Neuerscheinungen Geschichte und Naturgeschichte


Bildmontage: HF

27.10.19
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Patrick Schollmeyer: Die 40 bekanntesten archäologischen Stätten in Athen und Attika, NA-Verlag, Mainz 2019, ISBN: 978-3-961760-57-2, 24,90 EURO (D)

Athen und sein Umland bieten einzigartige antike Baudenkmäler und Kunstschätze, die Jahr für Jahr Millionen zur Kulturreise nach Griechenland zieht. Patrick Schollmeyer hat die 40 bekanntesten davon in diesem Buch zusammengestellt und aufbereitet.

Das Buch beginnt mit zwei Überblickskarten von Athen und Attika, wo die vorgestellten Orte und Sehenswürdigkeiten mit Nummern versehen eingezeichnet sind. Danach folgt eine kurze Überblicksdarstellung der Stadtgeschichte Athens und seinem Umland, was in der antiken Zeit Weltgeschichte geschrieben hat.

Anschließend werden die 40 wichtigsten archäologischen Stätten in einzelnen Kapiteln erläutert. Dabei nimmt natürlich die Akropolis einen wichtigen Teil ein, allein fünf dieser Kapitel handeln von den dort erhaltenen Bauwerken. Der Hügel des Kriegsgottes Ares, der Areiopag, die Ebene von Marathon, die Bibliothek des Hadrian oder das Odeion des Perikles finden ebenfalls Erwähnung. Neben diesen bekannten Bauwerken und Orten werden aber auch die drei wichtigsten Häfen Athens und das Amphireion von Oropos, einer Heilstätte in Attika behandelt, was weniger bekannt sein dürfte. Enthalten sind auch die beiden wichtigsten Museen, das National- und das Akropolismuseum mit Internetadressen.

Neben Farbbilder der Objekte werden auch antike Karten, Grundrisse und Zeichnungen herangezogen, die den Fließtext visualisieren und eine Vorstellung der antiken Bauten geben. An der Randspalte gibt es weiterführende Literaturempfehlungen, auch in der Einleitung werden Werke mit detaillierter Beschreibung der Baudenkmäler, Kunstschätze und der antiken Welt Athens und Attikas gegeben. Im Anhang findet man noch praktische Hinweise zur Besichtigung und einen Abbildungsnachweis.

Die archäologischen Stätten werden anschaulich und verständlich beschrieben, so dass dieses Buch als Informationsquelle zum Besuch eines oder mehreren dieser Orte zu empfehlen ist. Nicht alle Einzelheiten über die Baudenkmäler und Kunstschätze finden hier aus Platzgründen Erwähnung, dazu gibt es die Verweise auf weitere Literatur. Die reiche Stadtgeschichte Athens hätte allerdings etwas ausführlicher beschrieben werden sollen.

 

Buch 2

 

Olaf Wagener: Forts in den Kolonien. See-Expeditionen der Niederlande und Schwedens im 17. und 18. Jahrhundert, NA Verlag, Oppenheim am Rhein 2019, ISBN: 978-3-96176-071-8, 20 EURO (D)

Dieses Buch stellt die kolonialen Unternehmungen der Niederländer und Schweden im 17. und 18. Jahrhunderts und insbesondere die von ihnen errichteten Kolonialforts vor. Es werden ausgewählte Forts aus den verschiedenen Kolonien betrachtet. Dabei handelt es sich im baulich besondere Anlagen oder eine Verbindung mit besonderen Ereignissen und Geschichten. Die kurzlebige Episode der Kolonie „Neu-Schweden“ in Nordamerika wird auch berücksichtigt. Die Ereignisse beruhen dabei durchgängig auf zeitgenössischen Quellen wie Logbüchern, Tagebüchern, Rechenschaftsberichten oder Briefen.

In einem historischen Hintergrund werden zunächst die Vereinigte Ostindische Kompanie und die Niederländisch-Westindische Kompanie vorgestellt, bevor dann die militärischen Aspekte der Forts und des Festungsbaus beleuchtet werden.

Bei den Forts werden neben den strategischen Gründen für den Bau die baulichen Unterschiede zwischen denen in den Kolonien und denen in Europa deutlich gemacht. Es werden auch die Weiterentwicklungen in der Bauweise und des Materials wie auch Schutz- und Befestigungsanlagen deutlich gemacht. „Letztlich richteten sich die Forts in den Kolonien gegen Einheimische, die in aller Regel kaum über Feuerwaffen oder gar Artillerie verfügten, und gegen Angriffe der europäischen Gegner von See aus bzw. gegen angelandete Truppen, die von Schiffsgeschützen unterstützt wurden.“ (S. 18)

Die nachfolgenden Kapitel sind nach geografischen Regionen geordnet. Zunächst werden die niederländischen Kolonialpraktiken in Nordamerika vor allem in „Nieuw Nederland“ und ebenso die schwedischen in „Neu-Schweden“ und deren Konflikte untereinander präsentiert. Anschließend geht es um die Kolonisation und den Forts in der Karibik mit dem Außenposten in Venezuela. Weiter geht es mit Kolonien in Südamerika mit einem Schwerpunkt auf Niederländisch-Brasilien. Es folgt die Atlantikküste Afrikas mit Fort Elmina als Zentrum des Sklavenhandels. Der Schwerpunkt Südafrikas als Zwischenstation auf dem Seeweg nach Ostindien bildet ein eigenes Kapitel. Das Buch wird mit Kolonien in Asien, speziell Indien und Südostasien, abgerundet. Innerhalb der einzelnen Kapitel werden immer wieder einzelne wichtige Persönlichkeiten vorgestellt wie der Admiral Michiel Adriaenszoon de Ruyter oder der Gouverneur Pieter Stuyvesant. Die Forte werden auf Originalkarten, Plänen und nachgezeichneten Abbildungen oder Grundrissen visualisiert.

Das Buch besteht neben einem knapp gehaltenen Überblick über niederländische und schwedische Kolonien aus 84 Abbildungen, die hauptsächlich Originaldokumente sind und Forts und geografische Karten visualisieren. Informationen über weiterführende Werke zu den einzelnen Kolonien finden interessierte Leser im Literaturverzeichnis. Die Kolonisation und deren oft mörderischen Folgen für die einheimische Bevölkerung wird nicht beschönigt und die militärische Sicherung der Eroberungen trefflich dargelegt. Nähere Information zum Autor sucht man jedoch vergebens.

 

Buch 3

Hans Mommsen: Die verspielte Freiheit. Aufstieg und Untergang der Weimarer Republik, Propyläen, Berlin 2018, ISBN: 978-3-549-07499-2, 42 EURO (D)

In diesem Buch beschreibt der Historiker Hans Mommsen, wie das Ende der Kaiserzeit das Experiment der Weimarer Republik beeinflusste und wie die von der Monarchie geerbten Konflikte weiterschwelten. Dieses neu aufgelegte Werk ist mit einem Nachwort von Detlef Lehnert versehen.

Mommsen beschreibt ausführlich die ungelösten politischen und gesellschaftlichen Konflikte, die letztendlich zum NS-Regime führten. Dabei verfolgt er die These, dass diese erste deutsche Demokratie keine reelle Chance hatte, sich zu etablieren. Dabei geht er auf die „Dolchstoßlegende“, dem schmerzhaften Ende des 1. Weltkriegs aus Sicht des Deutschen Reiches, das Leiden der Bevölkerung im und nach dem Krieg, die verschobenen Kräfteverhältnisse in Europa und die Mentalitätsgeschichte der Frühphase Weimars ein.

Der Friedensschluss in Versailles bildet einen Schwerpunkt. Der als „Schandfrieden“ oder als

„Diktat von Versailles“ in breiten Bevölkerungsschichten empfundene Friedensschluss und die Proklamierung dessen durch weite Teile der militärischen Elite und der politischen Rechten schuf den Nährboden der instabilen Republik, des wirtschaftlichen und politischen Niedergangs und der Inflation trotz der Hochphase der „Goldenen Zwanziger“. Mommsen kritisiert weiterhin die demokratischen Parteien der Weimarer Republik, den rechten und linken Kräften an den Rändern zu viel Entfaltungsspielraum gegeben zu haben, und die fehlende Stabilität der Regierungen.

Ob nun der im Anfang von Weimar schon das Scheitern enthalten war, ist diskutabel. Es geben sicherlich noch Entwicklungen oder andere Gründe, die speziell im Versagen der demokratischen Kräfte zu suchen sind, geben.

Dies sind die mangelhafte Sozialpolitik, das Auseinanderdriften der Klassen und auch die zu große Macht des Reichspräsidenten.

Die Rolle der Konservativen Revolution als Totengräber der Weimarer Republik kommt bei Mommsen etwas zu kurz. Die geistig-politische Strömung der deutschen Rechten formierte sich nach dem verlorenen 1. Weltkrieg und dem Zusammenbruch des Kaiserreiches 1918/19 in Abgrenzung zu der als reaktionär verachteten Monarchie und ihrer Repräsentanten sowie der verhassten Demokratie.  Die wichtigsten Vertreter der Konservativen Revolution waren Arthur Moeller van den Bruck, Carl Schmitt, Oswald Spengler, Edgar Julius Jung, Hans Freyer, Othmar Spann, Ernst Niekisch, Ernst Jünger und Hans Zehrer.

Oswald Spenglers geschichtsphilosophisches Werk „Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte“) ist dabei besonders erwähnenswert. Die Hauptthese Spengler lag darin, dass das „faustische Abendland“ sich angesichts der politischen Herausforderungen ihre geschaffene Kultur in den Zeiten des Zerfalls und der von ihm prophezeiten Untergangsphantasien bewahren müsse. Die abendländische Kultur, die er in Westeuropa und in Nordamerika hauptsächlich verortete, werde allmählich durch fremde Zivilisationen abgelöst. Spengler ging davon aus, dass die „russische Kultur“ diese Rolle übernehmen und die Geschichte des dritten Jahrtausends maßgeblich bestimmen werde. Es war von der Vorstellung geprägt, dass dem Abendland große Kämpfe um die Weltherrschaft bevorstünden.

Dieses Werk war eines der erfolgreichsten und meist diskutiertesten in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Sein Erfolg lässt sich damit begründen, dass es zu einem Zeitpunkt herauskam, als der Fortschrittsoptimismus durch ein gesellschaftliches Krisenbewusstsein verdrängt wurde. So traf es den Nerv der Zeit und lieferte zugleich eine universalgeschichtliche Perspektive mit einer Analyse der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbunden mit einer Herleitung historischer Analogien. Es wurde zu einem der wichtigsten geistigen Stützen der rechten Gegner von Weimar und zu einem Anknüpfungspunkt des Nationalsozialismus.

 

Buch 4

Jörn Staecker/Matthias Toplak: Die Wikinger. Entdecker und Eroberer. Propyläen, Berlin 2019, ISBN: 978-3-549-07648-4, 32 EURO (D)

Über Jahrhunderte hinweg verbreiteten die Wikinger Angst und Schrecken. Mit ihren bis zu dreißig Meter langen Schiffen segelten die Wikinger von ihrer Heimat Skandinavien aus bis nach Istanbul, Bagdad und Neufundland. Die Araber nannten die Wikinger heidnische Teufel, und auch für die Christen waren sie Paganos, Heiden. Von ihrer Heimat Skandinavien aus eroberten die Nordmänner fast die gesamte damals bekannte Welt und darüber hinaus: Vermutlich war es ein Wikinger, der als Erster seinen Fuß auf amerikanisches Festland setzte, fünfhundert Jahre vor Kolumbus.

Dieser Sammelband über die Wikinger, der von zahlreichen Autoren verfasst wurde, vereint die neuesten Erkenntnisse aus Archäologie, Geschichte und Naturwissenschaften und enthält 80 schwarz-weiß und 60 Farbabbildungen. Der Band will das stereotype Bild der Wikinger revidieren, Mythen hinterfragen und neue Aspekte aufzeigen: „Es ist die Archäologie, die auch nach fast 150 Jahren Forschung immer noch neue Erkenntnisse über die Wikingerzeit offenlegt und ein zunehmend komplexeres und in vielen Aspekten auch immer wieder überraschendes Bild der tatsächlichen Lebenswirklichkeit der Wikinger präsentiert.“ (S. 16)

Der Band stellt die Wikinger als Eroberer und Seefahrer, Künstler, Handwerker und Entdecker und Handelstreibende quer durch Europa und auf der Seidenstraße bis nach Asien vor. Sie werden als frühe „global players, die sich ebenso der Gefolgschaft slawischer Herrscher anschlossen oder mit der arabischen Welt Handel trieben, wie sie auf Raubzügen die eigenen Nachbarn überfielen und versklavten“, beschrieben. (S. 14) Außerdem werden die gesellschaftlichen Veränderungen, politischen und religiösen Veränderungen wie die Einbindung Nordeuropas in das europäische Mittelalter oder die Christianisierung des heidnischen Nordens dargelegt.

Nach einer Einführung über die Popularität der Wikinger folgt eine Gegenüberstellung von neueren archäologischen Quellen gegenüber schriftlichen Zeugnissen über die Wikingerzeit. Danach wird das Stammgebiet der Wikinger, darunter auch Haithabu vorgestellt. Anschließend geht es um Fragen der Rolle von Frauen in der Kriegsführung und Sklaventum. Handel und Expansionsbestrebungen, die Schiffsbaukunst und das Münzwesen der Wikinger kommen dann zur Sprache. Ihre Ausbreitung nach Osten bis an die Seidenstraße und ihre Berührung mit dem Islam werden danach thematisiert. Ihre Religion, Mythologie, Runensprache und Kunst folgen anschließend. Im Epilog geht es um die heutige Konstruktion der Wikingerzeit als nostalgisches Werkzeug, die Schaffung einer idealisierten Vergangenheit innerhalb einer unsicheren Gegenwart.

Wikinger kommt von dem altnordischen Wort vikingr und bedeutet wahrscheinlich Seekrieger. Im achten Jahrhundert hatten sich zahlreiche Verbände von Wikingern zusammengeschlossen, um Städte und Klöster in ganz Europa zu überfallen.

Bei den Wikingern handelte es sich aber nicht um einen einheitlichen Stamm, sondern um mehrere Formationen, die eine gemeinsame Sprache und Kultur vereinte. Ihre Vorfahren waren Germanen, die sich in Skandinavien niedergelassen hatten. Von 800 bis 1100 nach Christus bevölkerten sie die Küstenregionen von Dänemark, Schweden und Norwegen. Mitte des achten Jahrhunderts begannen die Wikinger mit ihren Eroberungsfeldzügen. Die Raubzüge der Wikinger begannen mit dem Kloster der Insel Lindisfarne an der Nordostküste Englands. Die Männer aus dem Norden stürmten sie im Jahr 793 nach Christus, rissen sich Gold, Silber und Edelsteine des Klosters unter den Nagel und machten deutlich, dass nun eine andere Zeit anbrach. Nach den Plünderungen in England wandten sich die Männer aus dem Norden Irland zu. Im Mittelpunkt ihres Interesses standen auch hier die Klöster, die für ihren Reichtum bekannt waren. Ein weiteres Ziel der Beutezüge waren Menschen: Als Sklaven konnten sie sie entweder selbst gut gebrauchen oder verkaufen.

Vermutlich waren Überbevölkerung und Ressourcenknappheit Gründe, warum sie ihre Heimat Skandinavien verließen und auf Raubzug gingen.

Die meisten Wikinger waren Bauern. Einige arbeiteten auch als Handelsleute. Das zeigt Haithabu in Schleswig-Holstein: Der durch die Schlei mit der Ostsee verbundene Ort war ein bedeutendes Handelszentrum der Wikinger. Die günstige Lage des Ortes machte ihn zum Umschlagplatz für den ganzen nordeuropäischen Raum und verband Nord- und Ostsee. Haithabu gilt als eine der ersten Städte Nordeuropas. Mit dem Voranschreiten des Christentums endete das Zeitalter der Wikinger, da sie sich zum christlichen Glauben bekannten und ihre Kultur damit unterging.

Die Wikinger waren nicht nur Handelsmacht, sondern auch geschickte Seefahrer. Ihre herausragende Schiffsbaukunst trug wesentlich zum Erfolg ihrer Raubzüge bei. Sie bauten die damals besten Schiffe Europas. Gefürchtet war das bis zu dreißig Meter lange, wendige Langschiff oder Drachenschiff, das sie als Kriegsschiff einsetzten. Dies bescherte den Wikingern einen entscheidenden Vorteil: Ihre Schiffe lagen so tief im Wasser, dass sie keinen Hafen benötigten. Vom Land aus waren sie fast nicht zu sehen. Wurden sie entdeckt, war es meist zu spät für Abwehrmaßnahmen. So konnten die Wikinger nahezu ungehindert an Land stürmen und sich ihrer Beute bemächtigen.

Die Entdeckungen der Wikinger werden ebenfalls erwähnt: Leif Eriksson war es auch, der von Grönland aus weiter westwärts fuhr. Dort entdeckte er ein Land, das er Vinland nannte. Vermutlich handelte es sich dabei um die Küstenregion Neufundlands und Labradors. Er war somit der erste Europäer, der nordamerikanische Erde betrat.

Die Isländersagas und das Liederbuch Edda übermitteln einen Eindruck von der Glaubenswelt der Wikinger: Sie verehrten zahlreiche Götter, von denen Thor, der Donnergott, zu den mächtigsten zählt. Sein Hammer war ein beliebtes Schmuckstück.

Auch die Kunst der Wikinger ist durchaus erwähnenswert: Vor allem Holzschnitzereien an den großen Wikingerschiffen waren in Mode. Besonders beliebt war dabei das Greiftier, eine Mischung aus Löwe, Schlange und Drache, das Kraft symbolisierte und Schutz spenden sollte. Sie bauten auch Kirchen: Für die aus Holz erbauten Stabkirchen verwendeten sie vor allem Elemente ihrer Schiffsbaukunst.

Dies ist ein Sammelband von führenden Experten, die die aktuellsten Forschungsergebnisse zusammenfassen. Zu Recht wird die Wikingerzeit mit ihren Entdeckungsfahrten und ihrem Kommunikations- und Handelsnetzwerk in dem Band als eine „Art historische Globalisierung“ (S. 396) bezeichnet. Viele Stereotype werden durch neuere Forschungsergebnisse durchbrochen, auch in Geschlechterkonstruktionen und eine realistische Sichtweise angeboten, die der globalen Faszination für die Wikinger entgegenstehen.

 

Buch 5

 

Karl-Heinz-Göttert: Als die Natur noch sprach. Mensch, Tier und Pflanze vor der Moderne, Reclam, Ditzingen 2019, ISBN: 978-3-15-011204-5, 30 EURO (D)

In diesem Buch beschäftigt sich der Literaturwissenschaftler Karl-Heinz-Göttert mit der Frage, ob es überhaupt möglich ist, in Zeiten der Umweltzerstörung und des Klimawandels zurück zur Natur vergangener Zeiten zu finden. Dazu analysiert er die Vorstellungen der Vormoderne über Mensch, Tier und Pflanzen und beschäftigt sich dabei mit dabei vornehmlich mit den Intellektuellen aus verschiedenen Zeitepochen und zeigt dabei 45 Abbildungen.

Die Geschichte der Vorstellungen von der Natur vor dem Einsetzen der Moderne wird dabei kritisch durchleuchtet: „Es ist keine verbissene Abrechnung mit einer peinlichen Vergangenheit, ‚Mutter Natur‘ war keine schlechte Idee, sondern ganz im Gegenteil ein Lehrbeispiel für die Stärke eines Denkens, an dem mehrere Kulturen – die klassisch-antike, die arabische und die der christlichen Nationen – mitgewirkt haben. Im Glauben an oder im Vertrauen auf den mit ihr verbundenen ‚Sinn‘, den sie im ‚Sprechen‘ enthüllte, lag eine emotional äußerst befriedigende Antwort auf die Frage, wie man mit und in dieser Natur leben kann. Aber das alles war eben verbunden mit erschreckender Hilflosigkeit, mit starrem Verharren auf unhaltbaren Positionen. In der Vorstellung von Mutter Natur zeigen sich auch Irrtümer und Illusionen. (…) Und es wäre mehr als bedenklich, ohne nähere Kenntnis um die Folgen an dasjenige erneut anzuschließen, was die Moderne glücklich überwinden konnte.“ (S. 8)

Im Folgenden wird die Zeit vor der Moderne und ihre Denker und Folgerungen dargestellt. Unterteilt in die Kapitel Antike, Mittelalter und Frühe Neuzeit werden die Vorstellungen über die Natur anhand von bekannten Denkern präsentiert. Dabei begegnet man die Vorstellung von Aristoteles über Tiere und Pflanzen, die Thesen von Paracelsus, die religiöse Deutung von Erdbeben oder anderer Naturkatastrophen, medizinische Experimente in der Frühen Neuzeit und natürlich auch die Auseinandersetzung mit Hildegard von Bingen.

Dabei deckt Göttert manchen Irrtum, manche Illusion auf, die heutzutage nur noch ein Schmunzeln auslöst.

Andererseits beschäftigt er sich nicht mit althergebrachten Heilmitteln aus der Natur, die in der Bevölkerung von Generation zu Generation weitergegeben wurde, sondern meist nur mit bekannten Vordenkern. Seine Herangehensweise zeigt auch überliefertes Wissen, das bis heute angewandt wird. Leider geht er meist nur auf die Vorstellungen von der Natur im europäisch-arabischen Kontext und beiläufig auf das Denken im Rest der Welt ein. Vor allem die Vorstellungen indigene Formationen, die im Einklang mit der Natur lange Zeit lebten, wären hier spannend gewesen.

 







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