Neuerscheinungen Geschichte


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28.04.19
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Masha Gessen/Misha Friedman: Vergessen. Stalins Gulag in Putins Russland, dtv, München 2019, ISBN: 978-3-423-28172-0, 25 EURO (D)

Gulag ist die Bezeichnung das Netz von Straf- und Arbeitslagern in der Sowjetunion, im weiteren Sinn steht es für die Gesamtheit des sowjetischen Zwangsarbeitssystems, das neben Lagern und Zwangsarbeitskolonien auch Sonderlager, Spezialgefängnisse, Zwangsarbeitspflichten ohne Haft sowie in nachstalinistischer Zeit ebenfalls einige psychiatrische Kliniken als Haftverbüßungsorte umfasste.  Von 1930 bis 1953 waren in den Lagern mindestens 18 Millionen Menschen inhaftiert. Mehr als 2,7 Millionen starben im Lager oder in der Verbannung. In den letzten Lebensjahren Stalins erreichte der Gulag mit rund 2,5 Millionen Insassen seine größte quantitative Ausdehnung. Während des Zweiten Weltkrieges und in den Nachkriegsjahren hielt die Sowjetunion ferner rund vier bis sechs Millionen Kriegsgefangene in Lagern fest und forderte von ihnen Zwangsarbeit. Unmittelbar nach Kriegsende kamen 700.000 Insassen von Filtrationslagern hinzu. Fachleute gehen heute davon aus, dass insgesamt rund 28,7 bis 32 Millionen Menschen in der Sowjetunion Zwangsarbeit zu verrichten hatten.

Durch das historisch-literarisches Werk „Der Archipel Gulag“ des russischen Schriftstellers und Trägers des Nobelpreises für Literatur, Alexander Issajewitsch Solschenizyn, das im Dezember 1973 veröffentlichte wurde und eines der einflussreichsten Bücher des 20. Jahrhunderts war, und machte die Verbrechen im Gulag weltweit bekannt.

Die Journalistin Masha Gessen und der Fotograf Misha Friedman sind auf der Suche nach den noch erkennbaren Spuren des Gulag nach Russland gereist. Gessen und Friedman arbeiteten mit Memorial International, eine internationale Menschenrechtsorganisation mit Sitz in Moskau, eng zusammen. Sie wurde 1988 gegründet und besteht aus über 80 Organisationen in Russland, anderen postsowjetischen Staaten und dem weiteren Ausland. Schwerpunkte sind die historische Aufarbeitung politischer Gewaltherrschaft, die Einhaltung der Menschenrechte und die soziale Fürsorge für die Überlebenden des sowjetischen Arbeitslagersystems.

Sie besuchten die Gegend von Sandarmoch in Karelien, wo in einem Wald ein Massengrab von hingerichteten Häftlingen, entdeckt wurde, und sprachen mit einen der Kinder der Opfer, die ihr Leben lang versuchte, die Geschichte ihrer Eltern zu rekonstruieren.

Außerdem besuchten sie das letzte bestehende Lager Perm 36, das im Februar 1988 aufgegeben und dem Verfall überlassen wurde, und die dazugehörige Gedenkstätte. Außerdem führten sie ein Interview mit Sergei Kowaljow, einem der Überlebenden. Ihre Reise ging noch ins tiefste Sibirien zu den Lagern von Kolyma, wo zwischen mehreren Hunderttausenden und zwei Millionen Menschen starben.

Die Aufarbeitung der Verbrechen des Gulags nach dem Ende der Sowjetunion gestaltete sich als schwierig. Unter Putin wird laut den Autoren die Erinnerung an die Opfer des Gulag klein gehalten und Aktivisten sogar unter Druck gesetzt: „Vom stalinistischen Terror zu sprechen, kam immer mehr aus der Mode und wurde sogar unpatriotisch. Bücher, in denen Stalin und der Stalinismus auch positiv geschildert wurden, wurden zunächst wieder möglich, dann sogar beliebt. Auf lokale Gruppen von Memorial wurde zunehmend Druck ausgeübt. Als Putin nach den Protesten des Jahres 2012 scharfe politische Gegenmaßnahmen ergriff, kam Memorial besonders unter Beschuss und wurde zum ‚ausländischen Agenten‘ erklärt.“ (S. 52)

Die Konzeption des Buches ist gelungen: Es werden Zeitzeugen interviewt, die in Russland gegen das Vergessen kämpfenden Angehörigen und Organisationen kommen zu Wort. Die Ruinen der Lager und die Todesstätten werden von schwarz-weißen Fotografien visualisiert und bekommen dadurch einen finsteren, unheimlichen Charakter. So wird der Schrecken, der heute beim Besuch der Lager oder der Gedenkstätten, gut transportiert. Das Buch ist auch eine Anklage an den fehlenden Erinnerungswillen und der nur teilweisen Aufarbeitung des schrecklichsten Teils der sowjetischen Geschichte unter Präsident Putin. Ein gutes und wichtiges Buch, das aufrüttelt.

Das System des Gulags und seine Geschichte wird hier leider nur oberflächlich beschrieben, eine längere historische Abhandlung vor den Stationen der Reise wäre wünschenswert gewesen, da nicht bei jedem Leser historische Kenntnisse der Sowjetunion vorausgesetzt werden können.

 

Buch 2

Michael Epkenhaus/Gerhard P. Groß/Markus Pöhlmann/Christian Stachelbeck (Hrsg.): Geheimdienst und Propaganda im Ersten Weltkrieg. Die Aufzeichnungen von Oberst Walter Nicolai 1914 bis 1918. (Zeitalter der Weltkriege Band 18), De Gruyter Oldenburg, Berlin/Boston 2019, ISBN: 978-3-11-060501-3, 64,95 EURO (D)

Walter Nicolai war Chef des deutschen militärischen Nachrichtendienstes im Ersten Weltkrieg. Sein Aufgabenfeld wuchs allerdings mit der Totalisierung des Krieges stetig an. Nicht nur in der Spionage und ihrer Abwehr spielte Nicolai eine zentrale Rolle, sondern bald auch in der Propaganda des Kaiserreichs. Die Spionin Marta Hari hatte er persönlich angeworben. 1918 galt er als „Graue Eminenz" in der Obersten Heeresleitung von Hindenburg und Ludendorff. Nach seinem Abschied Anfang November 1918 galt er für seine ehemaligen Generalstabskollegen als unerwünschte Person und hatte mit dem Geheimdienstgeschäft gar nichts mehr zu tun, auch im NS-Regime nicht. Der Leiter des NKWD in der Sowjetischen Besatzungszone, Iwan Alexandrowitsch Serow, ließ den bereits 72-jährigen Nicolai festnehmen und nach Moskau bringen . Hier starb er 1947 an den Folgen der Haft im Gefängnis Butyrka. Offiziell bestätigt wurde sein Tod erst 1979.

Nicolais persönliche Aufzeichnungen lagen seit 1945 im Moskauer „Sonderarchiv“ verborgen. Es wurde nun von Experten des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) ausgewertet und wissenschaftlich ediert.  Nicolais Dokumente umfassen Referenzpunkte zu Themen der Weltkriegsforschung, wie den Geheimdienst, die Pressepolitik und die Persönlichkeiten im Großen Hauptquartier. Im Vorwort der Herausgeber heißt es: „Was Nachrichtenwesen im Ersten Weltkrieg in Gänze bedeutete, erschloss sich jedoch bald im Verlauf der Arbeiten an Nicolais Kriegsaufzeichnungen. Hier tat sich ein recht weites Feld auf: Dieses erstreckte sich von der klassischen Spionage, über Frontnachrichtendienst, Elektronischer Kampfführung, Sabotage und Diversion bis hin zur Propaganda, Zensur und Überwachung. Darüber hinaus bietet die Quelle einen Insiderblick in das Große Hauptquartier von Kaiser Wilhelm II. Sie erweitert schließlich auch unser Wissen um die Geschichte von Presse und Öffentlichkeit im Deutschen Reich zwischen 1914 und 1918.“

In den Innenseiten des Buches ist die Organisationsstruktur des IIIb-Dienstes vom 1.11.1916 und vom 22.5.2018 mit den gegenseitigen Verschränkungen abgebildet. Nach Vorworten des Kommandeurs und der Herausgeber findet man eine einführende Biografie Walter Nicolais als Hintergrundinformation. Danach folgen editorische Bemerkungen der Herausgeber, bevor die Aufzeichnungen Nicolais abgedruckt werden.

Bei dem Textträger handelt es sich um ein nachgelassenes Typoskript, das in vier Aktenordnern abgeheftet wurde. Die Gliederung der Ordner ist chronologisch und umfasst jeweils ein Kriegsjahr, mit Ausnahme des ersten Ordners, der die Jahre 1914/15 behandelt. (S. 66)

Die Edition, die sich ursprünglich auf 2026 Manuskriptseiten belief, wurde gekürzt. Die Kommentierung durch die Herausgeber beschränkt sich auf Sachbezüge, der Edition wurde eine Liste der 260 Anlagen beigegeben, die auch die Anlagen enthält, die hier durch Kürzung in Fortfall gekommen sind. Im Anhang findet man noch ein Abkürzungs- und Personenregister, ein geografisches Register und ein Verzeichnis der Anlagen.

 

Dieser Band beinhaltet die kritische Edition der Aufzeichnungen Nicolais und eine ausführliche Biografie. Die Wirkung der Propaganda Nicolais und seines Amtes in der Bevölkerung, eine umfassende Einordnung der Folgen seines Handelns im Ersten Weltkrieg und seine Rolle nach 1918 sind nicht Gegenstand dieser Publikation. Dies ist ein Desiderat für weitere Forschungen. Neue Informationen bietet diese Edition aber allemal und ist für Forscher, die sich mit dem 1. Weltkrieg und den Geschehnissen im Deutschen Reich auseinandersetzen, eine breite Fundgrube.

 

Buch 3

Bernd Roeck: Leonardo. Der Mann, der alles wissen wollte. Biographie, C. H. Beck, München 2019, ISBN: 978-3-406-73509-7, 28 EURO (D)

Der Historiker Bernd Roeck schildert in seiner Biografie Leonardo, das Italien der Renaissance und den geistigen Kosmos dieser Epoche, dessen Grenzen er immer wieder durchbrach. Seine vielseitigen Begabungen, Erfindungen, Lebensstationen, aber auch sein Alltag wird hier ausgebreitet. Seine Gönner und Netzwerke, die Leonardos steile Karriere beförderten, und seine Beziehungen zu den Mächtigen seiner Zeit werden ebenso gezeigt. Roeck behandelt ebenso die Rekonstruktion der kreativen Prozesse, die „sich in Schriften, Zeichnungen und Bildern konkretisierten. Sie lassen sich dank einer reichen Überlieferung ausgerechnet im Fall des geheimnisumwitterten Leonardo genauer erschließen als bei jedem anderen Künstler nicht nur der Renaissance, sondern der frühen Neuzeit überhaupt.“ (S. 10) In der Mitte des Buches findet man neben den schwarz-weiß-Abbildungen Farbabbildungen einiger seiner bekannten Werke und zwei Bildporträts.

Leonardo habe das Ideal der Renaissance vom Universalmenschen vollständig verkörpert.  Der Universalmensch (uomo universale) ist ein Idealbild des Menschen, das zur Zeit der Renaissance entstand, angelehnt an Vorbilder aus der griechisch-römischen Antike. Ein Universalmensch ist im Sinne des Humanismus vielseitig gebildet, aufgeschlossen und unabhängig von kirchlichen Dogmen.

Roeck sieht Leonardo als den ersten, der Malen als geistige Arbeit war und damit das Handwerkliche nicht mehr in den Mittelpunkt stellte: „Vom Dreigestirn Leonardo, Michelangelo, Raffael ist er der Erste, der die Welt des Handwerks bei weitem übersteigt und es zu einem ganz neuen Status bringt.“.

Leonardo hat für ihn auch etwas Rätselhaftes, das Generationen von Forschern und Biografen an ihm faszinierten. Vieles brachte er auf den Weg, das meiste blieb aber nur Skizze, Notiz, Fragment. Meist scheiteten diese Sachen an seinem Perfektionismus, manchmal an der Unzufriedenheit der Auftraggeber. Ein sieben Meter hohes Reiterstandbild, unzählige Erfindungen und Bilder brachte er nicht zu Ende.

Zwei Charaktereigenschaften hebt Roeck an Leonardo besonders hervor: seinen ungeheuren Wissendrang und seine scharfe Beobachtungsgabe. Er war aus heutiger Sicht gesehen ein Workaholic: Er arbeitet ununterbrochen, er notiert ständig seine Gedanken, selbst beim Essen.

Seinen Stellenwert als genialer Künstler kannte er ganz genau: „In vieler Hinsicht war Leonardo anders als seine Zeitgenossen. Als Künstler kamen ihm nur wenige gleich, als Erfinder kaum jemand und als universalem Geist keiner. Er war sich dessen vollkommen bewusst.“ (S. 351)

 

Dies ist eine spannend geschriebene und gut recherchierte Biografie über Leonardo da Vinci in diesem Jubiläumsjahr. Die geistesgeschichtlichen Begebenheiten seiner Epoche werden ebenso ausgebreitet wie die verschiedenen Facetten seiner außergewöhnlichen Persönlichkeit. Vor allem die Rekonstruktion der kreativen Prozesse Leonardos ist spannend zu verfolgen.

 

Buch 4

Tim Blanning: Friedrich der Grosse. König von Preußen. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Andreas Nohl, C. H. Beck, München 2019, ISBN: 978-3-406-71832-8 , 34 EURO (D)

Das Buch besteht aus drei große Teilbereichen: Im ersten Teil geht es um seine Persönlichkeitsstruktur und Entwicklung vom Kind bis zum Herrscher. Im zweiten Teil stehen die Außenpolitik, die Kriege und die Diplomatie im Mittelpunkt. Dabei wird immer chronologisch vorgegangen. Das ändert sich im dritten Teil, wo dann Unterthemen wie Kultur, geistiges Leben, seine Innenpolitik und Wirkung, seine Beziehung zu Familie und Freunden und das wirtschaftliche Leben Preußens während seiner Regierungszeit.

Zunächst beginnt Blanning das Leben Friedrichs psychologisch aufrollen zu wollen: „Tief war die Prägung, die Friedrich durch seinen schrecklichen Vater erfahren hatte, dass sie nie gelöscht werden konnte.“ (S. 9) Dies wird im Folgenden in allen Einzelheiten ausgeführt. Der „Große Kurfürst" Friedrich Wilhelm I., war er ein bedauernswerter Vater, brutal, gefühllos und gleichgültig. Er zwang den jungen Frederick unwillkürlich, die Enthauptung seines besten Freundes zu beobachten, als die beiden beim Versuch der Flucht aus dem Land erwischt wurden. Er sperrte seinen kleinen Sohn, demütigte ihn und verachtete ihn innerlich. Er deutet Friedrichs Lebensgeschichte als Bewältigung der Traumata, die der sein Vater dem jungen Kronprinzen zufügte. Auch seine Homosexualität wird intensiv behandelt.

Der Vater starb 1740, und im Alter von 28 Jahren begann Friedrich nun mit der „psychologischen Rehabilitation". „Die Verbannung seiner Frau, die Ausstattung Fredersdorfs mit einem Landgut und die Nobilitierung Algarottis zum Grafen waren Bestandteil seiner Unabhängigkeitserklärung“ (S. 71), die durch den Tod des Vaters ermöglicht wurde. Die in seiner Regierungszeit geführten Schlachten und Kriege deutet Blanning ebenfalls als Versuche, es posthum seinem Vater rechtmachen zu wollen und aus seinem Schatten herauszutreten zu wollen.

Im Gegensatz zu seinem Vater liebte Friedrich, Opern, Flöte, Literatur und feingeistige Philosophie. In seinen Schriften präsentierte er sich zudem als roi-philosophe et poète. Er war ein Freund der Künste und pflegte Kontakte mit La Mettrie, Rousseau, Christian Wolff und Voltaire. Die intensive Beziehung zwischen Voltaire und Friedrich deutete Blanning folgendermaßen: „Gegenseitige Bewunderung bedeutete auch gegenseitige Instrumentalisierung. Was Voltaire betrifft, so gab ihm die allgemein bekannte Verehrung eines derart berühmten Herrschers einen Status, dessen sich kein anderer Philosoph rühmen konnte. (…) Was Friedrich betraf, so bedeutete die Tatsache, dass der berühmteste Intellektuelle der Zeit ihm den Titel ‚der Große‘ verlieh, eine Erhebung in einsame Höhen als Philosoph auf den Thron.“ (S. 401)

Friedrich liebte auch die Selbstinszenierung, er zeigte sich bei Hofe in feudalen Galakostümen. Er war mit seiner Vorliebe für Schmuck, Prunk, luxuriöse Kleider und Speisen ein Abbild des Absolutismus und des Rokoko. So frankophil wie Friedrich war, so verachtete er kollektiv die russische Lebensart.

Friedrich hatte aber auch zwei Seiten: Der eine, der sich öffentlich für den Dienst am Staat, Vertragstreue, religiöse Toleranz und Meinungsfreiheit und Gelehrsamkeit aussprach. Und der andere, der grausame Kriege führte, Schlesien okkupierte, die Presse- und Meinungsfreiheit einschränkte, die Folter niemals ganz abschaffte, während des Österreichischen Erbfolgekrieges seine Bündnispartner verriet und eine machtvolle Außenpolitik betrieb.

 

Blanning arbeitet richtigerweise die Diskrepanz zwischen Friedrichs humanistischen Postulaten und seine oft inhumane und bellizistische Verhaltensweisen heraus. Außenpolitik, die Kriege und das Verhältnis Friedrichs zu gelehrten Freunden arbeitet er auch gut heraus. Friedrichs Homosexualität und sein Verhältnis zum Vater nehmen dagegen viel zu viel Raum ein, seine sexuelle Orientierung als Leitlinie, die Persönlichkeit und seine Herrschaft zu verstehen, überschätzt Blanning doch stark. Dagegen hätten sein nicht vollendetes Projekt der Justizreform, sein öffentliches Bekenntnis zur religiösen Toleranz, die Aufnahme von französischen Exulanten, deren Gründe und Folgen und seine Bevölkerungspolitik stärker in den Mittelpunkt gerückt werden.

 

Buch 5

Michael Laczynski: Das letzte Jahr der Zukunft. Wie 1999 die Welt veränderte, Residenz Verlag, Wien/Salzburg 2019, ISBN: 7017-3442-8, 22 EURO (D) 

Michael Laczynski stellt die These auf, dass das Jahr 1999 ein „Jahr der Weichenstellungen“ für den heutigen Zustand der Welt sei und die dort getroffenen Entscheidungen bis heute nachwirken würden: „Der magische zufall hatte 1999 alle Hände voll zu tun. Finanzblasen, Schuldenkrisen, Wladimir Putin und Donald Trump, der Aufstieg Chinas und der Niedergang Europas, Castingshows und packende Fernsehserien, Smartphones und soziale Netzwerke, Internet-Milliardäre und Ich-AG’s, 9/11 und die Endloskriege im Nahen Osten – viele Entwicklungen, die unser Zeitalter der Krisen und Konflikte prägen, nahmen in diesem Jahr ihren Anfang.“ (S. 16)

Diese Punkte erläutert er im Folgenden und nimmt den Leser mit zu einer Zeitreise zurück in das Jahr 1999 und seine Folgen.

Er nennt in diesem Zusammenhang den Machtantritt Wladimir Putins in Russland: Als Wunschkandidat für seine eigene Nachfolge wurde Putin von Präsident Jelzin am 9. August 1999 zum Ministerpräsidenten ernannt. Die Duma bestätigte dies eine Woche später mit knapper Mehrheit. Als Jelzin am 31. Dezember 1999 überraschend sein Amt niederlegte, übernahm Putin verfassungsgemäß auch die Amtsgeschäfte des Präsidenten der Russischen Föderation bis zur Wahl des Nachfolgers.  Am selben Tag gewährte Putin per Dekret Jelzin Straffreiheit für seine Handlungen während der Amtszeit sowie für künftiges Handeln und gewährte ihm und seiner Familie einige Privilegien.

Ein anderes Ereignis war die Einführung des Euro, der wurde am 1.Januar 1999 als Buchgeld, drei Jahre später, am 1.Januar 2002, als Bargeld eingeführt wurde. Damit löste er die nationalen Währungen als Zahlungsmittel ab. Die Euromünzen werden von den nationalen Zentralbanken der 19 Staaten des Eurosystems sowie von derzeit vier weiteren Staaten mit jeweils landesspezifischer Rückseite geprägt.

Als am 12.11.1999 in den USA das alte Gesetzt zur Verhinderung von Bankenkrisen abgeschafft und die Trennung zwischen Geschäfts- und Kundenbanken aufgehoben wurde, deutet der Autor dies als Weichenstellung zur dortigen Bankenkrise ab 2007. Andere Weichenstellungen sind für ihn der Durchbruch der Gratisnutzung im Internet, die beginnenden Vorbereitungen der Terroranschläge 2001 in den USA durch Bin Laden und seine Organisation sowie der WTO-Beitritt Chinas, ein weiterer Schritt für das Land Richtung Weltmacht.

Die hier beschriebenen Weichenstellungen und vor allem ihre Folgen sind aber in der Wahrnehmung des Autors etwas übertrieben dargestellt und werden zugespitzt dargestellt. Historische Wendepunkte waren 1989/1990, dagegen bietet das Jahr 1999 wenige zentrale Ereignisse.

Das Jahr 2001 war eher für die heutige Welt prägend. Das wichtigste Ereignis waren die Terroranschläge am 11. September 2001 auf das World Trade Center und das Pentagon in den USA, bei denen rund 3000 Menschen ums Leben kamen. Die Anschläge werden häufig als historische Zäsur bezeichnet und sorgten sowohl in den USA als auch in Europa für immer noch anhaltende Debatten um innen- wie außenpolitische Veränderungen. Sie führten den Krieg in Afghanistan in eine neue Phase und dienten als Begründung für den zwei Jahre später begonnenen Irakkrieg. Ausgehend von dem Ereignis stiegen die Spannungen zwischen der muslimischen und der westlichen Welt.

 

 

 







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