Neuerscheinungen über jüdisches Leben, Antisemitismus und Antijudaismus


Bildmontage: HF

04.05.19
KulturKultur, Antifaschismus, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Hanns-Fred Rathenow, Birgit Wenzel, Norbert H. Weber (Hrsg.): Handbuch Nationalsozialismus und Holocaust. Historisch-politisches Lernen in Schule, außerschulischer Bildung und Lehrerbildung, Wochenschau Verlag, Schwalbach Taunus 2013, ISBN: 978-3-89974776-8, 49,80 EURO (D)

Unter Berücksichtigung veränderter Zugänge, Aneignungs- und Vermittlungsformen und der Tatsache, dass Zeitzeugen immer weniger werden, will dieses Handbuch, die gegenwärtige Bedeutung dieses Lernfeldes Nationalsozialismus und Holocaust  für Schule, außerschulisches Lernen und Lehrerbildung herauszustellen und Impulse für den theoretischen Diskurs wie für die praktische Arbeit in Lehr-Lernprozessen zu setzen. Insofern ergänzen sich grundlegende, untersuchende Texte, methodische Anregungen, persönliche Erfahrungsberichte und Projektdarstellungen; nationale wie internationale Perspektiven geben Einblick in die jeweilige Praxis. In diesem Handbuch schreiben ausgewiesene Experten Beiträge für ihren Forschungs- und Fachbereich, häufig auch aus der praktischen Arbeit. Diese Beiträge werden in vier inhaltlichen Schwerpunkten zusammengefasst. Dies sind der Bereich schulisches Lernen, wobei die Sekundarstufe I hier einen Schwerpunkt bildet. Danach folgt der Bereich des außerschulischen Lernens, wobei die Gedenkstättenpädagogik besonders betont wird. Die Aus- und Weiterbildung von Lehrern zu diesen auch heute noch virulenten Themenbereichen wird danach behandelt. Der vierte Teil beschäftigt sich mit den Themenbereichen Nationalsozialismus und Holocaust in internationaler Perspektive, wo Zugänge, Aneignungs- und Vermittlungsformen in anderen Ländern mit anderer Bildungsausrichtung stark vertreten sind.

In den informativen Texten auf hohem fachlichen Niveau, die aber auf dem Stand des Jahres 2013 stehen, wird einer Pluralität der Sichtweisen Rechnung getragen, so dass es kein einheitliches Thesenkonglomerat ist, was positiv ist. Die Autoren des Handbuches bilden eine Mixtur zwischen Theorie und Praxis.  Mitarbeitern von Museen, Gedenkstätten und anderen erinnerungspolitischen Zusammenhängen sind ebenso wie Lehrer an Schulen oder ausgewiesene Experten aus der Forschung involviert. Natürlich kann ein Handbuch nicht alles abdecken, was bei diesen weit gefassten Themenbereichen dazugehört und vorhanden ist. Spezielle Zugänge zum Antisemitismus unter Muslimen oder die Perspektiven der antirassistischen Bildung aus den angelsächsischen Ländern wären es zum Beispiel Wert, näher ausgeführt zu werden.

 

Mario Markus, 222 Juden verändern die Welt, Olms Verlag, Hildesheim 2019, ISBN: 978-3-487-08607-1, 29,80 EURO (D)

Mario Markus, emeritierter Professor für Physik an der Universität Dortmund, wurde 1944 als Sohn deutschjüdischer Einwanderer in Santiago de Chile geboren. Als 20-Jähriger ging er nach Heidelberg, wo er in Physik promovierte.

In diesem Buch will er über die Ausgrenzungs-, Verfolgungs- und Opfergeschichte hinaus die besonderen Leistungen von Juden und Jüdinnen für die gesamte Menschheit hervorheben. Dabei hebt er in der Einleitung seine Beziehung zum Judentum hervor: „Meine Beziehung zum Judentum ist weniger religiös und schon gar nicht zionistisch, sondern ganz einfach durch meine Herkunft begründet.“ (S. 17) Der Leitfaden dieses Buches sei „Integration und Leistung“, die „Gegensatz zu häufigen Darstellungen der Juden in vielen Gedenkstätten und Museen“. (S. 19) Er möchte für seine Person kein „Mitleid“, sondern er will mit diesem Buch ein wenig dazu beitragen, dass „im kollektiven Bewusstsein eine Tatsache verankert wird, die tatsache nämlich, dass Juden substanziell an der Gestaltung der Zivilisation in der ganzen Welt mitgewirkt haben. Auf ihre Beiträge mit Staunen und Hochachtung zu reagieren, wäre angemessen.“ (S. 19) Dabei soll das Buch jene hervorheben, die „die Weichen für eine neue Methode, Stilrichtung oder Gedankenwelt stellten“. (S. 22) In der Einleitung wird auch begründet, warum auf welche Personen verzichtet wurde.

Angefangen von Abraham bis Bob Dylan und Leonard Cohen werden die Personen chronologisch nach ihren Lebensdaten biographisch, mit einem schwarz-weiß Bild und ihren besonderen Leistungen auf mehreren Seiten vorgestellt. Dabei werden der kulturhistorische Kontext ihres Wirkens und damit ihre Einbettung in der Geschichte des Judentums nach Angaben des Autors weitgehend verzichtet.

Es folgt noch ein Nachwort von Daniel Libeskind. Im Anhang findet man noch ein Literaturverzeichnis, ein Sachverzeichnis und einen Bildnachweis.

Das Buch ist mit Hilfe zahlreicher Fachleute, die am Ende des Buches in der Danksagung genannt werden, entstanden. Dies merkt man auch in den einzelnen fundierten Beiträgen über die Biografie, den persönlichen Aufstieg und die besonderen Leistungen. Bei manchen Beiträgen zum Beispiel zu Hannah Arendt wäre eine ausführlichere Rezeption ihres Wirkens zu wünschen gewesen. Auch die Anzahl der Frauen hätte höher sein können. Sonst ist das Buch insgesamt gesehen eine spannende Lektüre, die die Leistungen von Juden für die gesamte Menschheit nachdrücklich ins Gedächtnis ruft und hoffentlich dazu beiträgt, bestimmte antisemitische oder antijudaistische Vorurteile (Geldgier, zionistische Weltverschwörung usw.) abzubauen.

 

Die Mischna. Das grundlegende enzyklopädische Regelwerk rabbinischer Tradition. Ins Deutsche übertragen und mit einer Einleitung und Anmerkungen versehen von Dietrich Correns, marix Verlag, Frankfurt/Main 2018, ISBN: 978-3-86539-016-5

Die Mischna ist das erste kanonische Werk der mündlichen Überlieferung des Judentums und wird allgemein als Gesetzeskodex bezeichnet. Sie ist die wichtigste Sammlung religionsgesetzlicher Überlieferungen (Halacha) des rabbinischen Judentums und bildet die Grundlage der talmudischen Argumentation. Die Mischna beinhaltet den autorisierten Teil des bis etwa 230 n. Chr. herausgebildeten jüdischen Religionsgesetzes, Lehren der in dieser Zeit tätigen und diesen zugeschriebenen Tannaiten sowie anonyme Lehrsätze.

Dieses Werk wurde nun vom Theologen Dietrich Correns erstmals in die deutsche Sprache übertragen und mit Anmerkungen zum Verständnis versehen: „Die Mischna ist ein Werk, das um das Jahr 200 erschienen ist und vor allem Traditionsstoff der vergangenen Jahrhunderte enthält. Sie ist damit eine bedeutsame Quelle für die Erforschung des Judentums und auch des Christentums. Die Mischna ist darüber hinaus für die verschiedensten Wissenschaften wichtig.“ (S. V)

Das Buch beginnt mit dem Verzeichnis der Abbildungen und einer Umschrift des hebräischen Alphabets. In der opulenten Einleitung werden dann grundlegende Fakten wie Begriffsbestimmungen, die Entstehungsgeschichte de Mischna, die wichtigsten Rabbinen, die Gliederung der Mischna, der Text der Mischna und die Monatsnamen präsentiert. Anschließend werden Ordnungen und Traktate der Mischna, Abkürzungen, Münzen, Maße und Gewichte und die wichtigste deutschsprachige Literatur vorgestellt, bevor dann der übersetzte Text folgt. Im Anhang findet man noch ein Verzeichnis der Rabbinen, ein Verzeichnis einiger wichtiger Begriffe und ein Verzeichnis der Abbildungen.

Die Mischna bildet zusammen mit weiteren jüngeren Kommentaren (Gemara) die Grundlage für den Talmud, der bis heute wichtigsten Schrift des Judentums. Dem Autor gehört ein besonderer Verdienst, diesen Text nun einer deutschsprachigen Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu haben. Neben den dadurch entstehenden neuen Möglichkeiten für verschiedene Wissenschaftszweige wird dieses Werk das Verständnis für das Judentum fördern und mithelfen, bestehende Ressentiments abzubauen.

 

Michael Blume: Warum der Antisemitismus uns alle bedroht. Wie neue Medien alte Verschwörungsmythen befeuern. Ungekürzte Lesung ca. 300 Minuten Laufzeit, MP3-CD in Jewelcase, Patmos Verlag, Ostfildern 2019, ISBN: 978-3-8436-1133-6, 19, EURO (D)

Michael Blume, Landesbeauftragter für Antisemitismus in Baden-Württemberg, lget in diesem Lesung dar, wie die Wechselwirkung aus Medien, Mythen und Demografie die menschliche Geschichte der letzten Jahrtausende prägte. Antisemitische Mythen, die den Zusammenhalt, die Bildungserfolge sowie den Kinderreichtum von Juden und anderen Semiten als bedrohliche Verschwörungen deuteten, sind keine Form des 21. Jahrhunderts. Durch das Aufkommen von Medien wie Buchdruck, Radio, Film, Internet und Social Media entfaltet dieser Antisemitismus eine enorme Gegenbewegung, die imstande ist, die Grundlagen der Zivilisation zu erschüttern.

Zunächst beschäftigt er sich mit dem Wiederaufblühen von Verschwörungsglauben in der scheinbar rationalen Welt, geht auf den arabischen Antisemitismus ein, den Antisemitismus ohne Juden und die Verbindung zwischen Rassismus und Antisemitismus. Dabei arbeitet er gut die antisemitischen Verschwörungstheorien wie die „Ostküste“ der USA, wo Juden angeblich seit Jahrzehnten die Weltpolitik bestimmen. Oder die „Protokolle der Weisen von Zion“, die schon längst als Fälschung bekannt sind, aber dennoch ihre Wirkung entfalten. Ferner analysiert er ausführlich die Geschichte des Antisemitismus und des Antijudaismus, die psychologische Logik und die Macht von Medien und Rhetorik auch in Zeiten von Fake News. Was viel zu kurz kommt, ist die Grauzone zwischen angeblicher Israelkritik, Antizionismus und Antisemitismus, die als Vorwand für Judenhass immer wieder herangezogen wird.

Seine These, dass der Kampf zwischen dem buchorientierten Semitismus und dem digital neu beflügelten Antisemitismus die kommenden Jahrzehnte bestimmen werde, ist auch zweifelhaft. Die „Protokolle der Weisen von Zion“ erscheinen in arabischen Ländern auch als Buchform, werden mündlich tradiert und von einer Generation zur nächsten erzählt. Die „Holocaust-Konferenz“ im Iran wurde ebenfalls in Buchform herausgebracht. Orbans Hetze gegen Soros zieren die regierungsfreundlichen Zeitungen und Zeitschriften in Ungarn, ein Blick auf die Publikationen der extremen Rechten in der BRD liefern dasselbe Ergebnis. Antisemitische Verschwörungsmythen im Internet und in den „Sozialen Medien“ tauchen zwar überproportional oft auf, werden jedoch flankiert durch das gute alte Buch, Zeitungen oder andere Printmedien.

 

Marc Grimm/Bodo Kahmann (Hrsg.): Antisemitismus im 21. Jahrhundert. Virulenz einer alten Feindschaft in Zeiten von Islamismus und Terror, De Gruyter Oldenbourg, Berlin Boston 2018, ISBN: 978-3-11-053471-9, 119,95 EURO (D)

Antisemitismus ist in der BRD, Europa und in der Welt erschreckend weit verbreitet, er zeigt sich nicht nur in Diskriminierungen und Gewalttaten, sondern oft auch unterschwellig im Alltag. Dieser Sammelband von hochrangigen Wissenschaftlern beschäftigt sich dessen Virulenz im 21. Jahrhundert. Er erscheint in der Reihe Europäisch-Jüdische Studien des Moses-Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien.

Das Themenfeld wird nach einer Einleitung der Herausgeber über die Perspektiven und Kontroversen der Antisemitismusforschung im 21. Jahrhundert in vier Themenblöcke mit Essays unterteilt.

Zunächst geht es um theoretische und konzeptionelle Überlegungen wie die Definitionskontroversen über Antisemitismus, „Israelkritik“ und deren Grenzen, zum Verhältnis von Antisemitismus und Sexismus und die Verbindungslinien und Unterschiede zwischen Shoah und Porajmos. Anschließend folgen Essays zum islamischen Antisemitismus: Dabei werden der muslimische Antisemitismus in Europa, der Forschungsbereich des islamischen Antisemitismus in der BRD, das Verschwörungskonstrukt des „jüdisch-westlichen Krieges gegen den Islam“, Antisemitismus und Antizionismus unter südasiatischen Muslimen und Antisemitismus im Iran seit 1979 behandelt.

Weiter geht es mit Antisemitismus in der öffentlichen Diskussion. Dabei werden die Abwehr der Antisemitismuskritik bei der Debatte um Günter Grass, antiisraelische Schuldprojektionen zur Erzeugung eines positiven Selbstbildes an zwei Beispielen, antisemitistische Argumentationsmuster in der deutschsprachigen Medienberichterstattung über Israel, mediale Judenbilder und das Motiv des „rechtsbrechenden Juden“ in der Diskussion um kulturell-religiöse Vorhautbeschneidungen erörtert.

Der Antisemitismus in politischen Bewegungen wird in Form von vier Beiträgen über dem aktuellen Stand der Maßnahmen der EU gegen Antisemitismus, antisemitistische Verschwörungstheorien in der Protestbewegung der Mahnwachen für den Frieden, die Nähe von Russland zu extrem rechten und antisemitischen Parteien in Europa und Antizionismus an Universitäten in den USA.

Im Anhang findet man noch die Biografie der Autorinnen und Autoren sowie ein Personenregister.

Zahlreiche sozialwissenschaftliche Studien der jüngeren Vergangenheit haben gezeigt, dass sich Antisemitismus nicht nur in der extremen Rechten, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft findet. Daher ist die Herangehensweise mit dem Schwerpunkt Antisemitismus in der öffentlichen Kommunikation zu loben.

Der Bereich des islamisch motivierten Antisemitismus ist lange Zeit vernachlässigt worden, nimmt jedoch im Buch zu starken Raum ein. Die meisten antisemitischen Straftaten in der BRD werden immer noch von extremen Rechten begangen, dies kommt in den Beiträgen aber nicht zum Ausdruck. Dabei wären Antisemitismus in der AfD, Antisemitismus in Publikationen der extremen Rechten oder der Antisemitismus bei Pegida und seinen Ablegern äußerst spannend.

 

Jean Lopez/Nicolas Aubin/Vincent Bernard/Nicolas Guillerat: Den Zweiten Weltkrieg verstehen.1939 - 1945 in Infografiken. Aus dem Französischen von Martin Bayer, dtv, München 2019, ISBN: 978-3-423-28189-8, 30 EURO (D)

Mit einem neuen Konzept versuchen die Autoren, die komplexen Zusammenhänge des 2. Weltkrieges verständlich zu machen. Anhand von mehr als 357 Infografiken und Karten erläutern sie die politischen Ereignisse, die industriellen Aufwendungen der Kriegsparteien, Waffenentwicklungen, Strategien, Allianzen und die fürchterlichen Folgen des Krieges und der Shoa. Das Buch erschien ursprünglich in französischer Sprache unter dem Titel „Infographie de la Seconde Guerre Mondiale“ im Pariser Perrin Verlag.

Die Quellen werden dabei von dem Datendesigner Nicolas Guillerat grafisch umgesetzt: „Das vorliegende Buch soll nicht nur als Gedächtnisstütze oder Nachschlagewerk dienen. Es soll zum Vertiefen vorhandenen Wissens anregen, zum Entdecken neuer Fakten, zum Staunen und zum Umdenken darüber, wie wir mit dem schrecklichsten Ereignis des 20. Jahrhunderts umgehen.“ (S. 10)

Im ersten Kapitel geht es um Daten und Fakten zur Mobilisierung, Produktion und Ressourcen. Dabei werden zum Beispiel die Rüstungsproduktion im Vergleich zwischen 1939 und 1945 oder die Ausplünderung Europas durch das NS-Regime in wirtschaftlicher Hinsicht durch Zwangsarbeit dargestellt.

Anschließend geht es um Armeen und Waffen, wobei die einzelnen Oberkommandos und die Waffengattungen vorgestellt werden. Danach werden die wichtigsten Schlachten und Feldzüge wie der „Polenfeldzug“ der Nationalsozialisten im Jahre 1939 oder die Atlantikschlacht, der U-Boot-Krieg des Deutschen Reiches gegen die Alliierten.

Im letzten Kapitel werden Bilanzen und Brüche des 2. Weltkrieges illustriert: Dabei werden unter anderem die militärischen und zivilen Verluste aller Länder in Einzelheiten oder das System der NS-Konzentrationslager mitsamt der Opfer deutlich gemacht. Am Ende jedes Themenblocks wurden Quellen aus internationalen Publikationen zusammengetragen. Die Infografiken werden immer mit einem einleitenden Text begleitet.

Dieses Buch trägt sicher zu einem besseren und differenzierten Verständnis des 2. Weltkrieges bei und entzaubert so manchen Mythos. Es wird allerdings mehr als die Hälfte Militärgeschichte präsentiert, was einen zu hohen Stellenwert besitzt. Stattdessen hätte die sinnlose Zerstörung des Krieges von Städten, Kulturdenkmälern oder ganzen Landstrichen besser hineingepasst. Sonst ist diese spannende Herangehensweise als gelungen zu bezeichnen.

 

Michele Barricelli, Martin Lücke (Hrsg.): Handbuch Praxis des Geschichtsunterrichts, 2 Bände, Wochenschau Verlag, Frankfurt/Main 2017, ISBN: 978-3-89974621-1, 54 EURO (D)

Das zweibändige Handbuch stellt Grundlagen des Geschichtsunterrichtes zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Die Grundlagen des historischen Lehrens und Lernens finden hier ebenso Berücksichtigung wie fachdidaktische Prinzipien, Kompetenzorientierung, Lehrplaninhalte, Kommunikation und Interaktion, Methoden und Medien. Kapitel zu bilingualem oder fächerverbindendem Geschichtsunterricht, zu Leistungsmessung sowie Lehrerbildung werden auch berücksichtigt.

Nach einer Einleitung der Herausgeber werden zunächst gesellschaftliche und institutionelle Grundlagen von Bildung im 21. Jahrhundert wie Bildung und Lernen in der Gesellschaft, Schule und Gesellschaft  Sozialisation und Identitätsbildung bei Jugendlichen heute vorgestellt. Danach werden die Bedingungen des historischen Lernens angesprochen: Die erkenntnistheoretische Grundlagen historischen Lehrens und Lernens, die historischen Identitäten in einer kulturell heterogenen Gesellschaft, Theorie und Empirie Geschichtsbewusstsein, Diversität und Intersektionalität als Konzepte der Geschichtsdidaktik Geschichtskultur, Geschichtsunterricht im Sachunterricht der Primarstufe, Geschichtsunterricht in den unterschiedlichen Schulformen der Sekundarstufe  und in der Sekundarstufe II werden hier behandelt.

Im dritten Teil folgen fachdidaktische Prinzipien wie Kompetenzen und Kompetenzmodelle im Geschichtsunterricht, die Graduierung von Kompetenzen, Informationen über Narrativität Multiperspektivität, Kontroversität, Pluralität, den jeweiligen Lebenswelt- und Gegenwartsbezug, Fragen der Personalisierung/Personifizierung und historische Urteilsbildung sowie Prinzipien eines „guten“ Geschichtsunterrichtes.

Danach folgen Informationen über Lehrplaninhalte und Unterrichtsthemen: Dabei geht es im Einzelnen um Themenbestimmung für historisches Lernen im Sachunterricht der Primarstufe, Themenbestimmung im Geschichtsunterricht der Sekundarstufen die verschiedenen Bereiche National-, Europäische-, Weltgeschichte.

Im zweiten Band werden Kommunikation und Interaktion im Geschichtsunterricht präsentiert. Allgemeine und spezifische Sozial- und Arbeitsformen, Aufgaben(kultur) und neuere Prüfungsformen, die Handlungsorientierung im Geschichtsunterricht, Problemorientierung und problemlösendes Denken und historische Projektarbeit als eine Form selbstorganisierten Lernens.

Anschließend werden die Medien des historischen Lernens behandelt. Nach einem einführenden Teil über Medien im Geschichtsunterricht werden Textquellen, Bildquellen, der Einsatz digitaler Medien in historischen Lernprozessen sowie die die Rolle der Massenmedien: Geschichtsjournalismus, „Histotainment“ im Geschichtsunterricht diskutiert.

Die Planung von Geschichtsunterricht wird besonders Referendare ansprechen: Unterrichtsplanung - Artikulationsschemata – Lehrervorbereitung, Darstellungskonzepte von Geschichte im Unterricht, Grundlagen der didaktischen Analyse sowie Heterogenität und Inklusion, Binnendifferenzierung und Individualisierung

Danach werden „Einzelfragen“ zu bestimmten Themenkomplexen behandelt: „Holocaust-Education“ und Menschenrechtserziehung, außerschulische Lernorte, fächerverbindender und bilingualer Geschichtsunterricht.

Zum Schluss werden noch Elemente der Professionalisierung von Fachlehrerinnen und Fachlehrern ausgebreitet: Nach der Ausbildung von Geschichtslehrerinnen und Geschichtslehrern folgen Einstellungen und Haltungen von Fachlehrerinnen und Fachlehrern der Weg vom Lehrplan zum Schulcurriculum und die Trias Diagnostizieren - Evaluieren - Leistungen beurteilen.

Die insgesamt 21 Autoren stellen hier ein sehr breites Spektrum vor, viele theoretische Debatten und Erläuterungen prägen das Buch aber auch praktische Dinge wie etwa die Orientierung auf Kompetenzmodelle historischen Lernens. Die Interpretation und Heranführung an geschichtspolitische Diskurse fehlt allerdings.

Sonst sind die beiden Bände von Fachleuten auf hohem Niveau geschrieben, thematisch gut strukturiert und daher als Einführungsbände zu empfehlen. Sie sind geeignet für Studenten der Geschichtswissenschaften, Referendare und auch für erfahrene Lehrer oder Praktiker wie Museumspädagogen oder Mitarbeiter von Erinnerungsorten, die sich über den aktuellen Stand geschichtsdidaktischer Debatten informieren möchten.

 

Lilly Maier: Arthur und Lilly. Das Mädchen und der Holocaust-Überlebende. Zwei Leben – Eine Geschichte, Heyne, München 2018, ISBN: 978-3-453-20282-5, 22 EURO (D)

Dieses Sachbuch hat ein außerordentliches Genre: Die Novemberpogrome gegen die jüdische Bevölkerung vom 9. auf den 10.November 1938 führten der Weltöffentlichkeit drastisch vor Augen, dass Juden in Deutschland schutzlos waren. Dennoch machten es die damals bestehenden strengen Einwanderungsbestimmungen vieler Länder den deutschen Juden trotz ihrer Verfolgung nahezu unmöglich, Deutschland zu verlassen.

Großbritannien handelte schnell: Am 15.November 1938 empfing der britische Premierminister Arthur Neville Chamberlain eine Abordnung einflussreicher britischer Juden um über eine vorübergehende Aufnahme von Kindern und Jugendlichen in Großbritannien zu verhandeln. Die jüdische Gemeinde verpflichtete sich zur Stellung von Garantiesummen für die Reise- und Umsiedlungskosten der Kinder und versprach, die Kinder im Land zu verteilen und ihnen eine angemessene Ausbildung angedeihen zu lassen. Später sollten die Kinder mit ihren Familien wieder vereinigt werden und eine neue Heimat in Palästina finden.

Der 10jährige Oswald Kernberg und sein Bruder werden von seinen jüdischen Eltern vor den Übergriffen geschützt, sie übergeben sie an einen Kindertransport, der sie in Sicherheit nach Amerika bringen soll. Sein älterer Bruder Fritz wird nicht mitgenommen da er an Epilepsie leidet und nur gesunde Kinder verschickt werden. Fritz wird mit seinen Eltern deportiert und ihr Schicksal bleibt offen. Seine Erinnerungen und zahlreiche Zeitzeugen-Interviews geben ein dramatisches Bild von der Flucht der Kinder nach Frankreich, über die Pyrenäen durch Spanien bis nach Lissabon und per Schiff nach New York. Er nennt sich ab sofort Arthur Kern.

Nach 62 Jahren besucht er Wien und möchte seine alte Wohnung gerne nochmal sehen. Dort lernt er die junge Lilly kennen, die mit ihrer Mutter in der Wohnung lebt. Da sich Lilly bereits in der Schule mit dem Thema Judenverfolgung auseinander setzt, entsteht eine ungewöhnliche Freundschaft und sie schreibt Arthurs Leben in diesem Buch nieder.

Das Buch ist mit viel Hintergrundrecherche geplant und geschrieben worden. Die Autorin hat viele der Orte, wo Oswald/Arthur auf seiner Reise nach Amerika Station gemacht, selbst bereist, in Archiven vor Ort recherchiert und viele Quellen aufgespürt. In dem Buch gibt es zahlreiche Fotos aus Oswalds/Arthurs Familiengeschichte vor, einige Zeitzeugen werden zitiert, was die Authentizität steigert. Durch die Tatsache, dass das Buch biografische Elemente, historische Dokumentationen und eine rührende Romanhandlung besitzt, gehört es zu den Büchern, die man nicht so schnell vergessen wird.

 







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