Ein Tod mitten im Wahlkampf

15.09.13
KulturKultur, Linksparteidebatte, TopNews 

 

von René Lindenau

Lothar Bisky (17. August 1941 - 13. August 2013)

Jeder der geht hinterlässt „Spuren im Sand“. Als Lothar Bisky starb, waren sein Sand und die Spuren, die er darin hinterließ von besonderer Qualität. Denn wäre die Betroffenheit über seinen plötzlichen Tod sonst so parteiübergreifend gewesen; insbesondere aus seiner eigenen Partei, aber auch von früheren seiner Wirkungsstätten?

Die Schlussszene im Drehbuch seines Lebens kam unerwartet und war einfach zu schnell im Kasten. Ob das dem einstigen Rektor der Potsdamer Filmhochschule gefallen hätte? Dem Film-Mann Bisky vielleicht, aber dem Linkspartei-Politiker Bisky sicher nicht. Zumal die letzte Klappe mitten Wahlkampf fiel.

Immer wenn ein Mensch stirbt, entstehen bei den Hinterbliebenen Leerstellen. Auf der Tastatur des Lebens nach neuen Buchstaben zu suchen, die einem das Weiterleben und auch das Weiterarbeiten diktieren, ist dann die große Aufgabe. Bei einem so grundanständigen, klugen, bodenständigen, so völlig von Allüren freien Menschen, Wissenschaftler, Familienvater, Autoren und Politiker, wie Lothar Bisky, fällt das besonders schwer.

Der Filmregisseur Andreas Dresen, früher Student bei Bisky, erinnerte z.B. am 14. September in einer Trauerfeier der LINKEN: Es sei hinter seinen „großen Schultern“ möglich gewesen, auch Dinge zu zeigen und anzusprechen, für die es in der DDR von staatlicher Seite aus keine Öffentlichkeit geben sollte. Immer habe er sie zu kritischen Arbeiten über den damaligen Alltag ermuntert. Fragt man sich da als demokratischer Sozialist nicht gleich, hätte der erste sozialistische Versuch auf deutschen Boden nicht Zukunft haben können, wenn die DDR mehr solcher Leute mit Zivilcourage gehabt hätte?

Die 89´ Wende hat den „Roten Professor“ in das Haifischbecken Politik gespült. Das Rauben überließ er dabei immer anderen, auch in den eigenen Reihen. Was muss es ihn geärgert haben, wenn Genossen sich in Grabenkämpfen um die Eroberung von Punkt und Komma auf dem ideologischen „i“ bekriegten, statt an der Fortentwicklung der linkssozialistischer Politikangebote zu arbeiten und für deren Vermittlung in die Öffentlichkeit zu wirken. Dazu kam immer wieder die Demütigung durch den eigentlichen politischen Gegner. Ein Höhepunkt, oder besser Tiefpunkt, war die gegen alle parlamentarischen Regeln nach vier Anläufen gescheiterte Wahl zum Vizepräsidenten des Bundestages im Jahr 2005. Peinlich nicht für seine Partei und nicht für ihn, sondern für die „gelernten Musterdemokraten“.

Anders Alt-Ministerpräsident Manfred Stolpe, der in besagter Veranstaltung von der seit 1990 mit dem Verstorbenen „praktizierten Alternative“berichtete, die man als „Brandenburger Weg“ kennt.
Dabei sagte Stolpe: „Bisky sei ein Kämpfer für Wahrheit und Versöhnung gewesen, und bleibe ein Vorbild für eine integrierende politische Kultur“.Schließlich war es wesentlich sein Verdienst und seine Art Politik zu machen, das der „Brandenburger Weg“ gangbar, und das die damalige PDS in Brandenburg verfassungsgebende Partei wurde.

Unbestritten, die Partei hat ihrem langjährigen Vorsitzenden viel zugemutet. War es am Ende zuviel? Erinnern wir uns an das Jahr 2003. Seiner Nachfolgerin im Parteivorsitz, Gabi Zimmer, passten die neuen Schuhe nicht, sodass die Partei aus dem Bundestag kippte. Nur zwei Gewinner eines Direktmandates blieben übrig. Und wieder musste die „finale Mülltonne“ (L.B) ran; im doppelten Sinne entsorgen und neu starten. Mit seiner neuerlichen Wahl im Berliner Tempodrom gelang dies, und die Partei nahm wieder Fahrt auf. Haben wir es ihm, wie so vieles andere gedankt? Ich meine damals, nicht jetzt, wo wir mit seinem Tod konfrontiert sind. Seien wir ehrlich, wir haben ihn nie geschont. Oder?

Auch im Reden war er ganz untypisch, eher der „Anti-Politiker“. Ein Mann weniger der laut - krachenden, sondern der leise-nachdenklichen Töne. Wenn er dennoch seine Stimme zu höherer Lautstärke anhob, klang das oft gezwungen. Hintergründiger Humor und feinsinnige Ironie, waren da eher seine Sache. So wie in vielen Parteitagsreden – wo man genauer zuhören musste – und ich hörte ihm gern zu. Ich sah ihn gern, ich sprach mit ihm, ich schüttelte ihm die Hand, ich hab ihn gelesen, ich sah ihn von Wahlplakaten lächeln. Vorbei. Der friedfertige Soldat, wie sein politischer Weggefährte Dietmar Bartsch Lothar Bisky nachrufend schrieb, der so viele Überlebenskämpfe der PDS in den 1990er Jahren überstanden hat und ab 2005 den Aufbruch hin zu der neuen LINKEN hinbekam, hat seine Waffen gestreckt. Geblieben ist eine „unfüllbare Lücke, die Biskys Tod gerissen habe“ – so sein Freund Gregor Gysi an jenem sonnigen Septembermorgen. Letztendlich endete der Linksfraktionschef: „Es tut so weh“. Nun - das beste Schmerzmittel dagegen sollte sein, im Sinne von Lothar Bisky weiter zu arbeiten. Jeder wie er kann, jeder wo kann.

Cottbus, den 15.09. 2013 René Lindenau







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