Neuerscheinungen Kultur


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28.12.19
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Köln am Rhein: Oder: Von Zeit zu Zeit, NA-Verlag, Oppenheim 2019, ISBN: 978-3-961760-90-9, 25 EURO (D)

Im Auftrag der Stadt Köln dokumentierte der Kölner Fotograf Karl-Hugo Schmölz das zerstörte Köln der Nachkriegszeit. Dabei orientierte er sich neben seinen eigenen Aufnahmen auch an denen seines Vaters Hugo und fotografierte aus einem unveränderten Blickwinkel vom exakt gleichen Standpunkt aus. Diese Dokumentationsform setzten Fotografen des Rheinischen Bildarchives 1992 und 1994 sowie 2018 und 2019 fort.

So zeigen nun die Aufnahmen aus den letzten 90 Jahren die Veränderungen der Metropole Köln. Das Gegenüber des unzerstörten, des kriegsbeschädigten und des modernen Köln ermöglicht einen anderen und besonderen Blick auf eine Stadt im permanenten Wandel. Dies wird vom 24.8-15.12.2019 als Ausstellung im Kölnischen Stadtmuseum zu sehen sein. Dies ist der Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung, wo 104 Fotografien gezeigt werden.

Der Band wird von drei Essays eingeleitet. Die Herausgeberin Rita Wagner beschäftigt sich mit den historischen Wendepunkten der Stadt und stellt sie als Stadt im ständigen Wandel dar. Anschließend behandelt Rolf Sachsse die „Kölner Bildquartette“ und den dadurch ermöglichten Zeitvergleich. Er bemerkt zur Wirkung der Bilder: „In den Bildern des ursprünglichen Albums und erweitert als Quartette wird die Wahrnehmung durch die Verschiedenheit des Gleichen stimuliert. Das Einzelbild ist von geringer Aussagekraft gegenüber den Zusammenhängen und Differenzen zwischen den Versionen eines Sets: Gerade die langweilige und vordergründig unkünstlerische, exakte Wiederholung von Standpunkt, Bildaufbau und Beleuchtung ermöglicht erst jenes Verfahren, das Geschichte zu vermitteln vermag; den historischen Vergleich.“ (S. 27) Danach setzt sich Michael Albers mit dem Dilemma der ästhetischen Ansprüche an die Bildgestaltung auseinander.

Anschließend folgt der Katalog, der den Hauptteil des Bandes ausmacht. Die Quartette werden in folgender Reihenfolge wiedergegeben: Zuerst erscheinen die Aufnahmen von Hugo und Karl Hugo Schmölz aus der Zeit von Mitte der 1920er Jahre bis 1941, dann folgen die Fotografien von Karl Hugo Schmölz von 1947. Daneben stehen die Bilder von 1993/94 von Helmut Buchen, Wolfgang F. Meier und Marion Mennicken, dem folgen die aktuellen Aufnahmen von 2018/19 von Michael Albers und Marion Mennicken. Unter den Motiven sind unter anderen der Dom, das Stapelhaus mit Blick zum Fischmarkt, St Georg mit Blick in den Ostchor oder der Hohenzollernring zu sehen. Im Anhang findet man noch die Biografien der Fotografen sowie der Autoren und ein Abbildungsverzeichnis.

 

Buch 2

Wolfgang Dobras (Hrsg.) unter Mitarbeit von Luzie Bratner, Gernot Frankhäuser, Georg-Peter Karn, Michael J. Klein und Franz Stephan Pelgen: Eine Zeitreise in 175 Geschichten. Der Mainzer Altertumsverein 1844 – 2019, NA Verlag, Oppenheim 2019, ISBN: 978-3-96176-070-1 € 30,00 (D)

Der Mainzer Altertumsverein besteht seit 1844 und bringt alljährlich die „Mainzer Zeitschrift“ über die Historie der Region heraus. Zum 175-jährigen Jubiläum des Mainzer Altertumsvereins erscheint der Jahresband 2019 als Festschrift mit dem Titel "Eine Zeitreise in 175 Geschichten". Diese Festschrift bietet eine Vereinsgeschichte, die seiner Mitglieder, Tätigkeiten und gleichzeitig ein Kaleidoskop der Mainzer Geschichte von der Antike bis heute in 175 Geschichten. Die Festschrift ist nicht nur als Geschenkbuch an die Mitglieder des Vereins, sondern wendet an alle Freunde der Geschichte in Mainz, Kurhessens und darüber hinaus. Der Band wird von Professor Dr. Wolfgang Dobras, Archivdirektor der Gutenberg Universität Mainz, herausgebracht.

Zu Beginn gibt es ein Grußwort des Oberbürgermeisters Michael Ebling, ein Vorwort des Ersten Vorsitzenden Günther Knödler und eine Einleitung des Herausgebers Wolfgang Dobras. Danach wird zu den einzelnen Jahren von 1844 bis 2019 jeweils eine Geschichte auf einer Doppelseite zu bieten. 70 Autorinnen und Autoren aus den Bereichen der Geschichte, Archäologie, Buchwissenschaft, Kunst- und Musikgeschichte erzählen von den Personen, Ereignissen, Institutionen und Objekten, die die Geschichte des Vereins geprägt haben und weiterhin prägen. Auf diese Weise wird die Vereinsgeschichte als ein Spiegel der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen der letzten 175 Jahre erfahrbar.

So wird zum Beispiel für das Jahr 1845 die Drucker- und Verlegerfamilie von Zabern von Franz Stephan Pelgen vorgestellt. Aber auch innere Aufarbeitung und Kritik ist im Band vertreten. Ralph Erbar stellt den Nationalisten und Antisemiten und sein Wirken im Mainzer Altertumsverein für das Jahr 1909 dar. Außerdem beschäftigt sich Frank Teske für das Jahr 1939 mit dem Mainzer Altertumsverein im Zweiten Weltkrieg. Oder das Engagement für die denkmalgerechte Wiederherstellung des Mainzer Kurfürstenschloss für das Jahr 2017.

Eine Zeitleiste ist oben zur besseren Orientierung angebracht.

Im Anhang findet man noch ein Abkürzungsverzeichnis, ein Literaturverzeichnis, ein Abbildungsverzeichnis und Verzeichnis der Autorinnen und Autoren.

70 Autorinnen und Autoren aus interdisziplinären Kontexten schreiben ein Geschichtsbuch auf hohem Niveau über die Entwicklung des Mainzer Altertumsvereins und Historisches zur Region von 1844 bis 2019. Nicht-Mainzer werden vielleicht nicht so viel mit dem Innenleben des Mainzer Altertumsvereins anfangen können. Der Band kann für diese als Zeitreise über die Historie der Stadt Mainz und die Geschichte der Region nicht nur in der Moderne genutzt werden. Jede Geschichte wird auf einer Doppelseite erzählt, der Band ist mit 362 Abbildungen versehen. Eine Zeitleiste über die unmittelbare Geschichte von Mainz ab dem 19. Jahrhundert bis heute hätte allerdings das Verständnis für historische Zusammenhänge noch erhöht.

 

Buch 3

Arik Brauer. Phantastisch-realistisch. Ein Lebenswerk, Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2019, ISBN: 978-3-96311-256-0, EURO (D)

Arik Brauer, eigentlich Erich Brauer, gilt als Multitalent. Der 90jährige arbeitete neben seiner Karriere als Maler der Wiener Schule des Phantastischen Realismus als Grafiker, Bühnenbildner, Sänger und Dichter. Die Landschaften und Figuren seiner Bilder sind phantastisch geformt, entsprungen einer überaus reichen Imagination. Neben wiedererkennbaren, mit seinen und unseren Erfahrungen in und mit der Wirklichkeit assoziierbaren Figuren (Menschen, Tieren, Pflanzen, Bauwerken) trifft man in diesen Bildern auch auf Fabelwesen, mitunter reine Phantasiegebilde.

Zu seinem 90en Geburtstag zeigt die Kunsthalle Erfurt vom 4.8.2019 bis zum 27.10.2019 eine Jubiläumsausstellung. Für diese hat Timna Brauer, die älteste Tochter des Künstlers, etwa 150 Malereien, Zeichnungen und Druckgrafiken ausgewählt, überwiegend aus den letzten drei Jahrzehnten. Zur Ausstellung ist ein Buch im Mitteldeutschen Verlag erschienen, in dem der Künstler über 90 ausgewählte Malereien und Zeichnungen mit kürzeren und längeren Kommentaren versieht.

Nach Grußworten erinnert sich in einem Vorwort an die phantastischen Bilderwelten ihrer Kindheit. Danach folgt Kai Uwe Schierz‘ persönlichen Annäherung an Arik Brauer und seine bildende Kunst, und deutet sie folgendermaßen: „Wenn wir seine Kunst phantastisch-realistisch nennen, dann aufgrund der von ihm entworfenen Phantasiewelten zu unseren konkreten (in diesem Fall realistischen Lebenskreisen und –problemen. Das Poetische und Phantastische der Formung öffnet uns Betrachtern, Lesern und Zuhörern besondere Perspektiven auf uns selbst und unsere Welt – und befördert so innere Reflexionsprozesse und empathische Reaktionen, die im besten Fall realistisch sind, das heißt, sich auf konkrete Vorgänge in unserem Leben beziehen.“ (S. 31)

Anschließend setzt sich Michael Nungesser mit der Wiener Schule des Phantastischen Realismus auseinander. Die Wiener Schule des Phantastischen Realismus bezeichnet eine Strömung in der österreichischen Kunst. Orientierungspunkte sind neben den Alten Meistern der Manierismus und der Surrealismus. Ihre herausragenden Vertreter sind neben Albert Paris Gütersloh, Wiener Maler und Professor an der Akademie der bildenden Künste in Wien, Ernst Fuchs und Arik Brauer selbst. Eine Ausstellung im Wiener Belvedere 1959 bedeutete für die Schule den Durchbruch, ihr folgten bald internationale Ausstellungen. Breitenwirkung erreichte ihre Kunst durch Druckgrafiken in hoher Auflage. Die Motive sind Imaginationen von phantastisch-unwirklichen Kreationen, manchmal mit schockierenden, apokalyptischen Inhalten. Diese phantastischen Motive stehen in Verbindung mit gesellschaftlichen, politischen und ökologischen Themen der Gegenwart, die auf diese Weise verarbeitet werden.

Dann folgt der Katalog von Brauers Malereien in Öl- und Temperafarben, der von dem Künstler selbst eingeleitet wird. Unter der Malerei ist der damit verbundene Kommentar Brauers zu finden. Maßangaben zu Höhe und Breite und die Nummer im Werkverzeichnis der Malerei findet man ebenfalls dort. Dort sieht man unter anderem das Bild Die Blume von Tschernobyl, wo er neben anderen auf die Umweltzerstörung und die ökologische Krise hinweist. Die Steinigung oder Die Glocke der Freiheit weisen auf Frauenemanzipation und gleichzeitiger Unterdrückung hin. Mit Die Braut von Warschau und anderen Werken setzt er sich mit der Herrschaft der Nationalsozialisten, die er selbst miterlebte, und seinen jüdischen Wurzeln auseinander.

Danach werden noch ausgewählte Bleistiftzeichnungen aus dem Jahre 2010, die Brauer auch selbst wieder kurz einleitet, präsentiert Anschließend folgt noch eine ausführliche Biografie mit privaten schwarz-weiß-Aufnahmen.

1929 wird Brauer wurde als Sohn eines jüdischen Schuhmachers in Wien-Ottakring geboren. Die Herrschaft der Nationalsozialisten im Wien der 1930er Jahre überlebte er in einem Versteck, sein Vater starb in Konzentrationslager. Nach dem Ende des 2. Weltkrieges wird er an der Akademie der bildenden Künste in Wien aufgenommen. Bald darauf gründete er zusammen mit Ernst Fuchs, Rudolf Hausner, Wolfgang Hutter, Anton Lehmden und Helmut Leherb die Wiener Schule des Phantastischen Realismus. 1954/55 lebte er als Sänger und Tänzer in Israel und trat 1956 als Tänzer im Raimundtheater in Wien auf. Im Jahr darauf heiratete er Naomi und zog mit ihr nach Paris, wo das Paar als israelisches Gesangsduo Neomi et Arik Bar-Or seinen Lebensunterhalt verdiente. Weiterhin arbeitete er auch als Maler und in Metropole Paris seine erste erfolgreiche Einzelausstellung.

Nach Wanderjahren auf Ausstellungsreisen mit der Wiener Schule des Phantastischen Realismus kehrte er 1964 wieder nach Wien zurück. Außerdem lebte er auch im Künstlerdorf En Hod in Israel, wo er ein ähnlich seinem Vorbild Friedensreich Hundertwasser ein Haus künstlerisch gestaltete. Sein Horizont erweiterte sich, er schuf auch Bühnenbilder für die Wiener Staatsoper das Opernhaus Zürich, das Theater an der Wien und die Pariser Oper zu gestalten. Von 1986 bis 1997 war Arik Brauer Professor an der Akademie der bildenden Künste in Wien.

1991 begann er mit der künstlerischen Gestaltung des 1994 fertiggestellten Arik Brauer-Hauses in Wien-Mariahilf. Dort wurde er beauftragt, ein von der gemeinnützigen Wohnungsbaugenossenschaft GESIBA neu zu errichtendes Wohnhaus künstlerisch zu gestalten. Gemeinsam mit dem Architekten Peter Pelikan, der bereits bei mehreren Häuserprojekten von Friedensreich Hundertwasser mitgearbeitet hatte, entwarf Brauer das sechsstöckige Gebäude. Nach mehr als zweijähriger Bauzeit wurde das Wohnhaus im April 1994 durch den damaligen Wiener Bürgermeister Helmut Zilk seiner Bestimmung übergeben. Im Jahre 2006 erscheint seine Autobiografie Die Farben meines Lebens. Anlässlich seines 85. Geburtstages widmet das Leopoldmuseum Wien ihm eine große Retrospektive.

Die Ausstellung ist gleichzeitig ein Rückblick und eine Hommage an das künstlerische Lebenswerk Arik Brauers. Er will die Phantasie mit seinen farbenfrohen Werken anregen, seine Kunst ist aber kein Eskapismus aus der Alltagswelt, sondern bezieht sich auf konkrete Probleme der Welt. Der Vorteil der Ausstellung und des Begleitbuches ist die persönliche Note des Künstlers und seiner Tochter, seine Kommentare zu den einzelnen Werken erhellend für die Interpretation und Wirkung. Die Texte führen gut in seine Art der Kunst und sein bewegtes Leben ein. Leider fehlen ein Literaturverzeichnis zum selbständigen Weiterlesen, Zitate von Weggefährten über ihn und eine Zusammenstellung seiner Ausstellungen.

 

Buch 4

Kunsthalle Rostock: Palast der Republik. Utopie, Inspiration, Politikum, Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2019, ISBN: 978-3-96311-187-7, 30 EURO (D)

Der Palast der Republik war ein zentrales Gebäude der DDR auf der Spreeinsel im Berliner Stadtbezirk Mitte. Er wurde zwischen 1973 und 1976 auf einem großen Teil des Geländes des ehemaligen Berliner Stadtschlosses gegenüber dem Außenministerium der DDR in Nachbarschaft zum Berliner Dom und zum Staatsratsgebäude errichtet. Er war Sitz der Volkskammer und beherbergte eine große Zahl von Veranstaltungsräumen eines öffentlichen Kulturhauses. Ab 1990 war das Gebäude offiziell wegen der Emission krebserregender Asbestfasern geschlossen. Nach einem entsprechenden Beschluss des Deutschen Bundestags von 2003 wurde das Bauwerk von Anfang Februar 2006 bis Anfang Dezember 2008 abgerissen. Im März 2013 begann an seiner Stelle der Wiederaufbau des Berliner Schlosses, der 2019 abgeschlossen sein soll.

Nach dem Willen Honeckers sollte der Palast das architektonische Symbol einer neuen, zukunftsfrohen DDR sein.

Die Ausstellung »Palast der Republik – Utopie, Inspiration, Politikum« in der Kunsthalle Rostock zeigt Ausstattungsstücke und Kunstwerke, die sich mit dem oft kontrovers diskutierten Gebäude auseinandersetzen. „Palazzo Prozzo“ „Bauwerk der Macht“ „Tempel der Lebens- und Todesschule“ oder „Haus des Volkes“?  Damit dessen wechselvolle Geschichte nicht mit den Bautrümmern verschwindet, wird durch einen künstlerischen Zugang die Möglichkeit geschaffen, zu erinnern oder den „Palast“ und seine vielen Facetten neu zu entdecken. Die Kunst und das Design werden durch die Blicke diverser Künstler auf den „Palast der Republik«“ erweitert und zeigen ihn als Inspirationsquelle und Erinnerungsobjekt bis in die Gegenwart.

Dies ist der Begleitband der Ausstellung, eine Rückschau durch künstlerische Blickwinkel: Eigenes Erleben wird ergänzt oder ersetzt, die viele Aspekte des Gebäudes selbst, aber auch die Geschichte und des Diskurses: „Die Begegnung mit dem Palast der Republik ist bis heute geprägt durch die subjektive Sicht und die bei vielen Menschen vorhandene eigene Erinnerung.“ (S. 12)

Im Sinnen der „Archäologie der Gegenwart“ verweisen Überreste des Palastes, wie auch die Kunstwerke, die ihn thematisieren, auf gesellschaftliche Prozesse und die mit ihnen verbundenen Personen.

Neben Essays und Interviews werden die subjektiven Zugänge von zahlreichen Künstlern abgedruckt. Abbildungen des Gebäudes, der Kunst und dem Lebern im Palast der Republik und natürlich die geretteten Objekte. Eine historische Chronik vom Bau 1973 bis zum Abriss 2009, die Künstlerbiografien und die Autoren des Bandes findet man im Anhang.

Das Buch und die Ausstellung verfolgen den Schwerpunkt der künstlerischen Auseinandersetzung mit einem symbolhaften Ort der DDR. Aber natürlich geht es um mehr. Mit dem Abriss ist der Palast der Republik zum Politikum oder zum „Star“ (S. 19) geworden und bleibt es auch weiterhin. Es geht sich um den Umgang mit Relikten der DDR. Der erbitterte Streit zwischen Gegnern und Befürwortern des Palastes hat mit seinem Abriss kein Ende gefunden. Kaschierung und Beseitigung oder Respektierung? Was aus der DDR soll bleiben? Der Streit um die Erinnerungskultur und einen anderen Umgang mit dem Erbe der DDR wird in der Ausstellung und im Begleitbuch sichtbar. Ein heterogener Zugang wird hier durch die Texte und viele Aufnahmen und Perspektiven sichtbar, die natürlich nur einen Ausschnitt zeigen können. Bei allen Beiträgen geht es aber nicht um Ostalgie, sondern um Relikte der Zeitgeschichte, die nur noch in Museen erlebt werden kann.

 

Buch 5

Pippo Pollina: Verse für die Freiheit. Mein Leben, meine Lieder, Rotpunktverlag, Zürich 2018, ISBN: 978-3-85869-770-7, 42 EURO (D)

Dies ist die Biografie des Liedermachers Pippo Pollina, von ihm selbst verfasst und von Andrea Briel aus dem Italienischen ins Deutsche übersetzt worden. Dies ist ein persönlicher Rückblick auf Ereignisse und Begegnungen von Mitte der 1980er Jahre bis heute. Das Buch versammelt neben dem autobiografischen Bericht, Fotos aus drei Jahrzehnten, ein Vorwort von Moritz Leuenberger und erstmals eine vollständige Sammlung seiner Liedtexte auf Italienisch und Deutsch.

In diesem Buch erfährt man Persönliches aus seinem Leben und die Hintergründe einzelner Lieder und CD’s. Pollinas Musik ist vor allem durch seinen kraftvollen, emotionalen Gesang und seine lyrischen Erzählungen geprägt. Er verfasst seine Texte in italienischer Sprache, in Einzelfällen auch in sizilianischem Dialekt. Außerdem enthält es ein persönliches Zeugnis über politische Ereignisse in Italien, seine Ansichten über die Wende 1989, seinem Konzert in der DDR, die Anschläge des 11. September und einen detailreichen Einblick in das sizilianische Lebensgefühl, das Joch der Mafia und sein neues Leben in der Schweiz.

Pippo Pollina lebte dort bis zu seinem 21. Lebensjahr in Palermo in Sizilien. Seine erste Band war Agricantus, mit der er auch im Ausland spielte. Dabei verband die Band chilenische Musik mit sizilianischer Volksmusik. Während seines Jura-Studiums begann er, sich gegen die Mafia zu engagieren, und arbeitete als Journalist in der Monatszeitschrift I siciliani mit. Die enge Verbindung zwischen Mafia und Politik machte aus Pollina einen politisch denkenden Menschen. Dies und die wachsende Entfremdung mit seinen Bandkollegen führten dazu, dass er erstmals Sizilien verließ und s als Straßenmusiker quer durch Europa reiste. Auf der Straße machte er die für ihn persönlich so bedeutsame Bekanntschaft mit dem Schweizer Liedermacher Linard Bardill. Dies wurde für ihn der Beginn einer professionellen Karriere. Er brachte mit Bardill mehrere gemeinsame Alben zusammen heraus und wurde bekannter. Ein weiterer musikalischer Förderer war Konstantin Wecker, der mit Pollina zusammen die zweisprachigen Lieder „Questa nuova realtà“ und „Terra“ produzierte und sang.

Nach seinem Umzug nach Zürich  veröffentlichte Pollina 2009das Album Fra due Isole („Zwischen zwei Inseln“) in Zusammenarbeit mit dem Jugendorchester des Konservatoriums von Zürich unter der Leitung von Massimiliano Matesic. Pollina arbeitete auch erfolgreich mit dem bayrischen Duo Schmidbauer/Kälberer zusammen und hatte das Album Süden 2013 zur Folge, das zu einer 100 Konzerte umfassenden gemeinsamen Tournee führte. Bekannt wurde auch sein Album L’appartenenza aus dem Jahre 2014, mit dem er durch Europa tourte und den Charteinstieg in der BRD und der Schweiz auslöste. Auch Privates wie seine Heirat und seine beiden Kinder, die musikalisch in seine Fußstapfen treten, werden behandelt. Trotz seines Lebensmittelpunktes in der Schweiz blieb seiner sizilianischen Heimat verbunden und engagiert sich vor allem musikalisch gegen Machtmissbrauch und Korruption. Seine Alben L’appartenenza und Il sole che verra sind eigenen Kapiteln gewidmet. Im Anhang findet man noch ein alphabetisches Liedverzeichnis.

In dieser Autobiografie lernt man einen intellektuelle gebildeten, politisch denkenden und handelnden Musiker und einen sizilianischen Europäer kennen, der sich mit seinen Liedern einmischen will und Werte transportiert. Pollinas Offenheit für die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern führte dazu, dass er sich in seiner langen musikalischen Laufbahn stets weiterentwickelt hat und verschiedene stilistische Varianten ausformen konnte. Ein trauriges Kapitel wird allerdings nicht thematisiert. Mit sechs Jahren wurde er beim Spielen von einem Auto angefahren, was eine starke Einschränkung des Sehvermögens zur Folge hatte. Auch seine Kindheit bleibt außen vor. Neben seinem Lebenszeugnis können Fans in diesem Buch vieles über die Hintergründe seiner Lieder erfahren und dazu jede Menge Privates.

 







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