Ein Beitrag zur deutschen Revolution 1918/1919


19.12.17
KulturKultur, Sozialismusdebatte, TopNews 

 

Rezension von Michael Lausberg

Zum 100jährigen Jubiläum der deutschen Revolution 1918 legt der Historiker und Journalist Joachim Käppner eine neue Darstellung, da die bisherige Forschungslandschaft dieses wichtige Ereignis der deutschen Geschichte weitgehend ignorierte: „Sehr lange war die deutsche Revolution ein ungeliebtes Stiefkind der Geschichtsschreibung, teilweise ist sie das bis heute.“ (S. 15) Käppner wertet die Revolution als Anfang vom Ende der Weimarer Republik und des kapitalistisch-demokratischen Systems: „Der Anfang der deutschen Republik liegt im Schatten ihres Untergangs. Inkonsequenz, Zögern und Schwäche scheinen für viele das Kennzeichen der Revolution wie der aus ihr hervorgegangenen Demokratie zu sein; und so hat diese Revolution vergleichsweise wenig Spuren im kollektiven Gedächtnis hinterlassen, (…)“ (S. 12)

In der Einleitung wird ein bisheriger grober Forschungsüberblick der deutschen Revolution 1918/1919 gegeben. Danach folgt eine detaillierte Schilderung der Hintergründe und den Verlauf der Revolution.

Die deutschen Soldaten und Arbeiter waren 1918 kriegsmüde und revoltierten gegen die kaiserliche Obrigkeit. Der Befehl vom 24. Oktober zum Auslaufen der Flotte gegen England wurde mit einer Matrosenmeuterei in Wilhelmshaven (30. Oktober) beantwortet. Der Aufstand der Matrosen griff wie ein Lauffeuer über und ergriff auch die anderen Küstenstädte. Gleichzeitig bildeten sich Soldaten- und Arbeiterräte, die "Novemberrevolution" griff damit auf das gesamte Reich über, am 7. und 8. November wurden in München und Braunschweig Republiken ausgerufen, der bayerische König Ludwig III. verzichtete auf den Thron. Auch in den übrigen deutschen Staaten dankten in den nächsten Tagen alle Monarchen ab.

Am 9. November 1918 spitzte sich die Lage dramatisch zu: Die Sozialdemokraten Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann hatten erfahren, dass der linksradikale Karl Liebknecht an diesem Tag die "freie sozialistische Republik Deutschland" ausrufen wollte.  Aus Furcht vor sowjetischen Verhältnissen, entschlossen sich die Machthaber zu spontanem Handeln. Reichskanzler Prinz Max von Baden verkündete in Berlin die Abdankung des Kaisers, seinen eigenen Rücktritt und die Übergabe der Geschäfte an Friedrich Ebert, noch ehe das Telegramm mit der entsprechenden Nachricht den Kaiser in Spa eingetroffen war.

Friedrich Ebert, seit 1913 Vorsitzender der SPD, der stärksten Partei im Reichstag, wurde mit der Übernahme der Regierungsgeschäfte beauftragt. Ebert begreift sich als Treuhänder der Macht bis zum Zusammentritt der Nationalversammlung. Sein Ziel ist zunächst die Bildung einer Regierung aus Vertretern der Parteien des Interfraktionellen Ausschusses und der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD).

Am 9. November 1918 verkündet Philipp Scheidemann, Vorstandsmitglied der SPD, aus einem Fenster des Reichstags in Berlin das Ende des Kaiserreichs.  Kurz nach Scheidemann rief Karl Liebknecht vom Berliner Stadtschloss aus die "Freie Sozialistische Republik Deutschland" aus und schwor die Menschen zugleich auf die internationale Revolution ein.

Der Rat der Volksbeauftragten und der Vollzugsrat hatten die alte Regierung ersetzt. Doch der bisherige Verwaltungsapparat bestand fast unverändert fort. Vertreter von SPD und USPD wurden den bis dahin kaiserlichen Beamten nur beigeordnet. Diese behielten ebenso allesamt ihre Funktionen und setzten ihre Arbeit zum großen Teil unverändert fort.

Am 12. November veröffentlichte der Rat der Volksbeauftragten sein demokratisches und soziales Regierungsprogramm. Er hob den Belagerungszustand und die Zensur auf, führte das allgemeine Wahlrecht ab 20 Jahren ein, erstmals auch für Frauen. Alle politisch Inhaftierten erhielten Amnestie. Bestimmungen zur Vereins-, Versammlungs-, Pressefreiheit wurden erlassen.

Die Weihnachtskämpfe waren militärische Auseinandersetzungen zwischen der Volksmarinedivision und regulären Truppen, die am 24. Dezember 1918 ihren Höhepunkt erreichten. Die Auseinandersetzungen entzündeten sich an nicht ausgezahlter Löhnung und an Diebstählen der im Berliner Stadtschloss und im Neuen Marstall einquartierten Matrosen. Sie bildeten den äußeren Anlass zum Zerbrechen der Koalition der beiden sozialdemokratischen Parteien MSPD und USPD im Rat der Volksbeauftragten.

Weiterführende, von sozialistischen Ideen geleitete Ziele der Revolutionäre scheiterten im Januar 1919 am Widerstand der SPD-Führung unter Friedrich Ebert. Aus Furcht vor einem Bürgerkrieg wollte sie – wie auch die bürgerlichen Parteien – die alten kaiserlichen Eliten nicht vollständig entmachten, sondern sie mit den neuen demokratischen Verhältnissen versöhnen. Dazu ging sie ein Bündnis mit der Obersten Heeresleitung (OHL) ein und ließ den sogenannten Spartakusaufstand mit Hilfe rechtsgerichteter Freikorpstruppen gewaltsam niederschlagen.

Käppner sieht die Hinwendung des Rates der Volksbeauftragten mit den Repräsentanten des alten Systems und den konterrevolutionären Generälen des Militärs vorgeblich aus Angst vor Sozialisten aller Spielarten als Kardinalfehler: „Dominiert von der SPD, die damals MSPD hieß, verbündete sich diese von Friedrich Ebert geführte Regierung ausgerechnet mit dem alten Militär. Die Radikalisierung der Revolution bis hin zu den ‚Weihnachtskämpfen‘ um das Berliner Stadtschloss 1918 ist vor allem eine Folge des Bündnisse der MSPD mit den Generälen, ihren Erzfeinden von gestern, das aus Angst vor den Linksradikalen geschmiedet wurde, doch war diese Angst größer als die tatsächliche Bedrohung.“ (S. 15)

Er möchte die „verratenen“ Soldaten- und Arbeiterräte in der Mittelpunkt seiner Erläuterungen stellen: „Das Buch versteht sich in aller Bescheidenheit als Beitrag zur Ehrenrettung der Revolutionäre und will diese daher genauer in Augenschein nehmen…“ (S. 15)

Dabei hat der Autor Recht. Das „kommunistische Feindbild“ hat eine Tradition und wird immer wieder bei passender Gelegenheit hervorgeholt. Natürlich hat das Scheitern der Weimarer Republik noch andere wichtige Ursachen, aber der Zusammenschluss Eberts mit antidemokratischen rechten Kräften bedeutete einen Stillstand in der fortschrittlichen Entwicklung. Er bezeichnete die Weimarer Republik als „Scheinriesen der Demokratie“. Allein das Scheitern der Münchener Räterepublik war ein Desaster für die soziale und demokratische Entwicklung des Landes.

Inhaltlich hat das Buch eine tiefgreifende Analyse und Bewertung der deutschen Revolution anzubieten. Es bereichert die historische und politische Forschungslandschaft und lehrt, wie eine Revolution in ihrer Entwicklung stehenbleibt und keine Zielstrebigkeit beweist. Die „verratenen“ Revolutionäre haben keine Namen in der Geschichtsschreibung, eine wirkliche Verbesserung der Bevölkerung hat der Rat der Volksbeauftragten nicht gebracht hat, weil reaktionäre Kräfte zur angeblichen Stabilisierung des Landes eine eklige Anbiederung erfahren haben.

 

Joachim Käppner: 1918. Aufstand für die Freiheit. Die Revolution der Besonnenen, Piper Verlag, München 2017, ISBN: 978-3-492-05733-2







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