Von wegen prüde: Aktfotografie im Staatssozialismus


25.11.17
KulturKultur, Sozialismusdebatte, TopNews 

 

Rezension von Michael Lausberg

Dieser Bildband über die Aktfotografie im Osten Europas zur Zeit des Staatssozialismus wurde konzipiert als „Ergänzungsband“ zu dem vor einigen Jahren in Italien erschienenen Werk „Die Geschichte der Aktfotografie“. Dort fehlten allerdings Künstler und Werke aus Osteuropa, so dass dieser Band diese Lücke schließen will.

Die Bilder stammen ursprünglich aus dem Fotokinoverlag in Halle an der Saale, der von dem Kunstmuseum Moritzburg 1992 übernommen wurde. Die eindrucksvollsten etwa 150 Fotos wurden von dem Kunsthistoriker T.O. Immisch für dieses Buch ausgewählt: „Die Zusammenstellung wurde nach dem Kriterium, möglichst viele Bildsprachen und Gestaltungsmöglichkeiten von möglichst hoher Qualität zu versammeln, getroffen.“ (S. 6)

In diesem Bildband sind Fotografen aus der ehemaligen Tschechoslowakei und der Volksrepublik Polen am stärksten vertreten, da ein reger Austausch mit den vormaligen Nachbarländern der DDR bestand. Aus der ehemaligen Sowjetunion stammen weniger Bilder aufgrund von kulturellen Hintergründen: „In der orthodoxen Tradition sind Aktdarstellungen eher verpönt. Immerhin kommen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion fast ein Drittel der hier vertretenen Fotografen, (…) aber mehr als die Hälfte aus den drei baltischen Republiken, die sich kulturell mehr an Polen und Skandinavien orientieren.“ (S. 6)

Die Abbildungen beweisen, dass man im Staatssozialismus nicht „so prüde war, wie gelegentlich dargestellt.“ (S. 4) In den Bildern steht meistens das abgebildete Subjekt im Mittelpunkt, manchmal wird es inmitten von Wald- und Strandlandschaften gezeigt, was eher eine malerische und natürliche Wirkung ausstrahlt. Keines der Bilder sind billige Abbildungen von nackten Frauen, der ästhetische Faktor ist sehr hoch. Es gibt die Motive des Bildes im Bild, die Verwendung von Figur-Grund-Kontrasten und verschiedene Variationen, wie viel vom Körper des Modells zu sehen ist. Liegende von hinten, Hervorhebung durch Licht- und Schattenkontraste und verschiedene Kameraperspektiven sind typisch.

Es ist jedoch so, dass die Aktfotografie nur Frauen abbildet, Männer oder Paare sind nicht zu finden. Warum das so ist, bleibt im Dunkeln. Die Bilder zeigen eine Symbiose zwischen Souveränität, Sinnlichkeit, Erotik und Sexualität und bieten einen eigenen Ausdruck in der Aktfotografie. Mit diesem empfehlenswerten Buch wird auch eine Lücke in der Geschichte der Aktfotografie geschlossen, es spiegelt auch ein Lebensgefühl zur Zeit des Staatssozialismus wider.

 

Unverhüllt schön. Aktfotografie aus Osteuropa 1945-1990, Das neue Berlin Verlag, Berlin 2016, ISBN: 978-3-380-01300-2







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