KRIEGSSCHULD?


Bildmontage: HF

28.09.19
KulturKultur, TopNews 

 

Kurzer historischer Rückblick zum Ersten Weltkrieg.

Von Richard Albrecht

Wer einen hundert Jahre später erschienenen thematisch wichtigen linken Sammelband zum "ersten großen Weltfest des Todes" (Thomas Mann) in der imperialistischen Periode liest, findet diese einleitenden Hinweise[1]:

„Bei aller Notwendigkeit, jeden Krieg für sich und unter seinen spezifischen Bedingungen zu  erfassen“ heißt es im Hg.-Vorwort, in dem auch die Bedeutung des Ersten für den Zweiten Weltkrieg angesprochen wird, „fehlte und fehlt so oft bei den Publikationen das Denken im Kontext und historischen Verlauf. Kriege haben seit Jahrhunderten unermessliches Leid über die Menschheit gebracht. Hinter vorgeblich hehren Zielen wurden sie fast immer wegen politisch-strategischer und wirtschaftlicher Interessen geführt. [...] Für viele Schriftsteller und Künstler war insbesondere der [Erste] Weltkrieg ein traumatisches Erlebnis, das eine existentielle Bedeutung für das eigene Leben,  aber auch das künstlerische Schaffen bedeutete. Auf diese Zusammenhänge wird in vielen Beiträgen des Bandes eingegangen, insbesondere in denen, die sich mit der künstlerischen Be-und Verarbeitung  der Kriege befassen."

Im Band gibt es über so gefaßtes Allgemeines hinaus auch einen theoriegeschichtlichen Text zur Bedeutung des Ersten Weltkriegs von Jost Hermand: „Imperialistische Stimmungsmache vor 1914“[2].

In diesem Leitaufsatz erinnert der Autor an das, was im Vorwort plakativ als erste große oder Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts aufscheint, und gibt zugleich ein auch geschichtstheoretisch   ausgewiesenes Beispiel für Analyye und Darstellung der Dialektik von Allgemeinem und Besonderen. Der Autor, der auch auf eigene Studien der letzten fünf Jahrzehnte, imperialistische und faschistische Propagandatexte und wichtige wissenschaftliche Studien von Fritz Fischer, Willibald Gutsche, Reinhard Opitz, Helmuth Plessner und anderen verweist, faßt die sechs Kapitel seiner tour d´horizon im Ausblick so zusammen:

„Bedeutende deutsche Geisteswissenschaftler […] entblödeten sich nicht, diesen Krieg als ´Deutschlands europäische Sendung´, als ´Mobilmachung der Seelen´, als ´Deutschlands Weltberuf´, als ´Krieg der Helden gegen die Krämer und Händler´, als ´Gotteskampf´ […] , hinzustellen, ohne zu erkennen, daß dieser angebliche Kreuzzug des deutschen Geistes gegen den materialistischen  Ungeist des ´Westens´ letztlich ein imperialistisch motivierter Raubkrieg war, den die wilhelminischen Führungsschichten im Herbst 1914 höchst bewußt vom Zaun gebrochen hatten, um dem Deutschen Reich endlich die von ihm erhoffte Machtposition in Europa, wenn nicht gar in der Welt zu verschaffen.“ Zugleich erinnert Hermand an jene Zeit, in der „in fast allen europäischen

Staaten ein  propagandistisch aufgebauschter Imperialismus herrschte, der sich in einer rücksichtslosen Machtpolitik äußerte.“

Ausblickend betont Jost Hermans jenseits allen so abstrakt-sakralen Schuldgeredes und seinem Sühnesyndrom mit Blick auf die politikgeschchtliche Verantwortung Lenin-Liebknecht- Luxemburg-compatibel[4]: Das Deutsche Reich war nicht allein „am Ersten Weltkrieg schuldig. Die eigentliche Schuld war eher systemimmanent und geht letztlich auf jenen ´Imperialismus´ zurück, der sich geradezu zwangsläufig aus der kapitalistisch geführten Industrialisierung und all ihren Folgeerscheinungen ergab“. Und – so Jost Hermand weiter – solange es diesen und „die  dahinter stehenden wirtschaftlichen und finanzpolitischen Interessen“ gibt und „diese nicht gezügelt werden, wird es auch weiterhin Kriege geben.“

 

[1] Heidi Beutin, Wolfgang Beutin, Heinrich Bleicher-Nagelsmann, Herbert Schmidt, Claudia  Wörmann-Adam (Hg.): „Das Denken der Zukunft muß Kriege unmöglich machen". Der Krieg in Kunst, Literatur und Wissenschaft. Mössingen: Talheimer, 2015, 294 Seiten, ISBN 9783-89376-164-7.

 

[2] Beitrag von Jost Hermand wie Anm. 1.

 

[3] Richard Albrecht, Jost Hermand. Vom Kunsthistoriker zum Nationalismus. Über die Entwicklung eines Gelehrten; in: Auskunft, 33 (2013) I: 143-157.

 

[4] Richard Albrecht, „Rußland und einige Probleme des Sozialismus”. Ernst Blochs Kritik der Politik der  Bolschewiki im ersten schweizerischen Exil 1918/19; in: Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte, 109 (2015): 269-276.

 

 

(c) Autor (2019)







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