Revolutionäre Graphic Novel: Captain Swing und die elektrischen Piraten

15.01.21
KulturKultur, TopNews 

 

Comic-Kritik von Hannes Sies

Eine fantastische Piratenutopie verteidigt die Vernunft gegen finstere Mächte: Fabrikbesitzer, Landadel, Plutokraten. Progressiver Steampunk für Fortgeschrittene zur Befreiung der Massen, dem Elektrizität für buchstäbliches Enlightenment, also die Aufklärung steht. Kann Fantastik aufklärerisch wirken? Sie kann.

London 1830. Ein sehr düsteres viktorianisches London, dem selbst das trübe Gaslicht noch abgedreht wurde. Dafür zucken elektrische Blitze durch die Nacht, erhellen den Mord an einem Bobby, schon mit Schlagstock bewaffnet, aber noch mit Zylinder statt Helm. Er wurde auf ein schmiedeeisernes Gitter gespießt, drei Kollegen finden ihn: „Verfluchter Scheiss. Wir sind jetzt 'n Jahr dabei und das ist der fünfte Tote!“ „Das war Spring-Heeled-Jack! Hat sich Fred geschnappt und ihn auf'm Zaun aufgespießt!“ Konstabler Charles Gravel von der Metropolitan Police, einem damals zurecht übel beleumundeten Haufen, nimmt todesmutig die Verfolgung auf. Besagter Jack alias Captain Swing hat wirklich Sprungfeder-Fersen, die ihn unter elektrischen Blitzen über Mauern hüpfen lassen. Doch er ist nicht der Übeltäter, wie Gravel erfährt, den es auf Swings fliegendes Piratenschiff verschlägt.

Vielmehr verbirgt sich hinter Captain Swing ein Mann der Wissenschaft, Doktor Jonathan Rheinhardt, sein Anliegen: Der Welt elektrisches Licht, Wissen und Aufklärung zu bringen. Dagegen kämpft ein plutokratischer Geheimbund britischer Oberschichtler, im Besitz eines Meteoriten aus Marsgestein mit energetischen Kräften. Auf Cindery Island lehrt Swing in einer Steampunk-Schmiede und -Volkshochschule seine Piratenbande, zu produzieren und von einander zu lernen: „dass die Fähigkeit, Dinge herstellen zu können, gleichbedeutend ist mit Freiheit von Tyrannei.“

In schwungvollen Bildern werden die düsteren Abenteuer überzeugend zu Papier gebracht. Belehrsame Einschübe klären über die damalige Polizei, Politik und vor allem Gedanken des gelehrten Captain Swing auf, bebildert mit Risszeichnungen von zeitgenössischen elektrischen Mechanismen. Man erfährt von 1830 beginnenden Hungeraufständen in Südengland, die von Manifesten und Drohbriefen begleitet waren, Unterzeichner: Captain Swing. Aus solchen Revolten gingen später politische Bewegungen hervor, Chartisten, Oweniten, Sozialisten, Marxisten. Die dichterische Freiheit, den Kampf für Wissenschaft, Freiheit und Vernunft in das fantastische Gewand einer Piratenstory zu kleiden,sollte man Autoren und Leserinnen gönnen.

Captain Swing schiebt seine von blauen Blitzen strahlende Pilotenbrille hoch und verkündet dem gefangen genommenen, aber schon halb von der Sache der Piraten überzeugten Konstabler Gravel: „Wenn wir die herrschende Klasse beseitigt und die Regierungsform geändert haben, werden diese Leute hier ins Land hinausgehen. Sie werden lehren, was sie hier gelernt haben, und ihre Schüler werden Lehrer werden, Wissen wird sich verbreiten. Freies Wissen für alle!“

Bis dahin haben Konstabler Gravel und die schöne Piratin Polly aber noch einige Abenteuer zu bestehen und viele finstere Schurken zu besiegen.

Warren Ellis/ Raulo Caceres: Captain Swing und die elektrischen Piraten von Cindery Island, Manheim: Dantes Verlag o.J., 128 S., 17,-Euro

 

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