Theodor Fischer. Architekt der Stuttgarter Jahre


21.02.18
KulturKultur, Baden-Württemberg, TopNews 

 

Rezension von Michael Lausberg

Rose Hajdu/Dietrich Heißenbüttel: Theodor Fischer. Architekt der Stuttgarter Jahre, Wasmuth Verlag, Tübingen/Berlin 2018, ISBN: 978-3-8030-0795-7

Dieser Band beschäftigt sich mit dem Architekten, Stadtplaner und Hochschullehrer Theodor Fischer, mit dem Schwerpunkt auf sein Wirken in Stuttgart in der frühen Moderne. Neben Stuttgart hat sein Wirken auch in der Stadtplanung Münchens seine Spuren hinterlassen. Als Vorstand des Stadterweiterungsreferats in der kommunalen Bauverwaltung der Stadt München von 1893 bis 1901 stellte Fischer einen Generalbebauungsplan für München auf, der bis zum Zweiten Weltkrieg verbindlich galt und das Bild Münchens bis heute in einigen Stadtregionen prägt..

1901 folgte er dem Ruf an die TH Stuttgart und war dort bis 1908 Professor für Bauentwürfe einschließlich Städteanlage. Mit der Berufung nach Stuttgart begann Fischers erfolgreichste und intensivste Schaffensperiode als Architekt; zugleich zog er mit seiner neuen, von Werkkunde und Städtebau geprägten Lehrmethode und der Offenheit gegenüber den Ideen seiner Schüler die junge Generation an. Vertreter der in der Weimarer Republik bekannten Stuttgarter Schule betrachteten Fischer als ihren geistigen Mentor.

Als Stuttgarter Schule werden Stilrichtungen in der Architektur bezeichnet, die von der Architekturabteilung der TH Stuttgart gelehrt und vertreten wurden. Die erste Stuttgarter Schule ist verwandt mit der niederländischen Delfter Schule, die zur Architekturströmung des Traditionalismus gezählt wird.

Die bekanntesten Vertreter der ersten Stuttgarter Schule waren Paul Schmitthenner, ab 1918 Professor für Baukonstruktion und Entwerfen, sowie Paul Bonatz, bekannt durch seine Entwürfe für den Stuttgarter Hauptbahnhof und die Staustufen am Neckar, außerdem Wilhelm Tiedie, Heinz Wetzel, Martin Elsaesser, Carl Kersten und Hugo Keuerleber. Diese Schule verwarf den Historismus, vertrat aber trotzdem eine klassisch und konservativ geprägte Bauweise. Die Gestalt eines Bauwerks sollte aus der Konstruktion einer material- und werkgerechten Bauweise, ausgeführt in handwerklichen Traditionen und mit natürlichen Materialien, entstehen. Mit dem Architekturkonzept des Bauhauses konnten die Architekten sich nicht anfreunden,

Mit der Übersiedelung von München nach Stuttgart begann seine intensivste Schaffensphase. Stuttgart befand sich zu dieser Zeit im Umbruch von einer mittleren Residenzstadt hin zu einer modernen Großstadt. Fischer setzte sich aber bald vom vorherrschenden Stil des Historismus ab und entwickelte einen eigenen, aus den regionalen und sozio-kulturellen Voraussetzungen der jeweiligen Umgebung begründeten Stil, wobei er die soziale Lage, wie das Leben der Bewohner und Nutzer in und mit den von ihm entworfenen häuslichen, kirchlichen, offiziellen und städtischen Räumen zum Ausgangspunkt machte.

In seiner Stuttgarter Zeit griff er eine Vielzahl damals neuerer Entwicklungen auf und verarbeitete sie in seinen Entwürfen. Darunter fielen die Gartenstadtbewegung, englische Landhäuser sowie der Stahlbetonbau. Er war also kein Traditionalist, sondern suchte vielmehr nach neuen Wegen in seinen Bauten.

Neben einzelnen öffentlichen Gebäuden waren es vor allem private wohlhabende Bauherren, die wie Fischer der Reformbewegung nahe standen, denen er seine wichtigsten Aufträge verdankte.

Fischer war 1907 Mitbegründer und in der Folge erster Vorsitzender im Ausschuss des Deutschen Werkbundes sowie Mitglied der Deutschen Gartenstadt-Gesellschaft. Er war beratend und gestalterisch an der Entstehung der ersten deutschen Gartenstadt Hellerau beteiligt.

Fischer besaß immer einen eigenständigen Stil: „Wiewohl sich der Architekt auf historische Vorbilder bezog und dazuhin ein Repertoire eigener Formen entwickelte, die er gerne immer wieder variierte, wollte er weder als Architekt noch als Lehrer stilbildend sein.“ (S. 12)

Sein Schaffen ist geprägt von der Auseinandersetzung mit den Auswirkungen der Gründerzeit und der Überwindung des Historismus am Beginn der modernen Architektur: „Das Stadtbild war Fischers Ausgangspunkt: nicht nur bei seinen Bauleitplänen zur Stadterweiterung, sondern auch bei jedem einzelnen Bau. Erst eine sorgsame Betrachtung der baulichen Umgebung (…) liefert den Schlüssel zum Verständnis seiner architektonischen Entscheidungen. Mit dieser Herangehensweise (…) verband sich für Fischer auch die Forderung nach einem Ortsbezug im Sinne einer Annäherung an regionaltypische Bauweisen.“ (S. 17)

1908 kehrte Fischer als Professor für Baukunst an die Technische Hochschule München zurück, an der er schon 1901 als Lehrbeauftragter tätig gewesen war. Im gleichen Jahr verlieh die Universität Jena ihm anlässlich der Fertigstellung des von ihm entworfenen Universitätsgebäudes die Ehrendoktorwürde. Die Gedanken einer dringenden Studienreform veröffentlichte er 1917 in seinem „Manifest für die deutsche Baukunst“, in dem er sich vehement für eine neue Architektenausbildung einsetzte: nach zwei Jahren Hochschule sollten drei Jahre Lehrwerkstatt unter Anleitung eines Meisters folgen. Theodor Fischer starb am 25. Dezember 1938 in München.

1946 gründeten Schüler Fischers, beeindruckt von der Zerstörung des Weltkriegs, das Theodor-Fischer-Institut und suchten in einer von Gropius‘ eröffneten Vortragsreihe Lösungen für den Wiederaufbau. Danach geriet er für lange Zeit in Vergessenheit.

Neben den großen Architekten Mies van der Rohe, Gropius und Le Corbusier fristete Theodor Fischer in der Retrospektive ein Schattendasein: „Fischer ist nicht einfach in Vergessenheit geraten. Er ist wie viele andere Architekten einer ‚Historiografie der Ausschließung‘ zum Opfer gefallen.“ (S. 10) Erst eine große Retrospektive 1989 in München brachte Fischer wieder in den Kreis der Öffentlichkeit und der wissenschaftlichen Auseinandersetzung zurück. Seitdem sind aus verschiedenen Anlässen Publikationen zu Leben und Werk Fischer erschienen.

Die Erben seiner Kinder trugen mit dazu bei, dass Theodor Fischer zu seinem 50. Todestag in München und Stuttgart eine erste umfassende Gedächtnisausstellung mit einem kritischen Werkverzeichnis erhielt. der über 100 ausgeführte Bauten hinterlassen hat; ganz zu schweigen von zahlreichen nicht ausgeführten Projekten für Bauten und städtische Räume, mit denen er an Wettbewerben teilnahm oder seine idealen Vorstellungen skizzierte.

 

Fischers bleibende Wirkung und Aktualität liegt darin, dass er sich immer gegen Uniformität in der Stadt- und Gebäudeplanung ausgesprochen hat und eine Rückkehr in die Vergangenheit immer abgelehnt hat.

Nicht alle von Fischers Bauten sind noch erhalten, einige sind so stark verändert worden, dass Fischers Entwurf nur noch mühsam zu erkennen ist.  Neben den Bauten in Stuttgart gehören die Pfullinger Hallen wie der Schönebergturm und der Erlenhof zu Fischers Hauptwerken im heutigen Baden-Württemberg.

 

In diesem Werk sollen die Leistungen Fischers in seinen Stuttgarter Jahren angemessen gewürdigt werden und den Lesern ein Zugang zu seinem architektonischen Verständnis vermittelt werden. Nach einem kurzen Vorwort untersucht Dietrich Heißenbüttel in einem grundlegenden Essay das Werk Theodor Fischers in der frühen Moderne mit dem Schwerpunkt auf seine Zeit in Stuttgart. Danach thematisiert Reinhard Lambert Auer in einer kurzen Abhandlung Theodor Fischers Kirchenbauten in Württemberg und dessen Merkmale. Danach folgt die Vorstellung von Fischers Bauwerken in seiner Stuttgarter Zeit unter Einbeziehung des Universitätsgebäudes in Jena in Text und Bild.

Dieser Band führt in das architektonische Werk Fischers und seine hinterlassenen Bauten in seiner Stuttgarter Zeit verständlich und informativ ein. Allerdings fehlt ein Essay über seine Ausbildung und sein Wirken in München, um einen Zusammenhang zu seiner Stuttgarter Zeit herzustellen. Der Vorteil des Bandes liegt darin, dass die Bilder in der Vorstellung seiner Leistungen im Vordergrund stehen, so kann sich der Leser fernab von der Theorie sein eigenes visuelles Bild machen.







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