Neuerscheinungen Geschichte


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22.04.19
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Bianca Roitsch: Mehr als nur Zaungäste. Akteure im Umfeld der Lager Bergen-Belsen, Esterwegen und Moringen 1933-1960, Ferdinand Schöningh, Paderborn 2018, ISBN: 978-3-506-78649-4, EURO (D)

In dieser 2016 an der an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg erfolgreich eingereichten Dissertation stellt Bianca Roitsch das Verhältnis zwischen Lagerpersonal, Insassen und Anwohnern im ländlich geprägten Umfeld der drei Konzentrationslager Bergen-Belsen, Esterwegen und Moringen während der Zeit der NS-Herrschaft und die erinnerungspolitischen Handlungen und Einstellungen bis 1960 dar.

Das Konzentrationslager Bergen-Belsen lag im Ortsteil Belsen der Gemeinde Bergen im Kreis Celle in der damaligen Provinz Hannover. Bis zur Befreiung des Lagers durch britische Truppen am 15.April 1945 starben im KZ Bergen-Belsen mindestens 52.000 Häftlinge aufgrund der Haftbedingungen. Für Tausende war es eine Durchgangsstation in Vernichtungslager.

Das Konzentrationslager Esterwegen im Emsland wurde im Sommer 1933 als Doppellager (Lager II und III) für 2000 politische „Schutzhäftlinge“ eingerichtet und war zeitweilig nach Dachau das zweitgrößte Konzentrationslager. Es wurde im Sommer 1936 aufgelöst, aber bis 1945 als Strafgefangenenlager weitergenutzt, in dem aber auch abgeurteilte politische Häftlinge inhaftiert waren. Das Konzentrationslager im niedersächsischen Moringen diente nacheinander der Inhaftierung von Männern, Frauen und Jugendlichen.

Die Verbindungslinie zwischen diesen drei Lagern war die Tatsache, dass sie nicht abgeschottet von der Außenwelt waren, sondern Interaktionen zwischen Lagerpersonal, Insassen und Anwohnern stattfanden. Die Dissertation „fragt danach, unter welchen Umständen sich Häftlinge und Anwohner im Umfeld der Lager begegneten. Sie fragt nach den Faktoren, die ihr Miteinander bestimmten sowie nach dem Verhältnis von Distanz, Gleichgültigkeit und Hilfsbereitschaft als Handlungsmöglichkeiten der ‚Zaungäste‘ im Umfeld der drei Lager (…).“ (S. 13f) Dabei wurde ein epochenübergreifender, dreifach vergleichender Forschungsansatz ausgewählt, der sich auf spezifische Aspekte der Alltagswirklichkeit der oben genannten Akteure bezieht.

Die Untersuchung des Verhältnisses zwischen Lagerpersonal, Insassen und Anwohnern in der Zeit zwischen 1933 und 1945 ergab folgendes: „Vielen war es nach 1933 opportun erschienen, ihren begeisternden Einsatz für die nationalsozialistische ‚Bewegung‘ zu beteuern und ihre Mitmachbereitschaft im Sinne des Regimes zu demonstrieren. (…) Zwischen Personal, Gefangenen und Akteuren im Umfeld der Lager entwickelte sich ein facettenreiches Verhältnis aus gegenseitiger Kenntnisnahme, Kooperation, Pragmatismus und Konflikten. Dabei bewegten sich die vermeintlich Außenstehenden je nach Situation zwischen Zustimmung, Distanzierung, Verweigerung und Partizipation.“ (S. 394)

Anders als in Mohringen und Esterwegen wurde in Bergen-Belsen schon 1953 eine Gedenkstätte für die Opfer des Lagers eingeweiht. Die ländliche Bevölkerung reagierte darauf mit Ablehnung. In der Umgebung aller drei Lager zeigte sich nach 1945 eine „erinnerungspraktische Resistenz“: „Das eigene Opfernarrativ sowie die Ressentiments gegenüber gesellschaftlichen Außenseitern blieben vor Ort sagbar und wurden durch stete Wiederholung tradiert.“ (S. 393)

In dieser Dissertation werden anhand konkreter Beispiele die Handlungsmöglichkeiten und die Wirksamkeit des Topos der „Volksgemeinschaft“ in der NS-Zeit und danach- aufgegriffen und kritisch reflektiert. Die drei hier untersuchten KZ’s und deren Akteure kommen aus einer ländlichen Gegend in unmittelbarer Umgebung im heutigen Bundesland Niedersachsen. Es werden ausführlich deren Entstehung, Entwicklung in der Zeit vor, während und nach dem 2. Weltkrieg analysiert und die wechselhaften Verbindungen zwischen den lokalen Akteuren geschildert. Es schildert auch lokale Zusammenwirkungen zwischen Repräsentanten des NS-Regimes und der Bevölkerung, aber auch Widerstand im weitesten Sinne. Die Nachwirkungen der NS-Herrschaft in der unmittelbaren Nachkriegsgesellschaft werden auch gut sichtbar. Alle lokalen Ereignisse in einen größeren Zusammenhang unter Berücksichtigung der neusten Forschungsliteratur  gestellt, es fehlt allerdings eine allgemeine Einführung in die Geschichte der Provinz Hannover zwischen 1930 und 1945, insbesondere die Auswertung lokaler Wahlergebnisse der NSDAP und anderer Zustimmungspotentiale.

 

Buch 2

Klaus Malettke: Richelieu. Ein Leben im Dienste des Königs und Frankreich, Ferdinand Schöningh, Paderborn 2018, ISBN: 978-3-506-77735-5, 128 EURO (D)

Armand-Jean du Plessis, duc de Richelieu (1585-1642) gilt als Umsetzer des doktrinalen Absolutismus in die Praxis. Als führender Staatsmann diente er dem französischen König Ludwig XIII. seit 1624 bis 1642 als erster Minister (principal ministre), mit einer großen Machtfülle ausgestattet, jedoch vom Vertrauen des Königs abhängig und prägte die Religionspolitik Frankreichs für lange Zeit.

Der emeritierte Marburger Professor und Kenner der frühneuzeitlichen französischen Geschichte, Klaus Malettke legt nach jahrzehntelanger Forschung zu Richelieu und dessen Epoche eine neue, umfassende Biographie vor. Dabei steht sein außenpolitisches Handeln während des 30jährigen Krieges  von 1635 bis 1642, seine Vorstellungen über die Gestaltung eines umfassenden Friedens in Europa und dessen dauerhafte Bewahrung, propagandistische Öffentlichkeitsarbeit, Richelieus Klientelpolitik sowie seinen vielfältigen und weitgespannten Aktivitäten beim Aufbau des eigenen großen Vermögens. Dabei geht er davon aus, dass Prinzipien und Kategorien wie Dynastie, Konfession, Staatsinteresse, Staatsräson und Tradition das Denken und Handeln Richelieus und der anderen Akteure bestimmten.

Neben dem „Leben, Agieren und Werk des Menschen, des Theologen und des Staatsmannes Richelieu in seinen vielfältigen Facetten sowie in seinen positiven und kritischen Seiten“ möchte Malettke dem Leser „zugleich einen fundierten Einblick in die damalige Geschichte Frankreichs und der internationalen Beziehungen in der Epoche des Dreißigjährigen Krieges“ vermitteln. (S. 12)

Nach einer erschöpfenden Darstellung des elterlichen Hauses, dem Richelieu entstammte, wird deutlich, dass er seinem Aufstieg Richelieus zu einer der bedeutendsten Figuren der Frühen Neuzeit Bedeutung vor allem dem Wechsel von in Anspruch genommener und gewährter Patronage verdankte. Die Mutter des neuen Königs Ludwig XIII., Maria von Medici, wird als seine Gönnerin und Förderin gesehen, die ihn auch in Formen des höfischen katholischen Frankreichs einführte. Diese Etikette beherrschte Richelieu perfekt, so dass er zum principal ministre aufsteigen konnte. Seine mitunter grausame Politik gegen innen- und außenpolitische Gegner wird mit seiner verinnerlichten Staatsräson und die Wiederherstellung der Glaubenseinheit zum Wohle des Staates gerechtfertigt. Die enge Verzahnung von Religion und Politik wird als wesentliches Element der damaligen Zeit vom Autor herausgearbeitet.

Malettke würdigt aber auch andere Seiten des umstrittenen Richelieus. Richelieu war ein vielseitig interessierter Mann, der neben seinen Staatsgeschäften auch ein großes Interesse an der Kunst besaß und mit seinem im Amt erworbenen Wohlstand zahlreiche Künstler förderte. So besoldete er den Architekten Jacques Le Mercier, der bei der Erweiterung des Louvre seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Die Dekoration des Palais Royal übertrug er dem ersten Hofmaler von Ludwig XIII., Simon Vouet, den er eigens aus Rom zurückholte. Ebenfalls zu seinen Schützlingen zählte der junge Philippe de Champaigne.

Das größte künstlerische Interesse des Kardinals galt aber der Literatur. So griff er die Idee einer Gesellschaft zur Pflege der französischen Sprache und Kultur auf und machte bereits 1635 aus dem informellen Zirkel um Valentin Conrart, der sich seit 1630 dieser Aufgabe widmete, eine offizielle Einrichtung, die Académie Française. Er protegierte zahlreiche junge Dramatiker, darunter auch den hochbegabten, jungen Pierre Corneille.

Er schildert Richelieu als einen Staatsmann, für den die Außenpolitik und die wichtigsten damit in Zusammenhang stehenden inneren Staatsangelegenheiten Priorität hatten. Weiterhin wendet er sich gegen den Vorwurf, Richelieu hätte Ludwig XIII beherrscht und seine Position ausgenutzt hätte: „Hinzu kommt, dass an der Loyalität und Treue des Kardinals gegenüber Ludwig XIII. nicht im geringsten zu zweifeln ist und der Prinzipalminister sich völlig dessen bewusst war, daß seine ganze Existenz allein von der Gnade und vom Vertrauen des Königs abhängig war.“ (S. 1013)

 

Dies ist eine sehr opulente Biographie mit dem Schwerpunkt der internationalen Beziehungen und Diplomatie vor allem des 17. Jahrhunderts in Europa. Politische Hintergründe, Zusammenhänge und Vorgänge bis hin zu diplomatischen Verstrickungen werden detailliert geschildert. Fleiß und Detailfülle prägen Malettke Darstellung. Den grausamen Verfolgungen der Hugenotten in der Innenpolitik und dessen Folgen für Frankreich und den Aufnahmeländern hätten allerdings deutlicher akzentuiert und angeprangert werden sollen. Für Toleranz in der Religionspolitik dient Richelieu gewiss nicht als Vorbild.

 

Buch 3

Jason Moore/ Raj Patel: Entwertung. Geschichte der Welt in sieben billigen Dingen, Rowohlt, Berlin 2018, ISBN: 978-3-7371-0052-6, 24 EURO (D)

Der Umwelthistoriker Jason Moore und der Ökonomen Raj Patel legen eine wirtschaftshistorische „Geschichte der Welt in sieben billigen Dingen“ vorgelegt. Es ist eine Art Schwarzbuch des Kapitalismus, der für die ökologische Katastrophe durch die Ausbeutung der Natur und des Menschen selbst verantwortlich ist. Dabei erläutern sie die Bedingungen für das immerwährende Wirtschaftswachstum, deren Produktionsfaktoren und Produktionsbedingungen eine Entwertung und Verbilligung anhand von sieben Faktoren.

Es bedarf laut den Autoren eines radikalen Umdenkens in der Sozial- und Wirtschaftspolitik und den Abkehr des umweltzerstörenden Kapitalismus. Sie widmen sie sich jeweils einem der sieben Aspekt dieser Entwertung der Welt: Natur wird ebenso entwertet wie Geld, Arbeit, Pflege, Nahrung, Energie und Leben. Angefangen von frühkapitalistischen Entwicklungen und der beginnenden Kolonisation schildern sie den Weg bis hin zur heutigen krisenhaften Entwicklung der Welt. „Der Kapitalismus war deshalb so erfolgreich, weil er auf eine ganz bestimmte Art produktiv ist. Er gedeiht dadurch, dass er natürliche Ressourcen für sich arbeiten lässt – und dies so billig wie möglich.“

Diese Ausbeutung betraf die Sklaverei, unbezahlte Arbeit, Kinderarbeit und untertarifliche Löhne wie auch die Natur, Tiere, Pflanzen, Flüsse und Wälder, also die gesamte Biodiversität der Erde. Die Frühindustrialisierung in den USA hatte zum Beispiel seine grausamen Komponenten. Aufgrund von Arbeitskräftemangel und Profitgier mussten Kinder ab fünf Jahren teilweise mehr als elf, zwölf Stunden körperlich arbeiten, Analphabetismus, seelische und körperliche Verletzungen waren die Folge. Die Gier nach immer mehr Geld und Gütern und die Schattenseiten der Industrialisierung haben zum Klimawandel und der Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen geführt. Wirtschaftliches Maßhalten, die Beschränkung des Lebens auf das Notwendige sind die Grundvoraussetzungen für eine lebenswerte Zukunft.

Die ist ein dringend notwendiges Buch, das das System des Kapitalismus offen legt und nur den Fehler macht, dass der Kapitalismus dem Wesen nach das Problem ist, nicht nur deren negativen Auswüchse.

 

Buch 4

 

Rudolf Simek: Die Geschichte der Normannen. Von Wikingerhäuptlingen zu Königen Siziliens, Reclam, Ditzingen 2018, ISBN: 978-3-15-011174-1, 22 EURO (D)

 

Bei den Normannen im engeren Sinne handelt es sich um Nachkommen der Wikinger, die 911 in das fränkische Reich aufgenommen worden waren, das Christentum annahmen und sich rasch akkulturierten. Das Gebiet benannten sie nach ihrer Herkunft Normandie. Die nur im Deutschen bestehende zweite Identifizierung der Normannen mit den Bewohnern Skandinaviens vom Ende des 8. bis 11. Jahrhunderts stammt aus der Terminologie der karolingischen Autoren, welche die im 9. Jahrhundert einfallenden Wikinger als „Nordmannen“ bezeichneten.

Nach einer Einführung in die Wikingerzeit, die Vorfahren der Normannen erzählt der Autor ihre Geschichte, die teilweise das europäische Mittelalter prägte

Kaiser Karl der Große gegen Ende des 8. Jahrhunderts musste sich gegen die Normannen zur Wehr setzen. Dabei ging es zu Beginn um Gebiete des nördlichen Deutschland. Besonders eindringlich bekamen es in der Folge Karls karolingische Nachfahren mit den einfallenden  Normannen zu tun. Der Tod Ludwigs des Frommen 840öffnete den Normannen dann endgültig Tür und Tor ins Frankenreich.

König Harald III. von Norwegen fiel im September 1066 in Nordengland ein. Harald Godwinson hatte nur wenig Zeit, seine Armee aufzustellen. Mit ihr marschierte er von London aus nach Norden, überraschte die Skandinavier am 25. September etwa zwölf Kilometer östlich von York und besiegte sie in der Schlacht von Stamford Bridge. Harald Godwinsons Sieg war fast vollkommen: Harald III. und auch sein mit ihm verbündeter Bruder Toste fielen, die Norweger wurden endgültig aus England vertrieben. Getrübt war der Erfolg jedoch dadurch, dass die angelsächsische Armee geschwächt aus dem Kampf hervorging.

In der Zwischenzeit hatte Wilhelm eine Flotte von 600 Schiffen und 7000 Soldaten zusammengestellt – wesentlich mehr, als Wilhelm alleine aus der Normandie rekrutieren konnte: Seine Männer kamen aus allen Gegenden Nordfrankreichs, aber auch aus den Niederlanden und Deutschland. Viele seiner Soldaten waren nachgeborene Söhne, die nach dem Recht der Primogenitur keine Aussicht auf ein Erbe hatten, mit dem sie ihren Lebensunterhalt sichern konnten. Wilhelm versprach ihnen Land und Titel aus seinen Eroberungen, falls sie Pferd, Waffen und Rüstung selbst stellten.

Wilhelm begann sofort mit der Verwüstung des Landes. Harald nötigte seiner Armee einen zweiten Gewaltmarsch auf und machte auch keinen Halt in London, um seinen Männern eine Pause zu gönnen und das Eintreffen von Verstärkungen abzuwarten.

Die Entscheidungsschlacht, die Schlacht bei Hastings, fand am 14. Oktober statt. Die Kämpfe blieben lange unentschieden, bis Harald II. (Godwinson) am Abend einem normannischen Reiterangriff zum Opfer fiel. Die angelsächsischen Truppen flohen daraufhin vom Schlachtfeld und Wilhelm war nun der einzige Bewerber um die Krone Englands. Nach seinem Sieg bei Hastings marschierte Wilhelm durch Kent Richtung London, wo er in Southwalk auf erbitterten Widerstand traf. Er zog weiter eine der alten Römerstraßen, um sich mit einer weiteren normannischen Armee zu vereinigen.  Wilhelm zog anschließend nach Nordosten weiter nach Berkhamstead, wo er die Unterwerfung Londons abwartete und auch die Huldigung der verbliebenen angelsächsischen Adligen entgegennahm. Etwa Ende Oktober wurde er zum König proklamiert und am 25. Dezember 1066 in der Westminster Abbey gekrönt.

Während der Süden Englands sich schnell der normannischen Herrschaft fügte, hielt sich vor allem im Norden der Widerstand noch sechs Jahre, bis 1072, als Wilhelm nordwärts zog und auf seinem Weg normannische Herren einsetzte. Andererseits schloss er aber auch, und das vor allem in Yorkshire, Vereinbarungen mit den örtlichen angelsächsischen Machthabern, die ihr Land unter der Oberhoheit normannischer Lords behielten, die wiederum lediglich aus der Ferne regierten, wodurch er langwierige Auseinandersetzungen vermeiden konnte. Zur Sicherung der Grenze zu den walisischen Fürstentümern ernannte Wilhelm seinen Vertrauten FitzOsbern 1067 zum Earl of Hereford. FitzOsbern verteidigte die Grenze offensiv und begann im selben Jahr mit der Eroberung von Wales, die jedoch erst über 200 Jahre später abgeschlossen werden konnte.

Nachdem England erobert worden war, sahen sich die Normannen einer Reihe von Herausforderungen gegenüber, um die Herrschaft auch zu sichern. Die anglonormannisch sprechende neue Oberschicht war der englischen Bevölkerung an Zahl bei weitem unterlegen, ihre Zahl wurde von Alfred Leslie Rowse 1979 auf etwa 5000 Personen geschätzt. Die angelsächsischen Herren waren an eine völlige Unabhängigkeit von der Zentralregierung gewöhnt, während die Normannen ein zentralisiertes System hatten, an dem die Angelsachsen sich störten.

Revolten unter Führung von Verwandten Haralds oder enttäuschten angelsächsischen Adligen brachen aus, denen Wilhelm auf unterschiedliche Weise entgegentrat. Die normannischen Herren bauten eine Vielzahl von Motten und Burgen, um Volksaufständen oder den jetzt seltenen Wikingerüberfällen vorzubeugen und die nahen Städte oder die Umgebung zu dominieren. Jedem angelsächsischen Adligen, der die Legitimität von Wilhelms Thronbesteigung anzweifelte oder in eine der Revolten verwickelt war, wurden Land und Titel entzogen und an Normannen weitergegeben. Wenn ein angelsächsischer Adliger ohne Nachkommen starb, wurde ein Normanne sein Nachfolger.

Damit prägten  die Normannen weitere Entwicklung Englands auf entscheidende Weise. England wurde stärker an das kontinentale Europa heranführte, es war die Geburtsstunde des englisch-französischen Konfliktes, der bis ins 19. Jahrhundert hinein andauern sollte. Sie schufen die Grundlagen für eine der mächtigsten Monarchien Europas schuf und der Entwicklung des Common Law und das höchstentwickelte Verwaltungssystem Westeuropas. Die englische Sprache und Kultur wurde grundlegend verändert. Die normannische Eroberung Englands hatte nicht nur Auswirkungen auf der Insel, sondern in ganz Europa.

Die normannische Eroberung von Süditalien fand über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten im 11. Jahrhundert statt. Normannische Söldner dienten im Mezzogiorno verschiedenen langobardischen und byzantinischen Parteien. Mit der Zeit begannen die Normannen, eigene Besitztümer und Vorformen von Kleinstaaten zu errichten. Diese schlossen sich zusammen, was die Normannen mit der Zeit zu einem de facto unabhängigen Machtfaktor in der Region machte. Dies geschah bereits rund fünfzig Jahre nach ihrer Ankunft um 1017. Ihre ausgedehnten Eroberungen schlossen das Königreich Sizilien, den gesamten Süden der italienischen Halbinsel und Malta ein. Im Gegensatz zur normannischen Eroberung Englands, die nur einige Jahre in Anspruch nahm und mit einer Entscheidungsschlacht begann, war die Eroberung Süditaliens ein langer Prozess mit vielen kleinen Schlachten. Viele kleine normannische Parteien eroberten auf sich allein gestellt kleine Territorien, die sich mit der Zeit zu Staaten zusammenschlossen.

Sizilien war nach dem Aussterben der Kalbiten 1053 in mehrere kleine Fürstentümer zerfallen, die unter sich zerstritten waren. Einer der Fürsten rief nun die Normannen zu Hilfe. Auf diesen Hilferuf hin setzte Robert Guiskards jüngerer Bruder Roger 1061 nach Sizilien über und eroberte Messina. Bis 1064 konnte er den Nordosten Siziliens unter seine Kontrolle bringen. Nach Rogers Rückkehr nach Kalabrien zum Ausheben weiterer Soldaten und zum Ausbau einer Flotte unternahmen die Brüder weitere Eroberungszüge nach Sizilien. 1072 wurde Palermo erobert. Robert Guiskard kehrte nach Apulien zurück, ernannte seinen Bruder als Roger I. zum Graf von Sizilien und Kalabrien und überließ ihm die restliche Eroberung der Insel und den Aufbau einer Regierung. Die weitere Eroberung Siziliens erwies sich als schwierig und langwierig. Erst im Jahre 1088 fiel das für die Eroberung des Binnenlands wichtige Enna und 1091 der letzte muslimische Stützpunkt auf Sizilien, die Stadt Noto. Ein Teil der arabischen Bevölkerung floh ins Ausland, viele aber blieben und arbeiteten mit den Eroberern zusammen.

Da der normannischen Eroberung nicht eine Siedlerwelle folgte, blieben die Normannen nur eine dünne Oberschicht in Sizilien. Roger war also darauf angewiesen, die bestehenden Verwaltungsstrukturen zu übernehmen. Juden und Muslime mussten zwar (wie vorher Juden und Christen unter arabischer Vorherrschaft) eine eigene Steuer entrichten, durften aber jeweils nach eigenen Gesetzen Recht sprechen und Richter einsetzen. Roger selbst betrieb eine Hofhaltung nach byzantinischem Vorbild, bei der der Herrscher den Untergebenen unnahbar entrückt war und absolutistisch regierte. Roger unterstützte die byzantinischen Christen, vor allem griechische Klöster, setzte jedoch bereits 1083 in Palermo einen lateinischen Erzbischof ein und gründete lateinische Bistümer neu. Somit leitete er die Latinisierung Siziliens ein, die ca. 1200 fast vollständig abgeschlossen war. 1098 erhielt Roger von Papst Urban II. den Titel des Apostolischen Legaten und damit die Vollmacht, selber Bischöfe einzusetzen.

Nach ihrer Christianisierung bauten Normannenfürsten zerstörte Klöster wieder auf, was anfänglich von einer gewissen Skepsis seitens der Kleriker begleitet wurde. Ihre allmähliche Akkulturation zeigte sich auch bei ihrer Beteiligung an den Kreuzzügen. Sie waren auch für den Bau zahlreicher Burgen und kultureller Neuerungen verantwortlich.

Neben der oben schon erwähnten Wirkungsgeschichte in England hat das Erbe der Normannen deutliche Spuren hinterlassen: „ Die von den Normannen entwickelte Staatsordnung Siziliens blieb auf der Insel selbst und in Süditalien noch lange wirksam. Diese Konstitution floss selbst in so weit entfernt entstandene Verfassungen wie die des Ordensstaates des deutschen Ritterordens in Preußen ein, den Friedrichs Freund, der Großmeister des Ordens Hermann von Salza, 1226 gründete. Selbst nach dem Verschwinden des in Frankreich aufgegangenen Herzogtums Normandie beeinflussten die normannischen Institutionen der Verwaltung dauerhaft die der französischen Krone, so wie die sizilianische Verwaltung in ihren Strukturen dort unter fremder Herrschaft ebenfalls noch lange fortlebte.“ (S. 236)

 

Das allgemein bekannte Bild der räuberischen und mordenden Normannen oder Wikinger findet sich hier in diesem Buch zum Glück nicht. Es schildert in verständlicher Weise ihre blutigen Eroberungen, aber auch ihr Beitrag in verschiedener Hinsicht zur Entwicklung des von ihnen besetzten Landes wie England oder Region wie Sizilien. Dies ist ein gutes Buch zur Einführung in die Geschichte der Normannen, im Literaturverzeichnis ist genügend Stoff zum selbständigen Weiterlesen angeboten.

 

 

 

Buch 5

 

Florian Illies: 1913. Was ich unbedingt noch erzählen wollte, S. Fischer, Frankfurt/Main 2018, ISBN: 978-3-10-397360-0, 20 EURO (D)

Das Buch „1913: Der Sommer des Jahrhunderts“ beschäftigte sich mit den teils politischen, vor allem aber kulturellen Ereignissen von 1913. Florian Illies berichtet in Abschnitten, die meist aus wenigen Seiten, teilweise sogar nur aus einem einzigen Satz bestehen, von den Ereignissen und Anekdoten des Jahres 1913. Hauptsächlich konzentriert er sich dabei auf gesellschaftliche Vorgänge, die er in der Gegenwartsform erzählt und ironisch kommentiert. Vor allem Biographisches, insbesondere über Maler und Literaten, und der Kunstbetrieb stehen im Mittelpunkt seines Interesses, zum Beispiel werden die wechselhaften und fruchtbaren Beziehungen von Oskar Kokoschka zu Alma Mahler, von Sigmund Freud zu C. G. Jung oder von Heinrich zu Thomas darin ausgebreitet.

Dies ist das Nachfolgewerk, das sich auf das erste Buch aus dem Jahre 2012 bezieht. Wie das Vorgängerbuch ist dies in Kapitel aufgeteilt, die jeweils einem Monat des Jahres entsprechen und denen ein Bild oder eines zeitgenössischen Gemäldes vorangestellt ist.

Die Liebe nimmt im Frühling und im Sommer einen Schwerpunkt ein: So erfährt man emotionale Wallungen bei so bekannten Personen wie Pablo Picasso, Jack London oder Maxim Gorki. Ein Berg bei Ascona wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einem Ort eines alternativen Gemeinschaftslebens. Die Besitzer nannten ihn Berg der WahrheitMonte Verità. 1900 erwarb hier Henri Oedenkoven, der Sohn eines belgischen Industriellen, zusammen mit seiner Geliebten, der Münchener Pianistin und Musiklehrerin Ida Hofmann, für 150.000 Franken ein anfangs 1,5 Hektar großes Stück Land. Es soll ein Ort der Freiheit in einer klassenlosen Gesellschaft werden. Sie errichten ein Sanatorium auf der Basis von Naturheilverfahren. Der karge Ort mit dem herrlichen Blick war so recht nach dem Geschmack der Münchener Bohème, die hier naturnahe Lebensformen verwirklichen wollte. Die Bergbewohner verstanden sich als Teil der Lebensreformbewegung, die zur damaligen Zeit in bestimmten gesellschaftlichen Kreisen in Deutschland, Österreich und der Schweiz großen Zuspruch fand. Gemeinsam war ihnen der Traum eines naturnahen Lebens abseits der großen Städte.

Der Schlagabtausch zwischen Sigmund Freud zu C. G. Jung geht weiter, Igor Strawinsky sollte mit „Le sacre du printemps“ zu Weltruhm gelangen. Alfred Wegeners Grönlanddurchquerung, die Erfindung des Dieselmotors durch Rudolf Diesel oder die Einweihung des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig werden auch geschildert. Am Ende des Buches findet sich ein opulentes Register, das sich auf beide Werke bezieht.

 

Hier treffen bekannte Künstler und Intellektuelle aus verschiedenen Kulturen aufeinander und werden auch mit ihrer Persönlichkeit vorgestellt. Dieser Band steht dem ersten in nichts nach.

Eine Schatzkiste für alle Kulturinteressierten.

 







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