Linksblindes Plädoyer: Mathias Bröckers zu Julian Assange

04.09.20
KulturKultur, TopNews 

 

Politische Buchkritik von Hannes Sies

Der Schauprozess gegen WikiLeaks-Gründer Julian Assange in London geht am Montag den 7.9.2020 weiter -und er braucht jede Aufmerksamkeit, die er kriegen kann. Daher soll auch das Buch des deutschen 9/11-Truth- und Verschwörung-Papstes Mathias Bröckers schnell noch rezensiert werden, obwohl es sich bei der Würdigung anderer Assange-Verteidiger auf dem linken Auge blind zeigt: Bröckers schließt seine von flammenden Appellen wimmelnde, aber faktenarme 60-Seiten-Darstellung mit Aufrufen in diverse Richtungen: Influencer (Rezo), Friedensnobelpreisträger, Juristen, taz (Bröckers kam von der taz) und auch an die Parteien:

„Hallo Grüne, Liberale, Linkspartei und Reste der SPD, schaut mal in eure Grundsatzprogramme. Wenn ihr in Sachen Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Pressefreiheit und Menschenrechte künftig noch irgendwie ernstgenommen werden wollt, könnt ihr die Verfolgung Julian Assanges nicht länger schulterzuckend hinnehmen.“ (Bröckers S.62, Hervorhebung v. H.Sies)

Bröckers rechtsschiefe Politiksicht entspricht wohl immer noch tendenziell der (antideutschen und inzwischen oft neoliberalen und stramm transatlantischen) ehemals linken Tageszeitung taz: Er billigt den Grünen und sogar der stramm-neoliberalen FDP linke Ambitionen zu, die er dort einfordern will.

Recherchiert hat Bröckers dabei wohl weniger, sonst wäre ihm aufgefallen, dass die Linkspartei seit 2010 an der Seite von Julian Assange und WikiLeaks steht, in den letzten Jahren als einzige Bundestagspartei sich immer für ihn einsetzte, in zahlreichen Appellen, Aufforderungen, Assange Asyl zu gewähren, seinen Kampf für Whistleblower zu unterstützen, ihn frei zu lassen, die Hexenjagd einzustellen usw., mit Besuchen von Abgeordneten im Botschaftsasyl, verstärkt seit seiner Folterhaft in Belmarsh. Angesichts dieser hartnäckigen umfangreichen Anstrengungen zu behaupten, die Linke hätte „ die Verfolgung Julian Assanges schulterzuckend“ hingenommen und sie in eine Reihe mit Grünen, SPD und sogar „Liberalen“ zu stellen ist von den Fakten nicht gedeckt. Bröckers sollte seine einäugig-ideologische Sicht der Linken also dringend überdenken -unten finden sich dazu zahlreiche Artikel von mir.

Verschwörungs-Publizist Bröckers mit Recherche-Schwächen

Zu empfehlen wäre dem sonst durchaus zu Recherchen fähigen emsigen Verschwörungs-Bestseller-Publizisten Bröckers (letzter Sensations-Coup: JFK-Buch zum 50.Jahrestag des Kennedy-Mordes), die Webseiten der Bundestagsfraktionen auf Stichwort „Assange“ abzusuchen: Bei Union, AFD und FDP findet sich dabei nichts (d.h. bei der FDP 92 Fake-Treffer, von denen, nach stichprobenartiger Prüfung, keiner wirklich Assange erwähnt); bei der SPD finden sich immerhin drei Treffer, alle aus 2020 seit dem Promi-Appell, der Medienwellen schlug, bei den Grünen zwei, die den Fall Assange aber neben Kritik z.B. an China, Ägypten und der Türkei stellen. Einzig die Linksfraktion weist eine lange, bis 2010 zurückgehende Liste einschlägiger Artikel auf, die in ihrer Gesamtheit das eher magere „Don't kill the Messenger“-Buch von Bröckers fast übertreffen. Fazit: Bröckers hat wohl das Weltbild des typischen taz-Lesers, wo die Linke in der Schublade „Altmarxisten, Stalinisten und Jammer-Ossis“ abgelegt wird und alles, was diese ideologischen Klischees konterkarieren könnte verschwiegen wird -wie etwa das dezidierte linke Eintreten für Assange (man ist ja irgendwie Hauszeitung der Grünen geblieben und mit diesen in die neoliberale Mitte gerückt).

Klappentext vom Westend-Verlag:

Wenn das Aufdecken von Verbrechen wie ein Verbrechen behandelt wird, dann werden wir von Verbrechern regiert“ Edward Snowden

Am 11. April 2019 wurde der Wikileaks-Gründer Julian Assange aus der ecuadorianischen Botschaft, wo er Asyl gefunden hatte, in ein britisches Hochsicherheitsgefängnis verschleppt. Jetzt werden britische Gerichte über einen Auslieferungsantrag der USA entscheiden, die Assange eine Verschwörung mit Chelsea Manning zum Einbruch in Pentagon-Computer vorwerfen. Falls er ausgeliefert wird, könnten ihm weitere Anklagen nach dem „Spionage Act“ und die Todesstrafe drohen. Und das nicht weil er kriminelle Taten begangen hat, sondern weil er solche enthüllt hat – im Irak, in Afganistan und anderswo. Der Ausgang des Verfahrens von Julian Assange wird zeigen, ob es wirklich schon so weit ist und die Presse- und Meinungsfreiheit am Ende ist.

Bröckers Buch bietet eher wenig Information

Er selbst liefert auf seinen 60 Seiten verstiegene Ausflüge in die Altphilologie zu Sophokles, um die Historie „gekillter Messenger“ in biblische Zeiten zurück zu verfolgen sowie eine dürftige Darstellung der Geschichte von WikiLeaks (S.13-21). Es folgen Details zum aktuellen Prozess- und Haftgeschehen, die wichtige Kritik liefern, etwa die Foltervorwürfe von Prof.Nils Melzer. Dessen Kritik an kriminellen Manipulationen der Arbeit der schwedischen Justiz seit 2010 wird jedoch nicht erwähnt, eigentlich seltsam für einen Verschwörungs-Experten wie Bröckers. Melzer deckte bekanntlich die Verschwörung der USA und Briten mit Teilen der schwedischen Justiz auf, die Julian Assange mit ihrer Intrige eine gefälschte „Vergewaltigungsanzeige“ anhängten und damit den Startschuss für zehn Jahre Hexenjagd, Dämonisierung mit schmutziger Sex-Kampagne lieferten (die erst kürzlich, nach den Melzer-Enthüllungen, überhaupt stillschweigend eingestellt wurde, noch Anfang 2020 stellten die Mainstreamer Assange immer wieder unter „Vergewaltigungsverdacht“).

Immerhin stellt sich Bröckers an die Seite von WikiLeaks, wenn er die „Barbarei“ der Verfolgung von Assange vielfach anprangert und sich nicht scheut, die Verfolger mit Nazi-Vergleichen zu konfrontieren: Wenn er vor einem Verlust der Pressefreiheit warnt, die einer möglichen Verurteilung des WikiLeaks-Gründers in den USA folgen würde, damit würden „die Tore geöffnet... zu einem Rückfall in die Barbarei der dunkelsten Zeiten des Faschismus und der Diktatur“ (S.59); die USA könnten dann künftig weltweit Journalisten drangsalieren und jeden Kritiker damit bedrohen, ihn zum „Spion“ erklären in ihrer „Reichsschriftumskammer2.0 in Washington“ (S.50). In seinen stärksten Passagen zitiert bzw. referiert Bröckers Texte des britischen Ex-Botschafters Craig Murray, auf die ich hier auf Scharf-links auch schon mehrfach hingewiesen oder zurück gegriffen habe. Murray war ein hartnäckiger Prozessbeobachter der jeden Rechtsstaat verhöhnenden Schauprozesse, die in London seit 2019 gegen Assange geführt werden.

Caitlin Johnstone verteidigt Assange

Der zweite Teil des Buches besteht aus einem Aufsatz der australischen Bloggerin Caitlin Johnstone: „Die Widerlegung sämtlicher Verleumdungen Julian Assanges“ (S.67-113). Sie widmet sich ausführlich 29 von ihr ausgemachten Haupt-Verleumdungen, die in Politik und Medien gegen Assange propagiert wurden bzw. werden, von „Er ist kein Journalist“, über „Er ist russischer Agent... ein Narzisst... ein Antisemit, Faschist, CIA-Agent, Trump-Fan, Pädophiler“ bis „er stinkt“, „er hat über Seth Rich gelogen“, „...sich mit Nigel Farage (oder Trump jr.) verschworen“. Am wichtigsten erscheint ihr dabei Verleumdung Nr.2: „Er ist ein Vergewaltiger“.

„Das Feedback, das ich dazu erhalten habe, deutet darauf hin, dass dies die einzige Assange-Verteidigung ist, mit der die meisten zu kämpfen haben...“. Dieser umfangreichste Teil analysiert auf zehn Seiten den Hergang der manipulierten Sex-Kampagne auf Basis einer windigen Anklage, das Hin-und-her usw. Manko ist dabei, dass Johnstone die Enthüllungen des UN-Folterexperten und Jura-Professor Nils Melzer noch nicht kannte; erst diese stopften den bei aller Kritik stur bei ihrem „Vergewaltigungsverdacht“ bleibenden Mainstream-Aufhetzern von (ARD & ZDF über RTL, Spiegel & Stern bis FAZ und taz) letztlich das verleumderische Lügenmaul. Erst Melzer hatte in den schwedischen Originalakten Beweise für Manipulationen aufgespürt.

Vielleicht ist es ein Übersetzungsfehler, aber auf S.71 unterläuft Caitlin Johnstone ein kleiner Fehler. Sie findet, Trumps CIA-Direktor Mike Pompeo habe die Formulierung „ein feindlicher Geheimdienst“ in seiner Verleumdung von WikiLeaks „aus dem Nichts zusammengesetzt“. Wie man auf S.31 des Buches im Bröckers-Aufsatz lesen konnte, hat Julian Assange jedoch WikiLeaks selbst als „Geheimdienst des Volkes“ bezeichnet. Angenommen, Pompeo betrachtet „das Volk“ generell als seinen Feind, läge er mit seiner Bezeichnung also durchaus richtig. Aber das ist ein lässlicher Mangel, der flammende, angesichts unflätiger Assange-Verleumder teils etwas unflätig zurück schimpfende Text überzeugt.

Bei aller Sympathie für die 911-Truther-Bewegung: Wer tiefer gehende Informationen aus wirklich linker Perspektive zu WikiLeaks sucht, wird jedoch weiterhin zu Büchern wie etwa Gerd R. Ruegers „Julian Assange -Die Zerstörung von WikiLeaks“ greifen müssen.

Mathias Bröckers: Don't kill the Messenger: Freiheit für Julian Assange, Westend Vlg. Frankf./M. 2019, 126 S., 8,50 Euro (mit Beitrag von Caitlin Johnstone: Die Widerlegung sämtlicher Verleumdungen des Julian Assange, S.67-113)

https://www.westendverlag.de/buch/freiheit-fuer-julian-assange/

In Hamburg laufen Mahnwachen und Demonstrationen pro Assange:

http://scharf-links.de/47.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=74906&tx_ttnews[backPid]=56&cHash=9ea6c99f33

https://freeassange.jimdofree.com/

http://scharf-links.de/44.0.html?&tx_ttnews[swords]=assange&tx_ttnews[tt_news]=74701&tx_ttnews[backPid]=65&cHash=5bb0bce7d9

Fall Assange: Totalitäre Geheimjustiz mit neuen alten Bezichtigungen

http://scharf-links.de/48.0.html?&tx_ttnews%5bswords%5d=hannes&tx_ttnews%5bpointer%5d=1&tx_ttnews%5btt_news%5d=74177&tx_ttnews%5bbackPid%5d=65&cHash=68af008eda

Julian Assange: Whistleblower, Folteropfer, Kulturprojekt

http://scharf-links.de/45.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=74681&tx_ttnews[backPid]=56&cHash=03ba0ae485

https://www.rubikon.news/artikel/diffamierung-ohne-reue

Konstruierte Vergewaltigung: Die Vorwürfe gegen Julian Assange basieren auf gefälschten Beweisen

https://www.rubikon.news/artikel/konstruierte-vergewaltigung

Die Abwiegler: Promi-Petition von Wallraff für Assange -Mainstream verschleiert den Sachverhalt

https://www.rubikon.news/artikel/die-abwiegler

Stimmungsmache gegen Whistleblower: Das ZDF inszenierte mit dem Anti-WikiLeaks-Film „West of Liberty“ billigste Propaganda

https://www.rubikon.news/artikel/stimmungsmache-gegen-whistleblower

Kriminelle Propaganda: In einem ARD-„Tatort“ wird WikiLeaks diffamiert

https://www.rubikon.news/artikel/kriminelle-propaganda

Die Opferbeschimpfung: Das NDR-Medienmagazin ZAPP beschönigt den Justiz-Krieg gegen Julian Assange und demütigt ihn öffentlich

https://www.rubikon.news/artikel/die-opferbeschimpfung

Diffamierung ohne Reue: Die Süddeutsche Zeitung versagt bei der Berichterstattung über den Assange-Prozess

USA wollen Verfahren gegen Assange verzögern

https://www.jungewelt.de/artikel/384288.usa-wollen-verfahren-gegen-assange-verz%C3%B6gern.html?sstr=assange

Für die sofortige Freilassung von Julian Assange und die Verhinderung seiner Auslieferung

https://www.die-linke.de/detail/fuer-die-sofortige-freilassung-von-julian-assange-und-die-verhinderung-seiner-auslieferung/







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