Neuerscheinungen aus linken Verlagen

23.12.20
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Jörn Schulz: Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe das erste Quinoabällchen. Warum nachhaltiger Konsum das Klima nicht rettet.  MaroHeft #1.Mit Illustrationen von Marcus Gruber, Maro Verlag, Augsburg 2020, ISBN: 978-3-87912-616-7, 18 EURO (D)

In dieser Streitschrift vertritt der Journalist Jörn Schulz die These, dass allein nachhaltiger Konsum nicht zu einer entscheidenden Veränderung der Klimakrise beitragen kann. Da die Weltwirtschaft unter anderem auf der Nutzung von fossilen Brennstoffen basiere, sei dies der entscheidende Faktor. Für die Klimakrise sei in erster Linie der Kapitalismus verantwortlich: „Die Klimakrise ist die Folge einer auf Geld, Profit und Konkurrenz basierenden Produktionsweise. Es hat sich bislang als unmöglich erwiesen, in diesem Rahmen für wirksamen Klimaschutz zu sorgen.“ (S. 4) Er analysiert kritisch die bisherigen Bemühungen um Klimaschutz und sieht in den derzeitigen Produktions- und Machtverhältnissen den zentralen Hemmschuh.

Die Verantwortung eines jeden Einzelnen, privat etwas für das Klima tun zu können, deutet er als „Individualisierung des Klimaschutzes, der „Bemühungen um kollektives Handels schwäche.“ (S. 40)Bei dem Glauben an die Macht des Einzelnen und der Verbraucher handele es sich „um ein falsches Bewusstsein, ein aus dem ‚Zeitgeist‘ des wirtschaftsliberalen Spätkapitalismus geborenen Unvermögens, kritisch zu denken und sich eine andere Welt überhaupt vorstellen zu können.“ (Ebd.) Es existiere keine „politisch relevante revolutionäre Klimaschutzbewegung“, die es schaffen würde, den „entscheidenden Schritt zu wirksamen Klimaschutz durchzusetzen.“ Dies könne nur mit dem „Zugriff auf die Produktionsmittel“ geschehen. (Ebd.)

Die Argumente des Autors sind kontrovers zu sehen:

Es gibt kein plausibles Szenario, das absolute Verminderung des Umweltverbrauchs und mehr globale Gerechtigkeit in einer Welt von neun Milliarden Menschen glaubhaft kombiniert. Dass der Kapitalismus und seine Weltsicht einen großen Anteil an der heutige Klimakrise hat, ist auch unbestritten. Eine sozial-ökologische Wende ebenfalls. Dass sich in der internationalen Politik wenig bewegt hat und die Anstrengungen wesentlich erweitert werden müssen auch. Da ist der Ruf nach radikaleren Maßnahmen schon gerechtfertigt.

Allerdings gibt es auch zahlreiche Kritikpunkte: Wie die Umkehr derzeitiger Produktions- und Machtverhältnisse gelingen, wer die Akteure sein sollen und wie dann eine künftige Politik konkret aussehen könnte oder sollte, wird hier nicht diskutiert. Eine Auseinandersetzung mit Extinction Rebellion und anderen radikal-ökologischen Gruppen und sozialen Bewegungen findet auch nicht statt. Hier fehlt die auch Auseinandersetzung mit dem ökonomischen Wachstumsmantra, das natürlich im kapitalistischen System innewohnt, aber auch in linksgerichteten Staaten nicht hinterfragt wird.

Außerdem wird die eigene individuelle Verantwortung kleiner geredet als sie ist, hochrangige Politiker können in jedem nur erdenklichen System beschließen, was sie wollen. Wenn dies nicht von Individuen im Alltag umgesetzt wird, bleibt es bloß ein Stück Papier.

Das Buch liefert auf jeden Fall reichlich Stoff für Diskussionen.

Buch 2

Werner Rügemer: Imperium EU. ArbeitsUnrecht, Krise, neue Gegenwehr, Papyrossa, Köln 2020, ISBN: 978-3-89438-726-6, 19,90 EURO (D)

Werner Rügemer ist Mitbegründer des Vereins „Aktion gegen Arbeitsunrecht“. Er richtet sich gegen Billiglöhne, Unterlaufen von Mindeststandards und vor allem dem Union Busting. Dies wird auf der Webseite der „Aktion gegen Arbeitsunrecht“ folgendermaßen definiert: „ ist „die gezielte Anwendung und modulare Kombination von Praktiken, um arbeitgeber-unabhängige Organisierung und Interessenvertretung in einem Betrieb, einer Branche oder einem Staat zu unterbinden, auszuhebeln oder im Entstehen zu be- und verhindern. Union Busting wird sowohl betrieben, um den erreichten Status quo an Kollektivität, Mitbestimmung und arbeitsrechtlichem Schutz anzugreifen, wie auch, um Organisierungsbemühungen von Beschäftigten möglichst im Keim zu ersticken.“

In diesem Buch beschäftigt er sich mit diesem Phänomen und Hintergründen in der EU. Vor allem in osteuropäischen Mitgliedsstaaten und auf dem Balkan ist dies gängige Praxis und weiter verbreitet als im reicheren Westeuropa. Die Folgen sind Ausbeutung, Entrechtung, Verunsicherung, Verarmung, vielfältige Erkrankungen, insbesondere bei den abhängig Beschäftigen. Wie die EU ArbeitsUnrecht befördert und stillschweigen die massiven Verletzungen von geltenden Recht und von Mindeststandards, vor allem bei Arbeitsmigration, toleriert, wird im ersten Teil gezeigt. Im zweiten Teil werden ausgewählte Beispiele von Widerstand und „Aufbrüchen“ (S. 183ff) in verschiedenen EU-Staaten, dem Anwärterstaat Nordmazedonien und der Schweiz als assoziiertem Staat vorgestellt. Dies sind im Einzelnen Großbritannien, ganz kurz Benelux, die BRD, Frankreich, Spanien, Republik Irland, Österreich, Kroatien, Skandinavien, Ungarn, Polen, Baltikum und wie schon erwähnt Nordmazedonien und die Schweiz. Dass hier Staaten fehlen, ist ihm bewusst, dies geschieht aus „Platzgründen“. (S. 183)

Rügemer fordert „assoziierte, kollektivem nationale und zugleich internationale Organisation, mit den dazugehörigen, unausweichlichen Experimenten, Erfolgen und Niederlagen, mit alten und neuen AkteurInnen.“ (S. 192) Selbstorganisation der ArbeiterInnen, die Übernahme insolventer Unternehmen durch die Belegschaft und die Gründung neuer demokratischer Unternehmensformen wie Genossenschaften und kollektive Start-Ups sind für ihn Elemente einer Überwindung der augenblicklichen Zustände. Für ihn gehören die „Bewegungen für Menschenrechte in der Arbeit (…) mit den Bewegungen für die reproduktive Erhaltung der Naturvoraussetzungen menschlichen Lebens zusammen.“ (S. 194)

Hier werden die Schattenseiten einer Politik gezeigt, wo private Unternehmen freie Hand gewährt werden soll, unwürdige Arbeitsbedingungen geschaffen und toleriert werden und Gewerkschaften zurückgedrängt werden. Die freie Markwirtschaft, also die Unterordnung von Arbeiter*inneninteressen, eine Privatisierung von weiteren öffentlichen Unternehmen oder Dienstleitern und eine sich sozialdarwinistisch verstehende Gesellschaft, wo sich der Stärkere durchsetzt, was dann Konkurrenz genannt wird, ein angestrebtes Ziel. Kapitalistische Wunschvorstellungen werden zu Standards, wo Individuen als homo oeconomicus jederzeit als Lohnsklaven verfügbar sind.

Die Methoden des sich immer weiter zuspitzende Liberalismus und auch Symptome seiner Krisen werden hier gut dargelegt, analysiert und Widerstandsformen angemahnt und diskutiert. Die generelle Ablehnung eines bedingungslosen Grundeinkommens ist allerdings nur Teil nachvollziehbar. Der Vorteil ist: Rügemer bleibt nicht abstrakt, sondern benennt in seinen Analysen immer die Verantwortlichen.

Buch 3

Alex Demorovic/Susanne Lettow/Andrea Maihofer (Hrsg.): Emanzipation. Zur Geschichte und Aktualität eines politischen Begriffs, Westfälisches Dampfboot, Münster 2019, ISBN: 978-3-89691-282-4, EURO (D) ?

Der Begriff der Emanzipation spielte in der Geschichte vieler sozialer Bewegungen seit dem 19. Jahrhundert eine wichtige Rolle. Die theoretische Ausarbeitung des Begriffes stand und steht etwas im Hintergrund. In einem Workshop zum Thema Emanzipation aus dem Jahre 2016 diskutieren verschiedene Autor_innen, ob und inwiefern dieser Begriff auch heute noch zur Selbstverständigung über soziale Befreiungsversuche taugt und wie ein zeitgemäßer, intersektionaler Begriff von Emanzipation beschaffen sein müsste. Dem liegt zugrunde, dass der Begriff immer schon wandelbar war und im Kontext gesellschaftlicher Kämpfe und Veränderungsprozesse jeweils neu angeeignet wurde. Dies ist der überarbeitete Band des Workshops mit einzelnen Essays von verschiedenen Autor_innen.

Isabell Lorey möchte in ihren Beitrag den Begriff Emanzipation durch Abolitionismus ersetzen und eine Gesellschaft verändern, die versklavt, asymmetrisch verschuldet ist und ein weißes individualistisches Subjekt braucht. Dabei nimmt sie Bezug auf das Buch „Die Uncommons“ von Fred Moten und Stefano Harney. Danach beschäftigt sich Ruth Sonderegger mit dem Zusammenhang von Kunst und Emanzipation. Sie spricht davon, dass autonome Kunst auf einer gewaltvollen, aber nicht alternativlosen Gründung zugunsten der Trennung verschiedener gesellschaftlicher Bereiche und in Absegnung des kolonial gestützten Kapitalismus beruht. Einzelne Kunstwerke konnten aber in spezifischen Situationen emanzipatorische Kraft entfalten. Katia Geuel geht dann auf die Spannungsverhältnisse zwischen der Frankfurter Schule und Jacques Rancieres kritischer Theorie ein. Dabei zeigt sie die Bedingungen, unter denen der Begriff der Emanzipation trotz seiner Ambivalenzen haltbar ist. In ihrem Beitrag über Emanzipation und das politische Subjekt in der kritischen Theorie stellt Tatjana Freitag dar, wie die Frage nach politischen Subjekten neu erforscht und die Frage nach der der Re-Politisierung neu gestellt werden kann.

Michael Brie versteht den Begriff der Freiheit, der dem der Emanzipation zugrunde liegt, vierdimensional. Es kann eine negative, eine positive, eine substantielle und eine soziale Freiheit, d.h. eine Freiheit von, eine Freiheit durch, eine Freiheit zu und eine Freiheit für wen unterschieden werden. Anschließend beschäftigt sich Moshe Zuckermann mit der Emanzipation im Judentum quer durch die Geschichte und kritisiert dabei gegenwärtige politische Prozesse als deren Aneignung. Sara R. Farris beschäftigt sich mit dem Gesetz zur Verbannung auffälliger religiöser Symbole aus öffentlichen Schulen in Frankreich und dadurch eine Emanzipation vom Muslime durch den Säkularismus erreicht werden sollte. Diese speziell auf Muslime abzielende Emanzipation beruft sich dabei auf Argumente, die in Deutschland im 19. Jahrhundert eine Rolle in der Debatte zur „Judenfrage“ spielten.

Svenja Bromberg geht auf den Emanzipationsbegriff von Marx ein und fordert ein Neubestimmung des Verhältnisses von Geschichte, praktischen politischen Kämpfen und der Philosophie. Susanne Lettow präsentiert drei Emanzipationsbegriffe: die Politik der Subjektivität, Herrschaftskritik, historischer, mit einem utopischen Index versehener Prozess. Aus diesen ergeben sich Desiderate einer kritischen feministischen Theorie, die in einem zweiten Schritt entwickelt werden. Weiterhin stellt Andrea Maihofer eine Neuaneignung des Begriffs der Emanzipation im Feminismus vor. Dabei beschäftigt sie sich erstens mit der Frage um die mangelnde Präsenz des Begriffes in der Gegenwart und zweitens um die Freiheit zur Kritik und deren zentrale emanzipatorische Bedeutung. Der Frage, ob Emanzipation noch ein Ziel sozialer Kämpfe ist, geht Alex Demirovic zum Abschluss des Bandes nach. Dabei stellt er fest, dass nicht mehr das Ziel eines übergeordneten Ganzen, sondern die Gestaltung eines Allgemeinen in den gemeinsamen Praktiken der Individuen. Emanzipation sei ein „unversöhnter und kritischer Begriff, weil er auf die Auflösung all jener Verhältnisse zielt, unter denen die Individuen überhaupt gezwungen sind, sich zu emanzipieren.“ (S. 230) Im Anhang findet man noch die Biografien der Autor_innen.

Das Buch bringt eine Annäherung des zuweilen unscharfen Begriffes der Emanzipation aus heutiger Sicht und bestimmt in grober Manier, worauf sie zielen soll. Der Vorteil des Buches ist es, dass sowohl die Ambivalenzen als auch die positiven Funktionen des Begriffs auf hohem Niveau diskutiert und dabei Bedeutungen aus der Vergangenheit kritisch hinterfragt werden.

Buch 4

Riane Eisler: Die verkannten Grundlagen der Ökonomie. Wege zu einer Caring Economy, Büchner Verlag, Marburg 2020, ISBN: 978-3-963-172151-1, 22 EURO (D)

In diesem Buch spricht Riane Eisler darüber, wie sich unsere Wirtschaft von einem Dominanzsystem zu einem Partnerschaftssystem wandeln muss, das kooperativ ist und Werte und Aktivitäten für Fürsorge schätzt. Die traditionellen Richtlinien der Ökonomie ausgehend von der Schrift Adam Smiths „The Wealth of Nations“ und die Praxis der Wirtschaft und Wirtschaftspolitik in den letzten zwei Jahrhunderten bedürfen einer Neuorientierung.

Stattdessen stellt sie eine „fürsorgliche Ökonomie“ vor, in der der Mensch im Mittelpunkt steht. Dabei bezieht sie ein, dass die natürlichen Ressourcen für unser wirtschaftliches Wohlergehen von grundlegender Bedeutung sind und die Zerstörung der Umwelt der Welt hohe Kosten verursacht. Jede Aktion muss im Hinblick auf ihre Auswirkungen auf die nächsten Generationen betrachtet werden.

Sie zieht feministische Sichtweisen heran, die Pflege und die „produktive Arbeit“ der traditionellen Wirtschaft sollten gleich gewichtet werden. Eislers Beitrag besteht darin, die ökologischen und feministischen Werte zu einem zusammenhängenden Ansatz zu verweben.

Eisler skizziert sechs Grundlagen für ein „fürsorgliches Wirtschaftssystem“. Dies ist ein vollständiges Spektrum der Wirtschaft, das die Haushaltsarbeit, unbezahlte Arbeit, natürlichen Ressourcen sowie die traditionellen Markt- und Regierungswirtschaften umfasst.  Zweitens sind dies eine Reihe kultureller Überzeugungen und damit verbundenen Institutionen, die das herrschende soziale Paradigma von Herrschaft zu Partnerschaft verschieben. Drittens sind dies wirtschaftliche Regeln, Richtlinien und Praktiken für Unternehmen und Regierungen, die die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse erfüllen, technologische Entwicklungen auf lebenserhaltende Anwendungen lenken und Auswirkungen auf zukünftige Generationen berücksichtigen. Viertens fordert sie inklusive und genaue Wirtschaftsindikatoren, fünftens Beziehungen zwischen wirtschaftlichen und sozialen Strukturen, die nicht zu einer Konzentration von Wirtschaftsgütern und Macht an der Spitze führen. Sechstens präsentiert sie eine ökonomische Theorie der menschlichen Interaktion, die über Kapitalismus und Sozialismus hinausgeht, um den wesentlichen wirtschaftlichen Wert der Fürsorge für uns selbst, andere und die Natur zu erkennen.

Dieses Buch enthält mehr als eine reine Wirtschaftstheorie, sondern eine interdisziplinäre Theorie aus verschiedenen Bereichen. Sie stützt sich dabei zwar auf viele bekannte Theorie und Ansätze, die sie aber zu einer aufschlussreichen Synthese zusammensetzt und dabei Erkenntnisse aus vielen Disziplinen integriert. Dieses Buch ist ein Aufruf zur Veränderung des sozialen Bewusstseins und eine Neuordnung der ökonomischen Werte hin zu einer Postwachstumsgesellschaft, die das Gemeinwohl in den Mittelpunkt stellt, und gleichzeitig ein scharfer Angriff auf die herkömmlichen Säulen der Ökonomie mit ihren Glücksversprechen.

Buch 5

Marina Frenk: ewig her und gar nicht wahr. Roman, Wagenbach, Köln 2020, ISBN: 978-3-803-13319-9, 22 EURO (D)

Kira erzählt ihre Familiengeschichte. Eine Geschichte von Aufbrüchen und Verwandlungen, von Krokodilen und Papierdrachen. Die junge Künstlerin Kira lebt mit Marc und dem gemeinsamen Sohn Karl in Berlin. Sie gibt Malkurse für Kinder, hat lange nicht ausgestellt, lange nichts gemalt – und zweifelt. Ihre Beziehung zu Marc ist sprach- und berührungslos. Ihre leicht verrückte Freundin Nele fragt manches, versteht viel und lacht gern, während Kira glaubt, in die Zukunft zu sehen und die Vergangenheit zu erfinden.

In den neunziger Jahren ist sie mit ihren Eltern aus Moldawien nach Deutschland gezogen, irgendwo angekommen ist aber keiner in ihrer russisch-jüdischen Familie. Kira betrachtet nicht nur  das eigene Leben, mitunter zynisch und distanziert, sondern auch das ihrer Vorfahren, die sie teilweise nur von Fotos kennt. Sie reist nach New York, Israel und Moldawien, versucht, die Geschichten zu begreifen und in ihren großformatigen Bildern zu verarbeiten.

Marina Frenk findet eine frische, bilderreiche und sehr körperliche Sprache. Ihr eindrückliches, raffiniert gebautes Debüt ist ein Buch über Familie und Herkunft, über Eltern- und Kindschaft.      Es ist ein heutiger Künstlerinnenroman und vor allem auch der Roman einer Liebe.

Als "zeitgenössischen Diaspora-Roman" würdigt Rezensent Ijoma Mangold Marina Frenks Debütroman, der ihn mit zu den verschiedensten Orten und Zeiten einer deutsch-moldawischen Migrationsgeschichte nimmt. Frenk, selbst in 1986 in Moldau geboren und mit ihren Eltern 1993 nach Deutschland gekommen, lässt Kira, ihr Alter Ego, Station in Berlin, Köln oder auf Hiddensee machen, die jüdischen Großeltern in Haifa besuchen, blickt aber auch zurück auf deren Jugend in der Ukraine oder die Flucht nach Usbekistan und verwebt die Familiengeschichte zu einem Netz"unentrinnbarer Gleichzeitigkeit",

Kira heißt die junge Protagonistin im Roman. Sie ist erfolglose Malerin, hat einen kleinen Sohn, doch ist gleichzeitig unglücklich mit der Beziehung zum Vater des Kindes. Kira steckt in einer Krise. Rückschau, Introspektion und Gegenwart vermischen sich in Frenks Roman, Träume, Visionen und heutige Alltagsrealität.

Die Autorin beschreibt Kiras Suche – nach Heimat, Liebe und sich selbst. Nach etwas Beständigem. Denn die junge Frau sitzt mit ihrem kleinen Sohn in Deutschland, hat keine Verwandten hier und ist selbst geprägt von Erfahrungen ihrer Eltern aus Moldawien.

„Sicherlich hat das damit zu tun, dass diese Krise besteht, dass eben diese Familiengeschichte so zerstreut ist“, sagt Frenk. „Dass es eben ein Land ist, das eine schwierige politische Vergangenheit auch hat. Dass es zum großen Teil ja auch um die Sowjetunion geht, die es nicht mehr gibt, was natürlich auch immer in ihrem Kopf irgendwie mitspielt, weil das die Vorfahren sind.“ 

Material dazu fand Frenk in ihrer eigenen Geschichte. „Ich hab das ja jetzt auch nicht komplett biografisch geschrieben. Also ich hab immer irgendwo angefangen bei Fakten aus unserer eigenen Familiengeschichte,

Und doch gibt es viele autobiographische Elemente. Eltern und Großeltern der Hauptfigur Kira kommen aus jüdischen und russischen Familien. Sie tragen in sich die kollektiven Traumata des 20. Jahrhunderts – Diktatur, Krieg und Emigration. Und obwohl Marina Frenk eine Familiengeschichte erzählt, die in die Vergangenheit reicht, berührt sie damit direkt unsere Gegenwart.

Verzweifelt, aber auch selbstironisch und zynisch-distanziert versucht sie, sich im Leben zurechtzufinden und ihr Gefühl der Verlorenheit zu überwinden. Dabei denkt sie immer wieder an Fragmente der Geschichte ihrer 1941 aus Moldawien geflüchteten, durch verschiedene Gesellschaftssysteme gegangenen jüdischen Familie.

Das Buch kann man als introspektiven Künstlerroman lesen, aber es dreht sich nicht nur um eine Schaffenskrise, sondern vor allem um Familie und Herkunft, Heimatlosigkeit, Verlorenheit und Selbstfindung. Marina Frenk bzw. Kira Liberman erzählt im ständigen Wechsel zwischen den Zeiten. Das entspricht zwar dem Denken der Protagonistin, erschwert aber auch die Lektüre, denn es ist nicht einfach, den Überblick über die Generationen in „ewig her und gar nicht wahr“ zu behalten

Buch 6

Eckart Holler: Auf der Suche nach der Blauen Blume. Die großen Umwege des legendären Jugendführers Eberhard Koebel (tusk). Eine Biografie, Lit Verlag, Münster/Berlin 2020, ISBN: 978-3-643-4097-5, 29,90 EURO (D)

Eberhard Koebel (1907-1955), der in der deutschen Jugendbewegung unter seinem Fahrtennamen tusk („der Deutsche“) bekannt war Gründer der Deutschen Jungenschaft vom 1. November 1929 (dj.1.11), Autor und Entwickler der Kohlte und Jungenschaftsjacke. In diesem Buch wird eine detaillierte Biografie vorgelegt.

Das Buch beruht auf einer Auswertung von vielen privaten und öffentlichen Archiven, vor allem des Ostberliner Nachlasses von Eberhard Koebel und dem Gespräch mit Angehörigen, Freunden und Zeitzeugen.

Der Autor hat selbst eine „aktive Jungenschaftszeit“ (S. 14) vorzuweisen. Er möchte mit dieser Biografie das Bild von Koebel, das von anderen Forschern gezeichnet wurde, zurechtrücken: „Mein Hauptinteresse gilt tusks Gegnerschaft zur Hitlerdiktatur und seinem Versuch, eine gemeinsame Antihitlerfront mit der Arbeiterjugend zu bilden. Damit widerspreche ich der von seinen Gegnern böswilligen Behauptung, er sei ein politischer ‚Wirrkopf‘ gewesen, der nicht zwischen links und rechts unterscheiden konnte.“ (S. 14)

Eine besondere Bedeutung für Koebel besaß laut dem Autor das Lied „Wir wollen zu Hause ausfahren“, wo die Suche nach der Blauen Blume im Mittelpunkt steht. Die Blaue Blume ein zentrales Symbol der Romantik. Sie steht für Sehnsucht und Liebe und für das metaphysische Streben nach dem Unendlichen. Die blaue Blume wurde später auch ein Sinnbild der Sehnsucht nach der Ferne und ein Symbol der Wanderschaft. Koebel „sang das Lied von der Blauen Blume zur Gitarre und identifizierte sich mit der Suche nach der Blauen Blume, von der das Lied handelte.“ (S. 15)

Er gründete am dj.1.11 aus Ablehnung gegen den Lebensbund, der Älteren großen Einfluss auf die Jungengruppen sicherte und zur Entwicklung von Autonomie. Dabei war er weite Teile des Stils, Formen und Inhalte verantwortlich. Er sprach sich für außergewöhnliche Fahrten und Lager aus, um den Mitgliedern eindrückliche bleibende Erfahrungen zu bieten. Mit seinen Werken Autor in Zeitschriften prägt er das Bild der dj.1.11 mit.

Er selbst wurde 1932 Mitglied der KPD. Nach der „Machtergreifung“ der NSDAP bemühte er sich darum, eine leitende Position bei der HJ zu erhalten. Dies scheiterte, im Gegenteil: Er wurde verhaftet und wegen kommunistischem Wirken zu einer Haftstrafe verurteilt. Dort scheiterten zwei Selbstmordversuche.

Nach seiner Entlassung emigrierte er nach England und betätigte sich im antifaschistischen Widerstand, indem er illegale Jungenschaftsgruppen im NS-Staat unterstützte. 1940 rief er im Exil ehemalige Mitglieder der Bündischen Jugend dazu auf, in die FDJ einzutreten. Außerdem arbeitete er in der Bewegung Freies Deutschland mit und nahm als Vertreter der Bündischen Jugend als Delegierter an der Gründungskonferenz des Weltbundes der demokratischen Jugend in London teil.

Seine allmähliche Hinwendung zum Sozialismus zeigte sich offen, als Koebel bei seiner Rückkehr in sein Heimatland 1948 die SBZ favorisierte. Er wurde Mitglied der SED, durfte jedoch nicht in der Jugendarbeit arbeiten, sondern war freier Schriftsteller. Er wurde wegen seines vorübergehenden Engagements für die HJ 1951 aus der SED ausgeschlossen, was ihm einen schweren Schlag versetzte.

Neben der biografischen Darstellung enthält das Buch viele Liedtexte, programmatische Schriften der verschiedenen Jugendbewegungen, historische Bilder und Abdrucke von Fahrtenberichten.

Die Entwicklung des „tusk-Mythos“ und die Rezeption von Koebel angereichert mit Zitaten zu seinem Wirken und zu seiner Persönlichkeit von 1950 bis 2018. In seinem kritischen Nachwort streicht der Autor negative Persönlichkeitsmerkmale wie seinen autokratischen Führungsstil oder „sein Militärfimmel“ heraus. (S. 295). Er kritisiert auch Koebels Ablehnung der Demokratie: „Sein Scheitern hängt letztlich mit seinem Unvermögen zusammen, zu erkennen, dass die Demokratie eine wesentliche Voraussetzung für die emanzipatorische Jugendarbeit war, die er mit der dj.1.11 begonnen hatte.“ (S. 296)

Im Anhang findet man in tabellarischer Form noch Koebers Lebensdaten, eine Liederliste, Abkürzungen, verwendete Liederbücher, Fotonachweise, Literatur und Quellen, ein Personenregister. Am Ende des Buches gibt es zusätzlich noch eine DVD mit zwei Videofilmen und einer mp3-Datei mit Liedern.

Dieses Werk ist eine intensive Beschäftigung mit einer der führenden Figuren der Jugendbewegungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mitunter ist es schwierig als Nichtfachmann oder Angehöriger von Jugendbewegungen, sich in die damaligen Verhältnisse und Ansichten hineinzudenken. Koebel kommt als gefühlsbetonter, melancholischer, nach Formen von Gemeinschaft und gleichzeitig nach „Heldentum“ Suchender rüber. Für ihn standen Ideale an höherer Stelle als Nützlichkeitserwägungen im Leben. Wie auch immer seine Lebensstationen interpretiert werden und welche Schwerpunkte gesetzt werden: Koebel hatte den Anspruch, neue Wege zu gehen.

 

 

 







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