Neuerscheinungen Graphic Novel und Kunst

16.01.21
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Moritz Stetter: Mythos Beethoven, Knesebeck Verlag, München 2020, ISBN: 978-3-95728-441-9, 25 EURO (D)

Ludwig van Beethoven und seine Musik kennt man überall auf der Welt. Sein 250. Geburtstag wird im Jahr 2020 rund um den Erdball gefeiert. Der freiberufliche Comiczeichner und Illustrator Moritz Stetter liefert hier in Form einer Graphic Novel eine subjektive Annährung an den berühmten Künstler und den ihm umgebenden Zuschreibungen und Mythen.

Es ist durchgängige Biographie Beethovens, sondern eine Zusammenfassung einzelner Fragmente aus seinem Leben. Stetter beschäftigt sich ausgiebig mit dem ganzen Beethoven-Mythos und seine Wirkungsgeschichte. vom Präludium bis hin zum Postludium zeigt Stetter Episoden über Ruhm und Ehre, aber auch Leid wie seine Taubheit und Einsamkeit. Sein außergewöhnliches Talent und wie er sein Publikum verzaubert hat, findet sich oft quer durch das Buch. Beethoven begegnet vielen bekannten begegnet, beispielsweise Goethe, wo er sich ungewohnt demütig und untertänig gibt, oder Napoleon.

Beethoven wird als Künstler durch und durch präsentiert: „Für mich kann es kein Glück mehr geben, außer in mir, in meiner Kunst.“ (S. 61). Selbst in der Öffentlichkeit war er meist in Gedanken um seine Kunst vertieft und nahm wenig um sich herum wahr. Schon sein Ableben und die Trauerfeier stellen ihn als größer als die gewöhnlichen Menschen dar. Die Verherrlichung von außen korrespondiert mit seiner pathetischen Selbstheroisierung an einigen Stellen. Der feierliche Ausklang zum Ende des Buches ist „Ode an die Freude“.

Die einzelnen Illustrationen werden unterschiedlich groß dargestellt. Bilder wie Beethovens Verfremdung im Dritten Reich sind über eine Doppelseite, es gibt aber auch oft vier Illustrationen auf einer Seite. Es wird etwas mit Farben gearbeitet, um Stimmungslagen auszudrücken. Der Text steht dabei nicht im Mittelpunkt, sondern die Illustrationen.

Im Nachwort beschäftigt sich Ariane Zustra mit dem Mythos Beethoven und sieht in ihm ein „Musikgenie“: In ist nahezu unvorstellbar, wie es möglich ist, dass es ein einzelner Mensch so viel Talent und Fähigkeit besitzt, um trotz Taubheit Musik zu komponieren, die zu den bedeutendsten und schönsten der Geschichte zählt.“ (S. 94)

Dies ist keine Hagiografie von Beethoven, sondern eine Darstellung von guten und schlechten Eigenschaften des Künstlers und über seinen Tod hinaus mit sich um ihn rankenden Legenden und Mythen. Großformatige Bilder, detailreich und aufwändig gestaltet, vor sein Künstlerbild, der Mythos, der nach seinem Tod noch raumgreifender wurde. In dem Buch spielt Stetter mit der Überhöhung Beethovens als gottgleicher Superstar.

An vielen Stellen im Buch sieht man, dass er sich intensiv mit Beethovens Leben und Werk und seiner Rezeption beschäftigt hat. Obwohl das Buch ruhig mehr Episoden hätte bieten können, ist es ein anderer spannender Einblick in Beethovens Leben und eine Charakterisierung seines Wesens sowie in das Urteil der Zeitgenossen nach ihm.

 

Buch 2

Peter Assmann/Peter Scholz/Angelika Irgens-Defregger/Helmut Hess (Hrsg.): Franz von Defregger: Hirmer Verlag, München 2020, ISBN: 978-3-7774-3666-1, 45 EURO (D)

Franz von Defreggers Ruhm verdankt sich seinen Historienbildern und Genredarstellungen ländlich-alpinen Lebens. Zum 100. Todestag bewertet eine große Retrospektive bewertet nun Defreggers Schaffen zwischen Moderne und Tradition, Identität und Image, Mythos und Missbrauch neu. Die Ausstellung „Defregger. Mythos –Missbrauch – Moderne“ im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum in Innsbruck zwischen dem 11.12. 2020 bis zum 11.4.2021 wirft anhand seiner Hauptwerke und bisher unbekannter Gemälde aus Familienbesitz einen umfassenden neuen Blick auf das Schaffen des Tiroler Malers und eine Gegenüberstellung Defreggers mit relevanten Arbeiten von bedeutenden Künstlern der Moderne: „Zentrale Anliegen ist dabei gerade die Revision des herkömmlichen und persistenten Defregger-Images in der Kunstgeschichte, (…)“ (S. 6)

Zeitgemäße Fragen nach Geschlechterrollen, der politischen Aufladung und Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten oder der Rezeption im Heimatfilm spielen dabei ebenso eine Rolle wie die massenhafte Verbreitung der Gemälde durch die Reproduktionsindustrie. Dies ist der Katalog zur Ausstellung.

Das Buch beginnt mit zahlreichen Essays: Zuerst führt Peter Scholz in das Konzept der Ausstellung und des Bandes ein und die Polarisierung Defreggers: „Zwischen größter Wertschätzung und einer zum Teil kritiklosen, nahezu ‚heldenhaften‘ Überhöhung auf der einen Seite sowie einer oftmals vorurteilsbehafteten, vollkommenen Ablehnung seiner Kunst als Kitsch oder ‚Nazi-Kunst‘ auf der anderen Seite.“ (S. 15)

Er zeigt Defregger als einen Künstler, der „radikal zwischen seiner öffentlichen und privaten Malerei unterschied.“ (S. 25)

Anschließend beschäftigt sich Angelika Irgens-Defregger mit Stationen seiner Biografie. Gitta Ho skizziert Defreggers Parisaufenthalt von 1863 bis 1865, schildert die Gründe für seinen Aufenthalt, sein Umfeld und seiner Auseinandersetzung mit anderen Künstlern, so die Schule von Barbizon. Sie stellt heraus, dass sich Defreggers Parisaufenthalt auf das spätere Schaffen des Künstlers auswirkte, vor allem durch jene Werke, die er in der Stadt und bei Ausstellungen sah.

Joseph Imorde stellt danach vor, wie Defregger von dem im späten 19. Jh bahnbrechende Unbehagen an der Moderne profitierte und so zu Popularität und Wohlstand gelang, weil er mit „seiner Kunst der Entlastung“ den Nerv der Zeit traf. (S. 70)

Sigrid Ruby konzentriert sich darauf, wie Defreggers Kunst das Verhältnis Mann und Frau und geschlechtsspezifische Rollen behandelt. Helmut Hess geht danach auf die Geschäftstüchtigkeit Defreggers ein. Kein anderer Künstler konnte im deutschsprachigen Raum über Jahre hinweg ähnlich hohe Honorare für die Vervielfältigungsrechte buchen wie Defregger. Er wird als Musterbeispiel eines merkantil orientierten Künstlers, der die neuen Verwertungsmöglichkeiten seiner Kunst erkannt und sie ausgiebig zu nutzen weiß, charakterisiert.

Anschließend stellt Birgit Schwarz die Vorliebe von Hitler für die Bilder von Defregger vor allem die Andreas Hofer-Motive dar. Ab 1938 baute Hitler eine Gemäldesammlung für das „Führermuseum“ auf, hier sollte Defregger einen Hauptraum für sich erhalten. Defreggers Kunst wurde durch die NS-Propaganda vereinnahmt und umgedeutet. Simone Egger geht danach auf Defreggers Bildwelten mit Trachten ein, die zur Erzeugung von Atmosphäre dienten. Die Motive osttiroler Baukultur in Gemälden Defreggers werden von Christoph Hölz untersucht. Defregger hat durch einen ausschmückenden und schöpferischen Historismus die Wirklichkeit idealisiert, ausgeschmückt und umgedeutet. Zum Abschluss geht Georg Seeßlen auf Defregger als ikonografische Wurzel des Heimatfilmes ein.

Danach folgt der Katalog, der in folgende Bereiche unterteilt ist: Wieder- und Neuentdeckung, Bauerngenre, Studienzeit in Paris, Künstlerfreunde und inspirierende Netzwerke, vom Meisterschüler zum Akademieprofessor, der Einfluss der Schule von Barbizon, Musik, Humor und Tourismus, religiöse Werke, Historiengemälde und ihre politische Aufladung, Geschlechterrollen, Verbreitung seiner Gemäldereproduktionen, Malerei der Moderne, die Jahrhundertausstellung Deutscher Kunst in Berlin 1906, weibliche Akte.

Im Anhang findet man noch Kurzbiografien der Künstler und Dargestellten, Kurzbiografien der Autoren, eine Liste der Reproduktionen nach Werken von Defregger, die zwischen 1873 und 1921 im Kunstverlag Franz Hanfstaengl erschienen ist, eine Liste mit jenen Defregger-Gemälden, die durch Hitler als Zuteilung an das „Führermuseum“ in Linz sowie andere Museen vorgesehen waren, sowie eine Bibliografie.

Es wird versprochen, den „weit verbreiteten Vorurteilen über die künstlerische Qualität seiner Malerei und der Verengung seiner Oeuvres seiner Malerei auf sentimentale Bauerngenre wird mit einem Blick auf das komplexe Gesamtwerk und die vernachlässigten Motivbereiche entgegentreten. Aus dieser Perspektive lässt sich eine überraschende Neubewertung des gesamten Schaffens gewinnen.“ (S. 6)

Dies wird mit den Interieursbildern, den Akten, der Beschäftigung mit anderen Kulturen und anderen Bereichen eingelöst, die treffend analysiert werden und mit Werken anderer Künstler verglichen und eingeordnet werden. Eine sehr ausführliche Beschäftigung, dem lange der Ruf als einer der Lieblingsmaler Hitlers in der Rezeption nachhing.

Manchmal ist die Kritik etwas zu streng: Bedürfnisse nach Fluchtpunkten aus einer zerrissenen Welt, idyllische Sehnsuchtsorten vermischt mit Naturromantik und „Volkskultur“ haben auch noch heute Hochkonjunktur. Man denke nur an „Volksmusik“, an deren Imagination viele Künstler und ganze Landstriche ein Geschäftsmodell aufgebaut haben und daran sehr gut verdienen. Defreggers visuelle Konstruktionen und sein Mitwirken daran ist zwar als konservativer Kitsch zu kritisieren, ist aber kein skandalöses Einzelphänomen. Dieses Prinzip ist bis in die Gegenwart wirkungsmächtig.

Buch 3

Vereinigung der Landesdenkmalpfleger (Hrsg.): wohnen 60 70 80. Junge Denkmäler in Deutschland, Deutscher Kunstverlag, Berlin 2020, ISBN: 978-3-422-98154-6, 39,90 EURO (D)

Dieser Band liefert erstmals einen Überblick über das in Deutschland als Denkmäler erfassten Wohngebäude und Siedlungen der 1960er bis 1980er Jahre. In diesen Jahrzehnten entstanden ungeheure Baumassen, die im Hinblick auf die Bewertung für die Denkmalpflege eine Herausforderung darstellen. Es kann nicht alles geschützt werden, sondern nur das Besondere und Beispielhafte mit hohem Zeugniswert für die jeweilige Zeit. Auf welcher Grundlage eine Auswahl getroffen werden sollte und was die Kriterien dafür sind, wird in diesem Band erläutert. Der Band entstand aus der langjährigen Beschäftigung der AG Inventarisierung der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger mit diesem Thema. 

Er bietet den ersten bundesweiten Überblick der bislang erfassten Baudenkmäler dieser drei Jahrzehnte. Dabei ist keine erschöpfende Architekturgeschichte das Ziel, sondern die Denkmäler selbst stehen exemplarisch im Mittelpunkt. Die Beispiele sind nach Bauaufgaben strukturiert, wobei kurze Einstiegskapitel den Rahmen abstecken.

Dies sind im Einzelnen sieben Kategorien. Zu Beginn werden elf Privathäuser vorgestellt, danach folgen zwei staatliche Repräsentationsbauten (Waldsiedlung in Bernau, Kanzlerbungalow in Bonn). Fünf Hochhäuser, neun kompakte, verdichtete Wohnanlagen, insbesondere Teppich- und Terrassensiedlungen und fünf Großsiedlungen folgen danach. Kontextuale Architektur, die die historischen Bauformen der Altstadt aufnahm und anverwandelte ist mit neun Beispielen darunter auch die Hamburger Hafenstraße vertreten. Den Abschluss bilden sechs individuelle, kreative und experimentelle Wohnungen mit neuen Konstruktionen wie die Schalenbauweise, neue Materialien wie vielfältige Kunststoffe und neue freie Formen.

Die Vorstellung der Häuser und Siedlungen von verschiedenen Autoren enthalten eine durchgehende Systematik: Es gibt in Form von einer Tabelle eine Übersicht über Name, Adresse, Architekt und Bauzeit. Ein längerer Text beschreibt den Bau selbst und die dahintersteckende Konzepte. Außerdem gibt es mehrere Farbbilder aus verschiedenen Perspektiven von außen und innen, manche mit Gärten und der näheren Umgebung, Grundrissen, Schnitten, historische Karten, Zeichnungen, Lagepläne, Entwürfe und Änderungsentwürfe.

Zu Beginn erläutert noch ein Aufsatz die Methodik und Praxis der Denkmalerfassung.

Im Anhang findet man noch eine Auswahlbibliografie, ein Register der Architekten und Gartenarchitekten und einen Abbildungsnachweis.

Dieses Buch spiegelt vordergründig die Kriterien der Denkmalpflege für diesen Zeitraum wider und gibt dazu exemplarische Einblicke. Das Buch kann aber auch für Architekten, Stadtplaner und interessierte Laien als Überblicksdarstellung von verschiedenen Architekturstilen von den 1960er bis zu den 1980er Jahren genutzt werden. Die verschiedenen Stile und Ansätze hätten zwar noch etwas ausführlicher dargestellt werden können, aber ansonsten gibt der Band einen guten Einblick in das Wohngeschmack und Konzepte der Nachkriegszeit in beiden deutschen Staaten. Es werden bekannte Objekte und Siedlungen wie der Kanzlerbunker oder die Wandlitzsiedlung in Pankow, aber auch zahlreiche unbekannte Beispiele herangezogen. Vor allem das letzte Kapitel bietet dabei ungewöhnliche, kreative Lösungen.

Das ästhetische Element ist natürlich subjektiv und spielt bei der Frage nach der Erhaltung eine untergeordnete Rolle. Dennoch sollte man dies stärker einbeziehen – gerade auf dem Hinblick der Verbindung von Architektur und Gesundheit - und die Zahl der seelenlosen und im schlimmsten Fall krank machenden Siedlungen oder Hochhäuser auf ein Minimum beschränken.

 

Buch 4

Raffael und die Madonna, Hirmer Verlag, München 2020, ISBN: 978-3-7774-3617-3, 29, 90 EURO (D)

Zum 500. Todestag Raffaels sollte als eine von drei Ausstellungen „Raffael und die Madonna“ ursprünglich zwischen dem 4.12.2020 und dem 9.5.2021 in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden stattfinden. Rund um sein weltbekanntes Gemälde „Sixtinische Madonna“ widmet sich diese Ausstellung Raffael als Madonnenmaler.  Dabei wird die „Sixtinische Madonna“ vertieft betrachtet und somit neue Bedeutungsebenen sichtbar gemacht. Dabei geht es vor allem um den geistigen und räumlichen Kontext, in dem und für den das Kunstwerk geschaffen wurde.

Madonnen machten unter den Devotionalienbildern in Italien seit dem 14. Jahrhundert eine große Zahl der gesamten künstlerischen Produktion aus. Alle großen Künstler in Italien dieser Epoche beschäftigten sich mit dem Sujet. Gerade die Madonna mit Kind war für Raffael ein Bildthema, mit dem Raffael seine Begabung und Meisterschaft unter Beweis stellen konnte.

Stephan Kuja, Direkter der Gemäldegalerie Alte Meister, fasst zusammen: „Ausstellung wie Buch führen eindrucksvoll vor Augen, dass sie Madonna für Raffael mehr war als ein gut verkäufliches Sujet. Die Innigkeit, aber auch die theologische Vielschichtigkeit seiner Bilder offenbaren neben aller Genialität, auch die tiefe Gläubigkeit dieses Künstlers und seine persönliche Beziehung zu Maria.“ (S. 9)

Dies wird in sieben Beiträgen im Folgenden ausgebreitet. Im ersten Essay untersucht Andreas Henning anhand seiner drei großen Lebensstationen erstens in den Regionen Umbrien und Marken, zweitens Florenz und drittens Rom die Malerei Raffaels von Madonnen. Das zweite Essay von Eva-Bettina Krems beschäftigt sich mit dem um 1503 entstandene Bild „Madonna mit Kind und Buch“ im Kontext seines Frühwerks. Anders als in seiner Florentiner und römischen Phase weisen seine frühen Madonnen fast typenhafte Ähnlichkeiten auf. Die „Madonna mit Kind und Buch“ ist innerhalb diesen die in Ausgewogenheit, künstlerischem Ehrgeiz und erzählerischem Anspruch die auffälligste Version. In diesem Zusammenhang werden Raffaels vorbereitende Zeichnungen analysiert.

Anschließend stellt Stefania Girometti die Genese und Bedeutung von Madonnen mit Kind in der italienischen Malerei des 15. Jahrhunderts dar. Dies war das am häufigsten dargestellte Sujet für Altarbilder. Die Anfänge dieser Entwicklung liegen schon im 14. Jahrhundert infolge der in Italien wütenden Pest. Der Anbetung der Madonna mit Kind wurden „wundersame Auswirkungen gegen die Verbreitung der furchtbaren Seuche zugesprochen.“ (S. 64)

Peter Stephan präsentiert danach die Bedeutung der „Sixtinischen Madonna“ als Altarbild. In der Sixtina bezog sich Raffael dabei auf die ikonografische Tradition des decensus ad cruxem und fügte weitere Spannungselemente hinzu, mit denen er eine Dramatisierung rein menschlicher Gefühlsregungen beabsichtigte. Das Vorhangseil wirkt als wäre es zwischen die Pfeiler eines Portals gespannt. Das Bild wird zur Himmelspforte, durch die Christus in die Welt tritt. Außerdem führt er die Betrachter „von einer einfachen Sinnebene, die wörtlich zu deuten ist, auf eine höhere Sinnebene, die eine allegorische oder gar mystische Aussage enthält.“ (S. 100) Um anzuzeigen, dass das heilsbringende Bildgeschehen in den Kirchenraum drängte, bediente sich Raffael verschiedener Grade der Plastizität. Außerdem wird die politische Dimension des Bildes analysiert.

Weiterhin geht Claudia Kryza-Gersch auf das oft vernachlässigte Detail des Gesichtsausdruck des Jesuskindes in der „Sixtinischen Madonna“ ein. Die darin verfolgte „kühne Idee“ (S. 125), die Furcht vor der Passion nicht nur im traurigen Gesicht Marias, sondern in einem angsterfüllten Kind darzustellen, wurde bereits von Michelangelo vorgegeben. Dennoch wählt Raffael eine fundamental andere künstlerische Umsetzung. Zum Abschluss liefert Stephan Koja noch Hintergründe dazu, wie die „Sixtinische Madonna“ in den Besitz der Gemäldegalerie Alter Meister nach Dresden kam. Er stellt dabei den Weg des Gemäldes von der Klosterkirche San Sisto in Piacenza bis zum Ankauf für die Dresdener Sammlung 1754 dar.

Zu allen Essays werden die im Text angesprochenen Bilder ganz und auch in Einzelausschnitten gezeigt.

Zwischen den Essays findet man ähnliche Motive mit Maria in zeitlicher Nähe zur „Sixtinischen Madonna“ unter anderem von Botticelli, Mantegna, Tizian oder Lorenzo Lotto.

Im Anhang findet man noch ein Literaturverzeichnis und den Bildnachweis.

 

Das Versprechen des Buches, durch eine vertiefende Betrachtung der „Sixtinische Madonna“ neue Bedeutungsebenen sichtbar zu machen, wird eingelöst. Vor allem die Beiträge von Peter Stephan und Claudia Kryza-Gersch bieten viele informative Details und Hintergrundwissen. Dazu werden immer passend Einzelheiten der „Sixtinischen Madonna“ oder andere Sujets gezeigt, die die Thesen des Textes gut veranschaulichen.

Buch 5

Volker Adolphs (Hrsg.): Alexej von Jawlensky. Gesicht/Landschaft/Stillleben, Deutscher Kunstverlag, Berlin 2020, ISBN: 978-3-422-98526-1, 34 EURO (D)

Als zentraler Künstler der frühen Moderne hat Alexej von Jawlensky (1864– 1941) die Möglichkeiten der Farbe wesentlich erweitert. Während er die sichtbare Welt zu Beginn expressiv farbig darstellte, reduzierte er später die Formen des Bildes und steigerte die innere Leuchtkraft der Farben zum Ausdruck einer immateriellen und geistigen Wahrheit. Trotz der großen Individualität seines Wegs hat er der Malerei bis zur Gegenwart im Blick auf die Bedeutung der Farbe, des Seriellen und Spirituellen wichtige Anregungen gegeben. 1971 hat das Kunstmuseum Bonn das Werk von Jawlensky zuletzt in einer Einzelausstellung gezeigt. 50 Jahre später widmet sich das Kunstmuseum erneut der Kunst Jawlenskys und folgt in einer exemplarischen Auswahl von rund 70 Gemälden und Zeichnungen der Entwicklung der drei großen Themen Gesicht, Landschaft, Stillleben, auf die sich Jawlensky konzentriert hat.

Dies ist der gleichnamige Katalog der Ausstellung, die wegen Corona erstmal ausgesetzt ist.

Die Struktur des Bandes orientiert sich an drei Essays, denen die dazugehörigen Exponate folgen. Zunächst beschäftigt sich Volker Adolphs mit dem Thema Gesicht, das er als zentral für von Jawlenskys Kunst deutet: „Selbst innerhalb der Beschränkung auf Gesicht, Landschaft, Stillleben besitzt das Gesicht sowohl in der Qualität der Werke wie in der Kontinuität der Auseinandersetzung von den frühen Porträts bis zu den späten Meditationen Priorität.“ (S. 8) Weiterhin geht Adolphs auf die Traditionen seiner Kunst, seine nicht unmittelbare Theorie ein und stellt biografische Eckdaten vor. Außerdem analysiert er die Serien der Mystischen Köpfe, Heilandsgesichter, Abstrakten Köpfe und Meditationen.

Anna Niehoff stellt danach von Jawlenskys Landschaften, insbesondere die Variationen zwischen 1914 und 1921 vor. Diese durchliefen verschiedene stilistische Phasen, die Landschaft „diente ihm gleichsam als Versuchsfeld der Malerei, aber auch als Medium, mit dem er später seine innere Gefühlswelt ausdrücken vermochte.“ (S. 71)

Roman Zieglgänsberger beschäftigt sich dann mit von Jawlewskys Stillleben, deren bisheriges Schattendasein in der Betrachtungsweise der Forschung er einordnet und stattdessen die These aufstellt, dass „diese Gattung indes gar einer der Schlüssel zum Verständnis seiner sich allmählich über die Jahre weiterentwickelnden und nach und nach schärfenden Kunst sowie seiner Lebens- und Weltauffassung gleichermaßen ist.“ (S. 101)

Anschließend wird noch eine Biografie in tabellenartiger Form präsentiert. Eine Liste von ausgewählter Literatur und ein Verzeichnis der ausgestellten Werke runden den Band ab.

 

Die Essays sind gut strukturiert und führen in die drei Teilbereiche informativ ein. Seltsam ist jedoch, dass der Japonismus in von Jaslenskys Werk, der zum Verständnis seiner Kunst von zentraler Bedeutung ist, und die Aufgeschlossenheit der westlichen Kunst für japanische Kunst, hier nur eine untergeordnete Rolle spielen, Auch die Rezeption von seiner Kunst hätte in einem eigenen Beitrag angesprochen werden können. Dagegen gibt die Hervorhebung und Analyse seiner Stillleben einen neuen Blick auf seine Kunst.

 

Buch 6

Kunst & Kapitalverbrechen. Veit Stoß, Tilman Riemenschneider und der Münnerstädter Altar, Hirmer, München 2020, ISBN: 978-3-7774-3674-6, 37 EURO (D)

Der Münnerstädter Altar ist ein Retabel, das zwischen 1490 und 1492 vom Tilman Riemenschneider für den Altar der römisch-katholischen Kirche St. Maria Magdalena in Münnerstadt geschaffen wurde. Ihm fehlte lange eine Farbfassung, erst 1504 erhielten die Figuren und Reliefs eine farbige Oberfläche und die bis dahin leeren Außenseiten der Flügel eine Bemalung mit figurenreichen Szenen aus der Legende des Frankenapostels Kilian. Der Auftrag wurde an den bekannten Nürnberger Bildhauer Veit Stoß vergeben.

Diese außerhalb seines ursächlichen Metiers liegende Arbeit nahm er nur vor dem Hintergrund einer Notsituation in seiner Biografie an: Ab 1503 war Stoß in ein langwieriges Gerichtsverfahren in Nürnberg wegen Urkundenfälschung verstrickt. Normalerweise drohte ihm wegen dieses Vergehens die Hinrichtung oder zumindest eine Blendung. Dies wurde jedoch nur in Form einer Brandmarkung vollstreckt,  ihm wurden im Dezember 1503 zur Strafe beide Backen mit einem glühenden Eisen durchstoßen. Er durfte die Stadt nicht ohne Genehmigung des Rates verlassen. Da er jedoch die viel härtere Strafe nachträglich fürchtete, floh dennoch 1504 nach Münnerstadt, wo er die oben beschriebene Bemalung vornahm. Er kehrte aber 1505 freiwillig nach Nürnberg zurück, wo er erneut verhaftet wurde.

Die Münnerstädter Tafeln sind die einzigen verbürgten Gemälde von Stoß. Dem bemerkenswerten Umstand, dass dies auf den Zusammenhang zwischen künstlerischer Praxis und Verbrechen basierte, wird die gleichnamige Ausstellung im Bayerischen Nationalmuseum in München, die ursprünglich vom 26.11.2020 bis zum 2.5.2021 stattfinden sollte, gewidmet. Dies ist die Begleitpublikation zur Ausstellung.

Die Publikation besteht aus acht Essays, die von zahlreichen Visualisierung und einzelnen Teilstücken des Münnerstädter Altares begleitet werden.

Den Anfang macht der Beitrag von Frank Matthias Kammel, der in die Zusammenhänge der Entstehung der Münnerstädter Altares, Veit Stoß‘ Gerichtsverfahren und Flucht sowie Kunst und Kapitalverbrechen einführt. Die Arbeiten und Stilelemente des monochromen Münnerstädter Altares durch Tilman Riemenschneider werden danach von Matthias Weniger präsentiert. Frank Matthias Kammel skizziert Höhen und Tiefen im Lebensweg von Veit Stoß mit besonderer Berücksichtigung des Prozesses in Nürnberg. Thomas Schindler stellt das Rechtswesen in Nürnberg vor und beschäftigt sich mit der Frage, warum bei Stoß‘ eine „mildere“ Strafe bekam.

Bei seiner Arbeit in Münnerstadt schuf Veit Stoß vier Tafelbilder mit einer Darstellung der Verschwörung der Gailana, die zum Märtyrertod der hl. Kilian, Kolonat und Totnan führte. Es handelt sich bei den Bildern um die einzigen erhaltenen Gemälde von Veit Stoß. die Bildtraditionen der Kilianslegende werden eingehend von Frank Matthias Kammel untersucht, Matthias Weniger beschäftigt sich mit der Ausführung und Gestaltungsprinzipien der Gemälde und stellt einen kompositorischen Vergleich zwischen den Gemälden und den bildhauerischen Werken von Stoß an.

Stoß baute in seine Tafelgemälde auch Zeugnisse der materiellen Kultur wie Mobiliar, Kleidung, Accessoires für alltägliche Verrichtungen oder Utensilien des Raumschmucks in erzählerischer Absicht ein. Was für eine Bedeutung diese hatten, wird von Frank Matthias Kammel, Raphael Beuing, Johannes Pletsch, Thomas Schindler und Annette Schommers dargelegt. Die Untersuchung der zehn Kupferstiche von Stoß (neun von der Auferweckung des Lazarus, eins von der Heiligen Genoveva) durch Achim Riether rundet die Beiträge ab.

Im Anhang findet man noch ein Verzeichnis der ausgestellten Werke, Kurzbiografien von Veit Stoß und Tilman Riemenschneider, ein Literaturverzeichnis sowie den Bildnachweis.

 

Die Publikation zeigt, wie sich das Kapitalverbrechen auf den Lebensweg von Veit Stoß und vor allem auf sein Schaffen ausgewirkt hat. Die heute kaum vorstellbare Ahndung einer Urkundenfälschung mit der Todesstrafe, Blendung oder Brandmarkung wird gut in dem Essay über das Rechtswesen in Nürnberg deutlich. Der Münnerstädter Altar und seine künstlerische Ausgestaltung werden natürlich auch behandelt, aber bilden nicht den eigentlichen Schwerpunkt.

 







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