Es wird Nacht im Berlin der Wilden Zwanziger


04.03.18
KulturKultur, Berlin, TopNews 

 

Robert Nippoldt/Boris Pofalla: Es wird Nacht im Berlin der Wilden Zwanziger, Taschen Verlag, Köln 2017, ISBN 978-3-8365-6319-2

Rezension von Michael Lausberg

Das Berlin der Goldenen Zwanziger ist ein gern erzählter Mythos: das pulsierende Leben in der Großstadt mit vielen kreativen Köpfen, Bohemiens, Vergnügungssüchtigen und Glanz und Prunk, was den schönen Schein einer toleranten Weltstadt offenbarte. Cabaret, Theater, Funk, Film, Reklame, Bubikopf und Monokel, queere Kieze, immer neue Sensationen und Spektakel in einer lebenslustigen heiteren Gesellschaft.

Der Künstler George Grosz gilt als eine Art Chronist der Weimarer Republik. Themen seiner Werke waren das Großstadtleben, das Rotlichtmilieu und verschiedene Subkulturen von einem realistischen Standpunkt aus.Er zeichnete er die Anfänge des Nationalsozialismus auf und er verstand es, der Gesellschaft der gar nicht so „Goldenen Zwanziger“ den Spiegel vorzuhalten, sie zu demaskieren und ihre Mechanismen offenzulegen. Grosz machte die Wirklichkeit einer instabilen, gefährdeten, von den meisten Menschen nicht gewollten Republik sichtbar, griff soziale Gegensätze auf und kritisierte insbesondere das Großkapital, Politik, Militär und Klerus. In seiner Autobiographie aus dem Jahre 1955 fasste er seine Erfahrungen in der Zeit der Weimarer Republik zusammen: „Es war eine völlig negative Welt, mit buntem Schaum obenauf, den viele für das wahre, glückliche Deutschland vor dem Anbruch der neuen Barbarei hielten."

Hier in diesem Buch wird ein Stadtporträt der Goldenen Zwanziger Jahre der pulsierenden Großstadt Berlin, seiner Institutionen und seiner Protagonisten in kurzen Kapiteln mit vielen Zeichnungen gezeichnet. Dieser „Tanz auf dem Vulkan“ (S. 16) wird noch lebendiger durch eine Musik-CD mit Originalaufnahmen dargestellt, die in der Innenseite des Buches sich befindet.

In Berlin entstanden am Ende der Stummfilmzeit die neuen Großkinos Marmorhaus, Capitol und Ufa-Palast und machten den 'Floh-Kinos' Konkurrenz. Das gesetzte Alter spazierte Unter den Linden, wo Klappstühle für fünf Pfennig aus der Allee eine Kurpromenade machten, so zum Beispiel Gerhart Hauptmann, der häufig im Hotel Adlon wohnte, oder Gustav Stresemann, der versonnen bei Spaziergängen mit seinem Stock im Sand grub. Der Straßenzug zwischen Nollendorfplatz und Olivaer Platz hingegen war Berliner Laufsteg für einen neuen Schick: Mit Erika und Klaus Mann ein Tanz auf dem Vulkan. Max Reinhardt baute seine beiden eleganten Theater am Kurfürstendamm, eingerahmt von Tribüne und Renaissance-Theater.

Expressionisten wie Ernst Toller, Georg Kaiser, Carl Sternheim, Walter Hasenclever sorgten sowohl für Schreie auf der Bühne als auch für Schreie der Entrüstung und Begeisterung im Publikum. Die Bühnenbilder stammen von Avantgardisten wie Panos Aravantinos und Emil Pirchan. Der maßgebliche Berliner Kostümbildner und Couturier war William Budzinski. Der Berliner Broadway bot auch jede Menge Kleinkunst: Bars, Nachtclubs, Weindielen, russische Teestuben, neue Ballhäuser, wie das Ambassadeur oder die Barberina sowie die kleinere Königin oder das demimondäne Riorita, in denen man nicht nur tanzen, sondern auch soupieren konnte. Neue Tänze wie der Charleston und der neue Jazz waren lange umstritten.

Ferner waren der Alexanderplatz und der Potsdamer Platz Inbegriff der lebhaft pulsierenden Weltstadt Berlin. Viele der den Alexanderplatz begrenzenden Gebäude und Bahnbrücken trugen große Leuchtreklametafeln, die die Nacht zum Tag machten. Sein Gesicht änderte sich von Tag zu Tag.

Zu Beginn des Buches gibt es eine Übersicht der 1920er Jahre und dann eine historische Einführung in die Zeit der Weimarer Republik mitsamt einer Stadtkarte von Berlin mit den wichtigsten Institutionen, Kinos, Vergnügungstempeln usw.

Das literarische Berlin, die Zeitungsstadt Berlin, der Vergnügungstempel „Haus Vaterland“, die Mode, die Anfänge des Feminismus und die Armut in vielen Straßenzügen und vieles mehr werden in Kurzkapiteln dargestellt. Angefangen von der schwarzen Diva Josephine Baker, über die preußische Diva Marlene Dietrich, den Revuekönig James Klein bis hin zu Kurt Weill, Bertolt Brecht oder die Diseuse Margo Lion werden biografische Kurzporträts vorgestellt. Die Darstellung endet mit dem Untergang der Weimarer Republik und dem Beginn der NS-Herrschaft. Im Anhang werden dann noch die Lieder der CD aufgelistet und es gibt noch weitergehende Literaturempfehlungen. Ein Register fehlt leider.

Die Weimarer Republik schien angekommen in den Köpfen der Menschen. An diesem Mythos haben viele mitgestrickt, Legendenbildungen aus der Retrospektive spielten aber nicht den Alltag vieler Menschen wider. Eine kleine Elite lebte sich an markanten Punkten der Stadt nach den entbehrungsreichen Kriegsjahren aus; ein paar Straßen weiter trafen sich Obdachlose, heruntergekommene Soldaten, Kriegsverwundeten inmitten des Berliner Proletariats. Das Buch spiegelt gut den Sein und Schein des Glitzerlebens wider, bevor es dann mit dem weltweiten Börsencrash, mit der Nazi-Herrschaft, dem 2. Weltkrieg und dem Holocaust in die düsterste Etappe des Menschheitsgeschichte übergeht.

 







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