Neuerscheinungen aus dem Transcript Verlag

22.01.21
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Detlev Pollack: Das unzufriedene Volk. Protest und Ressentiment in Ostdeutschland von der friedlichen Revolution bis heute, transcript, Bielefeld 2020, ISBN: 978-3-8376-5250-3, 20 EURO (D)

Detlev Pollack ist Religions- und Kultursoziologe und  forscht unter anderem über das Verhältnis von Religion und Moderne, über die Geschichte der DDR und über politische Kultur. Er stammt selbst aus der ehemaligen DDR und hat an der Universität Leipzig promoviert. Von 2002 bis 2008 war Pollack geschäftsführender Direktor des Instituts für Transformationsforschung (F.I.T.) an der Viadrina in Frankfurt/Oder. Seit 2008 ist er Professor für Religionssozilogie an der Universität Münster.

Pollack untersucht in diesem Buch die politische Kultur und Befindlichkeiten in Ostdeutschland von der friedlichen Revolution bis in die Gegenwart. Seine Thesen werden sicherlich polarisieren und die jahrzehntelange Debatte von „Besser-Wessis“ und „Jammer-Ossis“ weiter entfachen.

Ostdeutsche treten für Pollack vor allem als „Klagende, Protestierende und Unzufriedene öffentlich in Erscheinung.“ (S. 4) Die politische und soziale Macht der ostdeutschen Bevölkerung wird laut dem Autor weithin unterschätzt. Es handele sich bei der ostdeutschen Bevölkerung um einen „starken politischen Akteur, der sich im Prozess um die deutsche Wiedervereinigung bis zu den Protestwahlen der 2010er Jahre sehr wohl ins Spiel zu bringen gewusst hat.“ (S. 6)

Dies zeigt er in verschiedenen Etappen: Erst untersucht er den Beitrag der ostdeutschen Bevölkerung zur friedlichen Revolution, der zum Untergang des autoritären SED-Regimes führte, danach geht er auf deren Rolle im „Wiedervereinigungsprozess“ ein und kommt dann auf die Jahre der Transformation zur marktwirtschaftlichen parlamentarischen Demokratie zu sprechen.

Für ihn gingen die Ostdeutschen gingen „als imaginiertes Kollektiv auf eine Weise gestärkt aus der Geschichte des Untergangs der DDR und der deutsch-deutschen Wiedervereinigung hervor, die nicht frei von Selbstüberschätzung war.“ (S. 228)

Der Autor hebt mit Recht hervor, dass es „das Volk in einem soziologischen Sinne gar nicht gibt. Es ist eine Fiktion.“ (. S. 226) Er wendet sich damit gegen diejenigen, die die Losung „Wir sind das Volk“, als Akt der Selbstermächtigung begreifen: „Das kollektive Handeln im Namen des Volkes (...) kürzt die Wege der Entscheidungsfindung ab und steht in der Gefahr, partikularistische Positionen für das Ganze auszugeben und abweichende Meinungen zu negieren. Der Ruf (…) ist nicht nur eine Ermächtigungs-, sondern auch immer eine Entmächtigungsformel. (…) Sofern Ostdeutsche ihre möglicherweise völlig berechtigten Interessen zur Geltung zu bringen versuchen, käme es darauf an, auf Kollektivaktionen zu verzichten, die den Anspruch auf Repräsentation des Volksganzen erheben. Ohne demokratische Legitimation von im Namen des Volkes zu sprechen, ist anmaßend.“ (S. 227)

So treffend er dies auch analysiert, hat das Buch hat auch seine dunklen Thesen.

Intellektuelle Hybris und nicht nachvollziehbare kollektive Vorwürfe vermischen sich zu einer unappetitlichen Melange. Dafür stehen Aussagen wie diese: „Wäre es nicht an der Zeit, diese Untugend des ‚Arme- Schweine-Kults“ (…), endlich abzulegen und anzuerkennen, dass es uns heute weitaus besser geht als vor 30 Jahren? Die Ostdeutschen inszenieren sich als benachteiligte Gruppe und präsentieren Ostdeutschland als ein vom Westen kolonialisiertes ‚Land der kleinen Leute‘ ohne politisches Gewicht und soziale Anerkennung.“ (S. 4f) Oder: „In scharfer Abgrenzung zu der Manier der Ostdeutschen, sich als ohnmächtiges Opfer des Vereinigungsprozesses zu stilisieren und zugleich alle Segnungen des geschmähten Kapitalismus in Anspruch zu nehmen, (…). Gerade der Opferdiskurs ist (…) ein besonders wirkungsvolles Instrument, Berücksichtigung einzufordern.“ (S. 5)

Ursachenforschung für die in Teilen der ostdeutschen Gesellschaft herrschende Unzufriedenheit wird nicht betrieben.

Die Fehler bei der „Wiedervereinigung“, die verheerenden Rolle der Treuhand, falsche Konstruktionen wie die das Bild Kohls von den „blühenden Landschaften“, noch nicht angeglichenen Löhne, die Besetzung von Spitzenpositionen im Osten durch Westdeutsche, fehlende Bundesbehörden, soziale Ungleichheit und weniger Wirtschaftskraft als im Westen sind nach 30 Jahren real und nicht wegzudiskutieren. Die Schwächen einer parlamentarischen Demokratie bei Entscheidungswegen ebenso, direktdemokratische und partizipativere Wege würden zu mehr Mitbestimmung führen und die BRD demokratischer machen und die politische Kultur stärken.

Diffuse, unkonkreten Ängste oder Projektionen kann nicht begegnet werden. Empathie für einige real existierende Befindlichkeiten und Probleme fehlt an vielen Stellen. Das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, wird sich bei der Lektüre dieses Buches bei Ostdeutschen eher noch verstärken.

Buch 2

Sebastian Haunss/Moritz Sommer: Fridays for Future – Die Jugend gegen den Klimawandel. Konturen der weltweiten Protestbewegung, transcript Verlag, Bielefeld 2020, ISBN: 978-3-8376-5347-4, 22 EURO (D)

In diesem Buch geht es um die Jugendbewegung Fridays for Future (FFF), die mit Methoden der Protest- und Bewegungsforschung untersucht werden. Mehrere Umfragen unter Protestierenden bilden den Ausgangspunkt der Analyse. Ein Teil der Kapitel ist aus einem Forschungsseminar zu FFF im WS 2019/20 im Fachbereich Politikwissenschaften an der Universität Bremen hervorgegangen.

Im ersten Beitrag werden der Rahmen der Untersuchung beschrieben und die einzelnen Beiträge vorgestellt. Außerdem wird als Erfolg gewertet, dass FFF die gesellschaftliche Aufmerksamkeit für den Klimawandel in der BRD deutlich verstärkt habe (S. 9) und schon jetzt „Spuren in der Gesellschaft und im politischen Gefüge der Bundesrepublik Deutschland hinterlassen.“ (S. 10)

Danach geht es die Großdemonstrationen von FFF in der BRD. Mit einem Vergleich von Ergebnissen von Befragungen von Teilnehmern im März und im November 2019 in Berlin und Bremen wird gezeigt, wie sich das Profil und die Einstellungen der Protestierenden in dem Zeitraum verändert haben. Anschließend folgt ein Blick auf die internationale Seite der Proteste. Zwei international koordinierte Befragungen von März bis September 2019 zeigen, wie sich die Protestierenden in sieben Ländern voneinander unterscheiden, welche Gemeinsamkeiten sie aufweisen und wie ihr Profil verändert hat. Die Wachstumsschübe von FFF und wo mögliche Grenzen des Wachstums liegen, wird danach erläutert. Die Freitagsdemonstrationen in Hamburg und Bremen werden dann im Hinblick auf die persönlichen und politischen Hintergründe der Aktivisten beschrieben, wiederkehrende Rituale aufgezeigt und die Reaktionen der anwesenden Bürger skizziert. Die Protestform des Schulstreikes wird im Folgenden in die Tradition des zivilen Ungehorsams eingeordnet und gezeigt, dass der Protest nichts mit Blaumachen zu tun hat.

Anhand der Auswertung teilnehmender Beobachtungen von Sitzungen lokaler FFF-Gruppen in Bremen und Bremerhaven gibt es Einblicke in die dezentrale Organisationsstruktur und die Herausbildung einer kollektiven Identität in Prozessen der Entscheidungsfindung. Durchgeführte Interviews mit Vertretern der Umweltschutzorganisationen BUND, Greenpeace und Denkhaus Bremen präsentieren dann die Einstellungen dieser Verbände zu FFF, fragen nach Kooperationen, Gemeinsamkeiten und Kritik. Die Reaktionen der medialen Öffentlichkeit, ihre Kritik oder Zustimmung und der Tenor über einen längeren Zeitraum werden danach vorgestellt. Auf Grundlage von Daten des German Internet Panel wird nach den Reaktionen der Öffentlichkeit gefragt. Dabei stehen mögliche Adressaten von FFF, Unterstützer, Gegner und solche, die bereit sind, ihren Lebensstil im Sinne von FFF anzupassen, im Mittelpunkt.

Die letzten beiden Artikel sind besonders spannend.

Klaus Hurrelmann und Erik Albrecht diskutieren, inwiefern die Bewegung als Sinnbild für die junge Generation gelten kann. Der Befund  „Fridays for Future prägt die junge Generation.“(S. 231) Oder: „Fridays for Future hat die junge Generation also stark geprägt, aber die hinterlässt ihre Spuren keinesfalls in allen Gruppen. So vertieft sie die Spaltung der Jugend noch zusätzlich. Dennoch hat die junge Generation mit Fridays for Future die Jugendbewegung, die ihr in großen Teilen entspricht: engagiert, unideologisch, faktenbasiert und weiblich.“ (S. 235) Ärgerlich sind nur der fragwürdigen Generationenbegriff aus und dann noch die Auflistung fragwürdigere sechs Generationen für die Zeit nach dem 2. Weltkrieg in pauschalisierender, undifferenzierter Weise.

Im Schlusskapitel diskutieren Moritz Sommer und Sebastian Haunss, welche die bisher erkennbaren Erfolgsbedingungen von FFF sind und worin sich die aktuellen Proteste von früheren Klimaprotesten unterscheiden. Sie konstatieren als Erfolge, dass ihre Proteste das „Klimapaket Ende September 2019 (…) zumindest stark beschleunigt hat“ und „den zwischenzeitlichen Höhenflug von Bündnis 90/Die Grünen im Jahr 2019 begünstigt und den klimapolitischen Forderungen gesellschaftliche Legitimation verliehen hat.“ (S. 238) FFF konnte „Einfluss auf die Politik und das regierungshandeln auf lokaler, Länder- und nationaler Ebene nehmen.“ (S. 239)

Sie blicken auch auf zentrale Herausforderungen in der nahen Zukunft. Sie gehen davon aus, dass FFF auch nach Ende der Pandemie wieder „Massendemonstrationen“ auf die Straße bringen kann. (S. 249) Die Entwicklung ihrer Organisationsstruktur und die Einbettung in das gesellschaftliche Umfeld seien für die Zukunft von großer Bedeutung. Die divers gewordene Demonstrationen und Kundgebungen mit vielen älteren Teilnehmern ist auch eine Herausforderung: „Wie aber eine Integration der älteren Aktivist_innen in die Organisationsstruktur aussehen könnte, ohne dass die jungen Aktivt_innen aufgrund ihres Erfahrungsvorsprungs an den Rand drängen würden, ist offen.“ (S. 250) Die notwendige Positionierung von FFF zu anderen Gruppen wie Extinction Rebellion wird leider nicht diskutiert.

Trotz einiger fehlender Diskussionspunkte ist das Buch ein erster Impuls für eine fachwissenschaftliche Einordnung von FFF auf empirischer Grundlage. Erste Forschungsergebnisse, wie auf dem Klappentext angekündigt, werden hier geliefert.

Der Titel „Die Jugend gegen den Klimawandel“ ist allerdings pauschalisierend und schlichtweg falsch. Es sollte besser von größeren Teilbereichen innerhalb der Jugend gesprochen werden. Oder es sollte wie im Artikel von Hurrelmann und Albrecht von starken Prägungen der Jugendkultur ausgegangen werden.

Buch 3

Christina Irrgang: Hitlers Fotograf. Heinrich Hoffmann und die nationalsozialistische Bildpolitik, transcript, Bielefeld 2020, ISBN: 978-3-8376-5305-2, 40 EURO (D)

Dies ist die überarbeitete Version der Dissertation von Christina Irrgang, die sie unter dem Titel „Hoffmanns Bildindustrie. Eine medienanalytische Beobachtung“ an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe 2018 eingereicht hat. Sie beleuchtet darin die nationalsozialistische Bildpolitik und Propaganda, die im Wesentlichen von dem Fotografen Heinrich Hoffmann, der eine besondere Nähe zu Hitler besaß, und dessen Bilder des Diktators und Massenmörders mitgeprägt wurde. Hier geht es besonders um eine bild-kontextuelle Analyse, was bedeutet, Fotografien nicht als Einzelerscheinungen wahrzunehmen, sondern als reflexiven Korpus. Dabei geht es um den medialen Kontext, in dem sie erscheinen, um dessen Modalitäten der Ausführung, die Miteinbeziehung der Sequenz bzw. den übergeordneten Bildkonglomerat, das Spektrum materiellen Reflexivität und das Begreifen des Korpus der analysierten Thematik in Diskurszusammenhängen.

Im ersten Teil geht es um die fotografische reproduktion und des Zeitalter der visuellen Kommunikation. Darauf aufbauend werden die Zuschreibungen der Fotografie im nationalsozialistischen Kontext (Emotion, strukturelle Koppelung zwischen privatem und politischen Raum, Authentizität) beleuchtet.

Der zweite Teil analysiert ausführlich Hoffmanns Band „Hitler wie ihn keiner kennt“, vergleicht einzelne Ausgaben und zeigt, wie durch subtile Eingriffe politische Botschaften transportiert oder unkenntlich gemacht wurden. Außerdem wird Hoffmanns Bildband „Jugend um Hitler“ aus dem Jahre 1934, der darauf ausgerichtet war, über das fotografische Bild mit Kindern und Jugendlichen zu kommunizieren, beleuchtet. Stanley McClarchies im Verlag Heinrich Hoffmann herausgegebene Bildbände „Look to Germany, the Heart of Europe“ und „Sieh, das Herz Europa“ im Hinblick auf die Olympischen Spiele in Berlin 1936 steht dann im Mittelpunkt. Um die deutsch-italienischen Beziehungen propagandistisch Ausdruck zu verleihen, widmete Hoffmann den gegenseitigen Staatsbesuchen von Mussolini und Hitler zwei Bildbände, „Mussolini erlebt Deutschland“ und „Hitler in Italien“, die danach untersucht werden. Der im Herbst 1939 erscheinende Bildband „Mit Hitler in Polen“ begleitet heroisch und agitatorisch den deutschen Überfall auf Polen desselben Jahres. Dieser wird ebenfalls untersucht genauso wie „Wir arbeiten bei Junkers“ aus dem Jahre 1943, wo NS-Musterbetriebe und deren Arbeiter in Situationen ihres Berufsalltags gezeigt werden.

Anschließend geht es um den Umgang der Fotografien Hoffmanns nach dem Ende des NS-Staates. Dabei werden die drei Kategorien faktischer, illustrativer und affirmativer Gebrauch untersucht. Es wird gezeigt, dass die Bildbände Hoffmanns und das darin suggerierte Hitler-Bild auf „vielfältig erschreckende Weise noch immer als Mythos“ fortbestehen. (S. 189) Außerdem wird noch das Selbstbild von Hoffmann im Zusammenhang mit seiner Spruchkammerverhandlung und dem Werk „Heinrich Hoffmanns Erzählungen“ als Verteidigungsstrategie und Rechtfertigung skizziert.

Im Anhang findet man ein Quellen- und Literaturverzeichnis.

Hoffmann genoss den Status der Exklusivität, er war Hitlers „Leibfotograf und Freund“. (S. 78) Die mit den von Hoffmann herausgegebenen Bildbänden im Zeitraum 1932-1944 prägten maßgeblich das Image und die Popularität Adolf Hitlers. Der 1932 erschienene Bildband „Hitler, wie ihn keiner kennt“ war ein Vorbild für folgende, politisch motivierte Bildbände und transportierte eine „personengebundene politische Ikonografie“. Dabei machte sich Hoffmann die neuen technischen Entwicklungen und medialen Kanäle zu Eigen und schaffte es, sie bildpolitisch wirksam zu machen. Der Geschäftsmann Hoffmann entwickelte medienstrategisch bewusst die Bild- und Blickmann und steuerte diese mit seiner „Bildfabrik“ gewinnbringend. (S. 30)

„Erst die technische Reproduzierbarkeit von fotografischem Bildmaterial ermöglichte die Vervielfältigung von ‚realitätsnahen‘ Bildern als Weltbildvorlage. Diese Entwicklung ist grundlegend für das Entstehen medialer Formate, wie sie sich mit Hoffmanns Sortiment abzeichnen. (…) Heinrich Hoffmanns propagandistisch aufbereitete Fotografien erweisen sich als zeithistorische Dokumente, die vormals aber über das Abgebildete hinaus durch mediale Aktualität und nicht zuletzt durch ihre Fülle überzeugten. Hoffmanns Dokumente sind das Produkt einer Image-Kampagne.“ (S. 31)

Die benutzten Techniken und Methoden wurden auch nach dem Ende des NS-Staates bei Politikern angewandt und sind noch bis heute zu beobachten.

Wie Fotografie als Medium des Führer-Mythos diente und von Hoffmann gekonnt und mit pragmatischem Kalkül in Szene gesetzt wurde, wird hier deutlich gemacht. Eine abschließende Zusammenfassung der wichtigsten Thesen fehlt aber. Im Buch selbst sind keine Bilder zu sehen, es gibt eine digitale Materialsammlung, eine Auswahl der im Hauptteil der Arbeit besprochenen Filmbildbände, die durch einen digitalen Bildteil ergänzt wird. Dies kann durch einen Link auf Seite 31 abgerufen werden.

Buch 4

Benjamin Wihstutz/Benjamin Hoesch (Hrsg.): Neue Methoden der Theaterwissenschaft, transcript, Bielefeld 2020, ISBN: 978-3-8376-5240-1, 35 EURO (D)

In diesem Sammelband liefern die Beiträge interdisziplinäre Positionen zu methodischen Fragen und Verfahren aktueller theaterwissenschaftlicher Forschung. Es geht dabei um die Frage, welche Werkzeuge, Verfahrensweisen und Perspektiven als sinnvoll und erkenntnisweisend anerkannt werden und welche Wege die theaterwissenschaftliche Forschung in Zukunft einschlagen wird. Der „strukturellen Methodenblindheit“ (S. 9) soll begegnet werden und „die Aufmerksamkeit auf (Re-)Kombinationen, Weiterentwicklungen und originelle Anwendungen von Methoden und deren Explikationen zu lenken und damit eine Diskussion fortzusetzen, welche die theaterwissenschaftliche Forschung einerseits stärker vernetzt und andererseits zur Ausdifferenzierung und Pluralität des Faches beiträgt.“ (S. 9f) Die Schwerpunkte liegen dabei auf Erweiterungen der Aufführungsanalyse, neuen Theaterhistoriografien sowie der Institutionenforschung. Auch die Theaterwissenschaften selbst werden in Anlehnung und Abgrenzung zu anderen Fächern verortet.

Im ersten Beitrag der Herausgeber werden drei Entwicklungen skizziert, die die Methodendiskussion in den Theaterwissenschaften in den vergangenen Jahren als Fach maßgeblich geprägt haben und der Aufbau des Sammelbandes behandelt.

Danach geht es im ersten Teil um die Erweiterungen der Aufführungsanalyse. Zunächst stellen Doris Kolesch und Theresa Schütz polyperspektivische und immersive Theaterformen vor. Anschließend geht Matthias Warstat auf die wirkungsorientierten Prozesse von applied theatre ein, bevor Susanne Foellmer sich mit den Phänomenen der Wiederholung in Reenactments, Rekonstruktionen und Reperformance beschäftigt. Die Verantwortung für die eigene ästhetische Wahrnehmung in der Übertragung zwischen begehrenden Subjekten bespricht Eva Holling.

Der zweite Teil beschäftigt sich mit neuen Theaterhistoriografien. Den Anfang macht ein Essay von Kati Röttger, die das Spektakel zum zentralen Begriff einer interkonnektiven Historiografie aufwertet. Benjamin Wihstutz entwickelt danach aus der Untersuchung von Disability Performances einen neuen Ansatz historisch vergleichender Performances Studies. Nora Probst und Vito Pinto stellen die neuen digitalen Möglichkeiten archivarischer und vernetzender Verfahren zur Nachlassforschung und komplexer historischer Beziehungsgeflechte zwischen Objekten, Personen, Ereignissen und Ideen vor.

Die Untersuchung institutioneller und organisatorischer Voraussetzungen, Prozesse und Kontexte von Theater werden im dritten Teil angesprochen.

Wie aus dem Instrument des Scenariums eine Organisationsgeschichte des Theaters gewonnen werden kann, zeigt Andreas Wolfsteiner. Stefanie Hasel stellt dann dar, wie mit der Methodik sozial- und kulturwissenschaftlicher Praxistheorien und der künstlerischen Forschung die Grenze zwischen Produktions- und Rezeptionsästhetik unterlaufen werden kann. Benjamin Hoersch geht mit Hilfe sozialempirischer Begriffe von Institution und Organisation auf das konzeptionelle Spannungsfeld für die Erforschung der ambivalenten sozialen Ordnung von Theater ein. Ulf Otto präsentiert eine negative Methodik, um die überkommenen distanzierten Gewissheiten und Begriffe der Theaterwissenschaften aufzugeben.

Dies ist ein Beitrag zur Suche nach einem neuem eigenen Selbstverständnis: Hier werden verschiedene Pluralismen zu methodischen Fragen und Verfahren aktueller theaterwissenschaftlicher Forschung veranschaulicht. Diese weisen mehr Anerkennung für andere Disziplinen wie Philosophie, Soziologie, Ethnologie, Kulturwissenschaften, Organisationstheorie und digitale Archivierung auf. Dies ist keine endgültige Ausarbeitung, sondern eine Anregung zur Diskussion um neue Forschungsgebiete und Methoden unter Anerkennung von anderen Zugängen. Die Hinwendung zu mehr interdisziplinärem Arbeiten ist zu begrüßen, wobei Ausdrucksformen des Politischen mehr Aufmerksamkeit verdient hätten.

Buch 5

Birgit Mandel/Birgit Wolf: Staatsauftrag „Kultur für alle“. Ziele, Programme und Wirkungen kultureller Teilhabe und Kulturvermittlung in der DDR, transcript, Bielefeld 2020, ISBN: 978-3-8376-5426-4, 25 EURO (D)

In der DDR wurden in den Jahrzehnten des Kalten Krieges Kunst und Kultur als Mittel im Konkurrenzkampf der politischen Systeme gesehen. Eine „Kultur für alle“ wurde als Ziel ausgegeben und ein engmaschiges System der Kulturarbeit etabliert, um über Kunst und Kultur die Herausbildung des politischen Ideals engagierter „sozialistischer Persönlichkeiten“ zu schaffen.

In diesem Buch werden erstmals kulturelle Teilhabe und kulturelle Bildung und deren Umsetzung in der DDR beleuchtet. Gemeinsam mit Studierenden der Kulturvermittlung der Universität Hildesheim wurden systematisch auf Basis von Originaldokumenten, 1Interviews mit Zeitzeugen und Experten aus Kulturvermittlung, Kulturwissenschaft, Kunst und Kulturpolitik aufgearbeitet und für aktuelle Diskurse fruchtbar gemacht. Dabei werden die vielfältigen Aktivitäten zur Ansprache unterschiedlicher Gruppen durch Staat, Partei, Volksbildung oder Massenorganisationen dargestellt und Erfahrungen dieser zentralistisch angelegten Programme vor dem Hintergrund gegenwärtiger Fragen nach erfolgreichen Bedingungen für kulturelle Teilhabe reflektiert.

Im ersten Kapitel gibt es einen Überblick über Kulturpolitik, kulturelle Infrastruktur und Kulturvermittlung für kulturelle Teilhabe in der DDR. Anschließend folgt eine Auswertung der Interviews mit 32 Experten des Kulturlebens der DDR. Eine Auswertung der 60 Interviews mit Zeitzeugen und zentrale Thesen zu den Zielen und Wirkungen der DDR-Kulturpolitik werden dann vorgenommen. Danach wird die Kulturvermittlungsarbeit an drei ausgewählten Einrichtungen (Zentraler Club der Jugend „Martin Andersen Nexö“ in Dresden, „Klubhaus der Werktätigen“ der Filmfabrik Wolfen und das Gewandhaus zu Leipzig) analysiert. Dann werden die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst, die Widersprüche in der Kulturarbeit der DDR aufgezeigt und Impulse für aktuelle Diskurse einer teilhabeorientierten Kulturpolitik und Kulturvermittlung vermittelt.

Im Anhang findet man den Abdruck von sieben ausgewählten Interviews von Experten des DDR-Kulturlebens und sieben Zeitzeugen in unterschiedlichen Berufsfeldern sowie ein Literatur- und Quellenverzeichnis.

Folgende Ergebnisse gingen aus der Untersuchung hervor:

Kunst und Kultur hatten einen hohen Stellenwert im Kontext der Bildung und Erziehung der Menschen und des Aufbaus einer sozialistischen Gesellschaft. In der DDR wurde ein umfassendes, zentralistisch organisiertes System der Kulturarbeit etabliert, das verschiedene Bereiche umfasste: von kulturellem Erbe und klassischen Hoch-Kulturformen, zeitgenössischen sozialistischen Künsten, Volkskultur, Laienkultur, bis zu den alltagskulturellen Formen wie Mode, Handwerk, Architektur, Körperkultur und Tourismus. Kulturelle Arbeit war verbindlich verankert in den Kultur- und Bildungsplänen der Kindergärten, Schulen und Jugendorganisationen, im Wohnumfeld und vor allem in den Betrieben. Vor allem für Kinder und Jugendliche gab es außerhalb dieses Umfeldes vielfältige Freizeitangebote. Es wurde ein dichtes Netz an Kulturhäusern etabliert, die ein breites Spektrum an kulturellen Angeboten bereithielten.

Durch die Einbindung von Kunstschaffenden und Kunstinstitutionen in die Vermittlungsarbeit gab es eine enge Verzahnung von Laientum und professionellem Kunstschaffen. Trotz staatlicher Zensur und Überwachung gab es Freiräume und Nischen für subkulturelle und alternative künstlerische und kulturelle Aktivitäten, es gab auch eine Different zwischen den offiziellen Tätigkeitsberichten der Kulturarbeiter und den tatsächlichen Aktivitäten. Es gelang jedoch nicht, Menschen aller sozialen Schichten und vor allem die Arbeiterschaft für komplexe Formen zeitgenössischer Hochkultur nachhaltig zu interessieren.

Es gab Ambivalenzen der Kulturarbeit in der DDR: Indem offizielle Stellen versuchten, die Freiheit der Künste einzuschränken, forcierten sie deren widerständiges Potential. Einerseits sollte durch Kunst und Kultur die aktive, engagierte und selbständige Persönlichkeit entwickelt werden, die dann dem Aufbau der sozialistischen Gesellschaft dient. Andererseits sollte es keine eigenständigen, von der Parteilinie abweichenden Ideen geben.

Danach wird noch erläutert, wie aus den Erfahrungen der Kulturarbeit der DDR, Erkenntnisse und Impulse für aktuelle Diskurse zur Förderung der kulturellen Teilhabe gewonnen werden können. Dabei werden Investitionen in Strukturen und dauerhafte Kooperationen statt in temporäre Projekte gefordert. Außerdem wird eine staatlich geförderte, in regelmäßigen Abständen durchgeführte Ermittlung der kulturellen Interessen und der Teilhabe an kulturellen Angeboten angemahnt. Forderungen nach lebenslanger kultureller Bildung durch Verortung von Kunst und Kultur im Arbeits-Alltag, die Einbeziehung ländlicher Räume in die kulturelle Infrastruktur durch ein flächendeckendes Netz von Kulturhäusern und Bibliotheken und die gleichwertige Förderung unterschiedlicher Kulturformen folgen danach. Durch kostenlose oder sehr kostengünstige Preise, Aktivitäten in Gruppen oder soziale und gesellige Aktivitäten oder die Übernahme von Planung und Durchführung durch Schulen, Arbeitgeber oder gesellschaftlichen Organisationen würde ein Abbau von Barrieren der Teilhabe an klassischen Kunst- und Kulturangeboten erreicht werden.

Hier wird ein erster spannender Einblick in die Kulturpolitik, Ziele und Programme und Wirkungen kultureller Teilhabe der DDR und deren Veränderungen gegeben. Leitlinien werden verdeutlicht, die Diskrepanz zwischen staatlichen Zielen und der Entstehung von Subkulturen veranschaulicht und auch Vorschläge zur Transformationen zur aktuellen Situation gemacht.

Dabei werden viele brauchbare Vorschläge gemacht, wie etwa kostenloser Eintritt oder die Stärkung der Beziehung zwischen Alltag und Kunst und Kultur. Die hohen Besucherzahlen in kulturellen Einrichtungen in Großbritannien, wo bestimmte Museen kostenfrei sind, zum Beispiel in der Tate Gallery sprechen dabei für sich. Dauerhafte Strukturen und ein flächendeckendes Netz von Kulturhäusern auf dem Lande würden wohl am fehlenden Finanzierungswillen scheitern. Kunst und Kultur hat leider keine große Lobby in der BRD.

Offene Fragen zu Kultur und Kunst in der DDR und die kulturelle Teilhabe bleiben dennoch:

Handelte es sich bei der Vermittlung von Kunst und Kultur um eine unausgesprochene Form von deutscher Kultur? Oder inwieweit spielte auch sowjetische, osteuropäische Kunst und Kultur oder Weltkultur eine Rolle? Inwieweit hatten auch Vertragsarbeiter aus den sozialistischen „Bruderstaaten“ oder sowjetische Streitkräfte Zugang oder gar eine Art von Mitbestimmung zu Kunst- und Kulturangeboten? Wie verhielt es sich mit beiden christlichen Konfessionen und deren kulturellen Überzeugungen oder der jüdischen Gemeinschaft?

 

Buch 6

Claudia Gärtner: Klima, Corona und das Christentum. Religiöse Bildung für nachhaltige Entwicklung in einer verwundeten Welt, transcript, Bielefeld 2020, ISBN: 978-3-8376-5475-2, 29 EURO (D)

Claudia Gärtner lehrt Praktische Theologie mit dem Schwerpunkt Religionspädagogik an der TU Dortmund. Sie stellt in diesem Buch Leitlinien und praktische Bausteine für eine politische religiöse Bildung für nachhaltige Entwicklung vor. Sie fasst aktuellen Krisen von Klimawandel und Corona interdisziplinär auf und will sie in Verbindung von Grundlagentheorie und Praxiskonkretion religionspädagogisch transformieren.

Im ersten Kapitel werden zentrale Entwicklungslinien und Charakteristika von Bildung für Nachhaltigkeit und Entwicklung dargestellt und in Auseinandersetzung mit der Kritischen Pädagogik und kritisch-politischer Bildung gestellt, um erste Orientierungsfelder für eine religionspädagogische Bearbeitung zu gewinnen. Dann werden kontextuelle Hürden und Gelingensbedingungen von religiöser Bildung für Nachhaltigkeit und Entwicklung analysiert. Dabei liegt der Schwerpunkt auf psychologische, soziologische und didaktisch-methodische Dimensionen.

Weiterhin werden Formen der religiösen Eigenlogik einbracht (Alterität, Zeit, Mensch, Schöpfung, das Beschreiben von Religion über Dimensionen). Danach werden erste Konturen einer religiösen Bildung für Nachhaltigkeit und Entwicklung aufgezeigt und dies unter den Schlagworten „Krisenorientiert und kontrovers“, „Eschatologisch“, „Antizipatorisch-erinnernd“, „Normativ-parteiisch“, „Kritisch-reflexiv“, „Emanzipatorisch“ und „Kontext- und erfahrungsorientiert“ subsumiert. Außerdem werden noch Spannungsfelder diskutiert.

Im letzten Teil werden sechs Lerngegenstände einer religiösen Bildung für Nachhaltigkeit und Entwicklung entworfen, die theoretisch aus den theologischen Reflexionen gewonnen und nun religionspädagogisch und religionsdidaktisch transformiert werden.

Vieles in diesen Ausführungen bleibt abstrakt. Bei den Lerngegenständen zum Schluss werden weder Adressaten (Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Senioren usw.), Institutionen wie Kita, Grundschule, Schule, Fort- Weiterbildungen, VHS usw. genannt noch genannt, worin im Einzelnen die Lernziele bestehen sollen. Konkrete Handlungsempfehlungen, didaktisch-methodische Überlegungen oder ein Alleinstellungsmerkmal, was religiöse, politische Bildung für Nachhaltigkeit und Entwicklung im Gegensatz zu anderen pädagogischen Disziplinen leisten kann und was nicht, fehlen. Potentiale und Anregungen, die eine interreligiöse Bildung zur nachhaltigen Entwicklung spielen kann, werden hier auch nicht diskutiert.

Die hier erarbeiteten Grundlagen lassen sich höchstens als Ausgangspunkt für den konkreter gefasste Konzepte der Religionspädagogik benutzen.

 







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