Neuerscheinungen Sachbuch


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28.12.18
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Iwan-Michelangelo D’Aprile: Fontane. Ein Jahrhundert in Bewegung, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2018, ISBN: 978-3-498-00099-8, 28 EURO (D)

Theodor Fontane (1819 1898) gilt als der herausragende Vertreter des  Realismus in Deutschland. In seinen Romanen, die großenteils erst nach seinem 60. Lebensjahr entstanden, charakterisiert er die Figuren, indem er ihre Erscheinung, ihre Umgebung und vor allem ihre Redeweise aus einer kritisch-liebevollen Distanz genau beschreibt. Typisch ist die Darstellung einer gepflegten Konversation in einem abgeschlossenen Zirkel, etwa bei einem Festessen – die Personen folgen gesellschaftlichen Konventionen und enthüllen doch ihre wahren Interessen, häufig gegen ihren Willen. Dabei kommt Fontane von einer Kritik an Einzelpersonen oft zu einer impliziten Gesellschaftskritik.

Iwan-Michelangelo D’Aprile legt in dieser Biographie zu seinen baldigen 200. Geburtstag eine Neubewertung Fontanes vor: er erweitert die Darstellung des Lebens von Theodor Fontane  zum Epochenporträt: „Die angestrebte Balance zwischen Biografie und Epochenporträt, Werk und Kontext, Historisierung und aktuellen Frageperspektiven, Wissenschaft und Verständlichkeit soll zuallererst Neugier und Interesse wecken, den Klassiker des bürgerlichen Realismus neu zu entdecken.“ (S. 15) Diese Erweiterung der Perspektive um die neuen Erfindungen der Telegrafie und der ersten Eisenbahnen, die sich anbahnende Moderne mit all ihren Möglichkeiten und die Geistesgeschichte seiner Epoche. Dabei will er seine Zentrierung auf Brandenburg-Preußen und als Heimatschriftsteller vor allem durch eines seiner Hauptwerke „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ aufbrechen und ihn als modernen Europäer darstellen, der von den Neuerungen seiner Zeit profitierte und an ihnen wie bei der Revolution 1848 aktiv Anteil nahm. Dabei unterteil D’Aprile seine Lebensstationen in seine Tätigkeit als Apotheker und Revolutionär, seine Zeit als reisender Journalist und als Romancier der Hauptstadt Berlin.

Fontane war bei der Eröffnung der ersten deutschen Eisenbahnlinien, als einer der frühen Touristen auf hohe See und .zeigte sich an den Neuerungen seiner Zeit interessiert. Für die Centralstelle für Preßangelegenheiten machte er Reisen nach London (1852) und lebte dort von 1855 bis 1859. Mit seinen Berichten war er der Pionier, der ein breiteres Publikum in Deutschland über die Präraffaeliten informierte, eine neue Kunstströmung in England. Nach seiner Rückkehr widmete sich nun der Reiseliteratur, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts einen regelrechten Boom erlebte, denn nur wenige Menschen konnten sich das Reisen leisten. So fanden Artikel und Bücher über Reisen in den Orient, nach Europa und in andere Gebiete sowie die damit verbundenen Abenteuer und Gefahren reichliche öffentliche Aufmerksamkeit. Aus den Reiseberichten entstand 1861 das Büchlein Grafschaft Ruppin, das bereits ein Jahr später die zweite Auflage mit dem Obertitel „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ erhielt. Das Wanderungswerk bildet die Grundlage für das spätere epische Schaffen Fontanes. 1864 reiste Fontane nach Kopenhagen, wo er über den Deutsch-Dänischen Krieg schrieb.

Ab 1870 arbeitete Fontane als Theaterkritiker der Vossischen Zeitung. Im selben Jahr nahm er Urlaub, um im Deutsch-Französischen Krieg den Kriegsschauplatz Paris zu besichtigen. In Frankreich wurde er unter falschem Verdacht als deutscher bzw. preußischer Spion verhaftet, jedoch nach einer Intervention Bismarcks zu seinen Gunsten wieder freigelassen. Seine Erlebnisse schilderte er 1871 in dem Buch Kriegsgefangen. Erlebtes 1870. Zwischen 1874 und 1876 unternahm Fontane mit seiner Frau diverse Reisen nach Österreich, Italien und in die Schweiz.

Weiterhin wird gezeigt, wie er im fortgeschrittenen Alter den modernen Berliner Gesellschaftsroman begründet und zum Förderer und Idol einer neuen Generation wird. Neben „Effi Briest“, „Die Poggenpuhls“ und „Der Stechlin“ sowie die autobiografische Schrift „Von Zwanzig bis Dreißig“ stehen exemplarisch für sein Spätwerk.

Die Erweiterung des Blickfeldes für eine umfassendere Beurteilung Theodor Fontanes Leben und Werk gelingt dem Autor gut. Fontane als einer der Vorreiter des Reisejournalismus im Zuge der sich durch die Erfindungen kleiner werdenden Welt sowie als einer der ersten Europäer aufgrund seiner wechselnden Lebensorte ist spannend zu entdecken.

 

Buch 2

Volker Bausch, Mathias Friedel, Alexander Jehn (Hrsg.): Deutschland und Afghanistan. Verwobene Geschichte(n), De Gruyter Oldenbourg, Berlin/Boston 2018, ISBN: 978-3-110-59596-3, 49,95 EURO (D)

 

Dieser Sammelband beschreibt episoden- und geschichtenhaft die Hintergründe der Beziehungen zwischen Deutschland und Afghanistan. Die mehr als 100jährige Geschichte wird anhand bisher unveröffentlichter Text- und Bildquellen näher erläutert.

Zehn deutsche und afghanische Journalisten, Experten, ehemalige Spitzendiplomaten und Schriftsteller in zwölf Beiträgen aus unterschiedlichen Blickwinkeln die miteinander verwobene Geschichte der beiden Länder.

Das Buch beginnt mit einem Vorwort der Herausgeber und Rangin Dadfar Spanta, ehemaliger Außenminister Afghanistans und einer Einführung von Alexander Jehn. Danach stellt Gunter Mulack Afghanistan und die strategische Bedeutung der Region als Spielball der Weltmächte dar. Danach geht es um die ersten Beziehungen während des 2. Weltkrieges. 1915/16 bemühten sich Oskar Niedermayer und Werner von Hentigs um eine Bündniszusage des Landes gegen Britisch-Indien, was von Thomas Schmid skizziert wird. Volker Bausch beschäftigt sich mit der Beziehung der Weimarer Republik und dem König Amanullah 1920-1929. Anschließend geht es um Evakuierungsflüge von Diplomaten aus Kabul, das von feindlichen Truppen belagert wurde. Es folgt eine Darstellung von Volker Bausch über die strategische Bedeutung Afghanistans für das NS-Regime, bevor eine deutsch-afghanische Familiengeschichte erzählt wird. Danach folgt ein Bildteil quer durch die 100jährige Geschichte der Beziehungen beider Länder. Danach erörtert Volker Bausch die Beziehungen der BRD und Afghanistan im Kalten Krieg vor dem Einmarsch der sowjetischen Truppen. Reinhard Schlagintwelt geht dann auf die Erinnerungen eines deutschen Diplomaten in Afghanistan zwischen 1958n bis 1961 ein.

Nach einer zweiten deutsch-afghanische Familiengeschichte werden die Beziehungen der DDR und Afghanistan zwischen 1973 und 1990 erörtert. Die Amani-Schule in Afghanistan wird in den Kriegswirren nach 1990 vorgestellt, bevor Sultan Karimi die Mediothek Afghanistan und ihr Bemühen um Frieden näher erläutert. Danach werden Zahlen des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung über die Lage in Afghanistan (2009-2017) präsentiert. Paul F. Glause beschäftigt sich anschließend mit den von Deutschland geförderten Schulen in Kabul. Weiterhin setzt sich Taqi Akhlaqi mit den Fluchtbewegungen aus Afghanistan in die BRD auseinander. Hassan Ali Djan und Veronica Frenzel gehen auf die Situation von Afghanen in der BRD zwischen Heimat und Ausgrenzung ein. Im Anhang findet man noch einen Bildnachweis und eine Auflistung der Autoren.

 

Afghanistan wird in der BRD oft mit Krieg, Armut, Zerstörung und radikalem Islamismus gleichgesetzt. In diesem Buch wird auch ein anderes Afghanistan gezeigt: eines der Hoffnung und des Wiederaufbaus. Besonders der Artikel über Afghanistan als Spielball der Weltmächte zeigt, dass oft fremde Invasoren über deren Schicksal bestimmt haben und noch immer bestimmen.

Das Buch bietet einen guten Zugang aus verschiedenen Blickwinkeln auf ein Land im Krieg und wurde von Experten geschrieben. Leider ist das Kapitel über die Migration aus Afghanistan in die BRD zu kurz gehalten, besonders die umstrittene Abschiebung in ein Kriegsgebiet hätte deutlicher diskutiert werden müssen.

 

Buch 3

Lou Lorenz-Dittlbacher: Der Preis der Macht. Österreichische Politikerinnen blicken zurück, Residenz Verlag, Salzburg/Wien 2018, ISBN: 978-3-7017-3464-1, 24 EURO (D)

 

In diesem Buch erzählen acht ehemalige österreichische Spitzenpolitikerinnen von ihrem Aufstieg in der Politik, von verpassten und ergriffenen Chancen, dem Abschied von der Macht und der Neuorientierung danach. Außerdem werden persönliche Erlebnisse und Einstellungen vorgestellt. Die Moderatorin Lou Lorenz-Dittlbacher interviewte zu diesem Zweck zwei ehemalige Politikerinnen der faschistischen FPÖ, drei von der ÖVP, zwei von der SPÖ und eine von den Grünen.

Nach einer kurzen Einleitung folgen die Gespräche und Porträts der ehemaligen österreichischen Spitzenpolitikerinnen. Ihre Lebensläufe findet man am Ende des Buches in Stichworten.

Den Anfang macht Gabi Burgstaller, die  gehört der SPÖ angehörte und von 2004 bis 2013 Landeshauptfrau des Bundeslandes Salzburg war. Im Mai 2013 gab Burgstaller nach großen Verlusten der SPÖ bei der Landtagswahl in Salzburg 2013 ihren Rückzug aus der Politik bekannt.

Dann folgt Brigitte Ederer, ebenfalls von der SPÖ. Sie war Mitglied des Vorstands der Siemens AG und zuvor EU-Staatssekretärin im österreichischen Bundeskanzleramt zu der Zeit, als sich Österreich auf den EU-Beitritt vorbereitete.

Benita Ferrero-Waldner war Diplomatin sowie bei der ÖVP aktiv. Sie war von 2000 bis 2004 Österreichische Außenministerin unter Wolfgang Schüssel sowie unter José Manuel Barroso von 2004 bis 2009 EU-Kommissarin für Außenbeziehungen und europäische Nachbarschaftspolitik und von 2009 bis 2010 EU-Kommissarin für Handel.

Waltraut Klasnic wurde 1996 zur Landeshauptfrau der Steiermark gewählt und wurde somit die erste Landeschefin Österreichs.

Ulrike Lunacek (Die Grünen) war Delegationsleiterin der österreichischen Grünen im Europaparlament und von Juli 2014 bis Oktober 2017 Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments Von 1999 bis 2009 war sie Abgeordnete zum österreichischen Nationalrat, ehe sie bis November 2017 als Abgeordnete ins EU-Parlament wechselte. Bei der Nationalratswahl in Österreich 2017 war Lunacek Spitzenkandidatin der Grünen. Nach großen Stimmenverlusten und dem Ausscheiden der Grünen aus dem Nationalrat trat sie am 17. Oktober 2017 von allen Parteiämtern und als EU-Abgeordnete zurück.

Maria Rauch-Kallat ist eine österreichische Unternehmerin, Unternehmensberaterin, Politikerin der ÖVP und war in ihrer politischen Laufbahn in mehreren Bundesregierungen Ministerin, zuständig für die Fachbereiche Umwelt, Gesundheit, Jugend, Familie und Frauen.

Susanne Riess, ehemals FPÖ, aus Braunau am Inn war unter Bundeskanzler Wolfgang Schüssel war sie von 2000 bis zu den von ihm vorgezogenen Nationalratswahlen 2002 Vizekanzlerin und Bundesministerin für öffentliche Leistung und Sport. Im Zuge der Regierungsbildung 2000 wurde sie auch Bundesparteiobfrau der FPÖ und somit Nachfolgerin von Jörg Haider, nachdem sie zuvor schon seit 1996 geschäftsführende Bundesparteiobfrau gewesen war.  Nach einem schweren Zerwürfnis mit Jörg Haider trat sie schließlich von sämtlichen Funktionen zurück. Bis zur erneuten Regierungsbildung blieb sie bis 2003 provisorisch Vizekanzlerin und schied anschließend aus der Politik aus. Am 25. März 2005 gab sie ihren Austritt aus der FPÖ bekannt.

Heide Schmidt war seit 1973 Mitglied der FPÖ. 1988 wurde sie Generalsekretärin, von 1990 bis 1993 war sie Stellvertreterin des Bundesparteiobmanns Haiders. 1992 trat sie auf Betreiben Haiders als Kandidatin der FPÖ bei der Bundespräsidentenwahl an. Von 1987 bis 1990 war sie Mitglied des Bundesrats und während der gesamten Zeitspanne von 1990 bis 1999 Abgeordnete zum Nationalrat. 1993 verließ sie gemeinsam mit anderen liberal eingestellten Parteimitgliedern die FPÖ. Auslöser der Trennung war das von der FPÖ unter Haider initiierte Volksbegehren Österreich zuerst, das sich gegen Ausländer im Allgemeinen und Zuwanderer im Speziellen richtete. Am 4. Februar 1993, drei Tage nach Ende der Eintragungsfrist für das Volksbegehren, gaben sie ihren Austritt aus der FPÖ und die Gründung der neuen Partei Liberales Forum (LIF) bekannt.

Die Gespräche ergeben einen intimen Einblick in die Persönlichkeit der Frauen und das Innenleben der österreichischen Politik und lassen erkennen, dass der Politikbetrieb in Österreich immer noch männlich dominiert ist, wie viele andere Bereiche auch. Alle hier interviewten Frauen haben eines gemeinsam: „Dass der Preis für ein politisches Amt hoch ist, darin sind sich die acht Frauen – bei allen Unterschieden – weitgehend einig. Auch wenn der Preis, den sie bezahlt haben, differiert.“ (S. 9) Frauen werden auch im 21. Jahrhundert immer noch misstrauisch beäugt, Gleichberechtigung herrscht noch nicht. Ob eine Frauenquote dabei helfen würde, scheint ungewiss.

Die Auswahl der interviewten Frauen ist allerdings nicht gerade gelungen: Es zwei ehemalige FPÖ-Politikerinnen dabei, die sich nicht gerade um Frauenrechte, progressive Modelle des Zusammenlebens oder Feminismus verdient gemacht haben.

 

Buch 4

Jörn Leonhard: Der überforderte Frieden. Versailles und die Welt 1918-1923, C. H. Beck, München 2018, ISBN: 39,95 EURO (D)

 

Mit der Unterzeichnung des Friedensvertrags von Versaillers endete der Erste Weltkrieg völkerrechtlich. Sie war zugleich der Gründungsakt des Völkerbunds.  Die deutsche Delegation durfte an den Verhandlungen nicht teilnehmen, sondern konnte erst am Schluss durch schriftliche Eingaben wenige Nachbesserungen des Vertragsinhalts erwirken. Der Vertrag konstatierte die alleinige Verantwortung Deutschlands und seiner Verbündeten für den Ausbruch des Weltkriegs und verpflichtete es zu Gebietsabtretungen, Abrüstung und Reparationszahlungen an die Siegermächte. Nach ultimativer Aufforderung unterzeichnete Deutschland am 28. Juni 1919 den Vertrag unter Protest im Spiegelsaal von Versailles. Nach der Ratifizierung und dem Austausch der Urkunden trat er am 10. Januar 1920 in Kraft. Wegen seiner hart erscheinenden Bedingungen und der Art seines Zustandekommens wurde der Vertrag von der Mehrheit der Deutschen als illegitimes und demütigendes Diktat empfunden.

Dieses Buch des Freiburger Historikers Jörn Leonhard beschäftigt sich mit dem Versailler Vertrag, seinen Inhalten und die Folgen. Dabei geht es nicht um Deutschland, nicht um Europa, er beschreibt die weltweiten Auswirkungen der Jahre 1918 bis 1923. Mit dieser Herangehensweise liegt er trotz des hehren Anspruchs einer ungeheuren Stoffmenge, gar nicht so falsch.

Zu den Unterzeichnern des Versailler Vertrages gehörten neben Deutschland die Vereinigten Staaten (USA), das Vereinigte Königreich, Frankreich, Italien, Japan sowie Belgien, Bolivien, Brasilien, Kuba, Ecuador, Griechenland, Guatemala, Haiti, Hedschas, Honduras, Liberia, Nicaragua, Panama, Peru, Polen, Portugal, Rumänien, das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, Siam, die Tschechoslowakei und Uruguay. Der Kongress der Vereinigten Staaten verweigerte dem Versailler Vertrag 1920 die Ratifikation.

Der 1. Weltkrieg hatte Millionen an Menschenopfer gefordert: Viele Kriegsparteien hofften daher auf einen Frieden, der dem Tod so vieler ihrer Soldaten und Zivilisten rechtfertigen würde. Auch andere Hintergründe waren für die Inhalte des Friedensvertrages wichtig. Die Angst vor dem deutschen Nachbarn und seinen militärischen Idealen blieb in Frankreich, nicht zu Unrecht. Daher bestanden sie darauf, Deutschland mit einem Friedensvertrag zu schwächen. Ihre ursprüngliche Absicht, bis zum Rhein geografisch vorzudringen, konnte nicht verwirklicht werden. Großbritannien erreichte eines ihrer Kriegsziele, das Ende der überseeischen Ansprüche Deutschlands. Aber hier war auch die Furcht vor einer deutschen Revanche offenkundig. Es zeigte sich auch, dass die Siegerkoalition nur ein reines Zweckbündnis war. Die Spannungen unter den Siegern, die ja gleichzeitig auch imperialistisch und machtpolitisch dachten, wuchsen zwischenzeitlich stark an. Leonhard spricht auch von einem „Diktatfrieden“: Die Sieger handelten also die Friedensbedingungen unter sich aus und legten sie den Besiegten zur Annahme vor. Diese Version ist umstritten, jedenfalls versteift er sich nicht darauf, dass der Versailler Vertrag einer der Gründe für das Entstehen des „Dritten Reiches“ gewesen wäre.  Er bedauert gleichzeitig, dass die Forderung des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson nach einem "Frieden ohne Sieg" im Herbst 1917 nicht erreicht wurde.

Die dem Versailler Vertrag folgende Beschlüsse, Friedenvertrage und andere internationale Ratifikationen werden ebenfalls behandelt. Die USA traten dem Völkerbund nicht bei und schlossen 1921 einen Sonderfrieden mit Deutschland, den Berliner Vertrag. Als weitere Pariser Vorortverträge mit den Verlierern folgten am 10. September 1919 der Vertrag von St. Germain mit Deutschösterreich, am 27. November 1919 der Vertrag von Neuilly-sur-Seine mit Bulgarien, am 4. Juni 1920 der Vertrag von Trianon mit Ungarn sowie am 10. August 1920 der Vertrag von Sèvres mit dem Osmanischen Reich.

Entscheidend für neue Konflikte, die teilweise bis in die Gegenwart andauern, war für Leonhard die Tatsache, dass viele Parteien auf jene neue Ordnung vertraute, die Woodrow Wilson ausgegeben hatte. Als jedoch die Alliierten davon abrückten, und konträr zu Wilsons Prinzips der Selbstbestimmung Fakten schufen, war die Enttäuschung groß. Der Nahe Osten und die arabische Welt, die auf Selbstbestimmung hoffte, gerieten unter französischen bzw. britischen Einfluss. Extra für den Krieg ausgehobene Truppen aus den Kolonien brachten nicht die erhoffte Dankbarkeit bei den jeweiligen Kolonialisten. Die Entstehung neuer Staaten brachte Nationalismus, Hass gegen Minderheiten und eine weltweite Flucht und Vertreibung mit sich. China war erbost, dass die ehemaligen deutschen Besatzungsgebiete gegen alle Proteste an ihren Erzfeind Japan gingen.

Leonhard zeigt anhand des modernen Zugangs der Weltgeschichte, dass der Versailler Vertrag und seine Auswirkungen der Zündstoff für neue Konflikte oder Kriege war. Diese angenehme Loslösung von der eurozentrierten Sichtweise nimmt die weltweite Entwicklung in den Mittelpunkt. Wer dies in einem Zusammenhang zum 1. Weltkrieg nachverfolgen will, kann dies anhand des Buches von Leonhard „Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkrieges“ auch im C.H. Beck Verlag tun.

Die Detailfülle mit über 1500 Seiten, 88 Abbildungen und 15 Karten ist enorm, dennoch hätte man an einigen Stellen das sehr umfangreiche Werk kürzen können. Oder in zwei zusammenhängenden Bänden herausbringen, damit der Umfang beschränkter wird. Dieses Werk zu lesen, ist jedoch aller Mühen wert.

 

Buch 5

Adam Horovitz und Michael Diamond: Beastie Boys Buch, aus dem Amerikanischen übersetzt von Bernd Gockel, Torsten Groß, Julian Haefs, Kristof Hahn, Urban Hofstetter und Stephan Kleiner, Heyne Hardcore, München 2018 ISBN: 978-3-453-27207-1, 40 €.

Die beiden Beastie Boys Adam Horovitz und Michael Diamond erzählen in diesem Musikbuch den Charakter, die Karriere und Geschichte der Beastie Boys von 1979 bis zur Auflösung. Das Buch enthält Anekdoten, bisher nicht gezeigte Fotos, Illustrationen, einen Comic, sowie zahlreiche Mixtape Playlists und sogar Kochrezepte. Neben Momenten bei „Fight For Your Right (To Party)” kommen andere Hits „Sure Shot“, „No Sleep Til Brooklyn“, „Intergalactic Planetary“ etc. zur Sprache. Erinnerungen an den Konzertfilm Awesome; I Fuckin’ Shot That! Aus dem Jahr 2006, ganz frühe Aufnahmen von Black-Flag-Konzerten und ihrer Touren und Auftritte sind in Wort und Bild festgehalten. Zahlreiche Gastbeiträge unter anderem von Roy Choi, Amy Poehler, Jonathan Lethem, Spike Jonze, Wes Anderson oder Luc Sante würdigen die Leistung der Beastie Boys.

Ein Laudatio auf den 2012 verstorbenen Adam Yauch eröffnet das Buch. Trauer, Melancholie und eine Rückschau auf den Freund, die treibende Kraft der Band und ein absoluter Musikfanatiker.

Ihre Bandbiografie wird hier in verschiedenen Etappen im Text und Bilder dargestellt. Ihre Vorbilder waren neben den Bad Brains und Black Flag Antonio Carlos Jobim, The Slits, Minor Threat und Malcolm McLaren bis hin zu Spoonie Gee und Linton Kwesi Johnson.  Die Beastie Boys fingen 1979 als Hardcore-Punk-Band unter dem Namen „The Young Aborigines“ an. Die damalige Besetzung bestand aus Michael Diamond, Adam Yauch, John Berry und Kate Schellenbach. 1981 benannten sie sich um. 1982 veröffentlichten sie eine EP mit dem Titel Polly Wog Stew und gaben im Großraum New York einige Konzerte. Im selben Jahr verließ Gitarrist John Berry die Band. Er wurde durch Adam Horovitz ersetzt. Kate Schellenbach verließ kurz darauf die Band. Die dadurch entstandene Dreierbesetzung war die bis zum Tod von Adam Yauch bestehende Formation.

Die Richtung wandelte im Laufe der Zeit sich zum Hip-Hop. 1985 traten die Beastie Boys bei einem Band-Contest im Film Krush Groove an. Im selben Jahr hatten sie als Vorgruppe bei Madonnas „Virgin Tour“ erste Auftritte vor größerem Publikum. Mit der Veröffentlichung ihres Debütalbums Licensed to Ill (1986) und der darauffolgenden Tournee mit der Hip-Hop-Band Run DMC gelang ihnen der große Durchbruch. Das Album enthielt u.a. die Erfolgssingle Fight For Your Right (To Party). 1989 folgte mit Paul’s Boutique ein Hip-Hop-Meilenstein, der vom Magazin Rolling Stone zu den 500 besten Alben gezählt wurde. Wie es weitergeht, Die Bekanntschaft der Band mit der Produzentenlegende Rick Rubin war ein Meilenstein für ihre Karriere. Das Album von 1994, Ill Communication, brachte mit Sabotage einen großen Hit hervor.

Am 14. April 2012 wurden die Beastie Boys in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. Am 4. Mai 2012 verstarb Adam Yauch an den Folgen seiner Krebserkrankung. Kurz darauf verkündeten Horovitz und Diamond, dass sie nicht mehr unter dem Namen Beastie Boys auftreten und Musik aufnehmen werden. Am 19. Mai 2016 starb das Gründungsmitglied John Berry im Alter von 52 Jahren an Demenz.

Nebenbei handelt das Buch auch von ihrer Jugend in New York, dem Rebellentum einer Generation, anderen Musikgrößen jener Zeit, Abstürzen, Konzerten und anderen Anekdoten, Musik als Lebensweg und Eigeninitiative, die belohnt wird.

Eine grandiose Rückschau auf die Wurzeln, gepaart mit vielen tollen Bildern und authentischen Texten und doch auch Wehmut und Trauer über tote Freunde prägen ein empfehlenswertes Buch.







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