Das lange 19. Jahrhundert und die Durchsetzung des Kapitalismus


15.12.17
KulturKultur, Theorie, TopNews 

 

Rezension von Michael Lausberg

Zwei einschneidende Ereignisse, die Französische Revolution 1789 und der Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 umrahmen „das lange 19 Jahrhundert“, wie es der Universalhistoriker nennt. Nun erscheint erstmals die Hobsbawm-Trilogie diesen Themenkomplex in einer Gesamtausgabe.

Eric Hobsbawm (1917-2012) war ein weltweit angesehener britischer Historiker mit sozial- und wirtschaftshistorischen Schwerpunkten. Der marxistisch orientierte Intellektuelle machte sich durch seine Werke über die Geschichte der Arbeiterbewegung verdient. Sein eigenes Engagement in der Kommunistischen Partei führte er auch nach den Enthüllungen stalinistischer Verbrechen 1956 oder dem sowjetischen Einmarsch in der ?SSR 1968 fort. Er vertrat eher einen eurokommunistischen Kurs und engagierte sich in verschiedenen Zeitschriften und anderen Projekten.

Unter dem langen 19. Jahrhundert versteht man nach Eric Hobsbawm die Phase von 1789 bis 1914. In der Französischen Revolution hatte das Bürgertum die Monarchie gestürzt und die Vorherrschaft des Adels durchbrochen. Das Ende des langen 19. Jahrhunderts ergibt sich durch die politischen Umbrüche im Gefolge des Ersten Weltkriegs, die sich in einer Demokratisierung und Mitbestimmung niederschlugen. Das 19. Jahrhundert wurde geprägt von der Industrialisierung, des demografischen Wandels (Auswanderung, Binnenwanderung und Verstädterung sind Massenphänomene), der Durchsetzung des nationalstaatlichen Prinzips sowie der Verbürgerlichung der Gesellschaft. An Wissenschaft und Bildung konnten breitere Schichten, vor allem Frauen, partizipieren.

In diesem Zusammenhang wird das 20. Jahrhunderts als „kurz“ charakterisiert. Die Zeit bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges 1914 den Voraussetzungen des 19. Jahrhundert sehr ähnlich war. Die zentralen Ereignisse während des Krieges (russische Revolution 1917) oder nach dessen Ende (Revolutionen in Deutschland und Österreich 1918) brachten eine neue Gesellschafts- und Weltordnung hervor. Die Befreiung von der Monarchie in mehreren europäischen Ländern hatte eine politische Neuordnung von Teilen Mittel- und Osteuropas und des Balkans zur Folge.

Das 19. Jahrhundert kann mit Recht den Charakter einer eigenen Epoche beanspruchen. Innerhalb dieser Zeit konnten sich die Industrialisierung und die kapitalistische Wirtschaftsform vor allem in Europa und Nordamerika durchsetzen. Der Imperialismus und die Kolonisierung mit all ihren Massenmorden zeigte die direkte und indirekte Dominanz Europas in der Welt auf. Innerhalb der sich industrialisierenden Gesellschaften veränderten sich die Lebensweisen teilweise dramatisch. Der soziale Wandel zerstörte hergebrachte Verhaltens- und Denkweisen. Arbeitslosigkeit führte zur Landflucht, so dass die Städte wuchsen. Dies aber nicht nur in quantitativer Hinsicht, sondern mit der Urbanisierung begann sich eine spezifisch neuzeitliche städtische Lebensweise durchzusetzen.

Was bei ihm etwas in den Hintergrund tritt, ist die Ausbreitung des Rassismus im 19. Jahrhundert in Wort und Tat als Grundbestandteil des Imperialismus, bevor er im 20. Jahrhundert zum singulären Menschheitsverbrechen der Geschichte, dem Holocaust, führte. Hobsbawms herausragendes Werk ist aufgrund der Verbindung von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik im globalen Zusammenhang eine der besten Darstellungen des 19. Jahrhunderts. Seine tiefgreifende Analyse des Ausbruchs des Kapitalismus und seine Folgen sind viel mehr wert als viele vom Spezialistentum geprägte Monographien. Sonst unzusammenhängend dargestellte Bereiche wie Kultur, Kunst oder Demographie werden in ein Gesamtkunstwerk integriert, das sehr lesenswert ist.

 

Eric Hobsbawn: Das lange 19. Jahrhundert. Mit einem Vorwort von Sir Richard J. Evans. Band 1: Europäische Revolutionen, 1749-1848; Band 2: Die Blütezeit des Kapitals, 1848-1875; Band 3. Das imperiale Zeitalter, 1875-1914, Darmstadt 2017, WBG, ISBN: 9783806236415







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