Neuerscheinungen aus linken Verlagen


Bildmontage: HF

22.12.19
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Franziska Bruder: Das Schicksal selbst bestimmen. Fluchten aus Deportationszügen der „Aktion Reinhardt“ in Polen, Unrast Verlag, Münster 2019, ISBN: 978-3-89771-826-3, 29,80 EURO (D)

Im Juli 1942 beauftragte Heinrich Himmler den Lubliner SS- und Polizeiführer Odilo Globocnik (1904-1945) mit der "Aktion Reinhardt", der systematischen Ermordung aller Juden, die in den fünf Distrikten des Generalgouvernements Warschau, Lublin, Radom, Krakau und Lvov lebten.

Nachdem Pläne für eine Deportation der europäischen Juden nach Madagaskar aufgegeben worden waren, beschloss die NS-Führung im Verlauf des Jahres 1941 die Ermordung aller in ihrem Machtbereich lebenden Juden. Da die mit Beginn des Kriegs gegen die Sowjetunion stattfindenden Massenerschießungen von Juden durch Einsatzgruppen nicht die gewünschte "Effektivität" erbrachten und wegen der psychischen Belastung der Täter, wurden in ersten Verhandlungen zwischen Himmler und Globocnik im Oktober 1941 hinsichtlich der Ermordung der polnischen Juden "radikale Maßnahmen" gefordert. Daher wurde im November 1941 mit dem Bau der Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka begonnen. Sie befanden sich abgeschieden an der östlichen Grenze des Generalgouvernements, aber bewusst in der Nähe von Eisenbahnlinien. Im März 1942 begannen dort die ersten Ermordungen an polnischen Juden aus den Ghettos.

In der "Aktion Reinhardt" wurden zwischen März 1942 und Oktober 1943 über 1,3 Millionen Juden ermordet, die überwiegende Mehrheit durch Motorabgase, viele starben bereits während der Deportation oder wurden bei der Ankunft erschossen. Damit kam etwa jedes vierte Opfer des NS-Völkermords im Rahmen der "Aktion Reinhardt" ums Leben. Zu den Opfern in den Lagern zählen auch Roma und nicht-jüdische Polen. Die genauen Zahlen sind nicht bekannt.

Nach dem Befehl Himmlers zur "Aktion Reinhardt" rollten unter dem Vorwand ihrer Aussiedlung täglich Transporte mit Juden aus den Ghettos in die Vernichtungslager. Jeden Tag wurden 1.200 bis 4.000 Menschen allein in Treblinka ermordet.

Im Frühjahr 1943 begann die befohlene Auflösung der letzten Ghettos und die Deportation ihrer Bewohner vor allem nach Treblinka. Dort gelang im August 1943 einigen Häftlingen die Flucht, anschließend wurden alle übrigen Insassen liquidiert. Im Oktober 1943 kam es in Sobibor zu einem Häftlingsaufstand, nachdem durchgesickert war, dass das Lager geschlossen und alle Häftlinge ermordet werden sollten. Auch hier wurden anschließend alle Insassen umgebracht. Aus Furcht vor weiteren Häftlingsaufständen befahl Himmler die Erschießung sämtlicher Juden in den Lagern Majdanek, Poniatowa und Trawniki im Distrikt Lublin. Innerhalb weniger Tage wurden im November 1943 im Rahmen der "Aktion Erntefest" rund 43.000 Juden ermordet.

Nachdem die "Aktion Reinhardt" in den Vernichtungslagern Belzec, wo die Ermordungen bereits im November 1942 aufgehört hatten, Treblinka und Sobibor beendet war, wurden die Anlagen abgerissen, Leichen verbrannt und alle Spuren beseitigt.

In diesem Buch möchte Franziska Bruder einem bislang zu wenig beachteter Aspekt des jüdischen Widerstandes gegen die Vernichtungspolitik der Nazis hervorheben: Die Fluchten aus Deportationszügen in Polen. Die Gründe dafür sind vielfältig: Neben der neben einseitiger Opferzentrierung, fehlendes Interesse in der Forschung, die Scham der jüdischen Widerständler, davon zu berichten und ein zu enger Widerstandsbegriff werden hier von Bruder genannt. Entgegen dem Stereotyp des hilflosen Abfindens mit diesem Schicksal des eigenen Todes leisteten Juden vielfältigen Widerstand. Nachdem die Funktion der Lager bekannt geworden war, bereiteten sich viele Juden auf die Flucht vor und sprangen unter Lebensgefahr aus den schnell fahrenden und schwer bewachten Todeszügen.

Dieses Buch beruht auf die Auswertung der Biographien von Menschen, die gesprungen sind und überlebt haben. Bruder schildert die Voraussetzungen der Flucht und ihre Realisierung, über die Situation in den Waggons und das Überleben in der langen Zeit bis zum Kriegsende – in Verstecken, bei Partisanen oder getarnt als christliche Polen: „Dieses Buch stellt die vielfältigen Handlungs- und Vorgehensweisen jüdischer Überlebender dar, wie sie ihren Zeugnissen zu entnehmen sind, und analysiert, wie sie in einer Situation der brutalen Entwürdigung und einer schier ausweglosen Massenvernichtung ihre Würde bewahrten und Solidarität, Beistand Fürsorge und Widerstand leisteten. Im Kontext der ‚Aktionen‘ und Deportationen gehören dazu neben dem Moment des Springens ebenso der Widerstand vor den Waggons, wenn sich Juden weigerten einzusteigen, die Stunden und Tage in den Waggons und die Phase nach dem Sprung, wenn sich Springerinnen und Springer gegenseitig Hilfe leisteten, Juden aus anliegenden Ghettos Verletzte an den Gleisen suchten, sie in Sicherheit brachten und medizinisch versorgten und wenn jüdische Partisanengruppen gezielt nach Springern suchten, um sie in ihrer Gruppe aufzunehmen.“ (S. 20)

In der Einleitung werden zunächst die Facetten der Vernichtungspolitik und des jüdischen Widerstandes, der bisherige Forschungsstand, die benutzten Quellen und die Struktur der Arbeit vorgestellt. Danach geht es um die verschiedenen Bedingungen für die Fluchten. Es folgt eine Übersichtskarte des „Generalgouvernements“ und der Vernichtungslager. Anschließend werden in eigenen Kapiteln die Fluchten auf der Strecke nach Belzec, nach Sobibor und nach Treblinka (und Majdanek) behandelt. Das nächste Kapitel fasst deren quantitativen Umfang und die Akteure zusammen. Es folgen die qualitativen Aspekte wie Bedeutung des Sozialen, das Realisieren der Flucht und ein Vergleich mit Fluchten aus Deportationslagern in Frankreich, Belgien und den Niederlanden. Die verschiedenen Arten der Überlebensstrategien und Hilfestellungen nach dem Sprung kommen dann zur Sprache. In einer Nachbetrachtung werden die Ergebnisse der Studie zusammengefasst.

Folgende Ergebnisse werden dabei genannt: Anhand der Biografien von jüdischen Springern und ihrer Kameraden wurde nachgezeichnet, wie mutig und schmerzhaft die Entscheidung zu springen war, da sie immer bedeutete, geliebte Menschen zurücklassen zu müssen. Diese Arbeit stützt empirisch die Perspektive, das Springen als Widerstandsakt zu betrachten zu zugleich „das Verbleiben im Waggon als solidarischen, verantwortungsvollen und fürsorglichen Akt zu begreifen.“ (S. 522) Die analysierten Beispiele haben gezeigt, dass bezüglich der Fluchten aus den Deportationszügen zwischen spontaner und organisierter Flucht und entsprechend spontanem und organisiertem Widerstand zu unterscheiden ist. Organisierter Widerstand wurde von politisch organisierten Juden vorbereitet und durchgeführt, die einzeln oder als Gruppe in den Waggons für sich oder andere die Flucht ermöglichten. Deren Motivation reichte vom Kampf ums Überleben, um die eigene Würde, vom Bemühen, zur Familie zurückzukehren, bis hin zu dem starken Bedürfnis, das eigene Schicksal selbst bestimmen zu können. Für eine Minderheit war die Flucht die Voraussetzung, um den Kampf gegen die Nazis und ihrer Helfer fortsetzen oder aufnehmen zu können.

Die Fluchten von Juden aus Deportationszügen werden von Bruder in die möglichen Handlungsoptionen des Widerstandes eingebettet. Sie hat Recht, wenn sie Praktiken, die sich gegen die eigene Ermordung richteten, auch als Widerstandsform bezeichnet. Dabei legt sie bewegende Zeugnisse vor, die vom tatsächlichen Grauen bis hin zu Mut und unbedingten Überlebenswillen reichen.

 

Buch 2

Alex Demorovic/Susanne Lettow/Andrea Maihofer (Hrsg.): Emanzipation. Zur Geschichte und Aktualität eines politischen Begriffs, Westfälisches Dampfboot, Münster 2019, ISBN: 978-3-89691-282-4, EURO (D) ?

Der Begriff der Emanzipation spielte in der Geschichte vieler sozialer Bewegungen seit dem 19. Jahrhundert eine wichtige Rolle. Die theoretische Ausarbeitung des Begriffes stand und steht etwas im Hintergrund. In einem Workshop zum Thema Emanzipation aus dem Jahre 2016 diskutieren verschiedene Autor_innen, ob und inwiefern dieser Begriff auch heute noch zur Selbstverständigung über soziale Befreiungsversuche taugt und wie ein zeitgemäßer, intersektionaler Begriff von Emanzipation beschaffen sein müsste. Dem liegt zugrunde, dass der Begriff immer schon wandelbar war und im Kontext gesellschaftlicher Kämpfe und Veränderungsprozesse jeweils neu angeeignet wurde. Dies ist der überarbeitete Band des Workshops mit einzelnen Essays von verschiedenen Autor_innen.

Isabell Lorey möchte in ihren Beitrag den Begriff Emanzipation durch Abolitionismus ersetzen und eine Gesellschaft verändern, die versklavt, asymmetrisch verschuldet ist und ein weißes individualistisches Subjekt braucht. Dabei nimmt sie Bezug auf das Buch „Die Uncommons“ von Fred Moten und Stefano Harney. Danach beschäftigt sich Ruth Sonderegger mit dem Zusammenhang von Kunst und Emanzipation. Sie spricht davon, dass autonome Kunst auf einer gewaltvollen, aber nicht alternativlosen Gründung zugunsten der Trennung verschiedener gesellschaftlicher Bereiche und in Absegnung des kolonial gestützten Kapitalismus beruht. Einzelne Kunstwerke konnten aber in spezifischen Situationen emanzipatorische Kraft entfalten. Katia Geuel geht dann auf die Spannungsverhältnisse zwischen der Frankfurter Schule und Jacques Rancieres kritischer Theorie ein. Dabei zeigt sie die Bedingungen, unter denen der Begriff der Emanzipation trotz seiner Ambivalenzen haltbar ist. In ihrem Beitrag über Emanzipation und das politische Subjekt in der kritischen Theorie stellt Tatjana Freitag dar, wie die Frage nach politischen Subjekten neu erforscht und die Frage nach der der Re-Politisierung neu gestellt werden kann.

Michael Brie versteht den Begriff der Freiheit, der dem der Emanzipation zugrunde liegt, vierdimensional. Es kann eine negative, eine positive, eine substantielle und eine soziale Freiheit, d.h. eine Freiheit von, eine Freiheit durch, eine Freiheit zu und eine Freiheit für wen unterschieden werden. Anschließend beschäftigt sich Moshe Zuckermann mit der Emanzipation im Judentum quer durch die Geschichte und kritisiert dabei gegenwärtige politische Prozesse als deren Aneignung. Sara R. Farris beschäftigt sich mit dem Gesetz zur Verbannung auffälliger religiöser Symbole aus öffentlichen Schulen in Frankreich und dadurch eine Emanzipation vom Muslime durch den Säkularismus erreicht werden sollte. Diese speziell auf Muslime abzielende Emanzipation beruft sich dabei auf Argumente, die in Deutschland im 19. Jahrhundert eine Rolle in der Debatte zur „Judenfrage“ spielten.

Svenja Bromberg geht auf den Emanzipationsbegriff von Marx ein und fordert ein Neubestimmung des Verhältnisses von Geschichte, praktischen politischen Kämpfen und der Philosophie. Susanne Lettow präsentiert drei Emanzipationsbegriffe: die Politik der Subjektivität, Herrschaftskritik, historischer, mit einem utopischen Index versehener Prozess. Aus diesen ergeben sich Desiderate einer kritischen feministischen Theorie, die in einem zweiten Schritt entwickelt werden. Weiterhin stellt Andrea Maihofer eine Neuaneignung des Begriffs der Emanzipation im Feminismus vor. Dabei beschäftigt sie sich erstens mit der Frage um die mangelnde Präsenz des Begriffes in der Gegenwart und zweitens um die Freiheit zur Kritik und deren zentrale emanzipatorische Bedeutung. Der Frage, ob Emanzipation noch ein Ziel sozialer Kämpfe ist, geht Alex Demirovic zum Abschluss des Bandes nach. Dabei stellt er fest, dass nicht mehr das Ziel eines übergeordneten Ganzen, sondern die Gestaltung eines Allgemeinen in den gemeinsamen Praktiken der Individuen. Emanzipation sei ein „unversöhnter und kritischer Begriff, weil er auf die Auflösung all jener Verhältnisse zielt, unter denen die Individuen überhaupt gezwungen sind, sich zu emanzipieren.“ (S. 230) Im Anhang findet man noch die Biografien der Autor_innen.

Das Buch bringt eine Annäherung des zuweilen unscharfen Begriffes der Emanzipation aus heutiger Sicht und bestimmt in grober Manier, worauf sie zielen soll. Der Vorteil des Buches ist es, dass sowohl die Ambivalenzen als auch die positiven Funktionen des Begriffs auf hohem Niveau diskutiert und dabei Bedeutungen aus der Vergangenheit kritisch hinterfragt werden.

 

Buch 3

Ulrike Herrmann: Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen. Warum es kein Wunder ist, dass wir reich geworden sind, Westend, Frankfurt/Main 2019, ISBN: 978-3-864-89263-9, 24 EURO (D)

Ulrike Herrmann will in diesem Buch den Gründungsmythos der Bundesrepublik Deutschland, das "Wirtschaftswunder" und weiterführend die sog. "Soziale Marktwirtschaft" in einem kritischen Abriss der Wirtschaftsgeschichte Westdeutschland dekonstruieren. Die Person Ludwig Erhard steht dabei im Mittelpunkt: Ludwig Erhard war von 1949 bis 1963 Bundesminister für Wirtschaft und galt in dieser Funktion als Vater des „deutschen Wirtschaftswunders“ und des als Soziale Marktwirtschaft gekennzeichneten Wirtschaftssystems der Bundesrepublik Deutschland. Posthum bekam Erhard seine eigene Ruhmeshalle: Das Ludwig Erhard Zentrum wurde vor kurzem in seiner Geburtsstadt Fürth eingeweiht. In den Räumlichkeiten gibt es ein Museum und eine Begegnungsstätte, die es sich zur Aufgabe machen wollen, das Leben und Wirken Erhards und seine Konzeption der „Sozialen Marktwirtschaft“ an eine breite Öffentlichkeit zu vermitteln und politische Erinnerung, zeithistorische Begegnung und ökonomische Bildung vereinen sollen.

Sie kritisiert den Wirtschaftsminister Erhard als unfähig und bezeichnet ihn als Lügner. Auch die Bundesbank kommt nicht besser weg: ihr wird wirtschaftspolitischer Sachverstand abgesprochen.

Sie analysiert, dass ein Wirtschaftsaufschwung nach dem 2. Weltkrieg nicht nur in Westdeutschland, sondern in ganz Westeuropa stattfand. Dadurch relativiert sie den Begriff „Wirtschaftswunder“. Das „Wirtschaftswunder“ war eine Folge des „Marshallplans“, der aber keine großzügige Wiederaufbauleistung der USA darstellte, sondern verhindern sollte, dass sich Westdeutschland in Richtung Sozialismus entwickeln würde. Stattdessen wurde ein neoliberales Projekt installiert, die „Soziale Marktwirtschaft“, die niemals sozial war und die Arbeitsmärkte flexibilisierte, um so der Wirtschaft größere Profite zu ermöglichen.

Hermann will eine Abkehr von den Prämissen der Wirtschafts- und Währungspolitik der letzten Jahrzehnte und kritisiert in diesem Zusammenhang das Wachstumsparadigma der BRD. Für sie ist ständiges Wachstum und ökologische Interessen ein Gegensatzpaar. Als Reaktion auf den Klimawandel sollte eine Postwachstumsgesellschaft entstehen, nicht nur in der BRD.

Herrmanns Thesen sind aber nicht aufsehenerregend, sondern kalter Kaffee. Die Dekonstruktion von Mythen und führenden „Gründungsvätern“ wie Erhard und der angebliche Erfolgsgeschichte der „sozialen Marktwirtschaft“ ist nicht Herrmanns Verdienst. Innerhalb der westdeutschen linken Bewegungen ist diese Sichtweise seit den 1960er Jahren nachweisbar und haben auch die letzten Jahrzehnte ihre Gültigkeit nicht verloren. Kritik am neoliberalen Wirtschaftsmodell ist auch nichts Revolutionäres. Die provokativen Überzeichnungen der Politik von Erhard und seinen Nachfolgern und der Bundesbank machen das Buch auch nicht spannender. Die Postwachstumsgesellschaft, die sie fordert, ist auch seit Schumachers Buch „Small is beautiful“ bekannt.

 

Buch 4

Björn Wendt/Michael Walter/Marcus B. Klöckner (Hrsg.): C. Wright Mills. Die Machtelite, Westend Verlag, Frankfurt/Main 2019, ISBN: 978-3-86489-270-7, 29,99 EURO (D)

Charles Wright Mills (1916 1962) war einer der bedeutendsten US-amerikanischen Soziologen, der sich insbesondere mit den Machtstrukturen moderner Gesellschaften und der Rolle der Intellektuellen in der US-amerikanischen Gesellschaft der Nachkriegszeit beschäftigte. Mills Werke wurden zu soziologischen Klassikern der Herrschafts- und Elitesoziologie. 60 Jahre nach dem Erscheinen seiner Werkes „Die Machtelite“ wurde es aus aktuellem Anlass neu aufgelegt.

Die Herausgeber Björn Wendt, Michael Walter und Marcus B. Klöckner leiten den „unbequemen Klassiker“ mehr als 40 Seiten ein. Sie geben eine kurze Einführung zu Leben und Werk Mills. Außerdem ordnen sie sein Werk als Trilogie der US-amerikanischen Gesellschafts- und Machtstruktur neben den Büchern „The New Man of Power“ (1948) und White Collar (1951) ein. Danach folgt noch eine kleine Rezeptionsgeschichte des Werkes über die Machtelite, die für die Herausgeber der Ausgangspunkt der Machtstrukturforschung darstellte. Anschließend legen sie dar, worin die ungebrochene Aktualität des Werkes besteht. Danach wird der Klassiker in deutscher Übersetzung abgedruckt. 

Es handelt sich laut Mills bei der Machtelite um diejenigen, die in dominierenden Institutionen (Militär, Wirtschaft, Politik) eines dominierenden Landes die dominierende Stellung einnehmen. Ihre Entscheidungen oder ihre Nicht-Entscheidungen haben enorme Konsequenzen nicht nur für die US-Bevölkerung, sondern auch für den Rest der Welt.

Die Institutionen, die sie leiten, sind ein Triumvirat von Gruppen: (1) „zwei- oder dreihundert Riesenunternehmen“, die die traditionelle Agrar- und Handwerkswirtschaft abgelöst haben, (2) eine starke föderale politische Ordnung, die die Macht von „einer dezentralen Gruppe von mehreren Dutzend Staaten“ geerbt hat und „tritt nun in jedes Detail der sozialen Struktur ein“ und (3) das militärische Establishment, das früher Gegenstand von „Misstrauen der staatliche Miliz“ war, jetzt aber eine Entität mit „der grimmigen und ungeschickten Effizienz einer weitläufigen bürokratischen Domäne“ darstellt.

Im Unterschied zur modernen amerikanischen Verschwörungstheorie erklärt Mills, dass sich die Elite selbst möglicherweise ihres Status als Elite nicht bewusst ist, und bemerkt, dass sie „oftmals unsicher über ihre Rollen sind" und „ohne bewusste Anstrengung das Streben danach auf sich nehmen“ zu entscheiden.. Laut Mills nehmen die Mitglieder der Machtelite häufig Positionen von gesellschaftlichem Rang ein, die sie durch Ausbildungen an Universitäten wie Harvard, Princeton und Yale erlangt haben. Die Grundlage sozialer Verbindungen seien historisch bedeutende Familien wie die Kennedy-Familie, die den „Metropolitan 400“ bilden.

Die daraus resultierenden Eliten, die die drei dominierenden Institutionen (Militär, Wirtschaft und politisches System) kontrollieren, können nach Mills im Allgemeinen in einen von sechs Typen eingeteilt werden:

  • Mitglieder historisch bedeutender lokaler Familien in den wichtigsten amerikanischen Städten,
  •  prominente Entertainer und Medienpersönlichkeiten
  • Präsidenten und CEOs der wichtigsten Unternehmen der einzelnen Industriebranchen
  • Großgrundbesitzer und Großaktionäre
  • hochrangige Militäroffiziere, vor allem die Joint Chiefs of Staff
  • die „Politische Direktion“, „etwa fünfzig Männer der Exekutive“ der US-Bundesregierung, einschließlich der obersten Führung im Exekutivbüro des Präsidenten, manchmal unterschiedlich besetzt aus gewählten Vertretern der demokratischen und der republikanischen Partei.

Die selbst gestellte Frage „Wer regiert schließlich Amerika?“ beantwortet er wie folgt: „Niemand regiert es insgesamt, aber soweit es irgendeine Gruppe tut, die Machtelite.“

Im Anhang findet man noch Hinweise zur Übersetzung, die Anmerkungen, Literaturverweise der Herausgeber sowie ein Sach- und Namensregister.

Das Buch von Mills hatte ein vielseitiges Echo im In- und Ausland. Fidel Castro und Che Guevara diskutierten das Buch in den Bergen der Sierra Maestra. Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir haben Auszüge aus ihrer radikalen Zeitschrift Les Temps Modernes veröffentlicht. In den Vereinigten Staaten erhielt Mills Hunderte von Briefen von protestantischen Geistlichen, Professoren und Studenten. Die Kritik aus dem Establishment war heftig. Das Buch war eine Etappe auf dem Weg globalen Protesten und Unruhen von 1968. Mills galt als einer der einflussreichsten Intellektuellen der Neuen Linken. Hier werden lediglich einige Etappen der Rezeptionsgeschichte des Buches vorgestellt, besonders auf die deutsche Soziologie.

Das Buch hat nicht nur historischen Wert, sondern ist auch immer noch ein Klassiker, das obwohl die Zeiten sich stark gewandelt haben. Sein Buch bleibt ein Grundlagentext für die anhaltende Forderung nach demokratisch verantwortlicher politischer Führung - eine Forderung, die über Jahrzehnte wiederholt und verstärkt wurde. Dennoch bleibt es bei seiner Machtkritik an der Oberfläche: Mills drückt damit zwar eine skeptische und kritische Haltung gegenüber dem bürgerlichen Liberalismus und seiner Machtgesellschaft aus, aber die Beseitigung dieser Missstände sind nur mit radikaldemokratischen, dezentralen Ansätze zu erreichen. 

 

Buch 5

Simon Rettenmaier: Philosophischer Anarchismus oder anarchistische Philosophie? Zum anarchistischen Gehalt der Philosophie Paul Feyerabends, Büchner Verlag, Marburg 2019, ISBN: 978-3-96317-165-9, 21 EURO (D)

Paul K. Feyerabend stand mit starker Abneigung dem Wissenschaftsbetrieb und philosophischen Schulenbildung entgegen, was ihm von verschiedenen Seiten den Vorwurf der Clownerie einbrachte. In diesem Buch analysiert Simon Rettenmaier die Ideengeschichte des Anarchismus und betrachtet Feyerabends Anarchismusverständnis im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik sowie die wissenschaftstheoretische Basis seines Anarchismuskonzeptes. Folgende Fragen stehen dabei im Mittelpunkt:

1)      Was ist Anarchismus?

2)      Was ist anarchistische Erkenntnistheorie?

3)      Wie sieht ein anarchistisches Gesellschaftsideal aus und wie verhält sich der Anarchist/die Anarchistin innerhalb bzw. gegenüber dem etablierten Wissenschaftssystem?

Dabei unterteilt er den Anarchiebegriff in drei Kategorien: in den politischen, den wissenschaftstheoretischen und den wissenschaftlichen Anarchismus. Ausgehend davon analysiert Rettenmaier Feyerabends Transferleistung und untersucht, in welcher Form dieses Anarchieverständnis in die Wissenschaftstheorie übertragen wurde und geht der Frage nach, welche Beachtung Feyerabend der wissenschaftlichen Institution im Allgemeinen zukommen ließ.

Rettenmaier stellt fest, dass eine anarchistische Gesellschaft bei Feyerabend als oberstes Primat dem Gebot der Klassenlosigkeit folgt und sieht es als unbedingt erstrebenswert an, dem Individuum die größtmögliche Freiheit zu gewähren. Er bezeichnet Feyerabends Philosophie als „recht konsistente anarchistische Inszenierung“ (S. 137), die jedoch eine Mängel enthält: „So sind bei Feyerabend deutliche Schwächen in der Ausgestaltung und Umsetzung seiner anarchistischen Theorie klar geworden, die auf allzeitliche Anarchismusprobleme verweisen. Die unbedingte Gleichberechtigung, die er wissenschaftlich wie gesellschaftlich zu entwickeln versucht, birgt immense organisatorische Herausforderungen in der Umsetzung. Es drängt sich derweil häufiger der Eindruck auf, dass es gar nicht Feyerabends Laissez-faire war, was einige Stellen seiner Philosophie bloßstellt, sondern viel mehr die Herausforderungen seines Vorhabens zu groß waren und er angesichts dessen jedoch einen beachtenswerten theoretischen Aufschlag vorbrachte.“ (S. 137f)

Am Ende des Buches findet man noch ein Interview mit dem habilitierten Erziehungswissenschaftler und Feyerabend-Kenner Stefan Blankertz über Anarchismus und Feyerabend.

Rettenmaier schafft es, Paul K. Feyerabends anarchistische Kritik am Wissenschaftsbetrieb als ernstzunehmendes Phänomen herauszuarbeiten. Es bleibt allerdings, die schon von Malatesta an Kropotkin geäußerte Kritik, dass Anarchismus kein Lehrgebäude sei und nicht verwissenschaftlicht werde könne, da es spontanes und subjektbezogenes Denken und Handeln nicht einschließe. Dies wird hier leider nicht diskutiert.

 

Buch 6

David Höner: Kochen ist Politik, Westend, Frankfurt/Main 2019, ISBN: 978-3-86489-264-6, 24 EURO (D)

David Höner, Koch, Küchenchef und Caterer, ist seit 1990 für Radio, Fernsehen und Printmedien und als Autor von Hörspielen, Radiofeatures und Theaterstücken tätig. Langjährige Auslandsaufenthalte führten ihn 1994 nach Quito, Ecuador, wo er als Mitarbeiter in Kulturprojekten (Theater, Radio), in Entwicklungsprojekten und Gastrounternehmer aktiv wurde. 2005 gründete er die Hilfsorganisation Cuisine sans frontières (CSF): „Die Cuisine sans frontières-Idee beruht auf einer einfachen Überlegung: In Krisensituationen ist eine Gemeinschaft darauf angewiesen, miteinander zu kommunizieren und Lösungen zu erarbeiten, die der jeweiligen Situation gerecht werden. Dazu muss ein Ort geschaffen werden, an dem solche Gespräche ohne Zeitdruck stattfinden können. (…) In Krisengebieten gibt es die Gastgeberrolle nicht – es gibt keine Orte mehr, an denen Tischgespräche stattfinden. Da sieht die Cuisine ihre Aufgabe: als Gastgeber zu Tisch zu bieten, um Konflikte zu lösen und Gemeinschaft zu fördern.“ (S. 23f)

Von diesen Reisen in entlegene und vergessene Gebiete liest man hier in den einzelnen Kapiteln. Friedensstifter war CSF unter anderen in Kenia, Kolumbien, Brasilien, Kongo, Ecuador, Peru, wo er von den Projekten erzählt, den Menschen und auch der einheimischen (Ess)kultur. Es gibt bewegende Geschichten über Armut, festgefahrene Konflikte oder Stammesfehden, uns bloße Überleben. Man begegnet Guerillas, die ihre Einflusszonen kontrollieren, dem Aufbau von Calabash in Kenia und spannende Einsichten in das Leben der Länder und deren Mentalitäten. Auch technische und organisatorische Schwierigkeiten galt es zu bewältigen: Die Anwerbung von Angestellten, beschränkte Finanzmittel, unbewegliche Behörden und andere Hindernisse. Aber er berichtet auch von den Erfolgen, dem Aufbau von Restaurants, um Frieden zu stiften: Im Kongo wurde eine Schulkantine eingerichtet, in Kenia wurde ein jahrhundertealter Konflikt entschärft, Kochschulen wurden eingerichtet.

Hoffnung stiften, ist auch eine Aufgabe der Organisation: Im Gebiet von Tschernobyl wurden Menschen zusammengebracht, die ihre lokalen Spezialitäten mitbringen, die gekocht werden.

Die Arbeit anderer Hilfsorganisationen sieht er kritisch, er beschäftigt sich auch mit Mechanismen der Verarmung der Bevölkerung. Er kritisiert auch die Bevormundung vieler indigener Gemeinschaften und plädiert für den Erhalt deren Sitten und Bräuche.

Die kulinarischen Besonderheiten und Gerichte der besuchten Länder stehen natürlich auch im Mittelpunkt. Diskussionen über ein gutes Essen und deren Zutaten lenken ab von Hass und Streit und schaffen Gemeinsamkeiten. Das gelingt in manchen Fällen, in anderen nicht. Höner berichtet auch, dass es keinen Königsweg in seiner Arbeit gibt, es gibt immer andere Begebenheiten und Situationen.

Von den 800 Kochprojekten können hier natürlich nur ausgewählte Beispiele vorgestellt werden. Ein spannend geschriebenes Buch aus wenig bekannten Regionen dieser Erde mit zahlreichen Bildern, in dem man viel über fremde Kulturen und kulinarischen Traditionen lernen kann.

 







<< Zurck
Diese Webseite verwendet keine Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz