Neuerscheinungen Romane


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02.12.18
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Richard Powers: Die Wurzeln des Lebens, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2018, ISBN: 978-3-10-397372-3, 26 EURO (D)

Richard Powers` Roman „Die Wurzeln des Lebens“ zeigt auf, wie überlebenswichtig Bäume und Wälder für Menschheit und das ökologische Gleichgewicht der Erde sind. Es zeigt weiterhin auf, wie Dinge, Menschen, Pflanzen, Lebenswege und Natur sich zusammenfügen und untrennbar miteinander verbunden sind.

Im Zentrum des Romans stehen die Begeisterung und Faszination für Bäume und die Beziehung zwischen Bäumen und Menschen. Baumaktivisten, die für den Erhalt von Wäldern kämpfen, was im Hambacher Forst gegen den Braunkohletagebau Realität geworden ist und eine aktuelle Debatte trifft. Es ist aber davon auszugehen, dass das Buch unabhängig davon geschrieben worden ist.

Powers Werk lässt eher eine Verbindung zu den Schriften des Naturliebhabers und Aktivisten Henri David Thoreau, der eine ganze Reihe von Naturschützer und Ökologen prägte und ihnen ein Vorbild gegen kurzfristiges materialistisches Profitdenken war.

Thematisch gesehen gehört es in die Gattung des Nature Writings. Nature Writing umfasst eine große Vielfalt von Werken, die von naturwissenschaftlichen Fakten (wie Feldführern) bis hin zu philosophischen Interpretationen reichen. Darunter fallen naturgeschichtliche Essays, Gedichte, Essays der Einsamkeit oder Flucht, sowie Reisen und Abenteuer. In seiner emotionalen sinnlichen Art der Beschreibung von Bäumen und Wäldern kommt Powers dem Ornithologen John James Audubon (1785-1851), Charles Darwin (1809 -1882) oder Richard Jefferies (1848-1887) in seiner Ode der Natur sehr nahe.

 

Das Buch veranschaulicht den Charakter der Baumriesen und die Bedeutung des Baumes für die Menschen. Das Buch dient dazu, die althergebrachte Verbundenheit der Menschen zu den Bäumen und ihre Symbolik dem Leser näher zu bringen und ihn an seine ökologische Verantwortung zu erinnern. Es zeigt auch die Möglichkeiten auf, die der Mensch besitzt, durch das Leben mit der Natur der drohenden ökologischen Katastrophe zu entgehen und sich dafür zu engagieren.

 

Buch 2

Francesca Melandri: Alle, außer mir, Wagenbach, Köln 2018, ISBN: 978-3-803-13296-3, 26 EURO (D)

In diesem Roman, der ins Deutsche übersetzt wurde, arbeitet Melandri die faschistische koloniale Vergangenheit Italiens in Äthiopien, auf. Eines Tages steht der junger Äthiopier Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti unvermittelt vor der Haustür der progressiv denkenden Italienerin Illaria. Er wurde politisch verfolgt, und ist über den Sudan, über ein lybisches Gefangenenlager, über das Mittelmeer nach Italien gekommen. Ihn wurde das Asyl verweigert und konfrontiert die erstaunte Illaria mit der Tatsache, dass er ihr Neffe sei und trägt als Beweis den Nachnamen der Familie in seinem Pass. Die weitreichenden Folgen der Kolonialismus in Abessinien werden nun in die Gegenwart übertragen und in verwandtschaftlicher Beziehung vermittelt. Illaria Vater, Attilio Profeti, Ilarias Vater, war in der Zeit der Kolonialismus unter Mussolini auch im heutigen Äthiopien, ist heute ein betagter Rentner und auch dement.

Anhand der einsetzenden Recherchen zur über die Vergangenheit ihres Vaters wird die gesamte Familiengeschichte aufgerollt, nichts ist mehr, wie es früher war. Die Gräueltaten Italiens im Faschismus unter Mussolini, sein Vernichtungskrieg gegen die Äthiopier, die Rassengesetzgebung und der Einsatz von Senfgas sowie deren Verklärung und Verdrängung innerhalb der italienischen Gesellschaft werden thematisiert. Ihr geliebten Vaters, der vorgab Partisan zu sein, entpuppt sich als überzeugter Faschist, der in Äthiopien einen Sohn gezeugt und nie anerkannt hat. Ilaria erkennt, wie wenig sie über ihren geliebten Vater und dessen Überzeugungen weiß und bekommt eine andere Sichtweise. Dabei klagt sie sich auch selbst der Leichtgläubigkeit und des Desinteresses an und steht so symptomatisch für eine ganze Generation von Italienern in der Postkolonisationszeit, die sich der Tragweite der Verbrechen in der Mussolini-Ära nicht klar sind oder es nicht so genau wissen wollen. Der Roman verlagert sich in verschiedene Zeitebenen: die Ereignisse in Abessinien, die Zeit des Faschismus unter Mussolini in Italien und Illaria, ihr Vater und ihr Neffe.

Melandri zeigt mit diesem Roman, dass die koloniale Vergangenheit Italiens bis heute verklärt, vergessen oder schweigend hingenommen worden ist. Ihr Trick ist dabei zu zeigen wie sich in der Vergangenheit liegende Handlungen heute auswirken. Ihre Botschaft dabei ist: die Italiener sollen ihre eigene Vergangenheit aufarbeiten, nicht nur im gesellschaftlichen, sondern auch im privaten Rahmen. Ein starkes Buch.

 

Buch 3

Michael Lentz. Schattenfroh, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2018, ISBN: 978-3-10-043938-3, 36 EURO (D)

Im Jahre 2001 schrieb Michael Lentz „Muttersterben“, in der er das Abschiednehmen von der totkranken Mutter schildert. Nun folgt ein lang erwarteter opulenter Roman „Schattenfroh“, in dem es hauptsächlich über die Vater-Sohn-Beziehung geht. An einigen Stellen geht er auch hier auf die Mutterfigur ein. Die Vater-Sohn-Beziehung handelt aber nicht nur von seiner Beziehung zu seinem 2014 verstorbenen Vater, sondern sie steht auch symbolisch für andere Felder der Geistesgeschichte. Macht- und Ohnmachtsverhältnisse werden hier geschildert, dabei nimmt er neben religiösen Anleihen auch Bezug auf die Philosophiegeschichte. Die Genrebezeichnung des Requiems wird hier gewählt und ein Blick auf Tod und Leben, Vergänglichkeit und memento mori geworfen.

Der Inhalt erscheint erstmal abgehoben und  undurchsichtig: Der Ich-Erzähler sitzt in einem Gefängnis, völlig abgeschottet von der Außenwelt. Er trägt eine „Gesichtsmaske“, das einzige, was er kann, ist denken und schreiben. Der böse Geist „Schattenfroh“ zwingt ihn förmlich dazu, ein Buch über sein Lebens zu schreiben. „Schattenfroh“ steht der „Furchtbringenden Gesellschaft“ vor: vielleicht ein Anleihe an die ersten deutschen Sprachakademie zur Zeit des Barock mit demselben Namen, vielleicht aber eine Gesellschaft mit persönlichem Unterdrückungscharakter. Im weiteren Verlauf wird deutlich, dass die Vater- und Sohn Beziehung als Gegensatzpaar aufgebaut ist. Es geht über seinen biologischen Vater genauso wie das patriarchische religiöse Prinzip, den Krieg als Vater aller Dinge und weitere Vatervorstellungen quer durch die gesamte Literatur- und Geistesgeschichte. Die Bauernkriege im 16. Jahrhundert werden genauso gestreift wie der Nationalsozialismus Mit einer handgeschriebene Liste setzt dabei der Ich-Erzähle all den am 23. Dezember 1944 beim Luftangriff auf Düren umgekommenen und namentlich aufgeführten 3100 Menschen ein Denkmal. Diese einzelnen Erzählthemen und Passagen wirken zunächst willkürlich, enthalten aber doch nur Elemente zu einem großen Ganzen.

Das ist ein abstrakt gehaltenes, düsteres und doch mit sehr viel Tiefe geschriebenes Buch, das existenzialistische Berührungspunkte besitzt. Es handelt sich dabei um ein schwierig zu lesendes Buch, das vor Anspielungen und Symbolen aus der Geschichte nur so wimmelt. Ohne profundes Wissen der abendländischen Geistesgeschichte ist es schwer, dies zu erkennen und zu verorten.

 

Buch 4

Sebastian Fitzek: Der Insasse. Psychothriller, Droemer, München 2018, ISBN: 978-3-426-28153-6, 22,99 EURO (D)

Vor kurzem ist ein neuer Psychothriller von Sebastian Fitzek erschienen. Auf den ersten Blick hat es Ähnlichkeit mit seinem Bestseller „Die Therapie“, wo er sich auch mit den Abgründen der menschlichen Seele intensiv auseinandersetzt. Die Hauptperson dieses Psychothrillers ist Till Berkhoff, dessen sechsjähriger Sohn Max seit einem Jahr spurlos verschwunden ist. Polizeiliche Ermittlungen führen nicht weiter, die einzige Spur führt zu dem verurteilte Kindermörder Guido Tramnitz, der im Hochsicherheitstrakt der Psychiatrie einsitzt. Verzweifelt in Sorge um seinen Sohn will Till Berkhoff selbst initiativ werden und entwickelt einen wahnwitzigen Plan: Um persönlich herauszufinden, ob Tramnitz auch Max getötet hat und wo dieser nun ist, will er selbst in den Hochsicherheitstrakt eingeliefert werden.

Eine für die Öffentlichkeit gefährliche psychische Krankheit vorzutäuschen und die erfahrenen Psychiater der Steinklinik hinters Licht zu führen, erweist sich allerdings als nicht so einfach, dazu braucht es genialer Schachzüge, viel Phantasie und Empathie. Dieses Wagnis ist der erste Höhepunkt des Buches.

Im weiteren Verlauf des Buches werden viele Wendungen, unterschiedliche Erzählperspektiven und Querverbindungen zwischen den einzelnen Figuren präsentiert, die innerhalb der Geschichte verbunden werden und letztlich einen konkreten Sinn ergeben. Hier erweist sich Fitzek als Meister des perspektivischen Aufbaus und der Kombination von mehreren Handlungssträngen nebeneinander. Fitzek hat wahrscheinlich im Vorfeld gut recherchiert, wie es in einem Hochsicherheitstrakt einer Psychiatrie zugeht, denn seine Erzählweise ist fernab von allen Stereotypen und authentisch. Die Spannung fällt nie ab, erstens durch seine Bestrebungen, ein Insasse zu werden, zweitens durch das ungewisse Schicksal des kleinen Max  die Geschichte des Serienkillers Tramnitz. Alles in allem wieder ein packender Psychothriller aus der Feder von Sebastian Fitzek.

 

Buch 5

Henry Beston: Das Haus am Rand der Welt, mare Verlag, ISBN: 978-3-86648-269-2, 32 EURO (D)

Henry Beston (1. Juni 1888 - 15. April 1968) war ein amerikanischer Schriftsteller und Naturforscher, der mit diesem Werk aus dem Jahre im Jahre 1928, in den USA erfolgreich war. Nun liegt das Werk erstmalig in deutscher Übersetzung vor.

Bei dem Buch handelt es sich um einen Erlebnisbericht des Autors, der vom September 1926 ein Jahr lang in einem kleinen Holzhaus auf der Halbinsel Cape Cod in den USA ganz alleine lebte. Dort schrieb er seine Eindrücke von der ihn umgebenden Natur nieder. Das Buch war zunächst nicht als Veröffentlichung, sondern als privater Bericht geplant. Als es doch 1928 erschien, fand es in den USA schnell Verbreitung.

Thematisch gesehen gehört es in die Gattung des Nature Writings. Nature Writing umfasst eine große Vielfalt von Werken, die von naturwissenschaftlichen Fakten (wie Feldführern) bis hin zu philosophischen Interpretationen reichen. Darunter fallen naturgeschichtliche Essays, Gedichte, Essays der Einsamkeit oder Flucht, sowie Reisen und Abenteuer.

Diese Gattung geht auf die naturgeschichtlichen Werke zurück, die in der zweiten Hälfte des 18. und im 19. Jahrhunderts populär waren. Eine der wichtigsten frühen Figuren war Gilbert White mit seinem Werk “Naturgeschichte und Altertümer von Selbourne” aus dem Jahre 1789. Der schreibende Naturforscher William Bartram gehört ebenfalls dazu.

Nach Gilbert White und William Bertram zählen der amerikanische Ornithologe John James Audubon (1785-1851), Charles Darwin (1809 -1882), Richard Jefferies (1848-1887) und Henry David Thoreau (1817-1862) zu den bedeutenden Schriftstellern. , der oft als der Vater der modernen amerikanischen Naturschrift gilt.

Er beschreibt darin die Landschaft und die ihn umgebende Flora und Fauna. In chronologischer Weise wie in einem Reisetagebuch schildert er seine ersten Eindrücke vom Meer, vom Strand, dem Branden der Wellen, der Lichtverhältnisse in den Jahreszeiten, die Gezeiten und die verschiedene Stimmung der Landschaft zu verschiedenen Zeiten des Tages. Er versinkt dabei in der Beobachtung von Vögeln, beschreibt die Arten und ihr Flugverhalten sogar ihre Geräusche und ihr Geruch. Jede Veränderung in der Natur vom Hochsommer bis in den Winter wird atmosphärisch festgehalten, selbst ein einbrechendes Gewitter ändert nichts an seinem schwärmerischen Ton.

Das Buch ist eine Ode an die Natur mit präzisen Beschreibungen der Flora und Fauna. Es sind die naturromantische Schilderungen eines Menschen allein an einem abgelegenen Ort. Vor neunzig Jahren hatte Beston bestimmt noch nicht an Themen wie die Klimakatastrophe und die Naturzerstörung gedacht. Nach heutiger Lesart klingt es aber wie ein Aufruf zur Bewahrung der natürlichen Umwelt.

 







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