Diese Abteilung wurde ab Herbst 1944 von Hans Habe geleitet. Bei Radio Luxemburg war Burger später als Regisseur hauptverantwortlich für den Sender 1212, welcher ebenfalls 1944 den Betrieb aufgenommen hatte. Dabei handelte es sich um einen US-amerikanischen Propagandasender, der zur Operation Annie gehörte. Anschließend drehte er unter Billy Wilder einen Film, der von deutschen Konzentrationslagern handelte und Die Todesmühlen hieß, bevor er später in New York City zum Dokumentarfilmprogrammgestalter bei den Vereinten Nationen wurde. Nun wurde er zuerst in den USA innerhalb des Ausschusses zur Bekämpfung von „unamerikanischen Umtrieben“ überprüft, kehrte nach Prag zurück und wurde zum Oberspielleiter des Prager Kinderfernsehens. Nachdem er 1968 das Manifest der 2000 Worte unterzeichnet hatte, floh er nach München. Durch das Verlassen des Ostblocks wurde er zur „Unperson“ für die KP?. In München fuhr er mit seiner Arbeit für Film und Fernsehen fort.

II. Anfang 1989 gab der damals neunundsiebzigjährige Hanuš Burger als 1939 in die USA emigrierter „österreichischer Filmschaffender“ während der Berliner Filmfestspiele ein Interview. Es ging um seine Theater- und Filmarbeit, insbesondere um die bereits erwähnten und später gesondert diskutierten Filme Crisis (1938) und Die Todesmühlen (1946: Death Mills). Auf Nachfrage erwähnt Burger, daß Crisis ihn als Dokumentarfilmer „akut gefährdet hätte. Es war ganz klar, daß ich wegmußte […] Ich war in den ersten Januartagen in den Vereinigten Staaten, ganz alleine, hab´ mit Ach und Krach ein Visum bekommen. Ich hab´ Dokumentarfilme gemacht, die sich so ergeben haben aus dem täglichen Leben. Ich hab´ mir auch Hollywood angeschaut, und da hatte ich Angst. [Meinen einzigen Spielfilm, Seeds of Freedom (1943)] hab´ ich mit lauter Topstars gedreht. Henry Hull und Aline MacMahon haben die Hauptrollen gespielt. Das war eine Fortsetzung des Potemkin-Films, Eisenstein hat seine Bewilligung gegeben. Hull spielte einen Überlebenden des Potemkin, der eine Gruppe Widerstandskämpfer in Odessa gegen die Deutschen anführt.“

Nachdem sich Burger freiwillig zur Armee meldete und zunächst zur Ausbildung ins Camp Richie kam („Die Armee hatte mit Hilfe eines Lochkartensystems festgestellt, daß ich einige Sprachen spreche. In diesem Lager waren nur amerikanische Armeezugehörige, die irgendwelche Fremdsprachen konnten“), meldete er sich, inzwischen US-citizen geworden, „overseas, für die Invasion“: „ich kann hier nicht sitzen, während meine Freunde in der Tschechoslowakei hingerichtet werden; ich muß in diesem Krieg was machen. [Als Kriegsberichterstatter?] Nein, mein Job war, Lautsprecherpropaganda zu machen, mit Lautsprechern Deutsche zu überzeugen, daß sie überlaufen sollten. Auf zwanzig Meter Entfernung mußte man da reden, das war ziemlich lebensgefährlich. Dann kam die Operation Annie, das war eine angeblich deutsche Radiostation, die in Wirklichkeit von Luxemburg aus gesendet hat. Ein sogenannter Geheimsender für das Office of Strategic Services.“

Gegen Ende des Interviews erinnert Hanuš Burger seine Zeit seit Kriegsende: Nach dem Krieg „war ich zuerst ein Jahr bei CBS, als Leiter der Filmabteilung. Dann traf ich den französischen Regisseur [des Films La Marternelle] Jean-Benoit-Levy. Er wurde Leiter der Propaganda-Abteilung der Vereinten Nationen und engagierte mich als Filmchef. Ich blieb drei Jahre bei ihm und habe fünfundzwanzig Filme initiiert. Einen Teil davon hab ich auch geschrieben, zum Beispiel einen Film über den Kampf gegen den Analphabetismus in Mexiko. Das ging sehr gut bis zu dem Moment, wo ich einen Film gemacht habe über ein amerikanisches Abenteuer in Südamerika, United Fruit und solche Sachen. Daraufhin wurde ich vorgeladen vor das Un-American Committee, und es wurde mir ein großes Verfahren angedroht [… Vor dem Untersuchungsausschuß] ist das so zugegangen, daß man gefragt wird: ´Welche Kommunisten kennen Sie in Ihrer Organisation?´ Kurzum, sie wollten einen haben, der Namen angibt. Das haben sie mit allen so gemacht. Ein sehr guter Freund von mir, der Autor von Seeds of Freedom, Albert Maltz, wurde ein Jahr eingesperrt. Das war die Warnung für mich. Im Frühjahr 1950 bin ich mit meiner Frau nach Prag. Ich bin in vorbeugender Weise abgehauen.“

Und auf die Frage nach seiner Zeit als US-Remigrant in Prag erinnerte Hanuš Burger: „Es gab Probleme. Die wiederum wollten wissen, ob ich politisch vertrauenswürdig bin. Aber sie haben mich trotzdem ins Fernsehen gelassen, und dort habe ich jahrelang gearbeitet. Parallel dazu hab´ ich in Ost-Berlin am Theater der Freudschaft inszeniert, unter anderem auch wieder meinen Tom Sawyer […] 1968 kam der Prager Frühling. Den Einmarsch der russischen Truppen hab´ ich unmittelbar miterlebt, auf der Straße, und da bin ich dann abgehauen nach München.“

III. Der Schriftsteller Stefan Heym (1913-2001) und Hanuš Burger kannten sich seit 1933. Sie waren befreundet und arbeiteten in Prag, Heyms erster Exilstation vor seiner Emigration in die USA 1935, als Autoren und Genossen zusammen. Heym erwähnt in seinen opulenten Memoiren ausdrücklich die Dramatisierung von Mark Twains Tom Sawyer / Huck Finn-Romanen (Heym 1988: 105ff.; auch Burger erinnerte seinen „Tom Sawyer“, der in der damaligen DDR als Bühnenstück „sechseinhalbtausend Mal gespielt worden“ wäre [Burger 1993: 195]).

Was die gemeinsamen Kampfjahre dieser beiden im Camp Ritchie ausgebildeten Boys in der US-amerikanischen Armee 1943/45 betrifft, erinnerte Heym, dessen erster Roman Hostages (Deutscher Titel Der Fall Glasenapp) 1942 erschien, der damals an seinem zweiten Roman Of Smiling Peace (1944) schrieb und dessen dritter Roman The Crusaders. A Novel of Only Yesterday (Deutscher Titel Der bittere Lorbeer. Roman unserer Zeit) 1948 erstveröffentlicht wurde, seinen Co-Sergeanten Burger in den ausführlichen Kapiteln um den Betrieb des geheimen Anti-Nazi-Geheimsenders Annie über Radio Luxemburg nur vage: „Der Sergeant Burger, so wird streng vertraulich gemunkelt, sei für ein geheimes Projekt abgestellt worden, das sich in Vorbereitung befinde“ und mit „psychologischer Kriegsführung“ zu tun habe. (Heym 1988: 316).

Stefan Heyms diffuse Erinnerung trifft nicht nur zu. Sondern wird, was historiographisch selten der Fall ist, authentifiziert durch ein im New York Times Magazine 1944 erstgedrucktes - synchrones - egodocument von Hanuš Burger, das über eine von Hanuš (seitdem oft wiedererzählte) unerhörte Begebenheit berichtet: wie sechs Krauts propagandistisch so an der Nase rumgeführt wurden, daß sie „überliefen“, gefangen und von deutschsprechenden Feldwebeln der US-Army wie Burger und Heym als wichtige Informanten verhört werden konnten (Burger 1944; zum „Unternehmen Annie“: Burger ³1967; Burger 1969; zuletzt Burger 1980: 185-224). Dem Bericht vorangestellt wurde ein Photo mit der Bildunterschrift: „Sechs Deutsche, die nicht mehr auf uns schießen werden – deutsche Gefangene ergeben sich.“ Und weiter hieß es zur Einführung: „Die unglaubliche Geschichte einer Psychologischen Einheit, die eine Gruppe von Nazis auf unsere Frontseite lockte. Es folgt ein anschauliches Bild des Krieges an der Westfront. Dort gibt es alle möglichen Blitzeinschläge einschließlich der psychologischen, um die es im diesem Beitrag vor allem geht. Sergeant Burger, der Autor, gehört zu einer mobilen Funkereinheit, die an der Front kämpft.“

Und auf die Frage nach seiner Zeit als US-Remigrant in Prag erinnerte Hanuš Burger: „Es gab Probleme. Die wiederum wollten wissen, ob ich politisch vertrauenswürdig bin. Aber sie haben mich trotzdem ins Fernsehen gelassen, und dort habe ich jahrelang gearbeitet. Parallel dazu hab´ ich in Ost-Berlin am Theater der Freudschaft inszeniert, unter anderem auch wieder meinen Tom Sawyer […] 1968 kam der Prager Frühling. Den Einmarsch der russischen Truppen hab´ ich unmittelbar miterlebt, auf der Straße, und da bin ich dann abgehauen nach München.“

III. Der Schriftsteller Stefan Heym (1913-2001) und Hanuš Burger kannten sich seit 1933. Sie waren befreundet und arbeiteten in Prag, Heyms erster Exilstation vor seiner Emigration in die USA 1935, als Autoren und Genossen zusammen. Heym erwähnt in seinen opulenten Memoiren ausdrücklich die Dramatisierung von Mark Twains Tom Sawyer / Huck Finn-Romanen (Heym 1988: 105ff.; auch Burger erinnerte seinen „Tom Sawyer“, der in der damaligen DDR als Bühnenstück „sechseinhalbtausend Mal gespielt worden“ wäre [Burger 1993: 195]).

Was die gemeinsamen Kampfjahre dieser beiden im Camp Ritchie ausgebildeten Boys in der US-amerikanischen Armee 1943/45 betrifft, erinnerte Heym, dessen erster Roman Hostages (Deutscher Titel Der Fall Glasenapp) 1942 erschien, der damals an seinem zweiten Roman Of Smiling Peace (1944) schrieb und dessen dritter Roman The Crusaders. A Novel of Only Yesterday (Deutscher Titel Der bittere Lorbeer. Roman unserer Zeit) 1948 erstveröffentlicht wurde, seinen Co-Sergeanten Burger in den ausführlichen Kapiteln um den Betrieb des geheimen Anti-Nazi-Geheimsenders Annie über Radio Luxemburg nur vage: „Der Sergeant Burger, so wird streng vertraulich gemunkelt, sei für ein geheimes Projekt abgestellt worden, das sich in Vorbereitung befinde“ und mit „psychologischer Kriegsführung“ zu tun habe. (Heym 1988: 316).

Stefan Heyms diffuse Erinnerung trifft nicht nur zu. Sondern wird, was historiographisch selten der Fall ist, authentifiziert durch ein im New York Times Magazine 1944 erstgedrucktes - synchrones - egodocument von Hanuš Burger, das über eine von Hanuš (seitdem oft wiedererzählte) unerhörte Begebenheit berichtet: wie sechs Krauts propagandistisch so an der Nase rumgeführt wurden, daß sie „überliefen“, gefangen und von deutschsprechenden Feldwebeln der US-Army wie Burger und Heym als wichtige Informanten verhört werden konnten (Burger 1944; zum „Unternehmen Annie“: Burger ³1967; Burger 1969; zuletzt Burger 1980: 185-224). Dem Bericht vorangestellt wurde ein Photo mit der Bildunterschrift: „Sechs Deutsche, die nicht mehr auf uns schießen werden – deutsche Gefangene ergeben sich.“ Und weiter hieß es zur Einführung: „Die unglaubliche Geschichte einer Psychologischen Einheit, die eine Gruppe von Nazis auf unsere Frontseite lockte. Es folgt ein anschauliches Bild des Krieges an der Westfront. Dort gibt es alle möglichen Blitzeinschläge einschließlich der psychologischen, um die es im diesem Beitrag vor allem geht. Sergeant Burger, der Autor, gehört zu einer mobilen Funkereinheit, die an der Front kämpft.“

V. Da der Rahmen dieses Porträts einerseits nicht gesprengt werden soll und andererseits inzwischen zwei über die wichtigen Hinweise von Pfaff (2003: 98-106) hinausgehende, speziell auf den Dokumentarfilm Crisis (1938) bezogene Beiträge vorliegen (Zimmermann 2012/I; Marquet 2013), soll hier allein um den 1945 gedrehten und 1946 erstaufgeführten Film Die Todesmühlen gehen. Dieser Film mit seinen (nun auch zu restaurierenden) Todesbildern (Widmann 2014) war (so das deutschsprachige Netzlexikon Wikipedia) „der erste, unmittelbar nach der Befreiung von den USA produzierte Dokumentarfilm über die Konzentrationslager. Er wurde für Vorführungen im besetzten Deutschland und Österreich unter der Regie des Exiltschechen Hanuš Burger hergestellt und sollte im Sinne der Reeducation zur Konfrontation der deutschen Bevölkerung mit den unter ihren Augen begangenen Verbrechen dienen. Stab: Regie: Hanuš Burger; Billy Wilder (Aufsicht) Drehbuch: Hanuš Burger Produktion: Office of Military Government for Germany United States (OMGUS) Schnitt: Sam Winston.“

Dieser Film gilt auch heute noch als „der wohl bekannteste amerikanische Film jener Zeit über den deutschen KZ-Staat. ´Der Film besteht aus Aufnahmen, die die verschiedenen KZ nach der Befreiung durch die Alliierten zeigt. Zu sehen sind die Opfer, die Peiniger und schließlich die Besucher der Lager, freiwillige und unfreiwillige. Die Schlußmontage verbindet in Überblendungen die Einwohner Weimars bei einer Pflichtbesichtigung des Lagers Buchenwald und jubelnde Massen aller Altersstufen bei NS-Kundgebungen. Neben dem Kommentar artikulieren auch die optischen Formeln die Mitschuld der deutschen Bevölkerung in ihrer Gesamtheit an den Verbrechen, die die Nazis begingen.´ […] Vorgeschichte und politische Umständen der Konzentrationslager blieben draußen vor. Jahrzehnte später berichtete Hanuš Burger, dass auf Anweisung des Londoner Office of War Information die „Todesmühlen“ von einem Stundenfilm auf zwanzig Minuten zusammengeschnitten wurden und das erste Opfer dieser Operation die Vorgeschichte der Lager war. ´Kein Wort sollte in diesem Film zu hören sein von den Vorbedingungen für die Entstehung des Hitlerfaschismus, von der Angst und der Schwäche der Untertanen und von den Methoden, mit deren Hilfe man sie dazu bringen konnte, wegzuschauen, wenn in ihrem Namen Schlimmes geschah.´“ (http://www.politische-bildung-brandenburg.de/node/2146; Schlußzitat im Zitat: Hanuš Burger, SZ 15.4.1985)

Der Dokumentarfilm Die Todesmühlen sollte zur re-education oder demokratischen Umerziehung beitragen (ausführlich Anderle 2009). Als Dokumentarfilmer drehte Hanuš Burger unter schwierigsten Arbeitsbedingungen selbst in deutschen Konzentrationslager und benützte Archivmaterialien aus Beständen US-amerikanischen, britischen, französischen und russischen Siegermächte: „Bereits in der Einleitung wird der Massenmord angesprochen: 20 Millionen Menschen. Das entspricht der Bevölkerung von 22 amerikanischen Staaten. 20 Millionen Leichen. Das Produkt von 300 Konzentrationslagern überall in Deutschland und in den besetzten Gebieten. Der Film zeigt, was die Allierten bei der Befreiung der deutschen KZs vorgefunden hatten: Überlebende, Lebensbedingungen in den Lagern und Beweise für den Massenmord.“ (Zimmermann 2012/II)

Als „ideologische Oberaufsicht“ wirkte der später durch seine Filmkomödien weltbekannt gewordene, aus Österreich stammende, Filmregisseur und fellow-emigé Billy Wilder (1906-2002). Hanuš Burger erinnerte noch 1989 einen wenige Jahre später auch sein Leben existentiell beeinflussenden Satz dieses Filmregisseurs (Burger 1993: 194): „We cannot afford to offend the feelings of our allies of tomorrow“ [Wir können es uns nicht leisten, die Gefühle unserer Verbündeten von morgen zu verletzen]. Das heißt, im Juli 1945 hat er bereits an den nächsten Krieg gedacht und an die Deutschen, die die Verbündeten gegen die Sowjetunion gewesen wären.“

VI. Im Zusammenhang mit Anfang der 1980er Jahre begonnenen ausgreifenden Forschungen zum antifaschistischen deutschsprachigen Exil nach der totalitär-faschistischen Machtübernahme in Deutschland, die 1988 in Form einer Buchpublikation mit ausgewählten Texten abgeschlossen wurden, besprach ich das 1983 erschienene „Biographische Handbuch …“ (Albrecht 1988: 11-25). Der dort kurzgefaßte facettenreiche Lebenslauf Hanuš Burgers faszinierte mich so sehr, daß ich ihm einen Brief mit Fragen zu Leben und Werk schrieb, der prompt, freundlich und ausführlich beantwortet wurde.

 

Brief von Hanuš Burger an den Autor (15. Juni 1985) (Quelle: PARABELLUM)

 

Nachdem ich 1986 am Institut für Soziologie der Westfälischen Wilhelms-Universität einen C-3-Lehrauftrag wahrnahm und weiter über Exil-Publizistik veröffentlichte, veranstaltete ich in Absprache mit dem damaligen Leiter des Instituts für Publizistik, dem Kommunikationswissenschaftler Winfried B. Lerg, ein zweisemestriges Seminar.

Als Abschluß des als forschendes Lernen geplanten und durchgeführten Seminars organisierte ich einen Gastvortrag: Hanuš Burger sagte auch rasch zu, so daß ich mit Lergs Unterstützung für diese institutsöffentliche Veranstaltung sowohl Fahrgeld (2. Klasse Intercity München-Bad Münstereifel-München) als auch Honorar (300 DM) beschaffen konnte[1]. Am Donnerstag, 6. Juli 1989, sprach Burger, angemessen vorbereitet und aus seinen Büchern zitierend, nahezu anderthalb Stunden lang (weitgehend) frei und anschaulich über seine politischen und publizistischen Exilerfahrungen. Als Dozent lud ich anschließend Referenten, Studenten und Institutsleitung zum geselligen Ausklang in ein Gartenlokal ein („Das erste Getränk geht auf mich“). Hanuš und ich fuhren dann mit dem Auto so rechtzeitig nach Bad Münstereifel zurück, um noch im Hellen anzukommen, damit dieser Gast „der Albrechts“ im Münstereifel Wiesenhaus sich als Diabetiker in Ruhe Insulin spritzen konnte.

Hanuš Burger und ich blieben noch bis Ende des Jahres im Briefkontakt. Er lebte zuletzt im Münchener Seniorenhaus Alt Lehel und wollte weiter öffentlich wirken. Er starb am 13. November 1990.

 


[1]Anstatt weiterer zahlreicher, oft bizarrer Einzelheiten aus diesem „akademischen Jahr“ erwähne ich nur eine: um den damaligen Intercity-Zuschlag von zunächst 5, dann 6 DM zu erhalten, war ein gesonderter Verwaltungserlaß erforderlich. Weitere détails grotesques aus (s)einem akademischen Jahr kann der Autor beim Vortrag nach angemessener Einladung erzählen

 







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