Neuerscheinungen aus linken Verlagen

29.07.20
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Roman Danyluk: Blues der Städte. Die Bewegung 2- Juni – eine sozialrevolutionäre Geschichte, Verlag Edition AV, Bodenburg 2019, ISBN: 978-3-868-41226-0, 20 EURO (D)

Infolge der globalen Sozialrevolte 1967/68 nahmen junge Menschen in vielen westlichen Ländern den bewaffneten Kampf auf. In Westberlin wurde 1972 die Bewegung 2. Juni gegründet. Aus sub- und gegenkulturellen Initiativen, politisierten Studierenden, rebellierenden Lehrlingen, Frauen und Schwulengruppen riefen Aktivist*innen aus mindestens sieben militanten Kleingruppen die Stadtguerilla Bewegung 2. Juni ins Leben. Sie existierte bis 1980.

Roman Danyluk möchte mit seinem Buch zur Aufarbeitung der Wirkungsweise revolutionärer Opposition und militanten Widerstands in Westdeutschland beitragen: „Die Ausführungen hangeln sich dabei an den Vorhaben entlang, auf kritisch-solidarische Art und Weise die auch noch heute nutzbaren Potentiale der gescheiterten Sozialrevolte 1967/68 freizulegen. Der utopisch-revolutionäre Anspruch dieser Epoche, nämlich weltweit freie und egalitäre Verhältnisse zu erkämpfen ist aktueller denn je.“ (S. 14)

In den ersten beiden Kapiteln werden chronologisch die Vorgeschichte und Entstehung der bewaffneten Linken und die spätere Praxis der Bewegung 2. Juni behandelt. Im dritten Kapitel folgt schließlich aufgrund der vorher aufgeführten Darstellungen eine kritisch-solidarische Diskussion der Ereignisse und Positionen. Zur Frage der Militanz schreibt er: „Unabhängig davon, wie in der Linken die Praxis der damaligen Stadtguerilla eingeordnet wird, können im Kampf um Gemeineigentum (Kommunismus) und egalitäre Verhältnisse (Anarchie) historische Momente entstehen, in denen bewaffnete Initiativen notwendig werden. Zudem können Situationen entstehen, in denen RevolutionärInnen eine militante Selbstverteidigung aufgedrängt wird. Aber bewaffneter Kampf ist niemals Allzweckwaffe und auch kein Selbstläufer, sondern seine Notwendigkeit und Berechtigung ist immer an eine bestimmte spezifische Begebenheit gekoppelt.“ (S. 474)

Im Anhang gibt es noch Kurzbiografien der handelnden Personen, ein Quellen- und Literaturverzeichnis und eine Biografie des Autors.

Dies ist eine sehr ausführliche lesenswerte Aufarbeitung der Geschichte der Bewegung 2. Juni, die beste ihrer Art. Die vor der Gründung 1972 stattgefundenen gesellschaftlichen Entwicklungen nehmen einen breiten Raum ein. Roman Danyluk spannt im letzten Kapitel den Bogen bis ins 21. Jahrhundert: Er zeigt auf, wie noch heute durch die Beschäftigung mit der Ära des bewaffneten Kampfes Erkenntnisse gewonnen werden können. Hervorzuheben sind die Porträts der Protagonisten im Anhang.

Buch 2

Geralf Pochop: Untergrund war Strategie. Punk in der DDR. Zwischen Rebellion und Repression, Hirnkost, Berlin 2018, ISBN: 978-3-945-39882-8, 20 EURO (D)

Geralf Pochop wuchs in Halle (Saale) auf und führte in den 1980er Jahren ein Leben als Punk abseits des DDR-Alltags. Das Leben als Punk fand im Untergrund statt, so wurde ein eigener subkultureller Freiraum aufgebaut. In diesem Buch erzählt er davon.

Als er das erste Mal im Westradio Songs von den Sex Pistols mit 13 hörte, war das die Hinwendung zum Punk Rock. Sein erstes Konzert erlebte er 1982: „Ich war begeistert von der Gradlinigkeit der Bands und bewunderte ihren Mut, Worte und Texte zu singen, die die Missstände des DDR-Systems schonungslos angriffen, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen – in einem Land, wo Kritik gewöhnlich nur hinter vorgehaltener Hand geäußert wurde.“ (S. 34) Damals gab es Bands wie Planlos, Namenlos, Unerwünscht oder Restbestand, die wohl heute noch den wenigsten etwas sagen.

Zusammen mit Freunden besetzte er eine Wohneinheit und nahm an einer Demonstration der unabhängigen Friedensbewegung teil. Seine Begegnung mit Silvio Meier, der 1992 in Berlin von Neonazis ermordet wurde, wird ebenfalls geschildert. Auch die stundenlagen Haarstylings, Schminken und das Selberherstellen der Kleidung.

Als Erich Mielke die „Zerschlagung der Punkmusik-Gruppen“ ausrief, wurden Pochop und seine Freunde schnell zum Staatsfeind Nr. 1. Es kam zu einer Vielzahl von Verhaftungen, Bands wurden zerschlagen und inhaftiert, es gab Zwangseinweisungen in „Jugendwerkhöfe“, wo jeder der vom System als unangepasst oder schwer erziehbar eingestuft wurde, hinkam. Ein neuer Gesetzesparagraph besagte, dass das „unästhetische Äußere“ der Punks mit bis zu 500 Mark, einem Monatslohn bestraft werden konnte. Es gab außerdem überall Verbote: für Jugendclubs, Kino, Disco, Kneipen, Gaststätten oder sogar für die Innenstadt. Die Repression auch der Stasi nahm zu.

Pochop berichtet auch von seinen Reisen nach Ungarn, dem „Traumland der gesamten osteuropäischen Jugend“. Es gab dort keine Repressionen gegen Punks, Punkkonzerte, sogar Punkklamotten.

Interessante Einblicke gibt es auch über den keineswegs überwundenen Faschismus und den alltäglichen Rassismus. Sprüche wie „Euch hat man wohl bei Hitler vergessen zu vergasen“ waren alltäglich“. (S. 124)

Auch die Angriffe von Naziskins auf Punks bei Konzerten oder im Alltag nahmen zu. In Liedtexten und Sprüchen auf T-Shirts oder Lederjacken machten Punks darauf aufmerksam. Das wurde sanktioniert: Lederjacken mit dem Spruch „Nazis raus“ wurden gar von der Staatsmacht beschlagnahmt, weil es ja in der DDR offiziell keine Nazis gab und geben konnte.

Außerdem berichtet Pochop vom Konzert der Toten Hosen 1987 in Pilsen und seiner Verhaftung und sechsmonatigen Haftzeit. Nach seiner Entlassung engagierte er sich dennoch weiter in der Szene. Die Staatsmacht änderte auch ihre Strategie im Umgang mit Punks in den letzten Jahren vor dem Mauerfall. Die neue hieß Unterwanderung: Junge Bands durften offiziell in FDJ-Jugendclubs auftreten und die Repression nahm ab. Die Zahl der Konzerte stieg 1988 ab, immer mehr Kirchen waren Veranstalter.

Dennoch stellte Pochop einen Ausreiseantrag in den Westen, der 1989 genehmigt wurde. Ein anscheinend endgültiger Abschied von Freundin, Eltern und Freunden: „Ich war unendlich froh und unendlich traurig zur gleichen Zeit.“ (S. 178) Dass bald die Mauer fiel, konnte er nicht ahnen. 1991 kehrte er dann nach Halle zurück.

In der Rückschau zieht Pochop trotz der Repression ein positives Fazit: „Als Opfer und Verfolgte haben wir uns allerdings nie gesehen. Wir wurden zwar diskriminiert, gejagt und willkürlich weggesperrt, trotzdem waren wir freier als alle anderen (…).“ (S. 7) und „Es war die intensivste Zeit meines Lebens. Eine Zeit, die mich bis heute prägt.“ (S. 8)

Ein lesenswerter Ausschnitt aus dem Leben als Punk in den 1980ern in der DDR, wo die Systemkrise langsam Formen annahm. Natürlich ist damit nicht die gesamte Punk-Bewegung in der DDR beschrieben, aber es gibt spannende Inneneinsichten eines rebellischen Lebensgefühls, der staatlichen und gesellschaftlichen Repression und die Sehnsucht, frei zu sein. Quer durch das Buch gibt es auch viele private Bilder aus der Zeit, offizielle Schreiben der Behörden, Impressionen von Konzerten und Plattencover.

 

Buch 3

Boris von Brauchitsch: Adolphe de Meyer. Begegnung mit dem Faun, Edition Braus, Berlin 2020, ISBN: 978-3-86228-108-4, 19,95 EURO (D)

Dies ist die erste auf Deutsch erscheinende Biografie über den ersten professionellen Fashion-Fotografen Adolphe de Meyer (1868-1946). De Meyer gilt als „einer der wegweisenden Vetreter der piktorialistischen Fotografie, der sein ganzes Sein und künstlerisches Schaffen als Hommage an Schönheit, Eleganz und Anmut verstand und lebte. (S. 103) Er wurde in Paris geboren, verbrachte seine Kindheit in Dresden und entwickelte sich zu einem gefragten Fotografen der oberen Schichten. Sein Engagement führte ihn zu weltweiten Metropolen wie London, New York, Paris, Venedig und Los Angeles. In der Zeit der Belle Epoque nahm er die technischen und künstlerischen Neuerungen auf wurde zu einem der führenden Piktoralisten, arbeitete mit Alfred Stieglitz und Gertrude Käsebier zusammen und schuf sich ein Netzwerk mit bedeutenden Models, Auftraggebern und Fotografen seiner Zeit. Er arbeitete unter anderem für Vogue, Vanity Fair und Harper’s Bazaar.

Seine wohl bekanntesten Bilder sind die vom russischen Tänzer Waslaw Nijinsky aus dem Stück L’Apres-midi d’un faune, die wahrscheinlich bei der Premiere in Paris aufgenommen wurden. In einer mythologisch entrückten Welt erwacht Nijinsky in diesem Stück als Faun, sein Verlangen nach Nymphen steht dabei im Mittelpunkt. Dieser Zusammenarbeit ist ein ganzes Kapitel gewidmet.

Seine Zusammenarbeit mit Josephine Baker und anderen Models wird auch analysiert. Neben Models und Persönlichkeiten der upper classes fotografierte er auch Stillleben. Durch die Biografie hindurch sind immer wieder Bilder seines künstlerischen Schaffens zu sehen.

Die verschiedenen Einflüsse seiner Fotokunst und sein Stil, der sich durch besondere Licht- und Schatteneffekte, das Schaffen von Atmosphäre und der Abbildung von Persönlichkeit auszeichnete, kommen ebenso zur Sprache: „Viele Bildschöpfungen gleichen visionären Erscheinungen, die ein gefühltes Innenleben symbolhaft abbilden sollen.“ (S. 104f)

Ein Nachwort von J. T. Wilms über Adolphe de Meyer und diese Biografie, eine Bibliografie und eine Kurzbiografie des Künstlers runden das Buch ab.

Adolphe de Meyer wird als Dandy und Kunstfotograf mit hohen ästhetischen Kriterien beschrieben, der einen amourösen Lebenswandel pflegte und mit seiner Frau in der künstlerischen High Society zu Hause war. Nicht nur seine Experimente mit harten Drogen auch seine kreativen Arbeitsprozesse weisen ihn als Grenzgänger seiner Epoche auf. Dieser ersten gelungenen Annäherung mit zahlreichen charakteristischen Bildern fehlt nur eine Einleitung zur Einordnung.

 

Buch 4

Werner Rügemer: Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts. Gemeinverständlicher Abriss zum Aufstieg der neuen Finanzakteure, 2. Ergänzte Auflage, Papyrossa, Köln 2020, ISBN: 978-3-89438-675-7, 19,90 EURO (D)

In diesem Buch stellt Werner Rügemer global agierende Finanzakteure vor, deren Aufstieg zur Herausbildung eines „neuen Kapitalismus“ geführt hat und die Rolle der traditionellen Großbanken abgelöst hat. Fond- und Kapitalgesellschaften haben ein geräuschloses, in der Öffentlichkeit wenig bekanntes Auftreten und führen doch ein (zu) mächtiges Schattendasein: „Sie haben ihr Kapital in hunderttausenden Unternehmen und damit diese Unternehmen der Realwirtschaft im Griff. Sie entscheiden über Arbeitsplätze, Arbeits-, Wohn-, Ernährungs-, und Umweltverhältnisse, über Produkte, Gewinnverteilung, Armut, Reichtum und Staatsverschuldung“ (S. 8).

Dabei beschreibt er unterschiedliche Imperien oder Gesellschaften. Als mächtigste von ihnen sieht er BlackRock an, mit ihrem Billionenvermögen eine „heimliche Weltmacht“. Außerdem analysiert er Private Equity, Hedgefonds, einflussreiche Investmentbanken und die Reste der einst so glorreichen Geldparadiese der Großbanken. Mit diesen verflochten und unterstützt sind die Gewinner des digitalen Zeitalters wie Google, Apple, Microsoft, Facebook, Amazon, die schon seit Jahrzehnten ein Marktmonopol haben und für den Profit aus Datenströmen wichtig sind. Jüngere Gewinner wie Typ Uber oder Upwork sind der letzte Bestandteil der untersuchten weltweit agierenden Kapitalisten. Entgegen eigenen Verlautbarungen führen sie ein eigenes Schattendasein und stehen außerhalb von Gesetzen und demokratischer Kontrolle. Die einzige Leitlinie ist der maximale Profit. Auch der von westlichen Firmen oft so hochgehaltene Wettbewerb gibt es oft aufgrund von Monopolstellungen nicht.

Im Folgenden gibt es unzählige Informationen und Verbindungen; dies in allen Einzelheiten darzustellen, wäre ein Ding der Unmöglichkeiten. Rügemer verbreitet hier keine Verschwörungstheorien oder dystopische Szenarien, vieles kann er mit Quellen belegen.

Seine Beschäftigung mit dem staatlich gelenkten Kapitalismus, des Projekts der neuen Seidenstraße als imperialistische Strategie, die es vielen Teilen Asiens und in Afrika schon lange gibt, hätte aber eine schärfere Kritik verdient.

Gut ist seine Kritik an den Aufsteigern des digitalen Zeitalters: Amazon, Apple, Facebook, Microsoft und Google sind nicht nur Vorzeigeunternehmen im digitalen Zeitalter, sondern auch die vier einflussreichsten Firmen der Welt. Die Geschäftspraktiken, der Umgang mit Arbeitnehmerrechten und die zu hohe Marktkonzentration und der damit verbundene Verlust von demokratischer Kontrolle sind eine Gefahr für die Demokratie.

Dieses Buch ist insgesamt sehr spannend zu lesen für einen niedrigen Preis und enthält viele Informationen über die Praktiken der weltweiten Finanzoligarchie und deren Verflechtungen untereinander, zu Staaten und politischen Akteuren und Institutionen. Es passt sehr gut zu einem anderen neuen Beitrag über Steuerpraktiken der Größen des Kapitalismus. 

Der investigativer Journalist Oliver Bullough zeigt seinem Buch „Land des Geldes“, wie die Superreichen eine Reihe von Techniken anwenden, um Geld zu bewegen und zu verstecken, Steuern zu vermeiden und sich vor Identifizierung und Untersuchungen zu schützen.[1] Die Voraussetzung für diese Unterwelt der Geld-Elite wurde schon seit den 1970er Jahren gelegt.

Dies geschieht zum Teil durch die Verbreitung von Systemen wie den sogenannten „goldenen Pässen“, in denen Länder als Gegenleistung für eine große Investition die Staatsbürgerschaft oder einen langfristigen Wohnsitz gewähren. Außerdem komplexe Unternehmen, die sich in Offshore-Häfen niederlassen werden oft geschlossen und wieder aufgebaut. Es erfordert ein großes globales Netzwerk hochqualifizierter, teurer Fachleute, von Bankern und Anwälten bis hin zu Immobilienmaklern und Buchhaltern.

Die Erforschung dieser Zufluchtsorte der Superreichen führt ihn einmal um die Welt. Darunter bekannte Offshore-Steueroasen wie die Isle of Jersey und die Cayman-Inseln sowie weniger bekannte wie Nevis, wo in unscheinbaren Gebäuden sage und schreibe 18.000 Unternehmen und doch noch einige Menschen findet.

Die Nachbarinsel St. Kitts hat ihr eigenes Geschäft, Pässe für Zehntausende Dollar pro Einwohner zu verkaufen. Es gibt auch Zufluchtsorte in den USA, die von der Stadt Reno im US-Bundesstaat Nevada bis zum unternehmensfreundlichen Bundesstaat Delaware reichen. Und natürlich gibt es die Luxusimmobilien von London mit zahlreichen Villen in Mayfair und New York mit funkelnden Türmen, deren Wohnungen für zig Millionen Dollar an ukrainische und russische Milliardäre verkauft werden - und griechische und chinesische sowie brasilianische und amerikanische - Wohnungen mit wenigen tatsächlichen Bewohnern. Viele Verbindungen führen auch nach Malta und Orten in China.

Die finanzielle Infrastruktur der Geheimvermögen ist oft durch unzählige Netze ineinandergreifender Trusts gekennzeichnet, die Identität verschleiern und Vermögenswerte außerhalb der Reichweite von Regierungen platzieren.

Buch 5

Michael Mießner/Matthias Naumann (Hrsg.): Kritische Geographien ländlicher Entwicklung. Globale Transformationen und lokale Herausforderungen, Westfälisches Dampfboot, Münster 2019, ISBN: 978-3-896-91277-0, 33 EURO (D)

Städte bestimmen weltweit politische, wirtschaftliche und soziale Entwicklungen. Ländliche Räume hingegen geraten zunehmend aus dem Fokus. Dennoch finden aktuell in ländlichen Regionen des Globalen Nordens wie auch des Globalen Südens umfassende Transformationen statt, sei es hinsichtlich gesellschaftlicher Naturverhältnisse, ökonomischer Strukturen, politischer Steuerung, der Reproduktion von Geschlechterverhältnissen und der Präsentationen von Ländlichkeit. Der Band analysiert diese Prozesse aus der Perspektive der Kritischen Geographie und bietet einen Überblick über theoretische Konzepte, empirische Beispiele und methodische Zugänge zum Verständnis ländlicher Entwicklungen.

Arbeiten zum Globalen Süden als zum Globalen Norden sind in diesem Band vertreten, die aufeinander bezogen werden. Damit sollen die globale Dimension als auch die lokalen Besonderheiten ländlicher Transformationen sichtbar gemacht werden. Dieser Band entstand im Zuge der 22. Jahrestagung des Arbeitskreises „Ländliche Räume“ im Februar 2018 in Kiel, in deren Rahmen eine mehrteilige Sitzung zur „Kritischen Geographien ländlicher Entwicklung“ stattfand und aus der mehrere Beiträge des Bandes hervorgingen.

Im ersten Essay stellen die Herausgeber den Forschungsstand der englischsprachigen Rural Geography, den Aufbau des Bandes und daran anschließende Fragen vor.

Der Sammelband gliedert sich in vier Teile. Im ersten Teil werden verschiedene Entwicklungslinien einer Kritischen Geographie ländlicher Räume behandelt. Dies sind einerseits theoretische Ansätze, andererseits einzelne Strömungen der Geographie ländlicher Räume und deren Potentiale zum Verständnis aktueller Entwicklungen diskutiert. Zunächst beschäftigt sich Florian Dinckmann mit den Vorstellungen von ländlichen Räumen als Idyll und deren politische Implikationen. Danach geht Martina Neuburger angesichts von Globalisierungsprozessen auf konzeptionelle Perspektiven mit Beispielen aus Lateinamerika ein. Marc Redepenning und Raphael Singer operationalisieren den Gerechtigkeitsbegriff von Nancy Fraser für räumliche Fragestellungen Die historische Entwicklung und die künftigen Potentiale der ruralen Frauen- und Geschlechterforschung beleuchtet der Beitrag von Theresia Oedl-Wieser und Mathilde Schmitt. Anschließend stellen Paul Jutteau und Felix Aubier die Tradition der französischen Kritischen Geographie ländlicher Räume vor.

Der zweite Teil beschäftigt sich mit Aspekten einer Politischen Geographie ländlicher Räume. Die Beiträge stützen sich dabei auf theoretische Zugänge zur Geographie des Staates und fragen nach der politischen Steuerung ländlicher Entwicklung. Den Anfang macht Markus Krok, der in seinem Beitrag das Konzept des Worldings von G. C. Spivak aufgreift und auf Auseinandersetzungen um gentechnisch veränderte Baumwolle in Indien bezieht. Alina Brad und Jonas Hein erläutert danach im Anschluss an die Staatstheorie Poulantzas die Transnationalisierung von Staatlichkeit am Beispiel der indonesischen Insel Sumatra von Kleinbauern. Yvonne Franke verwendet Stuart Halls Konzept von Staatlichkeit für das Verständnis von Agro-Food-Systemen am Beispiel der argentinischen Pammpa-Region. Nadine Reis geht dann auf den Agrarstrukturwandel in Mexiko ein und die Abhängigkeit ländlicher Räume von globalen Entwicklungen ein. Tobias Klinge und Stefan Ouma untersuchen die neuseeländische Regulierung von Finanzinvestitionen in Agrarland. Andreas Kallert und Simo Dudek weisen dann nach, dass die Strukturpolitik Bayerns den Wettbewerb zwischen Regionen vorantreibt und räumliche Disparitäten verstärkt.

Der dritte Teil dreht sich um Mensch-Umwelt-Verhältnis in ländlichen Räumen. Zunächst skizziert Sybille Bauriedl wie sehr Maßnahmen der politischen Ökologie und der Bioökonomie ländliche Entwicklungsprozesse beeinflusst. Daniel Kaeß erläutert unter Bezugnahme auf die Theorie der Ernährungsregime die Konsequenzen des Land Grabbing. Phyllis Bussler zeigt auf, wie die Etablierung landwirtschaftlicher Wachstumskorridore in Subsahara-Afrika Ausdruck globaler Reskalierungen und gleichzeitig Folge des anhaltenden weltweiten urbanen Wachstums sind.

Der vierte Teil beschäftigt sich mit dem sozialen Wandel ländlicher Räume des globalen Nordens. Jens Reda diskutiert aus der Perspektive der Praxistheorie die Möglichkeiten und Grenzen zivilgesellschaftlichen Engagements. Stefan Haunstein beschäftigt sich mit genossenschaftlichen Dorfläden. Stefan Kordel, Tobias Weidinger und Silke Hachmeister beschäftigen sich mit Alltagsroutinen von Geflüchteten in ländlichen Räumen anhand von Mobility Maps, um dies anschließend in die Planung und Entwicklung ländlicher Räume miteinzubeziehen.

Dieser Sammelband ist eine erste intensive Auseinandersetzung mit komplexen Transformationen ländlicher Räume einer noch jungen Disziplin. Es werden konzeptionelle Ansätze, empirische Fragen und methodische Zugänge deutschsprachiger Forschung vorgestellt, die zum Teil aus Rückgriffen anderer wissenschaftlicher Disziplinen (Hall, Spivak usw.) und der Beschäftigung mit der Rural Geography bestehen. Die Vermarktung von ländlichen Räumen durch die Tourismusindustrie in Bezug auf Naturerlebnis und einer „Neuentdeckung“ von Entschleunigung und Ruhe wäre auch noch ein spannendes Feld gewesen.

 


[1] Oliver Bullough: Land des Geldes, Verlag Antje Kunstmann, München 2020,







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