Marx - Der Unvollendete

23.10.18
KulturKultur, Theorie, Arbeiterbewegung, TopNews 

 

Rezension von René Lindenau

Wenn Prosa ihre Poesie verliert und nach Anwendung ruft, dann schlägt die Stunde des Strategen

(Seite 588)

Wer hatte geahnt, das der je Standpunkt berühmt berüchtigte Kapitalismuskritiker, Karl Marx, mit seinem Leben und Werk noch einmal so eine Konjunktur erleben würde. Schon vor dem Marx-Jahr 2018 (1818-1888) legte Jürgen Neffe eine Biografie dieses Mannes vor, die zum Bestseller wurde: „Marx – Der Unvollendete“.

Wenigstens bis zum Ende der Lektüre lässt Neffe den Leser zum Bewohner in

Marx´ Gedankengebäude werden. Danach kann man ja wieder in die herrschende neoliberale Realität ausziehen. Mancher wird bleiben, neu einziehen, neue Ideen mitbringen und sie fort entwickeln wollen.

Zunächst aber erfährt der Leser wie Marx, quasi eingerichtet war. Der Autor führt durch den „Maschinenraum des kapitalistischen Systems“ (Seite 420), er bekommt einen Überblick über die politischen, philosophischen und ökonomischen Theorien. Das „Kreativteam“ Marx und Engels, das eine langjährige Zusammenarbeit und darüber hinaus eine Freundschaft verband, bekommt in dem Buch mehrfach einen breiten Raum eingeräumt. Deutlich wird zudem, das Marx Schwierigkeiten hatte, konstruktiv mit Einwänden seiner sozialistischen Gegner umzugehen.

Neben einem umfassenden Überblick über seine wissenschaftliche Studien bekommt man auch Charakterstudien von Marx geliefert. Eine Fundgrube, die über viele Nebeneingänge den Zugang zu Marx´ Denken, Leben und Handeln eröffnen, sind zahlreich erhalten gebliebene Briefe, aus denen der Buchautor vielfach zitiert. Deutlich,wird, dieser Marx passt in keine Schublade, in die ihn vor allem spätere Vertreter der reinen Le(h)re allzu oft stecken wollten.

Aber gehen wir im folgenden auf einzelne Aspekte des revolutionären Querkopfes, Karl Marx, ein.

Einfach war es nie, einfach hat er es zeitlebens auch anderen nicht gemacht. Schon das Verhältnis mit seinem Vater war nicht komplikationslos. Er hatte Angst, das aus seinem Sohn ein „armes Poetlein“ würde. Am Ende wurde er doch Jurist und ein Philosoph, der die Welt verändern wollte.

Mit Lyrik hat er es dennoch versucht, war jedoch genauso wie mit seiner Philosophie, wenig erfolgreich, denn die Welt wartet noch immer auf ihre Ausführung mit einem Happy End, das sich nicht nur auf Marx Lesekreise beschränkt. Nur in seiner Kapitalismusanalyse behielt er Recht, worauf Neffe mehrfach hinwies; exemplarisches Beispiel die Finanzkrise anno 2008.

Teilweise erschütternd lesen sich die Zeilen, die das Privatleben von Karl und seiner Frau Jenny zum Inhalt haben. Einfach nur furchtbar, die Eheleute verlieren vier ihrer Kinder, früh, sehr früh. Sieben schwere Schwangerschaften musste die einstige Baronin, erdulden. Hinzu kam auch noch ein uneheliches Kind, das ihr Karl, in ihrer Abwesenheit, mit deren Haushälterin, Helene Demuth, produzierte. Am Ende, verkehrte Welt. Jenny bittet ihn um Vergebung „Die Ungleichung ist aufgegangen, die Liebe wiederhergestellt ...)“ - so steht´ im Buch (Seite 284).

Ein anderes Kapitel ist ein sehr dunkles, es geht um sein ganz spezielles Verhältnis zu Ferdinand Lassalle. Erst waren sie Gefährten im gemeinsamen Kampf, dann verliefen sie sich zunehmend und gingen auseinander. Wie hätte die Geschichte der Arbeiterbewegung verlaufen können, wenn sich ihre Partnerschaft dauerhaft ergänzt und erhalten geblieben wäre? So aber erging sich Marx, gegenüber von Lassalle, verstärkt in antisemitischen Ausfällen, der wie er jüdische Wurzeln hatte. Der traurige Höhepunkt, da schimpfte Marx ihn, einen „jüdischen Nigger“. Wurde hier der Samen für den bis heute grassierenden Antisemitismus innerhalb der Linken gelegt? Der derart Angegriffene stirbt dann 1864 in einem Duell.

Doch das Duell zwischen den Genossen ging mit verteilten Rollen auf anderen Schauplätzen weiter. Diesen Eindruck könnte man bekommen. Denn auf Widerspruch und Einsprüche Andersdenkender war Marx nicht zu gut sprechen. So wurden oftmals aus vielen Genossen Gegner. Wie haltlos der jahrelang Staatenlose dabei sein könnte, möge nur ein Brief an Engels (1859) zeigen: „Liebknecht ist ebenso schriftstellerisch wie er unzuverlässig und charakterschwach ist, wovon ich Näheres zu berichten haben werde. Der Kerl hätte diese Woche einen definitiven Abschiedstritt in den den Hintern erhalten, zwängen nicht gewisse Umstände, ihn einstweilen noch als Vogelscheuche zu verwenden“ (Seite 558). Solche Töne bekam manch anderer gleichfalls aus dem Marxschen Munde beigebracht. Hingewiesen sei noch einmal auf Lassalle.

Warum lässt mich das jetzt an heute aktuelle Zustände in real existierenden linken Parteien denken; wo man sich in gewissen Zyklen, in nach innen gerichteten Grabenkämpfen vor den tatsächlichen Problemen der Außenwelt versteckt? Da sind wahrlich noch viele Gräben zu zu schütten, um eine Aktionsfähigkeit herzustellen, die schließlich nicht nur die Verbesserung der „Lage der arbeitenden Klasse Englands“ (Engels, 1845), sondern weltweit bewirkt. Ein Jahr nach dem Tod von Marx, schrieb Friedrich Engels: „Ich habe mein Leben lang das getan, wozu ich gemacht war, nämlich zweite Violine zu spielen, und glaube, meine Sache ganz passabel gemacht zu haben. Und ich war froh so eine famose erste Violine zu haben wie Marx“ (Seite 588). Mögen auch schiefe Noten dabei gewesen und nicht wenige Missklänge in Marx´Denkkompositionen zu finden sein: Tot ist er nicht. Bis in die Gegenwart lädt er zu Streit und Auseinandersetzung ein.

Die hier besprochene Marx Biografie dürfte eine solche Einladung erneuern und viele weitere Leser so in den Bann ziehen, so wie es bei mir der Fall war.

 

Cottbus, den 23.10. 2018 René Lindenau

 

Jürgen Neffe

Marx - Der Unvollendete, 1. Auflage, 2017, C. Bertelsmann, München

ISBN: 978 – 3 – 570 – 10273 - 2







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