Neuerscheinungen Geschichte


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16.11.19
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Basil H. Liddell Hart: Geschichte des Zweiten Weltkrieges. Ungekürzte Sonderausgabe in einem Band. Westend Verlag, Frankfurt/Main 2019, ISBN: 978-3-86489-257-8, 25 EURO (D)

Liddell Hart gilt als einer der besten Militärhistoriker des 20. Jahrhunderts. Sein Hauptwerk „Geschichte des Zweiten Weltkrieges“, das fast 900 Seiten reinen Text umfasst, wird 80 Jahre nach dem Beginn des 2. Weltkrieges vom Westend Verlag neu aufgelegt.

Dieses Werk stellt den Höhepunkt einer lebenslangen Analyse und Untersuchung über die Katastrophe des 2. Weltkriegs dar. Liddell Hart hat die verheerenden militärischen Geschehnisse in allen Teilen der Welt in einem Band zusammengefasst und untersucht die moralischen und strategischen Entscheidungen der Machthaber sowie die Art und Weise, in der diese Entscheidungen normale Soldaten vor Ort betrafen. Es liefert tiefgreifende Einblicke und stützt sich auf ein beispielloses Wissen über Taktik und Strategie. Der britische Militärhistoriker und Stratege erläutert manchmal zu detailliert sowohl die sich im Zeitverlauf ändernde Gesamtlage und einzelne Schlachten. Dieses Buch ist reine Militärgeschichte und enthält keine unmittelbare und ferner Folgen. Die Leiden der Zivilbevölkerung, die Befindlichkeit der Soldaten, die Situation von Kriegsgefangenen oder desertierten Soldaten, Massenerschießungen oder das System der Konzentrationslager werden hier höchstens gestreift. Der Sowjetisch-Finnischer Krieg auch als Winterkrieg bezeichnet, vom 30.November 1939 bis zum 13.März 1940, wo Finnland zwar seine Unabhängigkeit wahren konnte, aber große Teile Kareliens abtreten musste, wird hier ausführlich aufgearbeitet.

Er interpretiert den 2. Weltkrieg aus dem militärischen Blickwinkel und wertet dabei sehr viele unterschiedliche Quellen aus, was auch seine Empathie für verschiedene Blickwinkel erklärt. Man merkt, dass er selber am Krieg teilgenommen und über ihn berichtet hat. Das Buch erläutert gut die nicht so bekannten Kampfhandlungen außerhalb Europas und die verschiedenen strategischen Optionen der teilnehmenden Staaten. Mit viel Liebe zum Detail ist seine Arbeit eine ungeheure militärhistorische Aufarbeitung des 2. Weltkrieges und unverzichtbar für diejenigen, die den Verlauf des Krieges verstehen will.

 

Buch 2

Monika Frenzel/Christian Gepp/Markus Wimmer (Hrsg.): Maximilian I. Aufbruch in die Neuzeit, Haymon, Innsbruck 2019, ISBN: 978-3-7099-3462-3, 29,90 EURO (D)

Maximilian I. aus dem Geschlecht der Habsburger war durch Heirat ab 1477 Herzog von Burgund, ab 1486 römisch-deutscher König, ab 1493 Herr der Habsburgischen Erblande und vom 4. Februar 1508 bis zum 12. Januar 1519 römisch-deutscher Kaiser. Die Teilung des Hauses Habsburg in die albertinische und die leopoldinische Linie, die mit dem Neuberger Teilungsvertrag 1379 ganz gegen die Absicht Rudolfs des Stifters begonnen hatte, ging 1490 zu Ende. Sigmund von Tirol sorgte durch seinen Verzicht in Oberösterreich zugunsten des Enkels seines Bruders Ernst für die Wiedervereinigung der Habsburgischen Erblande, nachdem Friedrich schon 1463 Niederösterreich und Innerösterreich wieder vereint hatte. Maximilian konnte das Reich seinem Enkel Karl V. in Universalmonarchie übergeben.

Dies ist der Katalog zur gleichnamigen Ausstellung, die vom 25.5-12.10.2019 in der Hofburg Innsbruck, in den historischen Räumlichkeiten der ehemaligen Statthalterei gezeigt und im Anschluss an eine Dauerausstellung umgewandelt werden. Die Ausstellung widmet sich den verschiedenen Facetten der Persönlichkeit des Kaisers und stellt diese in den Kontext seiner Zeit.

Im ersten Teil des Kataloges befassen sich Beiträge von verschiedenen Autoren unter anderem mit aktuellen Ereignissen zu Baugeschichte der Hofburg Innsbruck, zu Bianca Sforza, beschreiben Rüstungen und Kunstwerke, erläutern die Beziehungen Kaiser Maximilians I. zu Burgund, dem Papst und Religion, zu Josef Fugger und Tirol und vermitteln einen Überblick über Wirtschaft, Klima, Produktionsstätten und den Orden vom Goldenen Vlies.

Danach folgt der Hauptteil, der Katalog. Er ist nach Räumen geordnet, jedes Exponat wird einzeln von verschiedenen Autoren nach folgender Systematik dargestellt: Datierung, Herkunft, eine kurze Beschreibung, manchmal auch mit Literaturangaben oder Quellen.

Im Anhang findet man noch ein Autorenverzeichnis, das Verzeichnis der Ausstellungskataloge, eine Literaturliste, einen Abbildungsnachweis der Katalogteils und einen Bildnachweis.

Maximilian erhielt den romantischen Beinamen „Der letzte Ritter“, denn er verkörperte noch das bereits geschwundene Ideal des alten burgundischen Rittertums. Zugleich erwies er sich jedoch als vorausschauender, modernisierender Herrscher der anbrechenden Neuzeit. Die Persönlichkeit des Herrschers wird in vielen Bereichen durch den Katalog dem Leser nähergebracht. Der Freydal sollte gemeinsam mit den beiden anderen illustrierten Romanen Theuerdank und Weisskunig in allegorisch-romantisierter Form das Leben Kaiser Maximilians I. erzählen. Dies hätte noch im ersten Teil näher ausgeführt werden können.

 

Buch 3

Klaus Schwabe: Versailles. Das Wagnis eines demokratischen Friedens 1919 – 1923, Ferdinand Schöningh, Paderborn 2019, ISBN: 978-3-506-78239-7, 39,90 EURO (D)

 

Der Historiker Klaus Schwabe diskutiert in diesem Buch vorrangig die Frage, ob der von den besiegten Mächten unterschriebene Versailler Vertrag schon von sich aus zum Scheitern verurteilt war. Umgekehrt stellt er sich die Frage, ob diese Friedensordnung nicht doch Elemente enthielt, die ihr eine längere Lebensdauer hätten vergönnen können. Dabei unterscheidet er zwischen dem mit dem Deutschland geschlossenen Versailler Vertrag im engeren Sinne und den nachfolgenden Pariser Vorortverträgen bis zum Frieden von Lausanne. Er greift auch etwas weiter aus, indem er die US-amerikanische Debatte um die Ratifizierung des Versailler Vertrages berücksichtigt und deren Vorgeschichte.

Schwabe möchte den Friedensschluss nicht als „eine Abrechnung zwischen den verbündeten Siegern und dem besiegten Deutschland“ betrachten. (S. 9) Nicht die Frage, ob die Friedensbedingungen für das damalige Deutschland zu hart oder nicht hart genug waren, steht hier im Mittelpunkt. (S. 9/10)

Das Buch besteht aus drei Teilbereichen. Im ersten Teil wird die Vorgeschichte der Friedensschlüsse dargestellt. Die Friedenspläne der Hauptkriegsteilnehmer, die letzten Kriegsmonate und der Waffenstillstand stehen dabei im Mittelpunkt. Die Vorschläge und die anschließende Diskussion der Friedensordnung, die Entwaffnung und die territorialen Friedensbedingungen für Deutschland, Reparationen und Kriegsschuld sowie die Ziele der Kriegsgewinner werden im zweiten Teil behandelt. Die Pariser Vorortverträge und deren Folgen für die territoriale Landkarte Europas, für die USA, die Türkei und dem Nahen Osten kommen im dritten Teil zur Sprache. Dort werden auch in einer thesenartigen Bilanz die Erkenntnisse der Untersuchung zusammengefasst.

Im opulenten Anhang findet man noch die Anmerkungen, Karten, ein Abkürzungsverzeichnis, ein Literaturverzeichnis, einen Abbildungsnachweis sowie ein Personen- und Sachregister.

Schwabe beschreibt den Versailler Vertrag als multilateralen Kompromiss, bei dem die ideologische Sichtweise und die Interessen jeder einzelnen der beteiligten Mächte in den Blick genommen werden müssen. Die Vertreter der Siegermächte standen unter dem Eindruck der gewaltigen menschlichen Blutopfer und der moralisch untermauerten Kriegspropaganda, daher waren sie zum großen Teil nicht zu einem Frieden der Versöhnung bereit. Stattdessen beherrschten ihr Denken der Machtgewinn, die militärische Sicherheit und finanzielle Reparationen für ihr Land.

Für ihn war der Friedensschluss ein Wettstreit dreier Ideologien: Dies war erstens der moralisch-ethische Anspruch des Entwurfs des US-Präsidenten Wilson für allgemein akzeptierten Frieden. Zweitens war dies das Macht- und Sicherheitsinteresse aller Großmächte. Drittens war dies die antikapitalistische Friedensideologie des Sowjetstaates.

Das Sicherheitssystem des neuen Friedens ruhte auf unsicherer Grundlage: Das bolschewistische Russland blieb aus der neuen Friedensordnung weitgehend ausgeschlossen, die Ablehnung der USA des Versailler Vertrages und ihrer Weigerung des Beitritts zum Völkerbund und zum Abkommen der Westmächte zur Entmilitarisierung des Rheinlandes sowie das Scheitern von Wilson, einen Friedensschluss zu erreichen, den auch die Besiegten als gerecht anerkennen würden.

Schwabe bilanziert: „‘Versailles‘ war besser als sein Ruf. Das Projekt eines demokratischen Friedens besaß, vor allem in Zusammenarbeit mit Amerika, trotz aller ideologischen Aspekte, die es kennzeichneten, trotz seiner finanziellen Absurditäten und territorialen Ungereimtheiten, die es belasteten, mindestens eine Chance, zu einem dauerhaften ‚demokratischen‘ Frieden.“ (S. 233)

Schwabe fragt hier nach den Realisierungschancen und Haltbarkeit der Friedensschlüsse im Zeichen einer weltweiten Demokratisierung nach dem Ersten Weltkrieg. Der Vorteil der Darstellung liegt darin, dass hier eine Ausgewogenheit der Blickwinkel erfolgt und Schwabe eine ausgesprochene Quellennähe präferiert. Die Frage, warum nach den Millionen Toten, Verletzten und Flüchtlingen und der weltweiten Zerstörung nach der bis dahin größten Katastrophe der Menschheit weiterhin nicht zum großen Teil zivile Mittel zur Konfliktbewältigung unter Staaten herangezogen wurden, wird aber nicht beantwortet.

 

Buch 4

Bernard Wiaderny: „Schule des politischen Denkens“. Die Exilzeitschrift „Kultura“ im Kampf um die Unabhängigkeit Polens 1947-1991, Ferdinand Schöningh, Paderborn 2019, ISBN: 978-3-506-78787-3, EURO (D)

 

Die polnische Exilzeitschrift „Kultura“ erschien in Maissons-Laffite bei Paris und war die wirkungsmächtigste polnische Zeitschrift der Nachkriegszeit, die ein unabhängiges Polen ohne sozialistische Herrschaft anstrebte. Dabei spielte die Kultur nur eine vordergründige Rolle, im Zentrum stand bei der Monatszeitschrift das Politische. Die Zeitschrift befürwortete die Wiedergewinnung der Unabhängigkeit Polens und die Absicherung seiner außenpolitischen Stabilität in Bezug auf seine Nachbarn der Sowjetunion, der Ukraine und Deutschland.

Das Buch ist chronologisch aufgebaut mit der Gründung der Zeitschrift im Jahr 1947 und endet in den Jahren 1989-1991 mit der Unabhängigkeit Polen, der „Wiedervereinigung Deutschlands“ und dem Zerfall der Sowjetunion. Es werden vor allem die internen Diskussionen, die Inhalte des Blattes und die Aktivitäten untersucht, die sich mit Polen und seinen direkten Nachbarn beschäftigten.

Das Buch beginnt mit dem historischen Hintergrund des „Kultura“-Kreises und den wichtigsten Protagonisten des Blattes. Danach geht es um die Anfangszeit zwischen 1946 und 1951, wo es um die programmatische Ausrichtung ging. Anschließend werden die proamerikanischen publizistischen Anstrengungen für eine freie, demokratische Ausrichtung Polens zwischen 1949 und 1956 behandelt. Danach folgt die Neutralisierungsstrategie Ostmitteleuropas zwischen 1955 und 1962. Danach werden die Unterstützung von oppositionellen Gruppen in Polen und anderen Ländern, insbesondere das Verhältnis der Zeitschrift zur Solidarnosc-Bewegung. Ihr Zusammenhang mit Reformbewegungen in der Sowjetunion sowie ihre politischen Positionen gegenüber dem östlichen Nachbarn kommen dann zur Sprache. Die Publizistik des Blattes in Bezug auf die DDR, der Ostpolitik der BRD und die deutsche Minderheit in Polen wird danach thematisiert. In einem Fazit werden die wichtigsten Thesen nochmals zusammengefasst.

Die Hauptthesen des Autors sind die folgenden: Der Kern des „Kultura“-Kreises bildete sich im Jahr 1946 in Italien heraus. Er bestand aus einer kleineren Gruppe von Soldaten der Polnischen Armee, die dort am Ende des Zweiten Weltkrieges angelangt waren. Die monatlich erscheinende Zeitschrift wollte sich zu einer „Schule des politischen Denkens“ gegen das kommunistische Polen entwickeln. Werte wie Toleranz, Meinungsfreiheit und Demokratie bildeten die Grundklammer der polnischen Exilanten, die Wiedergewinnung der Unabhängigkeit und die Absicherung seiner außenpolitischen Stabilität waren weitere.

Nach der Gründung stand die programmatische Suche mit dem Ergebnis des „Demokratischen Manifestes“ 1951. In der Folgezeit sprach sich das Blatt für die US-amerikanische Liberation Policy und die Neutralisierung Ostmitteleuropas aus. „Kultura“ unterstützte in den 1950er und 1960er Jahren die linken, innersystemischen Reformbewegungen in Polen und in anderen Ländern des Warschauer Paktes. In den Jahrzehnten danach bis 1989 unterstützte sie oppositionelle Bewegungen. Nach der Verhängung des Kriegsrechts 1981 plädierte das Blatt für den Aufbau einer „Untergrund-Gesellschaft“. Sie sollte aus der Gewerkschaft Solidarnosc und einem Netz aus kulturellen und politischen Organisationen bestehen. Eine politische Leitung sollte sich im Westen befinden und als deren Repräsentant dienen. Die Solidarnosc setzte jedoch ihre eigenen Vorstellungen durch.

In seinen programmatischen Aussagen setzte sich das Blatt für die Idee Polens als einem Land ein, das als Vermittler zwischen dem Westen und Russland fungiere. Dadurch erhoffte sich die „Kultura“, dass die Bedeutung Polens international gesteigert werde.

Nach dem Zusammenbruch des Staatssozialismus in Osteuropa verlor das Exilblatt seine exklusive Rolle und viele Autoren. Außerdem musste sie einen massiven Auflageneinbruch verzeichnen.

Dies stellt die erste umfassende und gut gelungene Darstellung der polnischen Exilzeitschrift „Kultura“ und ihr Engagement gegen das kommunistische Polen und für eine Unabhängigkeit des Landes dar. Die Zeitschrift besaß Einfluss in Polen und anderen Ländern, obwohl die Solidarnosc einen eigenen Weg der Kooperation verfolgte. Insgesamt gesehen war es eine liberal-sozialdemokratische Zeitschrift, die den Mut hatte, sich politisch einzumischen und unbequeme Wege zu gehen.

 

Buch 5

Appel / Kleff (Hrsg.): Grundrechte verwirklichen - Freiheit erkämpfen. 100 Jahre Jungdemokrat*innen. Ein Lesebuch über linksliberale und radikaldemokratische Politik von Weimar bis ins 21. Jahrhundert 1919-2019, Verlag: Academia, Baden-Baden 2019,  ISBN 978-3-89665-800-5, 98,- €

Die wechselvolle Geschichte und politische Pragmatik der Jungdemokrat*innen zwischen 1919 und 2019 wird hier in persönlichen Beiträgen von 63 Autoren und zeitgeschichtlichen Dokumenten illustriert. Es ist von Zeitzeugen geschrieben, die mit ihren unterschiedlichen Lebensläufen, Erfahrungen und Funktionen zu Wort kommen. Unter ihnen sind so prominente Personen wie Roland Appel, Ckaudia Roth, Volker Perthes, Wolfgang Kubicki oder Ingrid Matthäus-Meier.

Im ersten Teil des Buches erzählen verschiedene Personen, „wie und warum sie eine bestimmte Zeit ihres Lebens zu den Jungdemokrat*innen kamen, welche Beweggründe und Ziele sie verfolgt haben, was sie dadurch lernten oder gewannen und warum dies von allgemeinem Interesse sein könnte.“ (S. 17) Für die Weimarer Republik wurde dabei auf historische Texte zurückgegriffen.

Im zweiten Teil des Buches wird ein historischer Überblick über die Entwicklung von Weimar bis in die Gegenwart gegeben. Aber auch Manifeste, liberale Zentren und radikaldemokratische Kultur werden angesprochen.

Die Jungdemokraten wurden im April 1919 als Jugendverband der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei gegründet. 1930 wirkte eine Vielzahl von Jungdemokraten an der Gründung der ebenfalls links der Mitte stehenden Radikaldemokratischen Partei mit.

Die Jungdemokraten waren entscheidend an der Formulierung fortschrittlicher Programmatik der FDP beteiligt, einer Reform des Erbrechts und Bodenrechts, den „Stuttgarter Leitlinien einer liberalen Bildungspolitik“ mit der „offenen Gesamtschule“ von 1972, formulierten das „Liberalen Manifest für Emanzipation“ (1973) und setzten das sogenannte „Kirchenpapier“ zur Trennung von Kirche und Staat (1974) durch.

Ihre Hochzeit hatten die Jungdemokraten in den 1960er und 1970er Jahren, die vor allem in der Annäherungspolitik an die Warschauer Pakt-Staaten und in der Friedenspolitik Einfluss nahmen. 1962 forderten die Jungdemokraten die Aufgabe der Hallstein-Doktrin, nach der die Bundesrepublik mit jedem Staat die diplomatischen Beziehungen aufkündigte, der solche zur DDR aufnahm. 1963 forderten die Jungdemokraten normale politische Beziehungen zu allen Ostblockstaaten, die Zulassung von Zeitschriften aus der DDR und nahmen an den Weltjugendfestspielen 1965 teil. Unter dem Bundesvorsitzenden Baum nahmen sie offiziell Kontakte mit dem sowjetischen Jugendverband KMO auf. Wesentliche Prinzipien der Ostpolitik der späteren sozialliberalen Koalition wie „Wandel durch Annäherung“ wurden von den Jungdemokraten entwickelt und von Walter Scheel als Außenminister ab 1969 umgesetzt.

Nach dem Eintritt der FDP in eine Koalition CDU/CSU 1982 gaben die linksliberalen und radikaldemokratischen Jungdemokraten daraufhin ihre endgültige Trennung von der FDP bekannt. Die Jungdemokraten waren auch die treibende Kraft bei der Gründung der linksliberalen Kleinpartei Liberale Demokraten, sie tendierten aber auch in den 1980er Jahren zu einer programmatischen Annährung zu den Grünen.

Nach der „Wiedervereinigung“ in der DDR fusionierten die Jungdemokraten 1992 mit der ostdeutschen Marxistischen Jugendvereinigung Junge Linke. Danach traten sie unter dem Namen Jungdemokraten/Junge Linke auf.

1999 kam es zum Zerwürfnis zwischen dem radikaldemokratischen sowie dem antinationalen Flügel. Der antinationale Flügel firmierte seitdem unter dem Namen „Junge Linke gegen Kapital und Nation“. Wegen sinkender Mitgliederzahlen löste sich im ersten Halbjahr 2018 der Bundesverband der JungdemokratInnen/Junge Linke schließlich auf.

Die gemeinsame Klammer aller Generationen waren für die Herausgeber Grundrechte und Frieden. Die aktuellen Themen sind dabei folgende: „Kritik der Digitalisierung und der damit verbundenen Überwachung sowie die damit verbundenen Gefährdungen der Persönlichkeitsrechte war und ist für Jungdemokrat*innen Kern der Aufklärung. Strafrechtsreform, Reform des Strafvollzugs und die Entwicklung des Datenschutzes bleibt mit den Jungdemokrat*innen eng verbunden.“ (S. 34)

 

Dies ist die Aufarbeitung und Strukturierung der eigenen Geschichte durch die Methode, Zeitzeugen und Personen, die mal Mitglied der Jungdemokrat*innen sind oder waren, erzählen zu lassen. Eine wissenschaftliche Aufarbeitung steht dabei noch aus. Diese Methode und die zahlreichen zeitgenössischen Abbildungen oder Pamphlete macht das Buch authentisch und persönlich, darin liegt der Vorteil. Fast 1000 Seiten machen allerdings den stolzen Preis von 100 EURO erforderlich.

 

Buch 6

Volker Hentschel: Wieder nichts Neues über Hitler, Aschendorff Verlag, Münster 2018, ISBN: 978-3-402-13284-5, 24,80 EURO (D)

 

Der Historiker Volker Hentschel will in diesem Buch nur das zusammenfassen, was über Hitler wert ist, gewusst zu werden, weil es historisch bedeutsam sei.

Er macht damit seinem Ärger über andere Biografien Luft: Trotz des Mangels an verlässlichen Lebenszeugnissen erscheinen wieder und wieder dicke Bücher, die als Lebensgeschichten Hitlers etikettiert sind. Ihre Verfasser setzen sich über die relative Geringfügigkeit und absolute Abgedroschenheit des über Hitler Bekannten durch zweierlei hinweg: zum einen dadurch, dass sie weniger Hitlers Leben, als die Bedingungen und Konsequenzen seines politischen Werdens und Seins beschreiben, und zum andern dadurch, dass sie Hitlers Persönlichkeit unter dem Anschein von „Originalität“ neu zu deuten vorgeben – beides mit einem verbalen Aufwand, der das Rezeptionsvermögen der Leser übermäßig strapaziert. Die bedenkliche Folge davon ist, dass die Zunahme an Hitler-Biographen das Wissen über Hitler nicht nur nicht erweitert, sondern zusehends verflüssigt und Hitler als eher fiktionale denn reale Figur erscheinen lässt.

Diese Thesen legt er in seinem ersten Kapitel dar, indem er sich mit ausgewählten Hitler-Biografien von Kollegen auseinandersetzt. Diesen wirft er vor, nichts Neues über Hitler produziert zu haben: „Im Zusammenhang miteinander zeitigten die Behauptung und das unmittelbare Bestreben der Hitler-Biographen, dem abgenutzten Material mit eigentümlichen Fragestellungen neue Erkenntnisse abzugewinnen, und der dabei unterschiedlich zur Geltung gebrachte Hang, über Vorkommnisse und Erscheinungen zu berichten, die Hitlers Leben fern waren, Hitler mit luftigen Annahmen zu deuten (…) sowie Überflüssiges, weil Unwesentliches zu schreiben, eine auffällige Disparität.“ (S. 15)

Dabei greift er die Forschungsergebnisse der Kollegen scharf an, manche auch persönlich (S. 24). Er will den „Nutzen gegen die Entbehrlichkeit“ durchsetzen und stellt im Folgenden die Fakten über Hitler zusammen, die „es wert sind, gewusst zu werden“. (S. 25)

Die These, dass keine neuen Quellen von und über Hitler aufgetaucht sind, ist nicht richtig. Die Historikerin Heike Görtemaker stellt nach ihrem Buch über Eva Braun den inneren Kreis um Hitler, der nach der nationalsozialistischen Machtübernahem die Züge eines Hofstaates annahm. Sie zeigt die wechselhaften Beziehungen und Interaktionen zwischen Hitler und ihnen und zeigt das Weiterleben des inneren Zirkels nach 1945.

Görtemaker hat viele private Quellen aus dem Umfeld Hitlers recherchiert und setzt daraus Hitlers inneren Kreis zusammen, der sich vor allem am Obersalzberg konstituierte. Sie geht auf deren Biografien, ihre politische Haltung und deren Funktionen ein und wie sie von der Nähe Hitlers profitierten und er von ihnen profitierte. Manche der hier vorgestellten Personen und Geschichten sind bereits bekannt, aber es werden auch bisher unbekannte Quellen ausgewertet, die neue Erkenntnisse bringen. (Heike B. Görtemaker: Hitlers Hofstaat. Der innere Kreis im Dritten Reich und danach, C. H. Beck, München 2019, ISBN: 978-3-406-73527-1, 28 EURO (D)

Außerdem gibt es in der Biografieforschung viele unterschiedliche Zugänge, auch fachlicher Art. Wenn Psychologen eine Hitler Biografie schreiben, wird diese anders aussehen als die eines Militärhistorikers.

Eine umfassende Biografie muss auch die Person und sein Denken in den zeitgeschichtlichen Zusammenhang einordnen, interpretieren.

Die Beleidigungen und das Absprechen jeglicher Wissenschaftlichkeit gegenüber Pyta und anderen Forschern sind auch unsäglich und zeugen von sehr schlechtem Stil. Diese persönlich gehaltene Abrechnung mit Hitler-Biografen kann aus diesen Gründen nicht empfohlen werden.

 







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