Rezension „Revolution als Realpolitik“


23.12.18
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Von Max Brym

Florian Wilde hat ein wichtiges umfangreiches Buch unter dem Titel „Revolution als Realpolitik Ernst Meyer Biografie eines KPD Vorsitzenden“ verfasst. Erschienen ist das umfangreiche Werk im UVK Verlag Konstanz. Der Autor hat das Verdienst einen der wichtigsten Führungskader der deutschen Arbeiterbewegung, dem Vergessen entrissen zu haben. Ernst Meyer wurde am 11. Juli 1887 im damaligen ostpreußischen Prostken geboren. Ein langjähriges schweres Lungenleiden führte bereits am 2. Februar 1930 in Potsdam zu seinem frühen Ableben. Der junge Ernst Meyer studierte in Königsberg und Berlin Philosophie, Psychologie und Nationalökonomie.

Das politische Leben von Ernst Meyer

Der Autor Wilde zeichnet das politische Leben von Ernst Meyer ausgezeichnet und mit vielen Belegen und Zitaten nach. Im Jahr 1908 sollte Ernst Meyer in Königsberg im Auftrag einer Studentenverbindung gegen den bekannten SPD Politiker Hugo Haase, auftreten. Nachdem Meyer viel sozialdemokratische Literatur gelesen hatte, sagte er den Auftritt gegen Hugo Haase ab. Er schloss sich der damals marxistisch orientierten SPD an. Gefördert wurde er dabei von dem ebenfalls aus Königsberg stammenden Haase. Im Jahr 1912 wurde Meyer Redakteur beim sozialdemokratischen „Vorwärts“ in Berlin. Ziemlich schnell schloss sich Meyer dem links sozialdemokratischen Freundeskreis in Berlin Steglitz, bestehend aus Rosa Luxemburg, Paul Levi, und insbesondere dem marxistischen Historiker Franz Mehring an. Mehrmals musste Meyer wegen „Majestätsbeleidigung“ wegen seiner Artikel vor 1914 ins Gefängnis. Im August 1914 stand Meyer zusammen mit Liebknecht, Luxemburg, Levi, Mehring und Pieck, gegen die Zustimmung zu den Kriegskrediten, durch die damalige SPD unter Ebert. Eindringlich beschreibt der Autor die Verzweiflung, aber auch die Isolierung der späteren Spartakisten. Sie waren auf einen Stadtteil in Berlin beschränkt und hatten nur lose sowie einige persönliche Kontakte zu Gesinnungsgenossen im Reich, beispielsweise zu Clara Zetkin in Stuttgart. Weniger deutlich wird bei dem Autor der Fehler der sozialdemokratischen Linken nicht schon lange vor 1914 eine unabhängige revolutionäre Strömung oder Organisation im Sinne Lenins aufgebaut zu haben. Nichtsdestotrotz kommt man zu dieser Schlussfolgerung beim Lesen selbst. Meyer vertrat dann die Spartakisten auf den internationalen Konferenzen in Zimmerwald und Kientahl in der Schweiz. Ab dem Jahr 1916 bis Ende 1918 war Mayer faktisch der politische Leiter der Spartakusgruppe, denn Liebknecht und Luxemburg waren im Gefängnis und Mehring alt und krank. Leo Jogiches war hingegen der Organisator des Spartakusbundes. All das belegt der Autor mit vielen Fakten und Zitaten.

Mitbegründer der KPD

Ernst Meyer war auf dem Gründungsparteitag der KPD zur Jahreswende 1918/19. Meyer nahm an allen revolutionären Kämpfen in Berlin teil. Er bemühte sich besonders, um enge Beziehungen zu den „Revolutionären Obleuten“ welche die breite Masse der Berliner Arbeiterschaft repräsentierten. Auf dem Gründungsparteitag wurde Meyer in die Zentrale der KPD gewählt. Zusammen mit Luxemburg, Liebknecht und anderen bekämpfte er die ultralinke Mehrheit auf dem Gründungsparteitag der KPD. Leider setzten sich die ultralinken Kräfte gegen die alte Spartakusgruppe in wichtigen Fragen durch. Die ultralinke Mehrheit lehnte die Beteiligung an den Nationalratswahlen und die Mitarbeit in den Gewerkschaften ab. Damit musste die KPD weitgehend isoliert bleiben. Gleichzeitig wütete in Berlin ab Mitte Januar der „weiße Terror“. Liebknecht und Luxemburg wurden ermordet. Auch nach Ernst Meyer fahndete die weißgardistische Soldateska. Wilhelm Pieck überlebte seine Festnahme durch Freikorpsmitglieder nur, weil er glaubhaft nachweisen konnte, „dass er nicht Ernst Meyer sei“. Die Konterrevolution wusste demzufolge über die Wichtigkeit von Meyer Bescheid. All diese Vorgänge hat der Autor exakt recherchiert.

Meyer im Jahr 1920

Im März fand der Kapp Putsch statt. Innerhalb weniger Tage erledigte sich dieser Versuch der offenen Konterrevolution, mit den Zugeständnissen an die Arbeiterschaft nach der Novemberrevolution Schluss zu machen. Insgesamt streikten 12 Millionen Arbeiter gegen die Putschisten. Im Ruhrgebiet bildete sich eine eigene Rote Ruhrarmee. Die in Berlin vorhandene KPD Leitung um Generalsekretär Friesland, lehnte zunächst den Generalstreik ab. Sie wollten keine „sozialdemokratischen Arbeitermörder“ verteidigen. Aber die KPD Basis ignorierte Friesland. Der Parteivorsitzende Levi sowie Ernst Meyer, änderten am nächsten Tag den Beschluss. Unterstützt wurden sie dabei besonders von dem Ehepaar Duncker und von Heinrich Brandler. Schade ist, dass der Autor nicht benennt, wer Friesland war. Es war der spätere antikommunistische Bürgermeister von West Berlin Ernst Reuter.

Schlaglichter

Der Rezensent tut sich schwer damit sich kurz zu fassen. Denn das politische Wirken von Ernst Meyer war eng mit der Geschichte der KPD und der Komintern verbunden. Im Buch selbst befinden sich jedoch viele Fakten und Redeauszüge von Ernst Meyer. Klar wird in der Biografie wie gründlich sich Meyer von der Offensivtheorie von Anfang 1921 löste. Damals nach der Vereinigung mit der Mehrheit der USPD im Dezember kam die Theorie auf die Partei „könne und müsse die Offensive suchen und zur revolutionären Tat schreiten“. Auch Meyer vertrat kurzfristig diese Theorie was im März 1921 zu einer verheerenden Niederlage der KPD führte. Im Raum Halle Merseburg vertrat die KPD die Mehrheit der Arbeiter. Aber nur dort. Einige in der KPD Führung bestärkt durch Komintern Emissäre bildeten sich ein den gerechtfertigten Versuch der Arbeiter in Halle, welche von dem preußischen Polizeipräsidenten Hörsing provoziert wurden zu benützen, um im Reich die Macht zu übernehmen. Das Märzabenteuer endete katastrophal. Kurz danach löste sich Meyer von dieser abenteuerlichen Politik. Nachdem Brandler flüchten musste, war Meyer als Leiter des politischen Büros der KPD faktisch von April 1921 bis Januar 1923 Parteivorsitzender der KPD. Mayer orientierte auf eine Einheitsfrontpolitik gegenüber der Sozialdemokratie von Unten und Oben. In der Praxis hieß dies konkrete Forderungen zu stellen welche von den Sozialdemokraten schlecht abgelehnt werden konnten, ohne ihren Einfluss auf die Arbeiterklasse zu verlieren. Mit dieser Politik stabilisierte sich die KPD. Sie hatte Ende 1922 knapp 360.000 Mitglieder. Meyer übergab Brandler im Januar 1923 eine intakte handlungsfähige Partei. Allerdings stellte sich im Katastrophenjahr 1923 heraus, dass Brandler zwar ein guter Organisator und Gewerkschafter war aber kein wirklicher Revolutionär. Im Sommer 1923 stürzte ein zweitägiger Generalstreik die Regierung Cuno. Die KPD hingegen blieb im Sommer 23 weitgehend passiv, statt die Energie der Massen zu steigern. In diesem Sinn kritisierte Meyer ziemlich früh Brandler und Thalheimer. Auch dazu hat Florian Wilde Dokumente ausgegraben. Nicht ganz klar wird aus der Schrift des Autors Wilde, ob er die Dialektik der Einheitsfronttaktik verstanden hat. Für Meyer war es immer eine Taktik und keine Strategie. Die Einheitsfronttaktik dient dazu den Einfluss der Sozialdemokratie zu minimieren, um die Mehrheit der Arbeiter unter der Fahne des Kommunismus zu:sammeln. Brandler hingegen wollte die „Sozialdemokratie vom linken Flügel der Bourgeoisie auf den rechten Flügel der Arbeiterbewegung ziehen“. Deshalb und wegen der Passivität Brandlers resultierte das Fiasko mit den Arbeiterregierungen in Thüringen und Sachsen. Auch der Fakt, dass sich Brandler in Chemnitz die Genehmigung zum Generalstreik und bewaffnetem Widerstand gegen die Reichsexekutive von mehrheitlich sozialdemokratischen Betriebsräten holen wollte. Die Folgen sind bekannt.

Wie Florian Wilde die ultralinke Phase beschreibt

Der Autor Wilde stellt zutreffend fest, dass Meyer in der Frage der nationalen und internationalen Politik immer für offene Diskussionen, aber einheitliches Handeln nach außen eintrat. Damit stellt er zutreffend Meyer als Leninisten dar. Etwas zu schlecht bei allen Fehlern kommt bei Wilde der damalige Komintern Vorsitzende Grigori Jewsejewitsch Sinowjew weg. Sinowjew trat nach dem Fiasko der Rechten für eine Führung der KPD unter maßgeblicher Leitung der Mittelgruppe daher Meyer, Remmele, Eisler, Schumann ein. Sinowjew wollte auf
keinen Fall den Ultralinken um Ruth Fischer, Arkadi Maslow und Werner Scholem die Führung der KPD überlassen. Aber gegen den Rat der Komintern setzten sich im Frühjahr 1924 die Ultralinken auf dem Parteitag durch. Die Mittelgruppe wurde abgewählt oder absorbiert. Die Frau von Ernst Meyer, Rosa Meyer Levine beschreibt das gut in ihren Memoiren, auch den Frust bei Sinowjew. Die Ultralinken lehnten jede Einheitsfront ab. Sie kämpften nicht gegen Tendenzen an aus den Gewerkschaften auszutreten. Ruth Fischer propagierte einfach nur die Revolution. Ernst Meyer wurde schikaniert und verlor sein Mandat im preußischen Abgeordnetenhaus. Er wurde Redakteur von „Berlin am Abend“. Der Brief von Meyer, Frölich und Becker an den 10 Parteitag der KPD 1925 welchen Wilde dokumentiert ist bis heute gegen linke und rechte Fehler sehr aktuell. Immerhin durfte Meyer, obwohl er kein Delegierter war 10 Minuten auf dem Parteitag sprechen.

Der späte Ernst Meyer bei Wilde

Im September 1925 schlug der „Offene Brief der Komintern“ in der KPD wie eine Bombe ein. Scharf wurden die ultralinken Fehler kritisiert. Sogar Ruth Fischer musste den Brief unterzeichnen. Ernst Meyer schien rehabilitiert zu sein. Es dauerte aber noch bis zum Dezember 1926 bis Meyer wieder in die eigentliche Parteiführung gelangte. Das Sekretariat des Politbüros bestand u. a. aus Thälmann, Ewert, Meyer und Dengel im Jahr 1927. Die Initiative zur Kampagne „Enteignung der Fürsten“ im Jahr 1926 ging wesentlich auf Meyer zurück. Dies kann nach der Lektüre des Buches von Wilde behauptet werden. Aber Ernst Meyer machte auch schwere Fehler. Er befürwortete den Parteiausschluss der ehemaligen Ultralinken aus der KPD. Fischer, Scholem Urbahns hatten sich mit der linken Opposition in Russland verbündet. Das war das wesentliche Kriterium um sie aus der KPD auszuschließen. Meyer stellte sich nicht gegen die Theorie vom „Sieg des Sozialismus in einem Land“ womit die Bürokratie in Russland ihre Herrschaft legitimierte und letztendlich die kommunistischen Parteien zu Vollzugsgehilfen der russischen Außenpolitik machte. Meyer war ein Anhänger von Bucharin, welcher den Sozialismus „im Schneckentempo“ aufbauen wollte und den Kulaken zurief „Bereichert euch“. All das blendet der Autor aus. An einer Stelle erwähnt er die wahrscheinlich „psychologischen Probleme“ Meyers „ausgerechnet mit Ruth Fischer und Sinowjew für innerparteiliche Demokratie zu kämpfen“. Das mag sein, aber nicht umsonst rät Andrea Berg in einem Schlager: „Die Gefühle haben Schweigepflicht“.

Das Ende von Ernst Meyer

Ernst Meyer ging in die Geschichte ein als Führer der sogenannten „Versöhnler“. In der Tat bekämpfte Meyer mit letzter Kraft, die ab 1928 einsetzende „neue ultralinke Wende“ Er bekämpfte die absurde Theorie vom Sozialfaschismus der SPD. Er blieb seiner Haltung treu, keine separaten Gewerkschaften zu gründen. Die Artikel Meyers dazu sind lesenswert. Ernst Wilde bringt sehr viel Material. Das Buch Wildes ist wichtig. Das traurige persönliche und politische Ende von Meyer kann uns auch heute noch viel sagen.
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