INTEGRATIVER MARXISMUS


03.04.18
KulturKultur, Theorie, TopNews 

 

Keine Buchvorstellung

von Richard Albrecht

Gern hätte ich vom Kasseler Mangroven Verlag ein Besprechungsexemplar der Erstauflage von Thomas Metschers neuem Buch Integrativer Marxismus. Dialektische Studien. Grundlegung (250 p.) erhalten. Um´s erstens zu lesen und zweitens zu rezensieren. Das war aus welchen Gründen auch immer nicht möglich und bedeutet: Dieses Buch kann ich nicht besprechen. Und gehöre – so der Göttinger Gelehrte Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) – nicht zu jenen "sehr vielen Rezensenten, die Bücher nicht lesen, die sie so musterhaft rezensieren", verfüge damit nicht über die "Kunst, Bücher zu beurteilen, ohne sie gelesen zu haben."[1]

Medienöffentlich ausgelobt wurde das Konzept eines zukunftsfähigen integrativen Maxismus nicht nur vom Autor selbst in verschiedenen Hinweisen, Skizzen und Prolegomena von 2012 bis 2017[2] bis zum Erscheinen seines Buchs Integrativer Marxismus 2018 ... wobei offenbleiben soll, ob die, im Vergleich zum wirklichen Leben wirklicher Menschen mit zehn Lunamonaten bis zur schließlichen Geburt, auffällig lange Inkubationszeit möglicherweise Kopfgeburten überhaupt auszeichnen mag.

An öffentlichen Elogen in Form von Rezensionen[3] und sonstigen Aufmerksamkeiten[4] fehlt´s bisher nicht – die Rede war vom "fulminanten Werk eines marxistischen Philosophen" (Dieter Kraft, trend 3.2018) und vom Autor als "marxistischer Riese der Gegenwart" (Rudolph Bauer, NRhZ 28.3.2018). Und hurtig angekündigt schon ein akademischer Sammelband zu Konturen eines zukunftsfähigen Marxismus.[5]

Merkwürdig find ich´s freilich schon, daß der 1934 geborene Autor, der von 1971 bis 1999 als Lehrstuhlprofessor für Literaturwissenschaft und Ästhetik (mit Schwerpunkt Anglistik) in Bremen wirkte[6], zur Utopie als einem seiner seiner zentralen Anliegen wissenschaftlich zu wenig weiss und so ignorantisch daherkommt: Er kennt weder die grundlegende wissensssoziologische Studie von Krysmanski (1963) noch das argumentative Plädoyer von Hermand (1981) und schon gar nicht das von Albrecht (1991) über die Relevanz der utopischen Perspektive begründete kultur- und sozialwissenschaftliche Forschungsparadigma.[7]

Weiters auffällig im Vorabdruck das autorisch zahlreich benützte formalhafte Wir. Das nicht das professoral-autoritäre Wir des pluralis maiestatis meint. Sondern mit dem in erster Linie exclusiv diejenigen gemeint sind und angesprochen werden, "die sich nach wie vor als Marxistinnen und Marxisten verstehen" (junge Welt 51.2018: 12). Dieses Wir erinnerte mich an ein öffentliches Peter-Weiss-Symposion der bundesdeutschen Marx-Engels-Stiftung Mitte Oktober 1987[8] mit dem Autor als Hauptreferenten. Der keine der drei ihm spontan gestellten Fragen – zum Verhältnis von Geschichtswissenschaft und Kunst, Moralisierung und Utopisierung von Geschichte, wissenschaftlichen und künstlerischen Formen der Aneignung geschichtlicher Prozesse und ihrer Möglichkeiten – beantwortete. Was ich als Debattenverweigerung empfand. Und mich später zu diesem hier erstveröffentlichten Fünfzeiler anregte:

 

Alle, alle sind so cool.

Nicht Peter Weiss. Der ´s immer noch heiß.

Alle, alle Marxisten stehn´ auf Peter Weiss.

Doch einer sagt: Sekiererischen Scheiß

schreib´ ich allein und besser ...

 

[1] Lichtenbergs Werke in einem Band. Hg. Hans Friederici. Berflin; Weimar: Aufbau-Verlag, ³1978

 

[2] http://archiv.neue-impulse-verlag.de/artikel/607/267-das-konzept-eines-integrativen-marxismus-theoretischer-entwurf.html

http://www.trend.infopartisan.net/trd1214/integrativer_marxismus.pdf

http://mangroven-verlag.de/wp-content/uploads/2015/01/Integrativer-Marxismus.pdf

 

[3] http://www.trend.infopartisan.net/trd0318/t020318.html

http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24713

http://www.unsere-zeit.de/de/5012/politischesBuch/8049/Der-doppelte-Anspruch-marxistischen-Denkens.htm

 

[4] https://www.jungewelt.de/artikel/324734.begriffene-zukünftigkeit.html

 

[5] http://shop.papyrossa.de/epages/26606d05-ee0e-4961-b7af-7c5ca222edb7.sf/de_DE/?ObjectPath=/Shops/26606d05-ee0e-4961-b7af-7c5ca222edb7/Products/392-3; zur fehlenden Zukunftsperspektive im ´objektivistischen´ Marxismus Richard Albrecht, Zukunftsperspektiven: Denkauslöser, Realitäten, planende Kreativität bei Marx, in: Forum Wissenschaft, 23 (2006) 4: 51-52; Arbeitslosigkeit – Subjekt- und Realanalyse; in: ebda., 24 (2007) 1: 61-63; im Netz http://www.bdwi.de/forum/archiv/archiv/462300.html [und] http://www.bdwi.de/forum/archiv/archiv/527598.html; ders., Von der Theorie des falschen Bewußtseins zur Praxis von Handlungsblockaden; in: ebda., 30 (2013) 4: 49-51, im Netz www.bdwi.de/suchen/7292438.html albrecht; s. auch ders., Subjektmarxismus; in: soziologie heute, 3 (2011) 15: 20-23; gekürzt im Netz http://www.kritiknetz.de/images/stories/texte/Subjektmarxismus.pdf

 

[6] http://www.thomas-metscher.de/Vita/Vita_Thomas_Metscher.pdf

 

[7] Hans-Jürgen Krysmanski, Die utopische Methode. Eine literatur- und wissenssoziologische Untersuchung deutscher utopischer Romane des 20. Jahrhunderts. Köln/Opladen: Westdeutscher Verlag 1963; Jost Hermand, Orte. Irgendwo. Formen utopischen Denkens. Königstein/Ts.: Athenänum Verlag 1981; Richard Albrecht, The Utopian Paradigm - A Futurist Perspective; in: Communications, 16 (1991) 3: 283-318; s. auch die Einleitung im Netz https://www.grin.com/document/109171

 

[8] Die Herausforderung Peter Weiss. Düsseldorf: Edition Marxistische Blätter 1989: 24-53 [und] 69-72

 

 

 

Dr.habil. Richard Albrecht, PhD., Sozialwissenschaftler. Leitkonzept The Utopian Paradigm (1991).  Wissenschaftsjournalist für Kultur – Bildung – Theorie in Bad Münstereifel. Kolumnist des Linzer Fachmagazin soziologie heute. Aktuelle Forschung 2018: Die Sonne scheint jetzt wieder. Das Hillsborough Drama und seine Folgen.

 

 







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