Über den Gefühlsfetisch und das Gelaber von Peter Sloterdijk


Bildmontage: HF

07.12.14
KulturKultur, Theorie, Debatte, TopNews 

 

von Franz Witsch

Liebe FreundInnen des politischen Engage- ments,

Vor einiger Zeit habe ich den interessierten LeserInnen einen Text vorgestellt, der zusam- men mit anderen Texten im 1. Band "Materialien zur Politisierung" erscheinen wird. Voraussichtlich im Januar/Februar 2015.
(Vgl. BB-055: www.film-und-politik.de/BB-055.pdf)

Heute möchte ich einen weiteren Text vorstellen, der im 2. Band (Untertitel: Kommu- nikation unter Verdacht) erscheinen wird (Siehe unten: P.S.:). 

Ich habe den Text vor 10 Jahren (2004) verfasst. Er zeigt, dass die 4 Bände (unter dem Titel "Die Politisierung des Bürgers", erschienen zwischen 2009 und 2013) nicht vom Himmel gefallen sind. Sie brauchten eine recht lange Vorlaufzeit, um zentrale Begriffe anzudenken, vorzubereiten, die sehr viel später in den 4 Bänden eine Rolle spielen sollten.

Ein zentrale Rolle spielt der definitive Gesellschaftsbegriff (vgl. WIF-SUL); nicht zuletzt im Hinblick auf eine Kritik am herrschenden sozial-wissenschaftlichen Diskurs, z.B. in Abgrenzung zu Habermas (siehe unten) oder zur Hermeneutik von Detel (DEW- GuV) insbesondere im 4. Band (Untertitel: "Theorie der Gefühle"). 

Beiden Autoren verdanke ich einiges bei der Entstehung meiner Bücher, auch wenn meine Kritik an ihnen stellenweise recht scharf, für manche Ohren sogar abwertend klingt. 

Dennoch: 
W. Detel ist mit "Geist und Verstehen" ein bemerkenswertes Buch gelungen, insbeson- dere weil sich in seinen Texten eine klare, der Versprachlichung zugängliche Mentalität abzeichnet, die ein Stück weit so etwas wie eine Mentalität unserer Gesellschaft reprä- sentiert, sprich:
eine allgemeine Geisteshaltung, die sich im Innenleben des Autors, und, wenn auch nicht auf selbige Weise, in der Gesellschaft abbildet. Das gilt ebenso für Habermas und viele andere. 

Im 3. Teil (Untertitel: Vom Gefühl zur Moral) komme ich zu dem Ergebnis, dass die herr- schende Form der Auseinandersetzung (der geistigen Elite) mit unseren (kranken) soz- ialen und ökonomischen Strukturen sich im Innenleben (als moralisch krank, zu ächten) der geistigen Elite als etwas, das "krank", abzeichnet. Wobei nicht das offensichtlich "Kranke" entscheidend ist, sondern das, was sich aufgrund einer eingehenderen Analyse als krank zu erkennen gibt. 

Nun, es gibt in Habermas und Detels Texten und Büchern einiges, das mir schwer im Magen liegt. Insbesondere ihr Gesellschaftsbegriff, den sie "körperlich-dinghaft" begrei- fen (ethisch-moralisch), so wie dies im Falle sozialer Strukturen legitim ist. Nicht so im Falle unsere Gesellschaft, die sich zwar aus einer Vielzahl sozialer Strukturen mit ihren jeweils besonderen Interessen zusammensetzt, die aber auf der Grundlage eines Allgemeininteresses (Die Würde des Menschen ist unantastbar, was Folterverbot und Ächtung der Todesstrafe einschließt) existiert, an dem sich jedes besondere Interesse zu bemessen hat, - im Interesse eines stabilen gesellschaftlichen Ganzen. 

Meine These:
eine Sozialwissenschaft, die ohne definitiven Gesellschaftsbegriff auskommt, nenne ich krank (asozial).

Ganz besonders möchte ich mich bei meinem Freund Klaus-Jürgen Bruder bedanken, der nicht nur wichtige Bücher und Texte schreibt, sondern mich seit Jahren in meinen Bemühungen unterstützt und ermutigt, nicht zuletzt mit einem bemerkenswerten Vorwort zum 4. Teil.
Es kann unter dem folgenden Link heruntergeladen und eingesehen werden:

Klaus-Jürgen Bruder, Vorwort zu: “Die Politisierung des Bürgers, 4. Teil: Theorie der Gefühle”.
www.film-und-politik.de/BRK-DP4.pdf

Herzliche Grüße
Franz Witsch

www.film-und-politik.de

P.S.: 7.4 Der Gefühlsfetisch in uns

Die Fähigkeit, große Geister und ihre Werke naiv, unbefangen und perspektivisch zu kritisieren, scheitert nicht selten am geballten Wissen, das diese in dünkelhafter Demut transportieren, das einen Kritiker gleich zu Beginn in Ehrfurcht erstarren lassen soll. Betrachter der bildenden Künste haben es leichter. Sie ziehen ihre Urteile aus Assozia- tionen, die allein mit der Betrachtung eines Gegenstands in seiner äußeren Erscheinung schwanger gehen. Sie begnügen sich mehr oder weniger mit dem, was ihnen das Anschauen eines zu kritisierenden Gegenstandes gewährt, was er an (negativen oder positiven) Gefühlen auslöst, um nicht zu sagen:
sie kritisieren aus dem Bauch heraus; Kritik ist hier weitgehend eine Sache profan-lebensweltlichen Hintergrundwissens, die den Gegenstand in seiner äußeren Erscheinung der Kritik für würdig erachtet.

Warum auch nicht? Man vergisst, dass große Schreiber durch ihre äußere Erscheinung bestechen wollen und damit sich den Zeitgenossen der Kritik aussetzen, die also nicht nur aus ihrem Schriftgut gezogen werden muss.

Jedenfalls sondern sie Informationen von ihrer Oberfläche ab, bestechen durch Präsenz, einer Skulptur nicht unähnlich, auch wenn sie über Philosophie nur sprechen, wie wir dies z.B. von Peter Sloterdijk und seinem Gast Bazon Brock im Philosophischen Quartett sehen konnten. Substantielle Kritik an solchen Erscheinungen ist nicht deshalb widerlegt, weil sie sich auf wenig greifbare Informationen, gar auf Gefühle stützt, die sich einer Versprachlichung entziehen. Das hieße, der Quantität der Worte zu viel Ehre zuteil werden lassen. Wobei Leute wie Sloterdijk dazu neigen, sich durch viele Worte schön zu reden, in Schönheit zu sterben. Man fragt sich, ob er eine Sache überhaupt braucht, wenn bei ihm, losgelöst von ihr, aus Schönheit selbstredend Wahrheit spricht.

Das wäre auch eine mit Gefühlen geschwängerte Stellungnahme; wenn Worte ein göttliches Eigenleben führen – nicht indem man ihnen Weltschöpfendes, vielmehr ganz bescheiden Bedeutungsgehalt zuschreibt, freilich unkritisch und wenig transparent, als könnten Begriffe ein für alle mal Gültigkeit beanspruchen, einen Gegenstand oder Sachverhalt eindeutig repräsentieren.

Man verkennt, dass Begriffsbildung eine Sache sinnbefütternder Perspektive ist, eine Sache stetiger Übertragung oder Projektion von Gefühlen in soziale Realität:
auf einen Gegenstand der Begierde, die ihn immer wieder neu und anders einkleiden, zuweilen aber auch nur hübsch machen sollen. Wenig handgreifliche Worte wie Liebe werden so verwendet: sie repräsentieren vornehmlich Gefühlsdispositionen, zuweilen ohne greifbaren Gegenstand; das passiert, weil das Gefühl als solches nicht existiert. Es verweist auf soziale Sachverhalte, die nicht immer eindeutig: ein für allemal verifizierbar, sind, zumal sie im Kontext von Verständigung, die scheitern kann, existieren, und nicht unbedingt auf etwas von Bedeutung (blabla...) zielen muss, z.B. das Gelaber von Sloterdijk im "Philosophischen Quartett".

Natürlich sind Gefühle bei Menschen verschiedener Epochen wie auch innerhalb einer Epoche ganz unterschiedlich gegenständlich fundiert, je nach Klassen-, Schichtzugehörigkeit oder Lebensalter. Ja, sie mögen so manches sein, eines sind sie auf gar keinen Fall:
die rationalste Sache der Welt, wie sich Bazon Brock (“Der Barbar als Kulturheld”) als Gast bei Sloterdijk im Philosophischen Quartett (05.12.04) ein bisschen einfältig-romantisch äußerte. Dass sie gerade nicht rational sind, ist geradezu die Bedingung dafür, dass kommunikative Verständigung als Wille und Bedürfnis ausgebildet sein und immer wieder werden muss zur Schaffung, Aufrechterhaltung und Stabilisierung sozialer Strukturen.

Gefühle verweisen wie gesagt auf soziale Strukturen und Beziehungen: auf Formen der Sozialintegration; andernfalls wären sie allzu narzisstisch, rechnerisch, kleinkariert. Gefühl, Sozialintegration und schließlich: die Perspektive als Wie man etwas sieht: als Zugang zur sozialen Realität, gehören zusammen und konstituieren im Zusammenspiel das, was man Vernunft nennen könnte. Wenn etwas vernünftig sein soll, dann soziale Strukturen, sofern sie die mit ihnen verknüpfte ökonomische Reproduktion nicht behindern. Entscheidend ist, was hinten rauskommt.

Nicht das, was mit einem Gefühl, einer ersten, instinktiven Stellungnahme aus einer Befindlichkeit heraus beginnt. Selbst eine intime Beziehung mag mit einem Gefühl beginnen; gleichwohl konstituiert sie sich erst durch einen gemeinsamen Zugang zur sozialen Realität, ohne dass die Teilnehmer in der Lage sein müssen, ihn zu versprachlichen, dann nämlich, wenn sie einfach nur so vor sich hinleben – gedankenlos.

Fühlen aus Gewohnheit (ich mag keine atonale Zwölftonmusik) ist keine zu diskriminierende Angelegenheit, auch wenn sie den Blick auf Fremdartiges blockieren mag und Geschichte verzerrt, z.B. wenn unreflektiert Gefühlsdispositionen der Gegenwart auf geschichtliche Situationen übertragen werden. Dass so was unzulässig ist, erläutert Kurt Flasch in einer umfangreichen Abhandlung Philosophisches Denken im Mittelalter.(FLK-PDM) Nimmt man sie sich zu Herzen, so würde man nicht auf die Idee kommen, die alttestamentarische Geschichte um Abraham, der im Begriff ist, seinen Sohn Isaak auf Befehl Gottes zu opfern, als unappetitlich faschistoid zu bezeichnen, wie dies Sloterdijk kongenial zu Bazon Brock im Philosophischen Quartett tat. Abraham unterwirft sich Gottes Befehl. Aber in dem Augenblick, wo das Messer in den Leib eindringt, verwandelt sich auf göttliche Fügung hin der menschliche Leib in ein Tier. Sloterdijk betonte hier den unappetitlichen Befehl-Gehorsam-Mechanismus als ein Reflex, der Reflexion ausschließe.

Ja, und was können wir daraus heute lernen? Dass solche Reflexe der Ächtung anheim fallen müssen. Hier dürfe man der religiösen Überlieferung nicht folgen. Denn auf dieser Grundlage funktioniere jedes faschistische System. Nicht dass der Mord an Isaak nicht geschehen ist, sei entscheidend, sondern dass es zur Tat nur deshalb nicht gekommen sei, weil Gott auf wundersame Weise seine Macht ins Spiel brachte, und nicht aus einer verstandesmäßigen Einsicht Abrahams heraus. Abraham – eine faschistische Figur?

Eine mutige Bibelauslegung, die dem Papst nicht gefallen dürfte. Nun, Menschenopfer gab es zu allen Zeiten. Menschenabschlachtungen bei Kreuzzügen, Hexen- und Ketzerverbrennungen waren solche im Interesse der Wahrheit. Im alten Aztekenreich wurden bei Krönungen, Tempelweihen und religiösen Zeremonien Menschen zu Tausenden abgeschlachtet. Waren es deshalb faschistische Kulturen? Ja, und müsste man vor diesem Hintergrund die Abrahamgeschichte nicht sogar ausgesprochen positiv bewerten? Als Ächtung des Menschenopfers? Als frühgeschichtliche Tat von Aufklärung? Und wenn wir schon dabei sind, verschiedene Epochen, Jahrtausende auseinander, zu vergleichen: wie, bitte schön, soll man unsere Gesellschaft benennen, deren Ökonomie täglich 50.000 Menschen an Unterernährung sterben lässt. So viele Menschen an einem Tag lassen wir jeden Tag sehenden Auges sterben. Wenn auch – nur?! – vermittelt über unsere Ökonomie. Vielleicht kann man so etwas nicht Mord nennen, weil Menschen den Vermittlungsvorgang nicht begreifen, nicht sehen, dass ihr Leben etwas mit hungernden Menschen zu tun hat, nicht sehen oder nicht sehen wollen, dass es ihre Ökonomie ist, die Menschen dahinrafft. Bei den Nazis war es bewusster Massenmord, zweifellos vorsätzlich. Unsere Ökonomie, die Menschen verhungern lässt, mit der Mordmaschinerie der Nazis zu vergleichen, ist geschmacklos, zumal unanalytisch. Solche Vergleiche nützen denen, die den vorsätzlichen Massenmord an den Juden aus durchsichtigen Gründen relativieren. Historische Vergleiche hinken fast immer. Und sind insbesondere dort instrumentalisierbar, wo sie mehr zudecken als erhellen.

Gravierender ist ein anderer, weniger historischer Einwand: wie und woher sollte es eine reflektierende Vernunft als solche geben, in der Lage, der Macht menschlicher Gewohnheit Einhalt zu gebieten. Als besitze der Mensch so etwas wie ein übernatürliches Prinzip – von Natur aus, das Gewohnheiten durchbricht. Dieser Ansatz vergisst, dass institutionalisierte Gewohnheiten sich geschichtlich entwickeln und schon früh sehr stabile Hochkulturen fundierten. Wo war da die Vernunft im Kampf gegen unappetitliche Gewohnheiten, die es in fast allen Hochkulturen gab? Nicht die Tatsache, dass Menschen an fundamentalen Einsichten hängen und an ihnen festhalten, weil sie ihren Glauben ernst nehmen, ist unmenschlich. Maximen, die fundamental sind, braucht auch unsere Gesellschaft als da sind: die Würde des Menschen ist unantastbar, Folterverbot, Verbot der Todesstrafe. Nur können religiös motivierte Maxime heute nicht mehr das Fundament unserer Gesellschaft begründen, weil sie ein ethisch-moralisches System: ein universales Weltbild nicht ausbilden können – einfach deshalb, weil es praktisch in einer globalen Welt nicht funktioniert. Unsere Maxime müssen deshalb unabhängig von dem gelten, was Menschen glauben. Es gibt sie, weil Massengesellschaften nur auf der Basis fundamentaler Wahrheiten funktionieren. Fundamentalismen sind somit nichts Besonderes. Zu gelten haben sie unbedingt. Wer sie verletzt, wie die US-Regierung, muss als gemeingefährlich für das Zusammenleben der Menschen geächtet werden. Genauso haben Hochkulturen funktioniert, fundamental, weil schon sie Massengesellschaften waren. Dieser Ansatz ist deshalb fundamental, weil eine Ächtung menschlichen Verhaltens auf der Grundlage von Basiswerten keiner weiteren Begründung bedarf als die durch diese Werte selbst, darauf Menschen einer Gesellschaft sich geeinigt haben müssen. Damit begründet sich eine Gesellschaft aus sich selbst heraus. Tautologisch.

Übrigens: sich um einen solchen Ansatz bemüht zu haben, könnte man als ein Verdienst von Jürgen Habermas ansehen. Zumindest will ich ihn deuten. Wenn ich dann wieder den einen oder anderen Aufsatz von ihm lese, da, wo er ein wenig aus sich heraus kommt, sich als politisch engagiert begreiflich machen will, etwa in der Antisemitismusdebatte um Möllemann und Martin Walsers Tod eines Kritikers, dann weiß ich nicht, ob er eigentlich begreift, was er (früher mal) geschrieben hat.

Wenn man auf Geschichte nicht verzichten will, so kann man die Abrahamgeschichte auch anders lesen: als Fortschritt in menschlicher Daseinsbewältigung. Gott will seine Allmacht (über die Welt) nicht an Rituale geknüpft wissen. Er will nicht das sichtbare Zeichen, das Menschen aussenden als untrügliches Indiz ihrer Gottestreue. Rituale interessieren nicht, weil Gott über allem steht, nicht in Konkurrenz zu anderen Göttern. Er ist ein Gott eines mittellosen, orientierungslos umherirrenden Wüstenvolks, das von der Hand in den Mund lebt. Er verheißt, beschenkt und braucht nichts, weil meist schlicht nichts da ist, was man ihm darbringen könnte. Nur eines will er: absoluten Gehorsam, keine anderen Götter neben sich. Was er sagt, gilt. Nichts sonst. Er ist der absolut Eine, der ganz und gar Andere. Daher ist es ihm unwichtig, ob Menschen ihr eigenes Blut für ihn hingeben. Wenn sich Symbolismen nicht vermeiden lassen, schließlich kann man den Menschen das Sprechen nicht verbieten, dann sollen sie sich durch kleine Gesten äußern, mit denen man sich auf die Geltung seines Gottes hin verständigt. Denn Gott spricht: ich bin der, der ich bin. Und: du sollst dir kein Bild machen von deinem Gott. Je unscheinbarer eine Geste, die auf seine Existenz gerichtet ist, desto besser. Ein beachtlicher Fortschritt in der Entwicklung menschlichen Zusammenlebens ärmlicher Völker, die sich einen anspruchsvollen Gott nicht leisten können. Dabei spielt es keine Rolle, dass wir es hier mit einem Gott zu tun haben, der Abraham auf seine Gefolgschaft hin testet, indem er den Mord an seinem Sohn Isaak fordert (mal sehn, ob er gehorcht). Wesentlich ist, dass sich ein anderer Gottesbegriff durchgesetzt hat: andere Gewohnheiten, die menschlichen Fortschritt begründen, aus der Not heraus, nicht aus reflektierender Einsicht. Wenn man hier ein faschistoides Gemüt wittert, muss man dieses bald überall wittern.

Opferkult bis hin zum Selbstopfer Gottes am Kreuz, das im christlichen Abendmahl immer wieder seinen symbolischen Vollzug braucht, wird bis heute als Faszinosum wahrgenommen, als Wahrheitsbeweis der Offenbarung. Das eigene Leben opfern gilt als der ultimative Daseinsbeweis, weil schöner nicht klar wird, dass einer meint, was er sagt (geh’ doch in die DDR).

Gott wollte in Gestalt seines Sohnes den Menschen die Wahrheit seiner göttlichen Existenz zugänglich machen, sich offenbaren, und nicht nur das: auch die Wahrheit jedes einzelnen Menschen wollte Gott begreiflich machen.

Kierkegaard sah hier eine Doppelbewegung:
unendlich weit wegkommen vom eigenen Selbst (Opfertod), um von dort, aus der Unendlichkeit, zurückzukommen zum eigenen Selbst (Auferstehung), um schließlich in der Wiederholung zu einer neuen Form von Daseinsbewältigung zu kommen, man die Dinge dann mit anderen Augen angehe. Dieser immerwährende Zyklus sei nur möglich durch den Glauben an den ganz Anderen, den der Einzelne in sich verspüren müsse. Andernfalls drohe schiere Verzweiflung: entweder weil der Mensch, so Kierkegaard in Die Krankheit zum Tode, verzweifelt er selbst sein will und es nicht schafft, oder verzweifelt nicht er selbst sein will.(KIS-KZT).

Auch wenn Verzweiflung unvermeidlich ist, sozusagen ein Kind des eigenen Selbst, des menschlichen Geistes sei, so sei sie doch im Zyklus einer immer wieder gelingenden Doppelbewegung im Geiste reflektiert und deshalb beherrschbar.

Das riecht nach einem existentialdialektischen Gottesbeweis:
Gott sei notwendig, auf dass der Mensch sich selbst finde. Glaube wird an einen Zweck geschmiedet, ihm kommt eine menschliche Funktion zu. Wenn das nicht der Anfang jeglicher Gottlosigkeit ist. So fürchtete Luther: Gott für menschliche Zwecke zu instrumentalisieren, war für ihn im Grunde die größte Sünde, weil der Einzelne sich dabei ein Wissen anmaße, das nur Gott zukomme.

Mit anderen Worten: eine Identität aus sich selbst heraus, ohne Hilfe eines göttlichen Außen, vermag der Mensch nicht zu gewinnen. Die Erfahrung menschlicher Totalität als eine von Unendlichkeit und Ewigkeit sei nur möglich, indem der Einzelne seine eigene Existenz in einer Doppelbewegung umkreise und dabei auf die fürsorgliche Hilfe des ganz Anderen vertraue. Von sich selbst loskommen bis hinein in die Dunkelheit der Ewigkeit des Unendlichen, und dann wiederkommen zu sich selbst mit Hilfe des ganz Anderen, um mit dieser Wiedergeburt das profan-endliche Dasein zu bewältigen, handeln zu können im Alltäglichen. Das bedeutet: der Ganzheitsbegriff wird in einer besonderen Weise verwendet, in der Tendenz entmystifizierend: Der Mensch existiert als ganzer Mensch nur durch eigene Anstrengung. Gesundheit aufrechterhalten, sozusagen erobern, durch kommunikative Anstrengung, wenn auch nur mit und durch den ganz Anderen. Das war im Gefolge historisierender Romantik durchaus nicht selbstverständlich, v.a. gegen den Zeitgeist gebürstet. Kierkegaard war halt ein wirklicher Unruhestifter.

Um auf das Philosophische Quartett zurückzukommen:
Peter Sloterdijk verbreitet als Reizattrappe eher kalkulierte Unruhe zum Zwecke der Vermehrung seines medialen Werts. Ansonsten redet er über Religion (die Abraham-Geschichte) wie ein gefühlsprojizierender Historiker – unreflektiert, ebenso Bazon Brock über Gefühle, wenn er davon spricht, Gefühle seien das Rationalste was es gibt.

Ebenso kann man den aufrechten Gang zur Diskussion stellen: er ist das Rationalste, was es gibt. Schließlich gibt es ihn. Gefühle sind nicht deshalb rational, weil man sie immer wieder hat. Schon der deutsche Geniekult war überzeugt: große Gefühle gebären große Genies und umgekehrt. Gefühle mutieren bisweilen zum feinstfühligen Denken. Dann hören große Geister Flöhe husten.

Dabei beschützt der Augenblick eines Gefühls die eigene Existenz, wenn auch immer nur temporär. Goethe bringt das auf den Punkt in einem Zweizeiler aus dem Faust: Werde ich zum Augenblick sagen: Verweile doch, du bist so schön. In solchen Augenblicken schnuppert der Mensch Ewigkeit als schützendes Dach eigener Existenz: das erinnert an die Selbstvergessenheit in der Doppelbewegung Kierkegaards, begründet aber auch den Gefühlsfetisch: unentwegte Bemühungen um die Produktion ewigkeitsverheißender Gefühlsmomente. Eine ärmliche Angelegenheit, Menschsein auf Gefühle zu reduzieren.

Nun, jeder hat das Recht, viel zu reden und zu schreiben, wenn ihm der Tag zu lang wird. Auch Peter Sloterdijk. Vorurteile lassen sich durch noch so viel Wissen um Geschriebenes nicht vermeiden. Urteile sind, unabhängig vom Wissen um eine Sache, zunächst immer Vorurteile. Jemanden lange kennen, kann auch bedeuten, sich mit Geschmacklosigkeiten bis zur Heuchelei angefreundet zu haben und dann der Kritik nur noch schwer zugänglich ist. Der Zugang zur (Selbst-)Kritik ist aber Bedingung von Substanz und Transparenz.

Sowohl Kritisierende als auch Kritisierte sind davon abhängig. Kritische Stellungnahmen, aus wie viel oder wie wenig sie sich auch speisen, verhindern, dass Menschen in ihren Beziehungen sich wie in einem Laufrad der ewigen Wiederkehr des immer Gleichen bewegen, verhindern, dass Urteile im Geflecht von Unübersichtlichkeiten oder im Kontext eines komplizierten, vor sich hinperlenden elaborierten Codes, zu Vorurteilen versteinern, sich derart dem Diskurs entziehen und Basis kommunikativer Verweigerungshaltung werden.

Quellen:

BUP-UPM: Peter Bürger, Ursprung des postmodernen Denkens, Weilerswist, Göttingen 2000

DEW-GuV: Wolfgang Detel, Geist und Verstehen, Frankf./Main 2011

FAV-HUN: Victor Farías, Heidegger und der Nationalsozialismus. Mit einem Vorwort von Jürgen Habermas, Frankfurt/Main 1989

FLK-PDM: Kurt Flasch, Philosophisches Denken im Mittelalter. Von Augustin zu Machiavelli. Stuttgart 2000, 1.Auflage 1986

KIS-KZT: Søren Kierkegaard, Die Krankheit zum Tode, Stuttgart 1997, erstmals erschienen Kopenhagen 1849

WIF-MP1: ders., Materialien zur Politisierung des Bürgers, Band 1: Ökonomische und moralische Voraussetzungen einer sozialverträglichen Gesellschaft, Norderstedt 2105

WIF-SUL: Franz Witsch, Sozialintegration und Lernen, Vortrag auf der Jahrestagung der NGfP (www.ngfp.de) in Berlin vom 7. bis 10. März 2013
www.film-und-politik.de/NGfP-SuL.pdf

 


VON: FRANZ WITSCH






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