Neuerscheinungen Kunst


Bildmontage: HF

29.05.19
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1:

Theodor de Bry: America, Taschen Verlag, Köln 2019, ISBN: 978-3-8365-7709-0,100 EURO (D)

Theodor de Bry (1528), war Goldschmied, Kupferstecher und Verleger aus dem Fürstbistum Lüttich. Er schuf 1594 die Ankunft von Kolumbus in der Neuen Welt. Die West-Indischen Reisen (hrsg. 1590–1618) berichteten von der Entdeckung und Eroberung Amerikas durch die Europäer, während die Ost-Indischen Reisen den Aufstieg Hollands zur Handelsmacht in Asien um 1600 mitverfolgten. Es erschien gleichzeitig in deutscher und lateinischer Sprache, war für ein europäisches Publikum bestimmt und reich mit Kupferstichen illustriert.

Theodor de Bry konnte nur sechs Teile seines Gesamtwerkes herausgeben. Nach seinem Tod setzten seine Söhne Johann Theodor und Johann Israel, die ebenfalls als Kupferstecher arbeiteten, und anschließend Johann Theodors Schwiegersohn Matthäus Merian das Werk bis 1634 fort. Es enthielt am Ende 25 Teile und über 1500 Kupferstiche. Dieses Werk begründete seine Berühmtheit in der alten Welt.

Vom heutigen North Carolina und Florida, durch Zentralamerika bis hinunter nach Patagonien zeigen die ersten neun Bände von America Landschaften, fremdartiges Kulturinventar und erste Begegnungen zwischen indigener Bevölkerung und Europäern. Diese reich bestückte Ausgabe zeigt alle 218 Bildtafeln dieser neun Bände mitsamt ihren jeweiligen Frontispizen und Karten. Die Bände I bis VI basieren auf den handkolorierten Originaldrucken, die in den John–Hay- und John-Carter-Brown-Bibliotheken an der Brown-Universität in Providence aufbewahrt werden; die Vorlagen für die Bände VII bis IX stammen aus der Staats- und Stadtbibliothek in Augsburg. Dies ist die Ausgabe in deutscher Sprache.

Dies war die erste Reisebildsammlung über den neu entdeckten Kontinent, der begeistert aufgenommen wurde. De Bry geht hier auf die ungeahnten kolonialen und zu entdeckenden Möglichkeiten der neuen Welt ein und prägte damit das Bild in ganz Europa. Er lieferte auch gleich eine Rechtfertigungsideologie für den Kolonialismus und die Zerstörung der indigenen Kulturen. Die von den Einheimischen begeistert aufgenommenen Europäer, von denen man viel lernen kann, und der Gegensatz zivilisiert und wild sind die Grundaussagen seines Werkes. Dies war jedoch eine bewusste Verfälschung der Realität und der Brutalität der europäischen Eroberer. De Bry und seine Mitstreiter profitierten in Form von Ruhm und Geld von diesen Bildern, die seine Auftraggeber gerne sehen wollten und daher auch bekamen.

Vor diesem Hintergrund muss das aufsehenerregende Werk betrachtet werden, was seine tolle künstlerische Ausgestaltung keineswegs schmälern soll. Mehr als 500 Jahre nach seiner Entstehung werden hier in dem Band die Bildtafeln sehr detailliert dargestellt mit einer guten textlichen Einordnung. Der Band ist außerdem visuell schön und aufwändig gestaltet, was seinen hohen Preis letztlich rechtfertigt.

 

Buch 2:

Andreas Stolzenburg/Markus Bertsch/Hermann Mildenberger; Heinrich Reinhold. Der Landschaft auf der Spur, Hirmer, München 2018, ISBN: 978-3-7774-3213-7, 49,90 EURO (D)

Heinrich Reinhold gilt als bedeutender Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts, der sich durch eine sachliche und wirklichkeitsgetreue Bildkomposition einen Namen machte: „Seine Naturstudien, Stadt- und Hafenansichten, die naturgetreuen Landschaftsporträts weisen ihn als spätromantischen Wegbereiter einer zukunftsweisenden realistischen Landschaftsauffassung auf, die auf heroisierende wie auf pantheistisch überhöhte Merkmale verzichtet und sich ganz der Natur als ‚Persönlichkeit‘ zuwendet.“ (S. 7)

Nach Stationen in Paris und Wien entwickelte Reinhold sich zum Landschaftsmaler. Gemeinsam mit seinem Bruder Friedrich Philipp und den befreundeten Malern Ernst Welker, Johann Adam Klein und Johann Christoph Erhard unternahm er Studienreisen in die Schneeberggegend, das Salzkammergut und das Berchtesgadener Land. Aus diesen Wanderungen schöpfte Reinhold Inspiration für seine Malerei der folgenden Jahre, die intensiven Naturstudien dienten ihm als Vorlage zahlreicher seiner Gemälde. Danach verbrachte einen großen Teil seines Lebens ab 1819 in Italien. Fünf Jahre lebte und arbeitete er in Rom und bereiste in Gemeinschaft vieler Künstlerfreunde verschiedene Regionen Italien. Seine Eindrücke hielt er immer in Landschaftsstudien fest. Ein Großteil seiner Zeichnungen und Ölstudien dieser Schaffensperiode sind in Olevano und Umgebung entstanden, wo er mehrfach die Sommermonate in Begleitung anderer deutscher Maler wie Carl Wilhelm Götzloff oder Ludwig Richter verbrachte. Nach Aufenthalten in Neapel wanderte er in Begleitung des Fürsten Ferdinand von Lobkowitz durch Sizilien.

Der größte museale Bestand an Reinholds malerischen Werken befindet sich mit 12 Ölstudien und Gemälden in der Hamburger Kunsthalle, im Kupferstichkabinett werden zudem viele Zeichnungen verwahrt. 2010 konnte die Klassik Stiftung Weimar einen großen Teil des Nachlasses erwerben, der neben frühen Arbeiten Ölbilder und in Italien entstandene Zeichnungen umfasst.

Dies ist die erste umfassende Ausstellung über Reinholds Schaffen und seine Nachwirkung, die gemeinsam von der Klassik Stiftung Weimar und der Hamburger Kunsthalle konzipiert wurde und in Hamburg zu sehen ist. Sie zeigt ca. 130 Werke des Künstlers, die neben den Sammlungen in Hamburg und Weimar viele Leihgaben von internationalen Museen und privaten Gönnern umfasst. Dies ist der offizielle gleichnamige Katalog zur Ausstellung, die vom 7.12.2018 bis 10.3.2019 zu sehen ist.

Nach einem Vorwort folgen zehn Aufsätze, die sich mit der Künstlerfamilie Reinhold, seinen Anfängen in Paris, seine Entwicklung zum Landschaftsmaler, sein Aufenthalt in Rom, sein Wirken in Olivano, seine Reisen nach Süditalien, die Ölstudie in seinem Werk, seine Zeichnungen auf Transparentpapier, Farbe und Linie in seinen Werken und seine Gedanken über den Tod. Danach folgt noch eine Kurzbiografie. Anschließend folgen die Tafeln: Dort werden in Text und Bild Porträtzeichnungen von ihm, seine Anfänge in Paris, seine Zeit in Wien, seine italienischen Jahre, seine Naturstudien und seine Landschaftsbilder mit religiöser Staffage in einzelnen Kapiteln von verschiedenen Autorinnen und Autoren vorgestellt. Im Anhang findet man ein Verzeichnis der ausgestellten Werke, eine Bibliographie und einen Bildnachweis.

Heinrich Reinhold ist ein Künstler, der vor allem in Expertenkreisen bekannt ist, und (noch) nicht über genügend Reputation in der kulturellen Öffentlichkeit verfügt. Dies mag an seinem frühen Tod liegen und an der Tatsache, dass er sein Leben außerhalb Deutschlands verbrachte. Der Ausstellungskatalog führt in das Leben und Schaffen des Künstlers ausführlich ein, nur eine genuine Rezeption seiner Werke vermisst man.

In einer Zeit, wo Landschaft, Natur und deren Schutz auf der Agenda stehen, können die Landschaftsporträts Reinholds neu entdeckt werden. Von den hier gezeigten Werken sind vor allem seine Ölstudien sehenswert.

 

Buch 3

Moritz Woelk/Manuela Beer (Hrsg.): Museum Schnütgen: Handbuch zur Sammlung, Hirmer, München 2019, ISBN: 978-3-7774-2893-2, 59,90 EURO (D)

Das Museum Schnütgen beherbergt in der romanischen Cäcilienkirche, einer der ältesten Kirchen Kölns, und in der erweiterten Ausstellung am Neumarkt eine der kostbarsten Sammlung mittelalterlicher Kunstwerke in Europa. Das Spektrum der Ausstellung reicht von Holz- und Steinskulpturen über kostbare Goldschmiedekunst und Glasmalerei bis hin zu seltenen Elfenbeinen und Textilien. Einzelne Stücke stammen aus dem Barock und dem 19. Jahrhundert und auch aus anderen europäischen Ländern sowie Byzanz. Dieses Handbuch bietet einen aktuellen Überblick in Wort und Bild über die Objekte der Sammlung und erläutert geschichtliche und kunsthistorische Hintergründe.

Es erscheint im 100. Todesjahr des Sammlungsgründers Alexander Schnütgen (1843-1918) und knüpft an frühere Werke über die Sammlung an: „Die Absicht des Buches (…) liegt nicht darin, den historisch, ästhetisch und inhaltlich reichen Stoff durch ein einfaches Ordnungsschema scheinbar leicht verständlich zu machen und zu gliedern, sondern zunächst jedem Objekt die bestmögliche Wirkung zu verschaffen.“ (S. 11)

Das Buch beginnt mit einer Einführung von Moritz Woelk, der dieses Handbuch in Beziehung zu den bislang aus dem Museum Schnütgen hervorgegangenen Publikationen setzt. In einem zweiten Beitrag geht Manuela Beer auf die Geschichte der musealen Inszenierung der Sammlung ein, Anschließend wird der Katalog, der den Hauptteil des Buches ausmacht, gezeigt: Jedes Objekt wird auf mindestens einer Seite historisch chronologisch geordnet im Bild vorgestellt und in einem kurzen Einführungstext vorgestellt. Die Maße, die Inventarnummer, eventuelle Besonderheiten und die vorhandene Literatur darüber werden auch erwähnt.

Im Anhang findet man noch ein Register, ein opulentes Literaturverzeichnis, die Konkordanz und einen Bildnachweis.

Jedes der Objekte wird auf dem neuesten Stand des Wissens beschrieben und dem Leser ausführlich vorgestellt. Der Ansatz des Handbuches ist Fluch und Segen zugleich: Einerseits rückt es die Einzelheiten des jeweiligen Objektes und dessen künstlerische Wirkung in den Mittelpunkt, andererseits wird es aus dem historischen Zusammenhang seiner Entstehungsgeschichte und dem Zusammenhang zu anderen Kunstwerken gerissen. Ein Beitrag über die sakrale mittelalterliche Kunst im Rheinland am Anfang des Handbuches hätte für einen ersten zusammenhängenden Einblick beim Leser sorgen können.

 

Buch 4

Carsten Krohn: Mies van der Rohe. Das gebaute Werk, Birkhäuser Verlag, Basel 2014, ISBN: 978-3-0346-0739-1, 69,95 EURO (D)

Mies van der Rohe war ein führender Vertreter des Minimalismus in der Architektur, ausgedrückt durch die Formel „Weniger ist mehr“. Seine Baukunst gilt dem Ausdruck konstruktiver Logik und räumlicher Freiheit in klassischer Form. Dafür entwickelte er moderne Tragstrukturen aus Stahl, die eine hohe Variabilität der Nutzflächen ermöglichten. Der Autor würdigt Mies van der Rohe als „erster Gestalter der werdenden Moderne“. In sechs Jahrzehnten, die so reich an politischen, kulturellen und künstlerischen Umbrüchen waren, baute Mies dennoch ein persönliches Werk, das von dem ständigen Bemühen gekennzeichnet war, den Plänen der für den gesellschaftlichen Wandel arbeitenden Eliten intellektuell und materiell eine rationale Form zu geben, sowie von der Weigerung, als origineller ‚Autor‘ hervorzutreten.

Carsten Krohn nähert sich der baulichen Leistung von einem entwurfsbezogenen Standpunkt der Architektur aus: Er rekonstruiert die Bauten in ihrem realisierten Zustand aus der Sicht des heutigen Betrachters: „Während in frühen Büchern das Gebaute und das Umgebaute als eine Einheit betrachtet und auch das ‚Wichtige‘ vom ‚Unwichtigen‘ soll nun die real erlebbaren räumlichen Dimensionen des Gebauten im Mittelpunkt der Untersuchung stehen. Die Bauten werden analysiert im Hinblick auf: die Beziehung zum Ort, die Wegeführung, die Regie des Lichts und der Blickachsen, aber auch im Hinblick auf die Materialität und die Tektonik.“ (S. 9)

Er stellt 80 realisierte Bauten des Meisters der Moderne in chronologischer Reihenfolge in Text und Bild vor. Dafür hat er in den letzten Jahren alle Bauten von Mies van der Rohe aufgesucht und fotografiert, die hier in chronologischer Folge ihrer Entstehungszeit in einzelnen Kapiteln präsentiert werden.

Dabei werden etwa 30 dieser Werke ausführlich analysiert. Dies geschieht in drei Schritten: Im ersten Schritt wird der Bau in seinem ausgeführten Zustand dokumentiert, dafür wurden sämtliche Grundrisse wurden dafür durch den Autor neu gezeichnet. Im zweiten Schritt werden die baulichen Veränderungen im Laufe der Zeit behandelt. Der dritte Schritt besteht in der Herausarbeitung der Ergebnisse dieser Untersuchung hinsichtlich ihrer Relevanz für den heutigen Blick das bauliche Erbe van der Rohes.

Dieses Buch stellt die praktische Umsetzung der Baukunst Mies van der Rohes in den Mittelpunkt. Alle bekannten Projekte wie die Berliner Neue Nationalgalerie oder der Campus des Illinois Institute of Technology (IIT). Dieses Buch hat eine hohe Qualität in der Auseinandersetzung mit Mies van der Rohes Stil und der Analyse seiner Bauten. Vor allem durch die Baupläne und die zahlreichen Bilder bekommt der Leser ein visuelles Verständnis für seine architektonischen Leistungen. Mehr über Leben, Denken und Architekturtheorie kann man in folgendem Werk nachlesen: Jean-Louis Cohen: Ludwig Mies van der Rohe, 3. Auflage, Birkhäuser Verlag, Basel 2018, ISBN: 978-3-0356-1665-1, 44,95 EURO (D)

 

Buch 5

Ernst Haeckel: Kunstformen der Natur, Marix Verlag, Frankfurt/Main 2018, 6. Auflage, ISBN: 978-3-937715-17-9, 40 EURO (D)

Ernst Heinrich Haeckel (1834-1919) leistete als Professor für vergleichende Anatomie Pionierarbeit auf dem Gebiet der Biologie und insbesondere der Zoologie. Gleichzeitig war er auch Kunstliebhaber, was sich in seinem Buch „Kunstformen der Natur“ zeigt. Es wurde ursprünglich in zehn Einzelbänden zwischen 1899 und 1904 und schließlich als Komplettausgabe 1904 veröffentlicht. Das Buch enthält 100 Drucke mit Bildtafeln verschiedener Organismen, die größtenteils zum ersten Mal überhaupt von Haeckel beschrieben wurden. Sie stellen eine Auswahl der über 1000 Stiche dar, die auf Grundlage von Skizzen und Aquarellen Haeckels zu dessen Lebzeiten entstanden. Mit der künstlerischen Ausführung der Figuren und Tafeln beauftragte Haeckel den Lithographen und Druckereiinhaber Adolf Giltsch (1852–1911). Das Buch sollte folgendes zeigen: „Der Hauptzweck meiner ‚Kunstformen der Natur‘ war ein ästhetischer: ich wollte weiteren Kreisen Zugang zu den wunderbaren Schätzen der Schönheit öffnen, die in den Tiefen des Meeres verborgen oder wegen ihrer geringen Größe nur durch das Mikroskop erkennbar sind. Damit verknüpfe ich aber auch einen wissenschaftlichen Zweck, den Einblick in den Wunderbau der eigentümlichen Organisationen dieser Formen zu erschließen.“ Die Bildtafeln im Buch sind teils in schwarz-weiß, teils monochrom und zum Teil mehrfarbig gehalten. Auf das Leben und seine beruflichen Leistungen sowie die Entstehungsgeschichte des Werkes wird speziell im Vorwort eingegangen.

Haeckels Werk von Drucken mit Bildtafeln verschiedener Organismen zusammen Adolf Giltsch war eine Besonderheit. Es beeinflusste in hohem Maße die Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und bildete eine Brücke zwischen ihr und der Wissenschaft. Es zeigt detailliert Strahlentierchen, Nesseltiere, verschiedene Arten von Quallen und ist ein Kunstwerk der Lithografie des beginnenden 20. Jahrhundert.

Ein beeindruckendes Werk, was hier vorgelegt wird. Die Drucke sind gut gelungen und spiegeln Haeckels Liebe zum Detail wider. Dass Haeckel als Vorreiter der Rassenhygiene nicht nur positiv gesehen werden sollte, geht leider etwas unter.







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