Neuerscheinungen Sachbuch

12.08.20
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Charlotte Wiedemann: Der lange Abschied von der weißen Dominanz, dtv, München 2019, ISBN: 978-3-423-28205-5, 18 EURO (D)

Die Journalistin und Autorin Charlotte Wiedemann thematisiert in diesem Buch den Umgang mit dem schleichenden Machtverlust für das alte Europa und der westlichen Welt sowie der damit verbundene geistesgeschichtlich-ideologischen Hintergründe. Sie macht als Teil des kolonialen Erbes ein immer noch vorherrschendes Überlegenheitsdenken aus, was sie weiße Dominanz nennt. Dies durchdringe alle Bereiche des weltweiten Zusammenlebens angefangen von wirtschaftlichen bzw. sozialen Punkten bis hin zu wissenschaftlichen Deutungen. Mit der politischen oder wirtschaftlichen Macht europäischer Staaten habe sich auch ein universeller Überlegenheitsanspruch verbunden. Dies zeige sich bewusst oder unbewusst im Denken und Handeln.

Dem stehen aber tiefgreifenden Veränderungen entgegen: Zunächst innergesellschaftlich gibt es in der Einwanderungsgesellschaft die Forderung nach Partizipation und Gleichheit, die Belange von stärker werdenden Interessengruppen und kulturelle Pluralität stellen nationale-weiße Machtstrukturen infrage. Zum zweiten gibt es äußere, weltweite Machtverschiebungen. Der Verlust von Einfluss der westlichen Welt durch die neue Supermacht China, der Konkurrenz von Russland, die kommende Weltmacht China, das wachsende Selbstbewusstsein in Südamerika und die Krise des westlichen Kapitalismus versinnbildlicht in der Klimakrise sind Vorboten für den allmählichen Statusverlust Europas und Staaten mit westlicher Kolonisation wie Australien, die USA Südafrika usw.

Diese Tatsachen müssten benannt, die Veränderungen anerkannt und der Abschied von Privilegien akzeptiert werden: „Die größte Herausforderung für Europäer und Europäerinnen ist tatsächlich der Abschied von einem Lebensgefühl, in dem die Selbstüberschätzung ein ganz wesentlicher Bestandteil war und ist.“

Genauer gesagt sind es die weißen Männer, die ihre Macht und ihren Status drohen zu verlieren. Der ausgreifende Feminismus und die postmigrantische Gesellschaft, die nun die Einlösung des Versprechens von Partizipation und Gleichheit zunehmend einfordert, sind eine reale Bedrohung für ihre Privilegien.

In ihrer Argumentation tauchen vier wesentliche Argumentationsmuster und geistige Anleihen immer wieder auf.

Das neonazistische Attentat in Neuseeland und auch mehrere andere aufsehenerregende in den USA wurde unter anderem mit einer angeblichen weißen Vorherrschaft begründet. (White Supremacy) Mit diesem Begriff werden im englischsprachigen Raum rassistische Ideologien bezeichnet, welche auf der Annahme beruhen, dass „Europide“ anderen menschlichen „Rassen“ prinzipiell überlegen seien und ihre privilegierte Stellung daher gewährleistet werden müsse. Der Ausdruck dient als Sammelbezeichnung für eine Vielzahl rassistischer ideologischer Systeme. Dieses Denken beschränkt sich nicht nur auf ewiggestrige Neonazis, Kolonialverherrlicher oder Rassisten am rechten Rand, sondern auch - bewusst oder unbewusst- Teile der Bevölkerung und Entscheidungsträger in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.

Eine zentrale Komponente des Buches ist die Bezugnahme auf Critical Whiteness. Die Diskurse nahmen in den 1990er-Jahren in den USA ihren Anfang und haben seit ungefähr zehn Jahren auch in der BRD an Bedeutung gewonnen. Zwar ist die Critical Whiteness tief geprägt von der US-amerikanischen Geschichte, vor allem die der Sklaverei und des Kampfes der afrikanischstämmigen Sklaven und ihrer Nachkommen um Freiheit und Gleichberechtigung und gegen Rassismus. Doch lassen sich die daraus gewonnenen Erkenntnisse durchaus auf ein Land wie Deutschland übertragen, mit seiner ganz eigenen Geschichte von Weißsein und rassischer Hierarchisierung.

Des Weiteren bildet die Kritik am Eurozentrismus einen Schwerpunkt. Eurozentrismus ist die ideologische Beurteilung inner- und außereuropäischer Gesellschaften nach europäischen Vorstellungen; demnach auf der Grundlage der von Europäern entwickelten Werte und Normen. Diese Wertvorstellungen, Kategorienbildungen und Überzeugungen nehmen im Eurozentrismus als Maßstab das alleinige Zentrum des Denkens und Handelns ein. Dies umfasst nicht nur das geografische Europa, sondern auch Staaten in Nordamerika, Südafrika und Australien. Diese Sichtweise zeigt sich die Weltsicht, geographische Bezeichnungen wie „Naher“, „Mittlerer“ und „Ferner Osten“ sind von Mitteleuropa aus gesehen gewählt. Auch Bezeichnungen wie „Dritten Welt“, die „Entwicklungshilfe“ brauchen, wird unbewusst suggeriert, dass sich diese Länder so entwickeln und so werden müssen wie Europa.

Aspekte des Postkolonialismus sind außerdem Grundlage der Thesen Wiedemanns. Grundlage der postkolonialen Ansätze ist die Annahme, dass die Kolonien nur politisch befreit seien, jedoch weiterhin durch die Hegemonie eurozentrischer Sichtweisen beherrscht würden. Damit findet zunächst die Übernahme der Orientalismus-These Saids statt. Im Prozess der Kolonialisierung habe ein gewaltförmiger Kulturkontakt stattgefunden: Eine Kultur eroberte die andere, formte sie nach ihrem Bilde um, veränderte und zerstörte sie, um sie zu beherrschen. Diese Veränderung sei nicht nur durch militärische Gewalt, sondern auch durch die Macht der Sprache und des Wissens erfolgt.

Es ist ein mutiges Buch, das zu den aktuellen Debatten über Rassismus, (weiße) Polizeigewalt, Migration und dessen Abwehr und die weltweite soziale Ungleichheit passend erschienen ist. Charlotte Wiedemann spricht hier unbequeme Wahrheiten aus, von daher wird der Inhalt polarisieren: Auf der einen Seite werden weiße Nutznießer des kolonialen Erbes das Buch vehement kritisieren und verteufeln, auf der anderen Seite antirassistische und kosmopolitisch denkende Menschen wie auch Betroffene selbst jubilieren.

Wiedemann schneidet hier ein breites Feld an Themen an, dass es dazu auch Kritik gibt, dürfte klar sein. Der Zusammenhang zwischen Rassismus, Geschlecht und Klasse wird nicht genügend betont, genauso wie nicht-weißer Rassismus und dazugehörige Machtstrukturen, Neokolonialismus, Imperialismus oder das Themenfeld Neoliberalismus, Ausgrenzung und Sozialdarwinismus.

Trotz dieser Kritikpunkte ist es ein lesenswertes Buch, vielleicht eines der besten Sachbücher der letzten Jahre.

Buch 2

Bushra al-Maktari/Constantin Schreiber: Was hast Du hinter Dir gelassen? Stimmen aus dem vergessenen Krieg im Jemen, Econ, 2020, ISBN: 978-3-430-21026-3, 24,90 EURO (D)

Der Krieg im Jemen findet abseits der Weltöffentlichkeit statt und wird daher auch der „vergessene Krieg“ genannt. Um dies zu ändern, reiste die jemenitische Autorin und Journalistin Bushra al-Maktari reiste unerkannt unter Lebensgefahr durch den Jemen und fragte Menschen aus der Bevölkerung: Was hast Du hinter Dir gelassen? Dies wurde zum Buchtitel für die deutsche Ausgabe.

Einerseits geht es um eine Einführung und Analyse des Krieges im Jemen und es gelingt der Autorin dabei hervorragend, die Komplexität der Thematik sehr gut lesbar und verständlich darzustellen. Dadurch werden die vielfältigen Konflikt- und Bruchlinien sowie unterschiedlichen Motive, Interessen und Ziele aller beteiligten und relevanten Akteure offensichtlich.

Um den aktuellen Krieg im zeitgeschichtlichen Kontext verstehen zu können, geht sie auch auf die über drei Jahrzehnte währenden Herrschaft von Ali Abdullah Saleh sowie der Revolution des Jahres 2011 im Rahmen der Ereignisse des Arabischen Frühlings ein. Der Weg des Jemens in den aktuellen Krieg auf, der Aufstieg und Vormarsch der Houthis sowie die Interessenslage der Kriegskoalition unter der Führung Saudi-Arabiens sowie der Vereinigten Arabischen Emirate sowie die Ziele der Konfliktparteien und deren Strategien und Taktiken, um diesen Krieg jeweils für sich zu entscheiden, wird ausführlich für die westliche Öffentlichkeit vermittelt. So gelingt es der Autorin Stück für Stück ein sehr intensives, belastbares und facettenreiches Bild zu der Thematik zu zeichnen und die Komplexität dieses Konfliktes in aller Schärfe evident werden zu lassen.

Sie belässt es dabei aber nicht bei einer Darstellung und Analyse auf der Makroebene, sondern er bringt immer auch wieder Beispiele und Schicksale, um aufzuzeigen, was dieser Krieg und seine Brutalität für die Menschen im Jemen wirklich bedeutet. Unter diesem Krieg leidet vor allem die jemenitische Zivilbevölkerung. Laut den Vereinten Nationen sind seit März 2015 über 7000 Zivilisten getötet und mehr als 11.000 verletzt worden. Ein Großteil der Todesfälle geht dabei auf Bombardements der Arabischen Koalition zurück. Sie geht dabei zu den Menschen im Land und befragt sie über den Krieg und ihre Schicksale. Die Leiden der Zivilbevölkerung wie bei jedem Krieg werden so offensichtlich und berühren zutiefst. Die Botschaft ist eindeutig: Stoppt den Krieg und helft den Menschen.

In einem Nachwort geht der bekannte Moderator Constantin Schreiber sehr kritisch auf die Sichtweise der deutschen Politik und Öffentlichkeit auf diesen „vergessenen Krieg“ ein. Bisheriges Unterbleiben oder Verschweigen wird angeprangert, gleichzeitig aber auch Vorschläge für eine deutsche bzw. europäische stärkere Rolle bei den Friedensbemühungen vorgestellt.

Das Buch ist ein flammender Appell an die Weltöffentlichkeit und besonders an die westliche Staatengemeinschaft, die Beendigung des Krieges auf die außenpolitische Agenda zu setzen. Mehr als 20 Millionen Menschen benötigen dringend humanitäre Hilfe wie Lebensmittel und medizinische Versorgung. Da außerdem ein Großteil der Bevölkerung keinen Zugang zu einfacher Sanitärversorgung hat, verbreiten sich Krankheiten rasend schnell. Sofortige Hilfe wird also dringend benötigt, wie sich hier auch aus den befragten Personen zeigt. Eine Waffenruhe scheint in Anbetracht der Konstellation realistischer als ein vollständiger Frieden, das wäre aber schon mal ein Anfang.

 

Buch 3

Parag Khanna: Unsere asiatische Zukunft, Rowohlt, Berlin 2019, ISBN: 978-3-7371-0002-1, 24 EURO (D)

In diesem Buch vertritt der Autor die These, dass das 21. Jahrhundert mit einer Vorherrschaft Asiens verbunden sein wird. Die asiatischen Staaten haben sich  zu einer engeren Zusammenarbeit zusammengeschlossen, was die Bedeutung steigern werde. Die steigenden Geburtenzahlen und der wachsende Anteil am Welthandel seien Seismografen für diesen Trend. Dafür geht es weit in die Geschichte zurück: Eine Art Weltgeschichte aus der Sicht Asiens von den alten Ägyptern bis hin zum Ende des 2. Weltkrieges. Asien und seine Zukunftsvisionen werden auch präsentiert. Indien wird auch als künftiger global player gesehen.

Er macht deutlich, dass China nur ein Bestandteil von Asien ist und Asien viel mehr ist als China plus. Zudem zeigt er Beispiele auf für die wirtschaftliche Stärke und das zeitgleiche Streben der Asiaten nach Autarkie. Er legt die Defizite des Westens im Verständnis Asiens offen und begründet, warum wir uns bereits in einem asiatischen Jahrhundert befinden. Dabei verweist er auch auf das Projekt der „Neuen Seidenstraße“

Chinas Ziele der „Neuen Seidenstraße“ als Landweg, als Seeweg und als Luftweg, die Projekte in den einzelnen Kontinenten sowie die Ausbreitung von Chinas Macht in der weltpolitischen Ordnung werden behandelt. Die Initiative "Neue Seidenstraße" bedeutet Investitionen von mindestens 900 Milliarden Dollar. Damit baut China Straßen, Bahngleise, Pipelines, Kraftwerke, Telekommunikationsnetze, Häfen und Flughäfen von Asien bis nach Europa und Afrika. Chinas Staatsführung feiert die "Neue Seidenstraße" als zukunftsweisend und hat das Großprojekt in der Verfassung der Kommunistischen Partei festgeschrieben. 2049 wolle man das weltweit größte Industrieland sein - zum 100. Geburtstag der Volksrepublik.

Asien wird von Khanna als ein zusammenhängendes System dargestellt, das ist natürlich ein Konstrukt. Es ist kein Zusammenschuss wie Europa. Es geben widerstreitende Interessen zwischen Japan und China, das getrennte Korea und die ehemaligen Tigerstaaten, die nach mehr wirtschaftlichen Einfluss streben. Asiatische Länder werden in Zukunft mehr weltweiten Einfluss, das erscheint logisch. Aber in der Globalisierung können weltweite Entscheidungen in Einigung mit anderen Ländern oder Blöcken getroffen werden.

 

Buch 4

Fred Pearce: Fallout. Das Atomzeitalter – Katastrophen, Lügen und was bleibt, Antje Kunstmann Verlag, München 2020, ISBN: 978-3-95614-359-5, 25 EURO (D)

Fred Pearce öffnet in diesem Buch die Augen für das Thema Atommüll durch eine rasante Geschichte des Aufstiegs der Nuklearwissenschaft und eine erstaunliche Weltreise zu verschiedenen Atommülldeponien. Hier findet man dichte Informationen über Radioaktivität auch in Naturschutzgebieten, Atombomben, Atomtest bis hin zu unzuverlässigen Lagerbeständen auf der ganzen Welt.

Er kritisiert zu Recht die Einstellungen von Menschen, die Atomkraft trotz des wahnsinnig hohen Preises und der schrecklichen Sicherheitsbilanz für sinnvoll halten.

Er fasst bisherigen Katastrophen wie in Japan (Hiroshima, Fukushima) Tschernobyl, Fake News für die normale Bevölkerung und die Schäden, die Menschen durch nukleare Explosionen und Katastrophen zugefügt wurden, beginnend mit der Atombombe, die auf Hiroshima abgeworfen wurde, über den Kalten Krieg bis zum Jahr 2017 zusammen. Das Buch bietet einen kurzen Überblick aber vollständige Geschichte des Atomzeitalters.

Es ist voller überraschender Fakten: Zum Beispiel erhielt jeder auf dem Planeten durch die von 1954 bis 1963 durchgeführten oberirdischen Atomtests nukleare Auswirkungen auf die Menschen und deren Gesundheit, die man in Maßeinheiten ausdrücken kann.

Ein weiteres Beispiel,: der beste Weg, Atommüll zu entsorgen, besteht darin, ihn wieder aufzubereiten, um das Plutonium zu extrahieren - etwas, das routinemäßig durchgeführt wurde, als Plutonium zur Herstellung von Atomwaffen verwendet wurde, aber das wird normalerweise nicht getan, wenn Plutonium verwendet wird Strom erzeugen.

Das Erbe des Atomzeitalters ist für nachfolgende Generationen eine schwere Hypothek, wie Pearce treffend ausführt. Viele Staaten reagieren auf Reaktorkatastrophen und die Langzeitrisiken atomarer Strahlung nicht mit der Schließung ihrer Atomkraftwerke bzw. mit dem Ersatz alter, störanfälliger Anlagen durch neue, sicherere Anlagen.

Das Buch ist für alle, die sich kompakt über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Kernenergie und der Atomwaffen informieren möchten, lesenswert. Ohne apokalyptische Szenarien zu schmieden, ist dieses Buch auch eine Warnung vor den langfristigen Folgen des Atomzeitalters.

 

Buch 5

Michael Staack (Hrsg.): Der Nordkorea-Konflikt. Interessenlagen, Konfliktdimensionen, Lösungswege, Verlag Barbara Budrich, Berlin/Toronto 2020, ISBN: 978-3-8474-2339-3, 36 EURO (D)

Nach Jahrzehnten der Konfrontation im Korea-Konflikt sprechen die USA seit 2018 direkt miteinander. Dieser Sammelband beschäftigt sich mit den aktuellen Verhandlungsprozessen, den Interessenlagen der Hauptkonfliktparteien, dem Nuklearpotential Nordkoreas und denkbaren Wegen aus diesem Konflikt. In verschiedenen Beiträgen untersuchen renommierte Experten diese Fragen und arbeiten aus unterschiedlichen Perspektiven den Konflikt über das Nuklearwaffenprogramm Nordkoreas auf.

Das Buch beginnt mit einem einleitenden Beitrag von Michael Staack. Dort stellt er vier Dimensionen des Konflikts vor. Dies sind die globale nukleare Ordnung, die nur den fünf ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen den Besitz von Atomwaffen zusichert. Es fehlt weiterhin eine offizielle Beendigung des Kriegszustandes seit dem Korea-Krieg (1950-1953). Außerdem wird der Nordkorea-Konflikt zunehmend überlagert durch den Konflikt zwischen den USA und China. Die vierte Dimension stellt die Konfrontation zwischen den beiden koreanischen Staaten dar. Für Staack müssen fünf Bedingungen erfüllt sein, um den Prozess von Dialog und Entspannung erfolgreich fortzusetzen. Dies sind eine mittel- bis langfristige Anlegung des Prozesses, eine Festlegung auf einen einheitlichen diplomatischen Ansatz innerhalb der US-Administration, die schrittweise Aufhebung der internationalen Sanktionen durch das Prinzip Leistung gegen Gegenleistung, die Einbeziehung Chinas und der Einfluss extraregionaler Akteure wie die EU oder NGO’s.

Danach stellt Götz Neuneck den Wissensstand über das nordkoreanische Nuklearwaffenprogramm vor und analysiert eine denkbare Gestaltung eines Rüstungskontroll- und Abrüstungsprozesses. Eric J. Ballbach zeichnet die Gespräche 2018/19 zwischen den USA und Nordkorea und Süd- und Nordkorea nach und bewertet den Verlauf. Anschließend beschäftigt sich Elisabeth I-Mi-Suh mit der aktuellen Nordkorea-Politik der südkoreanischen Politik und den unterschiedlichen Auffassungen in der Gesellschaft. Hartmut Kroschyk bewertet den Prozess aus der deutschen Perspektive und macht Vorschläge, wie die BRD und die EU diese Entwicklung unterstützen können. Danach ordnet Josef Braml die Nordkorea-Politik Trumps in die geoökonomisch bestimmte Globalstrategie der USA ein und vergleicht sie mit der Konfrontation mit dem Iran. Sven B. Gareis stellt danach das Verhältnis zwischen Nordkorea und China dar und diskutiert die verschiedenen Handlungsoptionen Chinas zur Eindämmung. Zum Schluss stellt Artyom Lukin die Position der russischen Regierung zum Nordkorea-Konflikt vor. Nach den Beiträgen werden in einer Dokumentation vereinbarte Deklarationen, Vereinbarungen und andere Papiere zum Konflikt in englischer Sprache abgedruckt. Im Anhang findet man noch die Biografie der Autorinnen und Autoren.

Diese Bestandsaufnahme stellt die unterschiedlichen Positionen und auch die Probleme zur Entschärfung des Konfliktes dar. Im Falle eines Atomkrieges wäre die gesamte Welt davon betroffen. Hier wird gut herausgearbeitet, dass Trump und seine Vertrauten das nordkoreanische Regime nur noch eindämmen und nicht mehr seine Nuklearkapazitäten mit Präventivschlägen beseitigen können. Nordkoreas begrenzte (nukleare) Zweitschlagskapazitäten könnten nicht nur die Millionenstadt Seoul treffen. Trump und seine Sicherheitsberater werden auf eine militärische Lösung verzichten müssen, wenn sie nicht auch die Leben Tausender in Südkorea und in der Region stationierter US-Soldatinnen und Soldaten riskieren wollen.

Mit diesem Wissen um ihre eigene militärische Stärke und die Verwundbarkeit der USA kann die nordkoreanische Führung der Weltmacht die Stirn bieten. Wie bei Trumps Aufkündigung des Nukleardeals mit dem Iran gesehen wird Nordkorea auch keinen Anreiz mit Washington haben, seine Nuklearwaffen aufzugeben. Nicht nur diese geostrategischen Überlegungen, sondern auch die Interessen und Ziele Südkoreas, Chinas, Russlands und die Leitlinien und Initiativen der Bundesregierung der werden hier dargelegt. Aber geostrategische Überlegungen hin oder her: Im Spiel der Eitelkeiten bleiben Kim Yong Un und Trump unberechenbare, zu allem fähige Machtpolitiker.

Es fehlt jedoch ein Beitrag zur historischen Einordnung, den Etappen des Koreakrieges und der anschließenden Konfrontation der beiden koreanischen Staaten und ihrer Verbündeten im und nach Ende des Kalken Krieges. Ebenso wären die Gründe für die bislang gescheiterten Verhandlungen in den letzten Jahrzehnten in den Blick zu nehmen, um die Frage zu beantworten, ob die seit 2018 angestoßenen Verhandlungen erfolgreich sein könnten.

 

Buch 6

Taffy Brodesser-Akner: Fleishman steckt in Schwierigkeiten, dtv, München 2020, ISBN: 978-3-423-28221-5, 24 EURO (D)

Taffy Brodesser-Akner stellt in ihrem preisgekrönten Debutroman die Anatomie einer amerikanischen Ehe, Familie, Scheidung und Identität dar. Der Roman handelt von dem in Manhattan lebenden Toby Fleishman, einem gut verdienenden Hepatologen in den Vierzigern, der sich von seiner Frau Rachel hat scheiden lassen und trotzdem immer wieder mit ihr Ärger hat. Seine Aufarbeitung, was in seiner Ehe schief gelaufen ist, kommt nur stockend voran. Er sucht Trost beim Online-Dating mit wechselnden Frauen und One-Night-Stands, die er in seiner Jugend und vor seiner Ehe nicht hatte. Diese Freizeitbeschäftigung wird jäh unterbrochen: Rachel lässt ihre beiden gemeinsamen Kinder bei ihm und verschwindet zu einem Yoga-Retreat.

Die Erzählerin, der Tobys Seite der Dinge mitfühlend schildert, ist seine College-Freundin Libby, ehemalige Mitarbeiterin eines Männermagazins, die jetzt eine in New Jersey lebt und  Mutter ist. Mit der Zeit rückt sie und ihr Leben auch in den Mittelpunkt des Romans. Sie ist neben der die 11-jährige Hannah und die 7-jährige Solly, die beiden Kinder, die einzigen beiden sympathischen Charaktere des Romans. Fleishman und Rachel kommen hedonistisch, privilegiert und doch unzufrieden mit ihrem Leben, oberflächlich und für Normalsterbliche unwirklich und abgehoben rüber.


Taffy Brodesser-Akner gibt hier eine Satire über das Innere von Ehe und Scheidung und all die Situation des Lebens, die damit einhergehen. Die Suche nach Identität, Selbstverwirklichung, Glück und ein Revue des bisherigen Lebens der Protagonisten steht im Mittelpunkt. Die Darstellung der sexuellen Heldentaten von Fleishman und der Inhalte der Dating-App werden zuweilen übertrieben. Dafür besitzt der Roman viel Humor und Sarkasmus. Insgesamt gesehen ist es ein solides Werk mit einer prägnanten Darstellung der Charaktere; aber kein außergewöhnlicher, der den Leser in seinen Bann zieht.









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