Agenten: Das FBI und die GPU in der trotzkistischen Bewegung

20.08.20
KulturKultur, Sozialismusdebatte, TopNews 

 

Politische Buchkritik von Hannes Sies

Heute vor 80 Jahren, am 20.8.1940, wurde Leo Trotzki durch den stalinistischen Agenten Ramon Mercader alias Frank Jacson in Mexico-City mit einem Eispickel erschlagen. Trotzki war ein Nestor der russischen Oktoberrevolution von 1917/18, führte die Rote Armee und lieferte theoretische und historische Beiträge von immenser Bedeutung. Nach Lenins Tod verlor er den Machtkampf gegen Stalin und wurde von dessen Geheimdienst GPU (später KGB) gnadenlos verfolgt. Sein Tod markiert für die immer noch aktive trotzkistische Bewegung eine Menschheitstragödie, hätte mit ihm an der Spitze der Sowjetunion doch der Sozialismus eine humanere Richtung genommen.

Eric London nutzt Archivmaterial, um ein neues Licht darauf zu werfen, wie die Regierungen der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion die trotzkistische Weltbewegung von den 1930er bis 1980er Jahren ausspioniert und infiltriert haben. Ab den 1930er Jahren gelang es beiden Regierungen, hochrangige Vertreter ihrer Geheimdienste innerhalb der amerikanischen trotzkistischen Socialist Workers Party (SWP) zu platzieren. Durch ihr Netzwerk von Spionen konnte die stalinistische Geheimpolizei GPU die Ermordung Leo Trotzkis, dem Führer der Russischen Revolution, im August 1940 in Mexiko organisieren. Das FBI nutzte sein Netzwerk von Undercover-Agenten, um die Verurteilung von 18 SWP-Mitgliedern im Jahr 1941 wegen Aufruhrs unter dem kurz zuvor verabschiedeten Smith Act vorzubereiten. In beiden Fällen setzte sich die Infiltration weit über die frühen 1940er Jahre hinaus fort.“ Mehring-Verlagstext

Trotzkisten bekämpften Stalin schon als er in den verbündeten USA noch als netter „Uncle Joe“ galt, wiesen mit als erste auf die Verbrechen in den Gulags hin, in die Stalin seine Gegner verschleppen ließ. Mit Eric London legt 2020 ein Vertreter dieser Bewegung eine Abrechnung mit sowohl FBI wie GPU vor, die beide in noch wenig bekanntem Ausmaß besonders diese marxistische Bewegung infiltrierten. Auf 240 Seiten, davon 50 Seiten Anhänge, wird die Unterwanderung der Trotzkisten dokumentiert: insbesondere die Untersuchung »Sicherheit und die Vierte Internationale«, die 1975 vom Internationalen Komitee der Vierten Internationale (IKVI) begonnen wurde, um das GPU-Netzwerk der Trotzki-Mörder aufzudecken. Die IKVI-Studie deckte auch die Infiltration durch US-Regierungsagenten des FBI auf, die innerhalb der Socialist Workers Party (SWP) arbeiteten. Eric London spart dabei nicht mit Kritik an der SWP: Obwohl die Partei bereits 1947 erfahren habe, dass sie von der GPU infiltriert worden war, „unterließ sie es, eine tiefgehende Untersuchung durchzuführen, und vertuschte stattdessen 40 Jahre die Arbeit dieser Agenten, die dem Kampf für die sozialistische Weltrevolution ungeahnte Schäden zugefügt hatten.“

Der Mord an Leo Trotzki ging, so das Buch des Mehring-Verlages, auf ein Netz von Agenten zurück, die in die Vierte Internationale eingedrungen waren. Ein Heer von Spitzeln des FBI und der GPU reichte in den USA vertrauliche Parteidokumente an sowjetische und US-Regierungsstellen weiter. In diesem Buch wird aufgezeigt, wie diese Unterwanderung bewerkstelligt wurde, wie die Agenten ihre wahre Identität verbargen und auf wie es dem Internationalen Komitee der Vierten Internationale gelang, sie zu enttarnen. 80 Seiten befassen sich mit „Sylvia Callen, stalinistische Agentin, 40 Jahre lang von der SWP der USA gedeckt“.

Die Untersuchung bewies, so die WSWS, dass Sylvia Callen, die persönliche Sekretärin von James P. Cannon, dem Führer der amerikanischen Socialist Workers Party (SWP), Agentin der GPU war. Sie belegte auch, dass Joseph Hansen, Trotzkis Sekretär in Mexiko und langjähriger SWP-Führer, nach Trotzkis Ermordung im Austausch gegen „Straffreiheit“ „vertrauliche Informationen“ an das FBI weitergegeben hatte. „Agenten“ bringt Material aus vielen Quellen zusammen – Prozessprotokolle, Zeugenaussagen vor einer Grand Jury, Archivmaterial und FBI-Aufzeichnungen über die Verfolgung von 29 Mitgliedern der Socialist Workers Party durch die US-Regierung im Jahr 1941 unter dem Vorwurf des Aufruhrs und der Verschwörung zum Sturz der Regierung. Eric London stützt sich dabei auch auf das kürzlich erschienenes Buch der Historikerin Donna T. Haverty-Stacke über den Prozess gegen die Trotzkisten: „Trotskyists on Trial: Free Speech and Political Persecution Since the Age of FDR“ (FDR: Franklin D. Roosevelt).

Eric London spricht Warnungen aus, die sicher nicht nur Trotzkisten betreffen: „Die Notwendigkeit gegenüber staatlicher Unterwanderung und Provokation wachsam zu sein, ergibt sich aus den politischen Gegebenheieten unserer Zeit. Wir leben in einer Periode von Massenüberwachung, gezielten Morden, ständigen Kriegen, Massenabschiebungen, Polizeimorden und CIA-Folter.“ Seine von der IKVI übernommene und erweiterte Einschätzung, deren Bericht über stalinistische Machenschaften sein ein, wenn nicht der entscheidende Schlag gegen die Moskauer KP gewesen, der vor 30 Jahren zur Auflösung der Sowjetunion geführt habe, erscheint etwas übertrieben. Es waren wohl auch andere Gründe im Spiel, denen man größere Wirkung zuschreiben kann. Den Leser irritiert eine etwas antiquierte Rhetorik, die großen Zorn über Verrat etwas zu oft zum Ausdruck bringen mag. Ebenso einige Auslassungen, die man beim Vergleich mit anderen Werken verschiedener Herkunft erkennt. So fehlt -bei aller Analyse der GPU-Machenschaften- in der „Glossar“ genannten Personenaufstellung diverser Agenten und Akteure der mutmaßliche Auftraggeber bzw. Führungsagent des Trotzki-Mörders: Jakow („Jascha“) Serebrjanski organisierte für die GPU deren Killer-Elite unter dem Namen „Verwaltung für Sonderaufgaben“, deren ca. 200 Mann laut MI5-Chronist C.Andrew wohl hauptsächlich in Paris Jagd auf Trotzkisten machte. Der US-Publizist Isaac Don Levine wird in besagtem Glossar zwar genannt, in seiner Biografie jedoch seine aus trotzkistischer Sicht -sofern die Aufdeckung von Stalins Verbrechen deren Ziel ist- vielleicht wichtigste Leistung wird verschwiegen: Die Publikation des Buches „Out of the Night“ des deutschen Komintern-Dissidenten Richard Krebs (alias Valtin), die ab 1940 die US-Bestsellerlisten führend, in den USA erstmals Stalins Untaten, aber mehr noch Hitlers Verbrechen bekannt machte. Einer Anekdote nach soll dem durch Flucht verarmten Krebs von einem Genossen der abgelegte Mantel Trotzkis überlassen worden sein. Dass Krebs, der 1951 erst 44jährig starb, wie viele frühe Mitstreiter im US-Exil zum unversöhnlichen Antikommunisten geworden war, mag ihn in Londons Augen unwürdig der Erwähnung gemacht haben. Der Mehring-Verlag, der auch eine klassische Rosa-Luxemburg-Biografie des KPD-Mitgründers Paul Fröhlich im Programm hat, sparte nicht an Abbildungen und Faksimiles, -aber leider an einem Sach- und Personen-Register.

Eric London schreibt für die World Socialist Web Site zu den Themen US-Politik, Einwanderung, amerikanische Geschichte, Lateinamerika, Arbeitskämpfe und Verteidigung demokratischer Rechte. Er ist Mitglied des Politischen Komitees der Socialist Equality Party (USA).

Quellen:

Andrew, Christopher, MI5 – Die wahre Geschichte des Britischen Geheimdienstes, Berlin: Propyläen 2010

Waldenfels, Ernst v., Der Spion, der aus Deutschland kam: Das geheime Leben des Seemanns Richard Krebs, Berlin: Aufbau-Verlag 2002

 

Eric London, Agenten: Das FBI und die GPU in der trotzkistischen Bewegung, Essen: Mehring-Verlag 2020, 239 Seiten, Einband: Paperback, € 14,90 [D], ISBN: 978-3-88634-141-2, Auch als E-Book erhältlich, Format: PDF, ePUB und MOBI -für alle Geräte, Preis: € 9,99

https://www.mehring-verlag.de/gesamtkatalog/vierte-internationale/agenten/

 







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