Neuerscheinungen Geschichte


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05.10.19
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Claudia Weber: Der Pakt. Stalin, Hitler und die Geschichte einer mörderischen Allianz 1939-1941, C, H. Beck, München 2019, ISBN: 978-3-406-73531-8, 26,95 EURO (D)

Claudia Weber, Professorin für Europäische Zeitgeschichte an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt/Oder, behandelt in diesem Buch den Hitler-Stalin-Pakt auf der Grundlage von historischen Quellen und Archivdokumentationen. Dabei geht sie auf Ziele, Motivation, Verhandlungen und Umsetzung bis zum Bruch dieser ungewöhnlichen Allianz von vermeintlichen Todfeinden ein. Sie analysiert ebenfalls die deutsch-sowjetische Zusammenarbeit in der Bevölkerungs- und Umsiedlungspolitik und die mörderischen Folgen für jüdische, polnische und ukrainische Kriegsflüchtlinge.

Der Pakt legte den Grundstein zur Vernichtung der Zweiten polnischen Republik und manifestierte im geheimen Zusatzprotokoll die geografischen Grenzen der Gebietsaufteilungen. Der genaue Wortlaut des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages vom 23. 8. 1939 und des deutsch-sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrages vom 28.9.1939 ist am Ende der Darstellung abgedruckt. In der Arbeit will Weber  die „herkömmlichen Sichtachsen, die entweder der nationalsozialistischen oder der stalinistischen Kriegs- und Besatzungspolitik folgten“ durch eine „Verflechtungsgeschichte“ neu ausrichten: „Ich bin davon überzeugt, dass dieser methodische Ansatz geeignet ist, Ost-West-Trennungen im Sinne einer gesamteuropäischen Gewaltgeschichte und Weltkriegserinnerung heuristisch gewinnbringend zu überwinden.“ (S. 12)

In Anlehnung an den amerikanischen Historiker Timothy Snyder spricht sie von „Bloodlands“ in Osteuropa, die durch den Pakt verursacht wurden: „In den Bloodlands gingen das nationalsozialistische und das stalinistische Regime eine Verbindung ein, deren Gewalt allen ideologischen Gegensätzen und politischen Unterschieden zum Trotz auf einem gemeinsamen radikalen Ordnungs- und Vernichtungswillen basierte, der bis zum Juni 1941 nicht nur das durch Snyder bekannte Nebeneinander, sondern ein erstaunlich unbekanntes, erschreckendes Miteinander beobachtete.“ (S. 100) Weber führt aus: „Was heute unglaublich erscheint, war für die beteiligten SS- und NKWD-Mitarbeiter im Kern ein pragmatisches Arbeitsverhältnis, das der Hitler-Stalin-Pakt erforderte, und das neben allen Differenzen und Problemen, geschmeidig funktionierte. (S. 121)

Zwangsdeportationen und Umsiedlungs- und Bevölkerungsaustauschaktionen waren zentrale Elemente dieser Besatzungspraxis. Bei den Nazis folgten sie aus ideologischen Gründen einer rassischen Volkstumspolitik zur Neuordnung Europas. Stalins Besatzungspolitik griff in großem Umfang auf Deportationen zur klassenideologischen und ethnischen Neuordnung der Gebiete zurück. Die Umsiedlung der „Volksdeutschen“ war dabei eine der weitreichenden Aktionen, die gemeinsam durchgeführt wurde. Neben den Deportationen, Umsiedlungen und Bevölkerungsverschiebungen zeigten laut der Autorin vor allem zwei Vernichtungsaktionen die deutschen und sowjetischen Verflechtungen und Wechselbeziehungen: die nationalsozialistische „Allgemeine Befriedungsaktion“ und das stalinistische Katyn-Massaker.

Sie berichtet über jüdische, polnische und ukrainische Kriegsflüchtlinge, die im ersten Kriegswinter zwischen der deutschen und sowjetischen Besatzungszone hin und her irrten und wo ihr Leben auf beiden Seiten nicht nur bedroht war, sondern auch in vielen Fällen ausgelöscht wurde. Ein besonders schlimmes Kapitel war der Todesmarsch der Juden von Hrubieszow. Dort wurden polnische Juden von Nazis organisiert an den Fluss Husczwa, der die Grenze markierte, getrieben, wo sie von den Geschossen der sowjetischen und deutschen Grenztruppen starben.

Trotz des Paktes herrschte das Misstrauen auf beiden Seiten vor: „Denn der nüchterne Pragmatismus (…) sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass allen der spezielle Charakter der Zusammenarbeit bewusst war. Die tiefe ideologische Gegnerschaft der Zwischenkriegszeit, kulturelle Vorurteile, rassistische und klassenideologische Fremd- und Feindstereotype ließen sich ebenso wenig ausschalten wie das gegenseitige Misstrauen, das nicht verschwand.“ (S. 122) Beide Seiten strebten insgeheim auch einen separaten Waffenstillstand mit den Westmächten an.

Weber zeichnet hier ein wenig beachtetes Kapitel des 2. Weltkrieges nach, was heutzutage nur sehr schwer verständlich ist. Es werden viele Primärquellen und Zeitzeugenbetrachtungen verwendet, die die unheilvolle Allianz und das Schicksal von Kriegsflüchtlingen anschaulich machen. Die enttäuschten Reaktionen von linken Parteien und Einzelpersonen über den Pakt hätte allerdings ausführlicher beschrieben müssen.

 

Buch 2

Wolfgang Schreiber: Claudio Abbado. Der stille Revolutionär. Eine Biographie, C. H. Beck, München 2019, ISBN: 978-3-406-71311-8, 26,95 EURO (D)

Wolfgang Schreiber, von 1978 bis 2002 Musikredakteur der SZ, beschreibt in diesem Buch den Lebensweg des bekannten Dirigenten Claudio Abbado (1933-2014). Sein Ansatz besteht darin, Musiker, die mit ihm ganz eng zusammen gearbeitet haben, zu Wort kommen zu lassen, darunter auch Berliner Philharmoniker. Dies liegt auch daran, dass Abbado uneitel, nicht sehr gesprächig und oft zurückhaltend war. Dabei rücken die Familie und seine ganz persönlichen Quellen in den Hintergrund.

Die einzelnen Stationen seiner weltweiten Karriere werden beschrieben, wo Kollegen und Freunde zu Wort kommen. Seine Herkunft, Ausbildung und seine Berufsstationen als ständiger Gastdirigent der Wiener Philharmoniker (ab 1971) sowie Chefdirigent der Mailänder Scala (ab 1971), des Londoner Sinfonieorchesters (1979–1986), der Wiener Staatsoper (1986–1991) und der Berliner Philharmoniker (1989–2002). Seine tiefe Persönlichkeit charakterisiert Schreiber als etwas Revolutionäres, auch sein vielfältiges politisches und kulturelles Engagement.

Die Art des Musizierens junger Musiker gemeinsam mit erfahrenen Solisten, die sich als Teamer im Orchester engagieren, war für Claudio Abbado typisch. Schon als Gründer des European Community Youth Orchestra (1978) und später des Gustav Mahler Jugendorchesters (1986) widmete er sich der Förderung des musikalischen Nachwuchses. Daraus entstanden die Gründung des Chamber Orchestra of Europe (1981) sowie die Gründung des Mahler Chamber Orchestra (1997), die wiederum die Basis für die Gründung des Lucerne Festival Orchestra (2003) und des Orchestra Mozart in Bologna in den Jahren 2003 / 2004 bildeten. Auch sein Engagement für das Orquesta Sinfónica Simón Bolívar in Venezuela war typisch für sein soziales und kulturelles Wirken.

Seine Freundschaften zu dem linken  italienischen Komponisten Luigi Nono und zum Pianisten Maurizio Pollini werden ebenso geschildert wie seine Konzerte für die einfache Bevölkerung, um dort ein hochstehendes kulturelles Angebot zu ermöglichen.

Musik war für ihn keine Arbeit, sondern tiefe Leidenschaft. Er wird als Star ohne Starallüren beschrieben, der seiner näheren Umgebung, seinen Kollegen und dem Publikum viel gab.

Der Autor stellt hier den Menschen Abbado in den Mittelpunkt, nicht die Stufen seiner professionellen Karriere als Dirigent, die es ebenso wert wäre, beschrieben zu werden. Schreiber porträtiert hier einen Dirigenten, der mehr war als ein Star seiner Zunft, dies ist sein Vermächtnis und prägt die Erinnerung nicht nur von Musikliebhabern.

 

Buch 3

Volker Reinhardt: Die Macht der Schönheit. Eine Kulturgeschichte Italiens, C. H. Beck, München 2019, ISBN: 978-3-406-74105-0, 38 EURO (D)

Volker Reinhardt, Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Fribourg und renommierter Italienkenner, legt hier eine tausendjährige Kulturgeschichte Italiens vor. Seit der Jahrtausendwende wurde ein eigenständiges Profil deutlich, vor allem in den Städten. Wirtschaft, Gesellschaft, Politik, Herrschafts- und Staatsbildung, Repräsentation von Macht, Staatlichkeit und Staatstheorie, Stil in den bildenden Künsten und Musik, der Alltag, Theologie, Philosophie und Naturwissenschaften „fügten sich mit der Zeit zu einem Ganzen, das von innen wie von außen, von Italienern und Nichtitaliern, als italianita verstanden wurde. Seine Bezeichnung von Italien setzt sich von dem Ansatz der „Nation“ ab:  „‘Italien‘ soll hier weder als Nation noch als bloße antike Reminiszenz oder als geographischer Begriff, sondern als eine in eigener wie auch fremder Wahrnehmung fassbare Größe verstanden werden, die von anderen Einheiten dieser Art durch eindeutig hervorstechende Merkmale abgegrenzt ist.“ (S. 19)

Das politische, gesellschaftliche und kulturelle Leben Italiens war vor dem Risorgimento 1861 nicht vereint, sondern aufgeteilt auf eine Vielzahl von rivalisierender Staaten, Landschaften und Städte. Diese Zersplitterung führte zu der Herausbildung unterschiedlicher Geschmacksvorstellungen, Lebensformen, Werte und Stile, die miteinander in Wettbewerb traten. Laut Reinhardt gab es jedoch immer eine Vorstellung jenseits dieser Vielfalt als Einheit im Großen unter der Führungsschicht, ohne dass Unterschiede geleugnet wurden. Italienische Kultur war seit Jahrhunderten in Symbiose mit den vielfältigen Bedürfnissen von Kommunen und Höfen entstanden und hatte sich den wechselnden Bedingungen dieser unterschiedlichen Lebensräume angepasst. Aus der Vermischung von unterschiedlichen Einflüssen und fremder Mentalitäten entstand „etwas Eigenes und Unverwechselbares.“ (S. 24) Sein Vorgehen im Buch beschreibt Reinhardt folgendermaßen: „ Die damit verbundene Vielfalt lässt sich am besten einfangen, wenn sich das Augenmerk auf einzelne Bilder und Bauwerke, Lebensgeschichten und herausragende Ereignisse, Entdeckungen, Erfindungen, Mythen und Mentalitäten richtet, an denen sich exemplarisch allgemeine Entwicklungen aufzeigen lassen. So geht der Blick in diesem Buch immer wieder vom Besonderen zum Allgemeinen, um die großen Entwicklungslinien der italienischen Kultur bis heute anschaulich werden zu lassen.“ (S. 24) Visualisiert wird der Text mit fast 100 schwarz-weißen und farbigen Abbildungen.

Das Buch beginnt mit einer längeren Einleitung über Italien und der Italianita. Danach gliedert sich das Buch in sechs Abschnitte. Zunächst wird die Macht der Städte vom 11. bis zum 11. Jahrhundert behandelt: Dabei werden unter anderem Venedig, Pisa oder Verona, aber auch Giotto, Dantes „Göttliche Komödie“ oder Gian Galeazzo Visconti in einzelnen Kapiteln vorgestellt. Der Hof und die Nobilität wie die Medici in Florenz, Machiavelli, Leonardo da Vinci, die Rennaissancemaler oder die Errichtung von Bauwerken unter der päpstlichen Ägide stehen im Mittelpunkt des Kapitels über das 15. und 16. Jahrhundert. Die Erfindung der Oper, Michelangelo und die Sixtinische Kapelle, Palladios Villen oder der „Sonnenstaat“ Campanellas werden im Beitrag über das 16. und 17. Jahrhundert präsentiert.

Absolutismus und Aufklärung im 18. Jahrhundert folgen danach. Dabei wird besonders auf Tieopolo, die Wiederentdeckung antiker Bauwerke oder die Reggia von Caserta eingegangen. Anschließend geht es um das lange 19. Jahrhundert mit Beiträgen über Verdi und das Risorgimento, das Monument der Einheit in Rom und die Mole Antonelliana in Turin. Futurismus, die Architektur des Faschismus und kulturelle Besonderheiten der Nachkriegszeit wie Fußball in Italien oder der Neorealismus in Literatur und Film bilden das 20. und 21. Jahrhundert ab. Im Anhang findet man noch fünf Karten, ein Literaturverzeichnis zum selbständigen Weiterlesen geordnet nach Abschnitten, einen Bildnachweis und ein Personenregister.

Dieses Buch ist die Zusammenfassung von Reinhardts jahrzehntelanger Beschäftigung und Vorliebe für italienische Geschichte und Kultur. Seine Streifzüge durch die Jahrhunderte können natürlich nur einen Bruchteil der tatsächlichen Kultur abbilden, typische Entwicklungen oder Höhepunkte werden hier vortrefflich in Wort und Bild beschrieben und kulturgeschichtliche Entwicklungen in und außerhalb Italiens deutlich gemacht.

 

Buch 4

Jens Westemeier: Himmlers Krieger. Joachim Peiper und die Waffen-SS in Krieg und Nachkrieg, 2. Auflage, Ferdinand Schöningh, Paderborn 2019, ISBN: 978-3-306-78508-4, 49,90 EURO (D)

Dieses Buch handelt über die zwei Karrieren des SS-Standartenführers Joachim Peiper (1915-1976) in Krieg und Nachkriegszeit. Dabei decodiert Jens Westemeier den Mythos um den „Kriegshelden“ Peiper.

Peiper durchlief eine SS-Führerschule und war ideologisch ein überzeugter Nationalsozialist. In der Waffen-SS machte er Karriere Von 1938 bis 1941 war er Adjutant Himmlers. Danach wurde er zur Leibstandarte SS Adolf Hitler versetzt und kommandierte das Panzerregiment dieser Division. Während des Krieges beging Peiper und Anhänger der Division zahlreiche Verbrechen, die hier dokumentiert werden. Westemeier stellt fest: „Peiper wurde kein subalterner Befehlsempfänger, sondern ein entscheidungsfreudiger, gut funktionierender SS-Führer, der entsprechend Himmlers Wertkanon handelte. Mord- und Vernichtungsaktion gegen ‚Rassefeinde‘ und zu ‚Untermenschen‘ erklärte Gegner wurden kalt gerechtfertigt und zielgerichtet durchgeführt.“ (S. 639) Darunter fällt das Malmedy-Massaker, die Erschießung von 80 US-amerikanischen Kriegsgefangenen während der Ardennen-Offensive.

Nach dem Ende des 2. Weltkrieges verurteilte ein US-Militärgericht Peiper wegen des Malmedy-Massakers zum Tod. Dies wurde jedoch 1951 in eine lebenslängliche Haftstrafe umgewandelt, 1956 wurde er begnadigt. Peiper verbüßte seine Haft im Kriegsverbrechergefängnis in Landsberg, wo viele NS-Eliten einsaßen. Die Haft schuf eine Zweckgemeinschaft, deren Einfluss in der Industrie nach der Entlassung Peipers für seine Anstellung bei Porsche sorgte, wo er auch schnell Karriere machte. Peiper wurde zum Helden stilisiert: „Zahlreiche Bücher verherrlichen ihn als Kriegshelden und brillanten jungen Truppenführer, taktisch begabt und von scharfem Verstand, der nach dem Krieg von den Siegern zu Unrecht verurteilt worden sei. Dieser Mythos wirkte bis in die Geschichtsschreibung rein.“ (S. 11)

Das Buch reiht sich ein in die aktuelle Veröffentlichung von Literatur über die Waffen-SS, die ihren Mythos demontiert. So wie bei Klaus-Jürgen Bremm: Die Waffen-SS: Hitlers überschätzte Prätorianer.

Die angebliche Elitegruppe besaß kein ausreichend qualifiziertes Führungspersonal, schlecht ausgebildete Offiziere sorgten dafür, dass die SS-Kompanien überdurchschnittlich hohe Verluste bei den Kampfhandlungen hinnehmen mussten. Das Vertrauen einer eigenständigen Einheit hatte die Waffen-SS auch nicht. Die Kompanien wurden vor dem Beginn des Ostfeldzuges auf drei Heeresgruppen verteilt. So kämpfte die SS-Division „Das Reich“ in der Heeresgruppe Mitte und die SS „Leibstandarte“ in der Heeresgruppe Süd.

Auch der Mythos des „arischen Kämpfers“ wird ad absurdum geführt. Wegen den eigenen hohen Verlusten mussten im Verlaufe des Krieges Soldaten der ausländischen Verbündeten rekrutiert werden.

An verschiedenen Beispielen macht Bremm die Morde von SS-Kompanien an wehrlose Juden oder an „Partisanen“ in der Sowjetunion während der deutschen Besetzung deutlich.

Eine Ahndung der zahllosen Verbrechen der Waffen-SS erfolgte aber dennoch in nur sehr geringem Ausmaß. Es wurde festgestellt, dass nur acht Angehörige der dem Kommandostab Reichsführer SS unterstellten SS-Einheiten, deren Treiben er in einer Studie untersuchte, welche die Bedeutung der Waffen-SS-Verbände für die Ingangsetzung der Shoah in der ehemaligen Sowjetunion unterstreicht, nach dem Krieg für ihre Verbrechen juristisch belangt wurden. Hingegen kamen mehrere Tausend ehemalige Angehörige dieser Einheiten, darunter viele, die juristisch wegen begangener Kriegsverbrechen zu verfolgen gewesen wären, völlig ungeschoren davon. Der Personalgutachterausschuss hatte 1961 nach Überprüfung 159 ehemalige Offiziere, 330 Unteroffiziere und 210 Mannschaften der Waffen-SS in das Dienstverhältnis eines Berufssoldaten oder eines Soldaten auf Zeit berufen. Die Veteranen der Waffen-SS schlossen sich zu einem Traditionsverband der HIAG zusammen, der bis in die 1970er-Jahre erheblichen Einfluss im Netzwerk der Soldaten- und Traditionsverbände hatte, aber auch intensive Kontakte zu den Parteien der BRD pflegte.

Die eigene Selbstinszenierung als erfolgreiche „Helden“ im Kriegsgeschehen wurde gebetsmühlenartig wiederholt und schließlich in der Bevölkerung für Realität gehalten. Dies wurde noch unterstützt durch Interviews oder die Memoirenliteratur von Ehemaligen. Dies wurde in der Nachkriegszeit von vielen Historikern für bare Münze genommen.

Neben den Verbrechen Peipers und seine Rolle in der Waffen-SS werden hier zwei Aspekte sehr deutlich: Die Verbindungen von ehemaligen Nazis zur Großindustrie, die nicht nur bei Peiper für eine Fortsetzung der Karriere in der Nachkriegsgesellschaft sorgten, sowie die geschichtsrevisionistische und apologetische Propaganda von Veteranen der Waffen-SS und rechten Kreisen. Der dadurch entstandene Mythos wie bei Peiper wird von Westemeier gut decodiert und die Fakten dadurch offengelegt.

 

Buch 5

Alexander Querengässer: El-Alamein 1942, Ferdinand Schöningh, Paderborn 2019, ISBN: 9783506789129, 29,90 EURO (D)

El-Alamein, eine ägyptische Kleinstadt an der Mittelmeerküste, gelangte im Zweiten Weltkrieg zu weltweiter Bekanntheit, als westlich der Stadt zwei entscheidende Schlachten des afrikanischen Kriegsschauplatzes stattfanden, in denen Großbritannien mit Hilfe der Verbündeten Südafrika, antifaschistischen Franzosen, Britisch-Indien, der griechischen Königlichen Armee, Australien und Neuseeland die deutschen und italienischen Truppen entscheidend schlagen konnte.

In der ersten Schlacht (1. bis 31.Juli1942) konnte der Vormarsch der deutsch-italienischen Truppen unter Generalfeldmarschall Erwin Rommel von den Alliierten zum Stehen gebracht werden.  In der zweiten Schlacht (23.Oktober bis 4.November 1942) errangen die Alliierten unter General Montgomery den Sieg und wendeten das Blatt auf dem afrikanischen Kriegsschauplatz. Anschließend begann ein langer, kontinuierlicher Rückzug der Achsenmächte in Richtung Westen bis nach Tunesien, wo sie im Frühjahr 1943 kapitulieren mussten.

Alexander Querengässer korrigiert diesem Buch über den Kampf um El Alamein im 2. Weltkrieg das populäre Bild des Wüstenkrieges, das noch heute von der Vorstellung blitzartiger Vorstöße deutscher Panzer geprägt ist. Er analysiert die Kämpfe um El Alamein als Material- und Abnutzungsschlacht, in der die Achsenmächte waren von Beginn an unterlegen waren: „Viele deutsche Verbände waren ohne ausreichende Vorbereitung nach Afrika geworfen worden, Den Soldaten fehlte es an der nötigen Wüstenkleidung, den Panzern an leistungsstarken Staubfiltern. Rommel war aber kein General, der seinen Soldaten die Zeit ließ, sich an die natürlichen Gegebenheiten des Kriegsschauplatzes anzupassen. Außerdem war er über Hitlers weitere strategische Pläne nicht im Bilde.“ (S. 17)

Er stellt die Erste und Zweite Schlacht von El Alamein dar und interpretiert dessen unmittelbaren Konsequenzen für den Kriegsverlauf. Außerdem beleuchtet er die Bedingungen und konkreten Umstände der Auseinandersetzung im Rahmen der Kriegslage und zeigt die operationsgeschichtlichen Besonderheiten. Die Rezeption der Kämpfe und die umkämpfte geschichtspolitische Erinnerungskultur in den einzelnen teilnehmenden Nachfolgestaaten und in der Forschung werden ebenfalls thematisiert. Diese Niederlage wurde im Deutschen Reich von Teilen der Bevölkerung heimlich als Zweites Stalingrad bezeichnet.

In den Kämpfen 1942 bei El-Alamein fielen etwa 4500 Angehörige des deutschen Afrikakorps. Sie wurden, soweit es die Frontlage erlaubte, von ihren Kameraden bestattet. Zwischen 1943 und 1947 überführten britische Umbettungskommandos rund 3000 deutsche und etwa 1800 italienische Gefallene auf einen Platz nahe der Bahnstation des Ortes. Wegen der Wüstenverhältnisse entstand 1959 die Deutsche Kriegsgräberstätte El Alamein als ummauerte Gedenkstätte für 4213 deutsche Tote. Neben diesem Friedhof der früheren Achsenmächte gibt es auch den Commonwealth-Kriegsfriedhof, auf dem 7500 Soldaten der Alliierten begraben liegen, sowie einen italienischen Soldatenfriedhof mit 5200 Gefallenen. In El-Alamein gibt es ein Kriegsmuseum, in dem Gegenstände von den Kämpfen um El-Alamein und den Kämpfen in Nordafrika ausgestellt sind.

Die verlorenen Kämpfe in El Alamein ordnete Querengässer folgendermaßen ein: „El Alamein bildete somit den Beginn des Zusammenbruchs von Italien. Auch aus deutscher Sicht waren die materiellen Verluste der Schlacht verschmerzbar gewesen – immerhin blieben die Grundstrukturen der hier eingesetzten Divisionen erhalten- aber der Ausfall des Achsenpartners stellte aus Sicht Hitlers einen schweren Schlag für das Dritte Reich dar.“ (S. 205)

Dies ist eine gute Einführung und Aufarbeitung der Wüstenschlacht in Nordafrika. Vor allem die Mythen in der Rezeption werden decodiert und mit harten Fakten ersetzt. Die zahlreichen Fehler von deutscher Seite aus werden auch das Ansehen von Rommel in revisionistischen Kreisen nicht gerade stärken.







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