Neuerscheinungen Kultur und Kunst

24.12.20
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Reinhard Matz/Wolfgang Vollmer: Köln von Anfang an. Leben/Kultur/Stadt bis 1880, Greven Verlag, Köln 2020, ISBN: 978-3774309234, 50 EURO (D)

Nach der Trilogie Köln vor dem Krieg, Köln und der Krieg, Köln nach dem Krieg ist dies ein ergänzender Band über die Vorgeschichte Köln bis 1880. Hier präsentieren die beiden Autoren verschiedene Zeugnisse mit Ein- und Überblicken zu 2000 Jahren Kölner Stadtgeschichte: „Wie in den Vorgängerbänden versuchen wir Auskünfte über Stadtansichten, Stadtereignisse und Lebensverhältnisse zu erlangen.“ (S. 9) Dies erfolgt jedoch durch einen „Medienwechsel“, der kulturhistorisch überlieferte Dinge in aller Breite reflektiert: „Dies können Bilder sein, die dank neuer Techniken im 15. Jahrhundert massiv verbreiteter auftreten, skulpturale Werke, deren Alter bis in die Vorzeit zurückreicht, oder auch Gebrauchsgegenstände, die wir zuweilen in Ermangelung figürlicher Darstellungen heranziehen.“ (Ebd.) Dabei werden die Zeugnisse, die einen repräsentativen Querschnitt der Lebensäußerungen aus den jeweiligen Epochen abbilden, in diesem Buch meist medial-chronologisch der Zeit ihrer Herstellung zugeordnet.

Auch in diesem Band wurden zahlreiche zeitgenössische Texte von verschiedenen Autoren aufgenommen, die die Eindrücke der jeweiligen Zeit vertiefen sollen. Sie wurden in Ansätzen der heutigen Rechtschreibung angepasst.

 

Im Prolog werden prähistorische Funde vor der eigentlichen Stadtgründung gezeigt. Danach folgt ein Kapitel über die Gründung durch die Römer bis ca. 450 mit einem Text von Tacitus. Anschließend wird das fränkische Köln (450-911) dargestellt, bevor die erzbischöfliche Stadtherrschaft (953-1288) mit einem Auszug von Gottfried Hagen über Erzbischof Engelbert skizziert wird. Weiterhin wird der Stadtrat der Patrizier (1299-1396) mit Texten von Jan van Heelu und Petrarca behandelt.

Weiter geht es mit dem Stadtrat der Zünfte und Gaffeln (1396-1794). Dabei kommt ein unbekannter Autor, Herrmann von Weinsberg, Joost van der Vondel, Martin Zeller, Giacomo Casanova und Johann Caspar Riesbeck zu Wort. Die Zeit der französischen Besatzung (1794-1814) mit Originaltexten von einem Anonymus, Abbate de Bertola, Dolleschall und Johann Andreas Demian wird danach vorgestellt. Die preußische Zeit (1815-1880/1918) mit Johanna Schopenhauer, Victor Hugo, Eugene Delacroix, Philipp Martin Klein und Friedrich Wilhelm Hackländer runden das Buch ab.

In jedem dieser Abschnitte gibt es am Anfang immer eine historische Einordnung und ggf. die Vorstellung neuer Medien, zeitgenössischen Texte mit einer kleinen Einleitung zum Verfasser und die Exponate, die den Schwerpunkt ausmachen.

Im Anhang findet man noch den Bild- und Textnachweis sowie die benutzte und weiterführende Literatur.

Das Buch enthält großformatige Bilder aus regionaler, deutschlandweiter und internationaler Herkunft mit hoher Druckqualität. Die Bilder durch interessante Originaltexte unterstützt und werden einzeln immer noch in einen Zusammenhang gebracht.

Dieses Buch erfordert wohl mehr Hintergrundrecherche als die vorherigen Bände, sowohl wegen der langen Zeitspanne als auch wegen der verschiedenen Exponate, die auf Leben, Kultur und Stadtentwicklung eingehen. Von daher ist dieser Band mit vielen visuellen Zeugnissen von den frühesten Zeugnissen menschlicher Existenz bis zur Fertigstellung des Domes  ein gelungener Querschnitt durch die wechselvolle Geschichte Kölns und noch etwas höher zu bewerten als die Vorgängerbände.

Buch 2

Ralf Lange: Die Hamburger Speicherstadt- Geschichte, Architektur. Welterbe, Dölling und Galitz Verlag, Hamburg 2019, ISBN: 978-3-86218-126-1. 39,90 EURO (D)

Die Hamburger Speicherstadt ist der weltgrößte historische Lagerhauskomplex, gelegen im Hamburger Hafen. Die Speicherstadt wurde zwischen 1883 und 1927 südlich der Altstadt auf den ehemaligen Elbinseln und Wohnquartieren Kehrwieder und Wandrahm als Teilstück des Hamburger Freihafens in drei Abschnitten erbaut. Seit 1991 steht sie unter Denkmalschutz und ist seit dem 5. Juli 2015 mit dem benachbarten Kontorhausviertel auf der Liste des UNESCO-Welterbes eingetragen.

Es gibt Informationen über Vorgeschichte, Gestaltung, Technik, Konstruktion und Architekten aller Blöcke. Der Autor ist Kunsthistoriker und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Speicherstadtmuseums, einer Außenstelle der Stiftung Historische Museen Hamburg.

Nach einem Grußwort von Henning Radermacher, Leiter des Speicherstadtmuseums, wird eine kurze Geschichte der Speicherstadt vorgestellt und ihre Einzigartigkeit betont. Danach werden der Zollanschluss 1888 und seine unmittelbaren Folgen, den Zollanschlussbauten, behandelt. Dabei durfte die Stadt den größten Teil der vorhandenen und zukünftig zu erschließenden Hafenflächen in einen Freihafen umwandeln. Zölle und sonstige Abgaben auf die Einfuhren mussten somit erst entrichtet werden, wenn die Waren den Freihafen verließen, bei Transitgütern entfielen diese.

Anschließend wird auf die Architektur der Speicherstadt und die wichtigsten Architekten eingegangen. Der größte Teil der planerischen Arbeit wurde von dem „Technischen Bureau“ der HFLG bewältigt, die für die Ausführungspläne, die Konstruktion und die technische Ausrüstung der Speicherblöcke sowie deren Realisierung verantwortlich war. Stilbildend war dabei die Hannoversche Architekturschule, die von der mittelalterlichen Backsteingotik geprägt war, wobei die Statik der Gebäude und das verwendete, vorzugsweise heimische Baumaterial (Holz, Ziegel, Sandstein) für den Betrachter sichtbar bleiben sollten. Die durch den Verzicht auf Außenputz erkennbaren Ziegelrohbaufassaden erhielten Backsteinverzierungen, häufig glasierte Ziegel und an Formen Deutsches Band sowie Zahnschnitt.

Danach geht es um das Konzept der Speicherstadt. Dabei wird der städtebauliche Entwurf und seine Umsetzung, Konzeption, Konstruktion und Bestattung der Speicherblöcke und die technische Ausrüstung der Speicherstadt vorgestellt. Die einzelnen Phasen der Realisierung (drei Bauabschnitte) und die Brücken über den Zollkanal. Außerdem wird auf den geplanten aber niemals fertigstellten vierten Bauabschnitt eingegangen.

Bei den Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg wurde die Speicherstadt zu ca. 50 % zerstört. Der anschließende Wiederaufbau, deren Konzepte und die ausführenden Firmen und Personen wird danach skizziert. Zum 100. Geburtstag der Speicherstadt fällte der Hamburger Senat den Richtungsentscheid, dass die Lagerhäuser an einen privaten Investor verkauf werden sollten, um sie zukünftig für Wohnungen, Büros, Gastronomie, Einzelhandel und Freizeitangebote zu nutzen. Die Quartiersleute fühlten sich übergangen und gründeten den Verein „Speicherstadt Hamburg e.V., um für den Erhalt zu werben: „Dem zwar sichtlich angejahrten und sanierungsbedürftigen, aber im Sinne auf seine ursprüngliche Bestimmung angeblich durchaus noch leistungsfähige Lagerbauviertel wurde das Schreckbild eines steril gewordenen Altstadtquartiers mit künstlichem Nostalgieflair gegenüber gestellt, das sich nur Besserverdienende leisten konnten.“ (S. 307) Eine Umwandlung der Speicherstadt war notwendig, so entstanden das Hanseatic Trade Center und andere Projekte. 2011 ernannte die UNESCO die Speicherstadt zum kulturellen Welterbe, zusammen mit dem Kontorhausviertel.

Der Autor sieht die Umwandlung der Speicherstadt als gelungen an: „Trotz der hier bisweilen geäußerten Kritikpunkte lässt sich nur ein positives Fazit der Entwicklung der Speicherstadt in den vergangenen zwei Jahrzehnten ziehen. Die Herausforderung, die ehemaligen Lager- und Kontorflächen sowie Sonderbauten für zumeist völlig neuartigen Nutzungen umzubauen, wurde mit Bravour gemeistert.“ (S. 333)

Dem schließt sich ein Verzeichnis der erhaltenen Gebäude in der Speicherstadt an. Dies ist ein Bautenverzeichnis, wo die Veränderungen und die Geschichte des Bauwerkes einzeln in einem kurzen Text dargestellt werden. Über dem Text sieht man ein Bild des Gebäudes, die Adresse, die Ingenieure oder Büros und die Phasen der Umbaugeschichte gibt es weiterhin.

Im Anhang findet man noch ein Literaturverzeichnis, ein Personen- und Firmenregister, ein Bauten-, Sach- und Ortsregister sowie den Abbildungsnachweis.

Dieses Buch bietet die erste umfassende Planungs- und Baugeschichte der Speicherstadt und geht auf gegenwärtige Aspekte ein. Es werden insgesamt 440 historische und aktuelle Abbildungen gezeigt, darunter viele großformatige und Luftbildaufnahmen. Man hätte noch in einem Extrakapitel auf die 20 Brücken, von denen 14 unter Denkmalschutz stehen, eingehen können. Ansonsten ist dies ein Standardwerk über Geschichte, Nutzung und Architektur der Speicherstadt für die nächsten Jahre mit Aufnahmen von guter Qualität.

 

Buch 3

Helmut und Loki Schmidt-Stiftung (Hrsg.): Kanzlers Kunst. Die private Sammlung von Helmut und Loki Schmidt, Dölling und Galitz Verlag, Hamburg 2020, ISBN: 978-3-86218-134-6, 34 EURO (D)

Die Rolle von Kunst und Kultur im Leben von Helmut und Loki Schmidt wird am sichtbarsten in ihrem Langenhorner Privathaus, in dem die Schmidts mehr als ein halbes Jahrhundert lebten. Bilder, Plastiken und kunstgewerbliche Objekte sind hier dicht an dicht in großer Zahl versammelt. Beide verstanden sich nicht als „echte“ Sammler, die gezielt durch Recherchen in Katalogen oder Galerien ihren Besitz zu erweitern suchten, sie folgten dabei ihrem „Bauchgefühl“. Viele Objekte sind durch persönliche Verbindungen in die Sammlung gelangt: als Geschenke oder ausgehend von den Freundschaften, die Loki und Helmut Schmidt mit einigen Künstlern oder Galeristen pflegten. Vieles wurde von Reisen mitgebracht oder waren Gastgeschenke im Zusammenhang mit diplomatischen Besuchen:  „Ihre Bilder sind zugleich die Bilder einer Generation, die Aufbau und Fortschritt vorantrieb und in ihrer freiheitlichen Ausrichtung die zuvor verfemte Kunst der Klassischen Moderne neu schätzte. So ist das Ensemble von Werken, mit denen sich die Schmidts in ihrem Haus am Neuberger Weg umgaben, in weiten Teilen Zeugnis persönlicher Sammelfreude und zugleich Zeitdokument.“ (S. 9)

Es finden sich Werke bekannter und unbekannter Künstler. Zu den bevorzugtesten Künstlern im Hause Schmidt gehörten Emil Nolde, Ernst Barlach, Bernhard Heisig, Olga Bontjes van Beck, die Künstlerfamilie Modersohn, Franz Kaiser, Oskar Kokoschka, Marc Chagall oder Heinrich Zille. Werkgruppen von Ernst Barlach und Emil Nolde ragen markant hervor.

Ausgehend von der Konzeption der Ausstellung „Kanzlers Kunst“, die das Ernst-Barlach-Haus in enger Abstimmung mit der Helmut und Loki Schmidt-Stiftung sowie der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung erarbeitet hat, entwickelte sich der Wunsch, die Schmidt’sche Kunstsammlung in einer eigenen Publikation zu dokumentieren und zu erläutern. Das Ergebnis ist dieses Werk.

Es besteht aus erläuternden Hintergrundessays und gleichzeitig einer Schau der Bilder und Objekte. In einleitenden Essay von Stefan Herms und Karsten Müller wird ein Grundriss des Hauses der Schmidts mit allen Zimmern gezeigt, jedes Zimmern wird dann einzeln mit den dort hängenden Bildern, Skulpturen oder Objekten vorgestellt.

Werner Irris stellt dann das persönliche Verhältnis von Helmut Schmidt zu den Künsten dar. Die familiäre künstlerische Prägung und der Anteil von Loki Schmidt an der gemeinsamen Sammlung wird danach von Reiner Lehberger beleuchtet. Bernhard Fulda beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Helmut Schmidt und Emil Nolde. Werner Irris, Saskia Bontjes van Beek und Antje Modersohn präsentieren anschließend die Beziehung der Schmidts zu Olga Bontjes van Beek und Christian Modersohn, die Beziehung zu Franz Kaiser wird von Hendrik Heetlage analysiert.

Die Vorliebe für die Kunst von Erich Barlach skizziert Karsten Müller. Kristina Volke setzt sich mit dem bekannten Porträt Helmut Schmidt von Bernhard Heisig auseinander und behandelt die ungewöhnliche Freundschaft des Künstlers aus der DDR mit dem westdeutschen Bundeskanzler. Die Bilder über Hamburg im Esszimmer zeigen eine tiefe Verbundenheit der Schmidts mit der Hansestadt, was von Friedericke Werner ausgebreitet wird. Am Ende gibt eine alphabetisch sortierte Auswahl aus der Kunstsammlung mit Bild und dazugehöriger Beschreibung.

Hier werden eines der bekanntesten Paare der deutschen Politik in Beziehung mit moderner Kunst und Kultur behandelt. Neben der Vorliebe für die Klassische Moderne fällt auf, dass norddeutsche Landschaften, Bilder von Hamburg oder Porträts überproportional vertreten sind. Reiner Lehberger hat Recht, wenn es in seinem Beitrag feststellt: „Und für viele Bilder dieser Sammlung gilt, dass es oft eine kleinere oder größere persönliche Geschichte der beiden dazu gibt. So gesehen sind viele Bilder der Sammlung auch ein Spiegel ihres gemeinsamen Lebens.“ (S. 43) Diese Geschichten und Anekdoten machen auch neben den zahlreichen Kunstobjekten den Reiz des Buches aus.

Buch 4

Tom Krausz: Aves. Vögel. Charakterköpfe, Dölling und Galitz Verlag, Hamburg 2020, ISBN: 978-3-86218-133-9, 32 EURO (D)

Der Fotograf Tom Krausz schaute verschiedenen Vögeln mit seiner Kamera direkt in die Augen und präsentiert in diesem Buch Vogelgesichter als Profil, Halbprofil, Frontalaufnahme oder Brustbild. Einige der Aufnahmen sind auf Reisen in Neuseeland, Galapagos und Schottland entstanden, die meisten aber im Weltvogelpark Wulsrode und im Vogelpark Niendorf an der Ostsee. Manche auch im eigenen Garten. Nicht nur die Faszination für Vogelgesichter steht hier im Mittelpunkt, sondern auch der Artenschutz. Viele der hier abgebildeten Vögel sind als eigene Art vom Aussterben bedroht. Im Buch wird auch darauf eingegangen, welchen Status die International Union of Conservation of Nature (IUCN) der jeweiligen Vogelart zuordnet.

Die Bilder sind alle in Schwarz-Weiß gehalten; sie zeigen die Grauwerte von Farben nicht ihre Buntheit: „Zusätzlich zur besonderen Fokussiertheit der Porträtfotografie (ihrer Ausblendung von Umgebungen, ja von Teilen des Körpers) führt dies zu einer weiteren fühlbaren Konzentration.“ (S. 15)

Das Buch wird durch ein Vorwort von Elke Heidenreich eingeleitet. Danach folgt ein Essay von Dietmar Schmidt über die Physiognomik von Tieren. Zur seiner Art von Darstellung und Fotografie von Vögeln gibt Tom Krausz noch selbst Auskunft, bevor danach die Porträts beginnen. Diese werden in folgender Systematik nach Merkmalen dargestellt: Luftjäger, Wasserjäger, Aasfresser, Ansitz- und Lauerjäger, Laufjäger, Wassersucher, Baum- und Bodensammler, Baumsammler, Bodensammler. Die Porträts umfassen je zwei Seiten: Auf der linken Seite findet man oben in tabellarischer Form Informationen zu Merkmalen, Vorkommen und Lebensweise. Darunter den deutschen Artnamen und den wissenschaftlichen Namen. Eine Geschichte von Elke Heidenreich oder von Urs Heinz Aerni über die Art gibt es zusätzlich. Auf der rechten Seite ist in Form einer ganzseitigen Abbildung das Vogelporträt zu sehen.

Am Ende werden noch die Biografien der vier an dem Buch beteiligten Personen abgedruckt.

Dies ist eine spannende, völlig neue Herangehensweise der Tierfotografie, die die Individualität jedes einzelnen Tieres transportiert. Das Buch ist also keine klassische Vogelfotografie, die Umgebung, ihr Verhalten und ihre Farben werden ausgespart zugunsten eines detaillierten Porträts aus verschiedenen Blickwinkeln mit Augenkontakt zum Fotografen und auch zum Leser. Regionale Arten wie auch exotische Vögel sind bei diesen gelungenen Aufnahmen, die viel Zeit und Gespür erfordern, zu sehen.

 

Buch 5

Sabine Kampmann: Bilder des Alterns. Greise Körper in Kunst und visueller Kultur, Reimer, Berlin 2020, ISBN: 978-3-496-01627-4, 29, 90 EURO (D)

In diesem Buch setzt sich Sabine Kampmann mit der zunehmenden Verbildlichung alternder Körper in Kunst und visueller Kultur in den letzten Jahrzehnten auseinander. Dies ist zugleich ihre Habilitation an der Universität Lüneburg. Dabei stehen vor allem zwei Fragen im Mittelpunkt: Welcher Bedeutungswechsel haben die Bilder des Alterns erfahren? Und wie beeinflusst die Fotografie unsere Auffassung vom Altern? Sie untersucht die Bildpolitik einer Vielzahl von Beispielen aus der künstlerischen Fotografie, Filmen und Werbekampagnen und stellt kultur- und bildhistorische Bezüge dar.

Folgende Ergebnisse konnten gewonnen werden: Die historischen Bildgattungen des Aktes und des Porträts prägen auch zeitgenössische Fotografien greiser Körper. Die antike Vorstellung einer Idealkörpers als jugendlich ebenso wie eine Einheit des Guten und Schönen prägen die Schönheitsvorstellungen bis heute. Aktuelle Aktdarstellungen alter Menschen setzen sich noch mit diesen Zuschreibungen zu den schönen Körpern auseinander. Die Produktion neuer, nackter Altersbilder arbeitet immer auch an der Reflexion bzw. Erweiterung der Grenzen der Bildgattung. Dies zeigt sich an den Auseinandersetzungen mit geschlechtsspezifischen Einschreibungen der Körperbilder bei John Coplans, Melanie Manchot, Tomislav Gorovac oder der Marke Dove. Die Problematik einer Vereinbarkeit von Ähnlichkeit und der vorteilhaften Darstellung eines alten Menschen besteht prinzipiell fort.

Die kulturhistorische Tradition, greise Körper mit negativen Konnotationen zu belegen, wird bei den gegenwärtigen Bildprägungen alter Menschen durch verschiedene Stilmittel zu vermeiden oder zu neutralisieren versucht. So die Betonung des Komischen oder Grotesken oder die extreme Nahaufnahme der von Alterskennzeichen überzogenen Haut wie bei Miyako Ishiushi, Melanie Manchot oder Herlinde Koelbl.

Modelle des Lebenslaufs und des Lebensalters werden ebenso untersucht. Als ein für das 19. und 20. Jahrhundert besonders wirkungsmächtiges Modell hat sich das Motiv der Lebenstreppe erwiesen. Dies ist die Vorstellung eines in Altersphasen gegliederter Lebenslauf mit dem Lebenshöhepunkt in den mittleren Jahren und dem darauffolgenden Niedergang. Dieses Konzept wird bei Annegret Soltau und Lenka Clayton & James Price negiert, in der Werbung gibt es den Erscheinungsmodus eines als positiv und erstrebenswert konnotierten körperlichen Ausdruck, der sich durch alle Altersstufen zieht.

Die gegenwärtig zahlreichen Bilder alter Menschen versteht Kamphausen als Ausdruck eines gesteigerten Definitionsbedarfs, ein Bedarf an Neucodierung und Umwertung von Vorstellungen und Bildern alter Menschen. Diese Prozesse der Neudefinition vollziehen sich zu einem großen Teil entlang schon bekannter Motive. In der Kunst und visuellen Kultur des 21. Jahrhunderts wird der alte Körper zu einem Zeichen von Lebenslust und Lebenswillen umdefiniert: „Dabei wird der Fokus weg von moralischen und charakterologischen Darstellungen bis zur Vorstellung einer Arbeit am Körper verschoben, die über das rein Physische hinausgeht und auch eine Arbeit am Selbst umfasst. Die Verantwortung für das Aussehen im Alter wird an das Individuum delegiert und das Altern als ein Lebensprojekt definiert, das möglichst gut zu absolvieren ist.“ (S. 178) So können aktuelle Fotografien greiser Körper als zeitgenössische Genrebilder verstanden werden, an ihnen werden Bedeutungen und Positionen alter Menschen in der Gesellschaft verhandelt.

Es werden auch klare Verbindungslinien zwischen demografischem Wandel und aktuellen Bildern alter Menschen herausgearbeitet. Es gibt Bilder, die die Gebrechlichkeit hochaltriger Menschen zeigen, aber es dominieren Darstellungen einer gewissen Jugendlichkeit im Alter. Parallel zum wissenschaftlichen Diskurs hat sich auch in der visuellen Kultur das Stereotyp der fitten und aktiven Senioren etabliert.

Dies ist ein interdisziplinäres Forschungsprojekt, das auch die wichtigsten Forschungsergebnisse der Gerontologie miteinbezieht. In einer noch jungen Disziplin der Visual Aging Studies werden Grundlagen des Bedeutungswandels und der Adaption bzw. Kritik älterer Traditionen nachvollziehbar und strukturiert dargelegt und Anregungen zu weiteren Forschungen gegeben. Das Motiv der Weisheit, die durch Bilder oder deren Unterschriften von Gesichtszügen älterer Menschen symbolisiert wird, hätte auch noch Eingang in die Untersuchung finden können.

Buch 6

Stefan Schomann: Das Glück auf Erden. Reisen zu Pferd, Unionsverlag, Zürich 2020, ISBN: 978-3-293-20895-7, 12,95 EURO (D)

Der Autor und Journalist Stefan Schomann erkundet auf dem Rücken der Pferde die Welt. In diesem Buch schildert er seine Erlebnisse: „Eine Liebeserklärung an das Pferd und das Glücksgefühl, sich im Rhythmus der Landschaft zu bewegen, jenseits von Zeit und Alltag.“

Im ersten Kapitel geht er auf das keltische Erbe, den Unlinger Fund als das bislang älteste Zeugnis reiterlicher Kultur im deutschsprachigen Raum ein und schildert in groben Zügen die Entwicklung der Partnerschaft von Mensch und Pferd von der Frühzeit bis in die Gegenwart, wo diese vor allem in den hochindustrialisierten Ländern ein „machtvolles Comeback als Seelentiere, Sportgeräte und Freizeitgeschöpfe, als Kind- oder Partnerersatz, als Renommierobjekte und Reisegefährten“ feierte. (S. 14)

Dabei erzählt von seiner Trekkingtour zusammen mit elf anderen Leuten aus aller Welt auf Islandpferden, die als die spritzigsten und zugleich ausdauerndsten Pferden Europas gelten von Laugaland, dem „vorletzten Außenposten vor dem Polarkreis“. (S. 18) Oder von seiner Trekkingtour, den Peaks of the Balkan Trails, durch die Albanischen Alpen, wo Pferde noch eine ganz andere Bedeutung besitzen als in westlichen Ländern: „Unter der kommunistischen Herrschaft gab es nur wenige Traktoren und Lastwagen, weshalb die Landbevölkerung den Umgang mit Pferden, ganz überwiegend den heimischen Albanern, bis heute nicht verlernt hat.“ (S. 95)

Spannend ist auch die Reise zu den letzten Wildpferden der Erde in Zentralasien, die entweder nach ihrem Entdecker Przwalski-Pferde oder unter dem mongolischen Namen Tachi bekannt sind. Außerdem geht es auf Karawanenreisen als Tourismuserwerb ein, die bevorzugt in Form ein- bis zweiwöchiger Exkursionen in unwegsame Gefilde führen, in denen Karawanen von je her die einzigen Transportmittel waren. Die Art der Fortbewegung ist speziell: „Während ich dem erfahrenen Leittier hinterhertrotte, kann ich weitgehend abschalten und mich dem steten, rhythmischen Andante der Abteilung überlassen. Eben diese heilsame Monotonie macht einen Gutteil der Faszination von Karawanenreisen aus: das Metrum der Schritte, das Einswerden mit der Bewegung, die tranceartige Selbstvergessenheit.“ (S. 167)

Das Buch enthält viele exotische Reisen mit dem Pferd durch alle Winkel und Zeitzonen der Welt, aber auch solche in Mitteleuropa. Das Flair und die Faszination des Reitens, die umgebende Landschaft und die Begegnung mit fremden Menschen und Kulturen werden spannend und eindrucksvoll beschrieben. Leider nur per Text, Bildmaterial, das die Eindrücke visualisiert, fehlt.







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