Wird Alles gut?

03.08.20
KulturKultur, TopNews 

 

Neubuchvorstellung

von Richard Albrecht

Andrà tutto bene. Alles wird gut wenn wir alles verändern. Hamburg: Ed. Contra-bass, 2020, 125 p., 12 €

Hier geht es auch um die aktuelle Coronakrise.1] Zugleich geht es um mehr: um einen ganzheitlichen Blick auf die entwickelte spätkapitalistisch-westliche Lebensweise und ihre Zivilisation als endscheidende Grundlage und soziale Noxe oder gesellschaftliche Ursache einer zunehmend kränkelnden Gesellschaft.

Inhalt Aufwachen im Alptraum; Immunstärkung; Pest und Elend; Freiheit die ich meine oder der Geist aus der Flasche; Zerstörung der Wildnis; Wissenschaftler oder Wahrsager; Mathematik und die Unberechenbarkeit der Natur; Lockdown und Knockout; Corona. Konstruktiv Notizen aus einer besonderen Zeit; Freiheit und Vertrauen; Krise als Chance zum Ändern unserer Wirtschaftsweise; Gesundes Wohnen; Deutschland - Frankreich Systemvergleich in der Krise; Angst macht gefügig; Grossvater ist störrisch.

Hauptautoren des Bands zu Corona als Symptom sind Gerd Stange (*1944): Verleger, Autor, Mathematiker, Linguist, Therapeut; Astrid Schmeda (*1950): Verlegerin, Autorin, Psychologin, Pädagogin, Therapeutin. Unterstützt werden sie von Renate Langgemach (*1947): Lehrerin, Autorin; Wolf Reuter (*1943): Architekt, Bildhauer, Autor, Fotoreporter. Diese publizistische Viererbande schuf eine in Form und Inhalt klare Struktur im Wechselspiel von Subjekt- und Objektsicht, Text und Bild, Veranschaulichung und Theorie. Die ich als so informativ wie faszinierend empfinde.

Das Intro beginnt mit der moderaten These: Wir wurden "nicht eingesperrt wegen der Corona-Krise". Sondern wegen der "Krise des Gesundheitswesens" (Schmeda 11). Dann geht`s der Autorin weiter um erfahrungsgesättigte Erinnerungen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur inzwischen "immer mehr abgeschafften" Immun-Stärkung "der körpereigenen Abwehrkräfte" des Immunsystems in Form verschiedener praktischer Methoden (22). Und schließlich um durch Fotos von Reuter angereicherte geschichtliche und aktuelle Hinweise zur Entwicklung der heutigen Jangtsemetropole Wuhan mit etwa 11 Millionen Einwohnern, dem ersten Covid-19-Seuchenausbruchszentrum und (inzwischen angeblich oder wirklich formell verbotenen) Lebend(wild)tiermärkten und traditionell-populären Eßgewohheiten.2]

Stange ergänzt, konkretisiert und verallgemeinert mit diversen Kurztexten: einem historischen zur Erinnerung an Pest und Elend mit der "Schlußfolgerung: Epidemien sind ein Elends-Indikator!" (29), einer Goethe-Faust-Deutung zur Konkretisierung seines Freiheitsverständnisses (31f: "Das ist der Weisheit letzter Schluß: Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muß", Faust II: 11574-76) sowie drei ideologiekritischen Polemiken gegen als Wissenschaftler getarnte Virologen3] (43-48), "das mathematische Erkenntnismodell" als neue Universalwissenschaft mit auf Stochastik beruhenden und auf Seuchen bezogenen Domino-, Schneeball-, Lawinen- und Butterfly- oder Schmetterlingseffekten (49-57) und zu mit Landwirtschaft, Wirtschaftskrise und Kriegsgefahr zusammenhängenden repressiven Maßnahmen von "Lockdown und Knockout." (59f.)

Im Mittelpunkt des Buchs stehen Autorennotizen zum Alltagsleben unter Coronaeinschränkungen der Monate März/April 2020 (Langgemach 63-78). Es folgen Kurzbeiträge der Hauptautoren mit dem Blick auf gedachte mögliche Nachcoronakrisenzeiten aus den thematischen Feldern Freiheit, Krise als Veränderungschance auch der Wirtschaftsform, gesundes Wohnen, Aspekte eines Systemvergleichs in der Coronakrise Deutschland-Frankreich (dort confinenent im Sinn von Einsperrung genannt) und Gedankensplitter zur Wirkmächtigkeit von Angst als "psychologisches Phänomen" im Zusammenhang mit gouvernamental bestimmter Sozialisolation und massiven massenmedialen Manipulationstechniken zur neototalitären Herrschaft des vom zeitgenössischen destruktiven "Plattformimperialismus geprägten Weltsystems."4]

 

1] kritisch Richard Albrecht, MUCH ADO ABOUT FEW: Covid-19 Virus – Pandemie – Coronakrise; in: soziologie heute, 71/2020: 46; ders., ALS HÄTTEN ALLE DEN VERSTAND VERLOREN ...   http://www.trend.infopartisan.net/trd0620/t040620.html

2] innermarxistische öffentliche Debatten gab es Anfang / Mitte der 1970er Jahre imanschluß an die US-Pingpongdiplomatie. Diese versuchte, unter Beibehaltung gemeinwirtschaftlicher Eigentumsformen die hyperkonformistische Gesellschaft der VR China finanzkapitalistisch zu penetrieren / dominieren. Soziologisch erinnert die Covid-19-Seuche im Ausbruchsherd Wuhan Ende 2019 an das, was seit Émile Durkheim als Anomie - gesellschaftliche Zustände mit fehlenden institutionellen Regelungen - gilt. Das marxistische Leitkonzept ursprüngliche Akkumulation könnte sich als analytisch hilfreich erweisen

3] erinnert sei an Vogelgrippe H1H5 seit 1997 und Schweinegrippe H1N1 2009/10 als saisonale, von der WHO als Pandemie ausgerufene, Seuchen; grundlegend Lars Clausen, Offene Fragen der Seuchensoziologie; in: Österreichische Zeitschrift für Soziologie. Sonderheft: Aspekte sozialer Konstitution von Medizin, 10 (1985) 3/4: 241–249

4] Richard Albrecht http://www.trend.infopartisan.net/trd0919/t020919.html

 

 


Dr. Richard Albrecht, Jg. 1945, überlebte in Harburg (Süderelbe) 1957 die asiatische Grippe und 1962 die Flutkatastrophe

 

 

Der Beitrag erscheint zeitgleich gedruckt im Linzer Fachmagazin soziologie heute, August 2020, p. 46







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