Neuerscheinungen Literatur


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26.01.20
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Francis Fukuyama: Identität.  Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet, Hoffmann & Campe, Hamburg 2019, ISBN: 978-3-455-00528-8, 22 EURO (D)

Francis Fukuyama, der Autor von The Origins of political Order, legt hier eine Untersuchung der aktuellen Identitätspolitik, ihrer Ursprünge, Auswirkungen und Bedeutung für nationale und internationale Politik vor. Dies alles verbindet er mit der Sorge um die liberale Demokratie und demokratischen Entwicklungen weltweit.

Besonders beschäftigt er sich mit der Entwicklung in den industriellen Staaten in Europa und Nordamerika. Er sieht dort eine ähnliche Gruppe von Menschen, die in wirtschaftlich schwachen Regionen leben und von der Globalisierung nicht profitiert haben. Der Verlust von Arbeitsplätzen und die Auslagerung und Deindustrialisierung  in vielen Industriestaaten sei eher die Regel.

Er beschreibt den Aufstieg einer rechten Identitätspolitik und macht dies vor allem an der Politik von Donald Trump fest: Er verlagere das Schwergewicht von der Wirtschaftspolitik auf diese Identitätsprobleme, bei denen Ihre Identität im Wesentlichen durch Ihre Geburt festgelegt wird - durch die ethnische Herkunft und die Religion und die Merkmale Ihrer Eltern. Dies führe zu einer Polarisierung in den USA, was eine Gefahr für die Demokratie darstelle.

In vielen westlichen Ländern habe ein beträchtlicher Teil das Verlangen nach einer starken Führung haben, in dem ein charismatischer Führer eine persönliche Beziehung zwischen sich selbst und den Menschen aufbaut. Dies wirke antiinstitutionell und sei eine wirkliche Bedrohung für die Demokratie. Es gehe bei Demokratie nicht nur darum, von den Wählern gewählt zu werden, sondern auch um ein Verfassungssystem, das die Macht durch ein System der Kontrolle und des Gleichgewichts begrenzt. Populistische Führer wie Trump oder wirken in diesem Sinne antiinstitutionell, lehnen die Gerichte und kritische Medien ab und  versuchen alles, was ihrer Agenda im Weg steht, und versuchen zu demontieren. Dies führe langfristig zu einer autoritären Staatsvorstellung und zum Niedergang liberaler Systeme.

Fukuyama beschreibt zu Recht die Gefahr von Nationalismus, Rassismus und autoritärem Etatismus in vielen Teilen der Welt. Dabei unterscheidet er sich nicht viel von der Kritik am rechten Populismus. Dass aber Populismus von allen Parteien – auch denjenigen der „Mitte“- angewendet werden, blendet er aus, somit ist dieses Phänomen, das er beschreibt, eher als Anstieg des rechten Extremismus zu deuten. Was in Fukuyamas Analyse auch fehlt, ist die Verantwortung des Kapitalismus für soziale Ungleichheiten, der Krise der Solidarität und dem Aufstieg rechter Kräfte in vielen Teilen der Welt.

 

Buch 2

Brigitte Kronauer: Das Schöne. Schäbige, Schwankende. Romangeschichten, Klett-Cotta, Stuttgart 2019, ISBN: 978-3-608-96412-7, 26 EURO (D)

Brigitte Kronauer war eine der wichtigsten Gegenwartsautorinnen. Sie verstarb im Juli 2019. Ihr letztes Werk „Das Schöne, Schäbige, Schwankende. Romangeschichten“ ist erneut eine intellektuelle und emotionale Herausforderung für die Leser.

Die Autorin Charlotte zieht in das Haus eines Ornithologen und seiner Frau gezogen, die für drei Monate verreist sind. Dort findet sie jedoch keine Ruhe für ihre Arbeit, sondern wird immer wieder mit lebenden und aufgezeichneten Vögeln konfrontiert. Die Vögel wecken Erinnerungen an Freunde und Bekannte, sie wühlt in ihrem Gedächtnis und beginnt diese Erinnerungen aufzuschreiben. Sie unterteilt diese in die drei Teile „Das Schöne, Schäbige, Schwankende“, wie der Titel verrät.

Inmitten ihres intensiven Arbeitsprozesses und dem Ringen um Struktur tauchen dann unerwartet die Hauseigentümer aus, und bringen ihr Projekt gehörig durcheinander. In poetischer Erzählkunst gibt sie im Folgenden das Schicksal dieser Menschen wider, denen eins gemeinsam ist: Ihr Leben verändert sich durch einen entscheidenden Augenblick. Dabei werden alle verschiedenen Charaktere durchgespielt und vorgestellt, oft geht es dabei um lebensrelevante Inhalte:  Tod, Glück, Liebe, Anfang, Ende Freiheit, Verantwortung und Handeln als elementar menschliche Erfahrungen. Der Mensch versteht sich selbst nur im Erleben seiner selbst. Der schmale Grat zwischen Gutem und Schlechtem in Fragen der Existenz, wird an diesen Personen sichtbar. Zwischen diesen Geschichten tauchen immer wieder die Vögel ins Geschehen ein, als Synonym für die Flatterhaftigkeit und Wandelbarkeit des Lebens.

Der Roman schafft es, Assoziationen und Gefühle hervorzuholen. Brigitte Kronauer versteht es meisterhaft, sprachliche Bilder im Kopf zu erzeugen, die Sprache ist fast wichtiger als der Inhalt. Manches bleibt rätselhaft, vielleicht soll das auch so sein. Existenzialismus ist das große Hintergrundthema dieses letzten Werkes der Autorin, der anspruchsvoll zu lesen ist.

 

Buch 3

Achim Gruber: Das Kuscheltierdrama. Ein Tierpathologe über das stille Leiden der Haustiere, Droemer, München 2019, ISBN: 978-3-426-27781-4, 19,99 EURO (D)

Achim Gruber, Leiter des Institutes für Tierpathologie des Fachbereiches Veterinärmedizin der FU Berlin, stellt in einem populären Sachbuch die dunkle Seite der Tierhaltung in der BRD dar. In diesem Zusammenhang berichtet er aus dem Fundus seiner beruflichen Erfahrungen, wenn er rätselhafte Todesfälle aufklären muss. Er prangert an, dass Haustiere oft aus Unkenntnis gesundheitlichen Gefahren ausgesetzt werden, auf schmerzhafte Weise vermenschlicht werden oder aus Egoismus und Profitgier der Tierhalter gequält werden. In der Mitte des Buches findet man Abbildungen und Zeichnungen vom Leiden und Verletzungen von Tieren.

Das Buch beginnt nach einer Einleitung mit der Vorstellung des Berufes des Tierpathologen in der Praxis. Danach folgen Geschichten aus seiner Arbeit. Dabei thematisiert er zum Beispiel das grundlose Erschießen eines Hundes durch einen Jäger, über systematisches Doping des preisgekrönten Rennpferdes in einem Traberrennstall im Ruhrgebiet, über Hunde- und Katzenzüchter, die ihr Tier nach eigenen Idealen züchten und dabei die tiergerechte Behandlung völlig außer Acht lassen. Außerdem erzählt er von den Gesundheitsproblemen durch Inzucht bei Haustieren (polygenen Erbkrankheiten, Überempfindlichkeitsreaktionen, Allergien, Entzündungen an der Haut, den Ohren, den Pfoten), die Risiken von Hybrid- und Mischlingsverpaarung und gesundheitsgefährdende Extremmerkmale und der wachsende Gentestmarkt bei Rassezüchtungen.

Außerdem kritisiert er die Vermenschlichung von Haustieren: „Gleichzeitig erheben wir unsere Hunde, Katzen oder sonstige Kuscheltiere in Wohn- und Kinderzimmern zunehmend in den Menschenstand und machen sie zu Familienmitgliedern auf Augenhöhe. In einer vereinsamenden Gesellschaft schaffen wir uns mit ihnen immer öfter Ersatz für fehlende Sozialpartner.“ (S. 281)

Hier werden auf ungeschönte Art und Weise die dunkle Seite der Haustierhaltung und der falsche Umgang von Menschen mit Tieren ausgebreitet. Diese dunkle Seite wird oft ausgeblendet oder klein geredet. Umso wichtiger ist dieser Bericht aus der Praxis eines Tierpathologen, der dies skandalisiert. Dabei bleibt es jedoch nicht: Gruber selbst macht Vorschläge zur Verminderung dieser Tierquälerei.

 

Buch 4

Jakob Bodan: Ein richtig falsches Leben. Roman, Droemer Knaur, München 2019, ISBN: 978-3-426-30711-3, 14,99 EURO (D)

Dieses Buch geschrieben unter dem Pseudonym Jakob Bodan ist ein Gesellschaftsroman über die dritte Generation der RAF. Es existieren immer noch weitere Gruppen, die im Untergrund leben und die ihr Leben durch Überfälle finanzieren. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Es Roman handelt nicht von Aufarbeitung vergangener Taten als historische Information, sondern konzentriert sich auf die Gegenwart und den Charakter der handelnden Personen. Er zeigt an ihnen, wie die Ereignisse bis heute nachwirken können.

Eine der Hauptpersonen ist Constanze, deren Vater wurde Anfang der 90er Jahre von der RAF ermordet wurde. Als sie in Frankreich per Zufall den untergetauchten früheren RAF-Aktvisten Frederic kennenlernt, wird es eine Liebesgeschichte an, auf der die langen Schatten der Vergangenheit ruhen. Frederic sehnt sich nach einem normalen Leben, ohne in der Spirale von Flucht, Angst vor Verfolgern, der Enttarnung und der anschließenden Haft zu stecken. Wie es ist, im Untergrund zu leben, wird an seinem Beispiel deutlich. Es ist kein normales Leben mit einer Beziehung und Freunden möglich, die Schatten der Vergangenheit sitzen noch zu tief. Bei einem freiwilligen Stellen droht ihm trotzdem eine lebenslange Haftstrafe. Diese Aussicht lässt ihn daran zweifeln, ob er in seinem Leben wirklich alles richtig gemacht hat und ob die früheren Taten dies wert waren. Sein aufgekratztes Seelenleben mit Selbstvorwürfen, die Suche nach Erleichterung für sich selbst, charakterisieren diese Hauptperson.

Ein ganz anderes Schicksal hat Constanze als lebenslanges Opfer: Ihr Vater wurde ermordet, was sie noch lange nicht verarbeitet hat. Aus einer gescheiterten Beziehung ging ein Sohn hervor; und da es beruflich bislang nicht klappen wollte, versucht sie ihr Glück als freie Fotografin. Constanze hatte noch nie unbeschwerten Sex haben, auch eine Folge der Belastung aus der Vergangenheit und fühlt ein Bedürfnis nach Rache am Mord an ihrem Vater und ihrer persönlichen Situation. Nun stoßen scheinbar Täter und Opfer aufeinander, ohne zu wissen, welchen Hintergrund der andere hat.

Irgendwann kommt die Wahrheit ans Licht, Constanze schwankt zwischen Hass und Liebe zu Frederic. Zwischen diesen beiden Polen kehrt sie in ihre Heimat zurück und setzt alles daran, das Attentat auf ihren Vater aufzuklären. Frederic flieht wieder mal in den Untergrund und kommt dabei wieder in Kontakt zu früheren Gesinnungsgenossen. Ob die Liebe nochmal aufflammen kann, wird hier nicht verraten.

Neben der emotionalen Ausnahmesituation der beiden rücken auch Fragen nach Schuld, Sühne, Rache, Vergebung und persönliches Bewältigen der Vergangenheit in den Mittelpunkt. Die unrühmliche Rolle der polizeilichen Systeme, Geheimdienste und politischen Verantwortlichen der Zeit, die bis auf repressive Maßnahmen keine anderen Wege zuließen, wird ebenfalls geschildert. Dabei stehen Fragen des Verschweigens, der Vertuschung und Fake Nachrichten im Mittelpunkt. Auch der Mord an Constanzes Vater wird neu aufgerollt und dem Leser nähergebracht.

 

Buch 5

William Heinesen: „Hier wird getanzt“. Erzählungen aus den Jahren 1957-1985, Guggolz Verlag, Berlin 2018, ISBN: 978-3-945370-17-9, 24 EURO (D)

William Heinesen (1900-1991) gilt als bedeutendster Schriftsteller der Färöer-Inseln. Um einem breiteren Publikum bekannt zu werden, schrieb er auch auf Dänisch. 1965 erhielt Heinesen als erster Färinger den Literaturpreis des Nordischen Rates für Det gode håb. Er ist neben Rói Patursson der einzige Färinger, der diese Auszeichnung erhalten hat. 1980 wurde der Schriftsteller für sein Werk Her skal danses mit dem dänischen Kritikerpreis geehrt. 1921 erscheinen seine ersten Gedichte und kurz darauf drei weitere Lyrik-Sammlungen, bevor er sich der Prosa zuwendet. Heinesen veröffentlicht sieben Romane, die in viele Sprachen übersetzt werden, und ab den 1950er-Jahren auch Kurzgeschichten.

In dieser Sammlung seiner Werke werden Erzählungen aus den Jahren 1957 bis 1985 vorgestellt, die sich um den kleine Land auf den abgelegenen Inseln im nördlichen Atlantik, seine Mythen und seine Menschen drehen. Dies ist eine Auswahl von Erzählungen, Schilderungen, Erinnerungen, Fabeln, Sagen und Meditationen aus sieben verschiedenen Bänden. Dabei werden Schauplätze auf den verschiedenen Inseln, in der Hauptstadt Tórshavn und in der unendlichen Weite der Natur und natürlich auch über Schafe. Große Gefühle wie Tod, Einsamkeit, Weltabgeschiedenheit in geografischer Hinsicht, Leere, Schmerz mit Trotz, Lebensbejahung, Eigenständigkeit und Stärke verbunden. Oft wird die Natur, wie in nordischen Erzählungen üblich, romantisiert, personifiziert und mythologisiert. Es wird ein intensives Spiegelbild des gesellschaftlichen Lebens auf den abgelegenen Inseln mit ca. 50.000 Einwohnern gezeichnet.

Durch seine Schaffenskraft und die verschiedener anderer färöischer Schriftsteller Anfang des 20. Jahrhunderts konnte sich die kleinste germanische Sprache im färöischen Sprachstreit bis 1938 als anerkannte Bildungssprache durchsetzen. Das merkt man auch in dieser Sammlung: Seine Geschichten spielen auf den Inseln in Vergangenheit und Gegenwart und es wird versucht, das Eigene und Unverfälschte dort literarisch zu vermitteln.

 

Buch 6

Aksel Sandemose: Ein Flüchtling kreuzt seine Spur. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. Guggolz Verlag, Berlin 2019, ISBN: 978-3-945370-22-3, 28 EURO (D)

Aksel Sandemose gilt als Begründer des modernen skandinavischen Romans. Diese Buch ist ein Teil einer langen Reihe von Romanen über das Alter Ego des Autors, Espen Arnakke, ein Seemann aus Jante, Dänemark, der 1931 begonnen und bis 1938 fortgeführt wurde. Er untersucht seine irrationale Tat, einen Freund zu ermorden, der seine Freundin verführte. Das Buch erschien bereits 1933 und ist nun von Gabriele Haefs aus dem Norwegischen ins Deutsche übersetzt worden. Haefs und Espen Haavradsholm steuern zwei Nachworte dabei.

Das Buch ist über die Menschen in der dänischen Kleinstadt Nyköbing, die in Jante umbenannt wurde. Sandemose setzt sich kritisch und zynisch mit der Kleinlichkeit, dem Neid, dem Klatsch und der Doppelbödigkeit der Lebensweise auseinander Das Fragment eines Flüchtlings , das die Dänen definiert und quält, ist eine Liste von Regeln, nach denen die Bewohner der fiktiven Stadt Jante leben sollen. (Janteloven) Gemäß den 10 Geboten aus der Bibel werden hier soziale Normen aufgestellt, die in Jante gelten. Diese sind vorne im Buch abgedruckt und sind die folgenden:

1.     Du sollst nicht glauben, etwas zu sein.

2.     Du sollst nicht glauben, so viel zu sein wie wir.

3.     Du sollst nicht glauben, klüger zu sein als wir.

4.     Du sollst nicht glauben, besser zu sein als wir.

5.     Du sollst nicht glauben, mehr zu wissen als wir.

6.     Du sollst nicht glauben, mehr zu sein als wir.

7.     Du sollst nicht glauben, zu irgendetwas zu taugen.

8.     Du sollst nicht über uns lachen.

9.     Du sollst nicht glauben, irgendjemand interessiere sich für dich.

10. Du sollst nicht glauben, uns irgendetwas beibringen zu können.

Dieses Gesetz von Jante interpretiert Sandemose als die Unterdrückung von Individualität und persönlicher Entfaltung und plädiert stattdessen für ein undogmatisches, selbstbestimmtes Leben. Trotz der Schwierigkeit, sich in die damalige Zeit hinein zu versetzen und den Sinn und Unsinn von sozialen Normen, die in Unterwerfungszwang des Individuums ausarten, kann uns der anspruchsvoll geschriebene Roman auch noch heute etwas sagen: Norm- und Kontrollzwang in kleineren Dörfern oder Gemeinschaften gibt es auch in der Gegenwart, ein undogmatisches Leben ist aber jederzeit möglich.

 

 







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