Neuerscheinungen Politik und Gesellschaft


Bildmontage: HF

21.09.19
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Harald Welzer: Alles könnte anders sein. Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen, S. Fischer, Frankfurt/Main 2019, ISBN: 978-3-10-397401-0, 22 EURO (D)

Harald Welzer bringt in diesem Buch seine Gedanken zu Papier, wie eine gute Zukunft im 21. Jahrhundert aussehen könnte. Durch eine Gesellschaftsutopie möchte er eine zeitgemäße soziale Bewegung schaffen, die Gerechtigkeit in ökologischer wie ökonomischer Hinsicht sorgen würde.

Zu Anfang des Buches beschreibt er, warum die Menschen in dieser Ordnung mitlaufen und diese ertragen, aber im Allgemeinen nicht bereit sind, neue Wege zu gehen.

Dann kommt er auf die heutigen Probleme zu sprechen: Dabei geht er auf den Kapitalismus und seine innewohnende Gier ein, der mit seinen Wachstumsraten schuld ist an der ökologischen Katastrophe.  Die Aussicht auf noch mehr Geld und Gewinn, kurzfristiges Glück und das Fehlen von nachhaltigem Denken sollen durch eine Denkrevolution angegangen werden.Gleichzeitig schlägt er neue Entwürfen und Ideen für die Zukunft im Zusammenleben der Menschen vor und schildert Formen der Interventionsmöglichkeiten.

Dies alles erinnert ein wenig an den Weltbestseller Small ist Beautiful des britischen Ökonomen Ernst Friedrich Schumacher aus dem Jahre 1973.[1] Der Technikgläubigkeit seiner Zeit setzte er eine Wirtschaftsweise entgegen, in der Ethik und Moral ihren Platz hätten und in der die Ökonomie wieder ins Soziale eingebettet sei. Gigantismus, das ständige Streben nach mehr Reichtümern und unbegrenztes Wachstum repräsentierten keine menschlichen Grundbedürfnisse, stattdessen forderte er eine Rückkehr zum menschlichen Maß. Eine immer intensivere Vernetzung, immer bessere und schnellere Technik sowie eine immer stärkere Spezialisierung mache die Gesellschaft anfällig für Störungen aller Art und führe oftmals zu Entscheidungen, die von jeglicher Moral losgelöst sind.

 

Welzer entwirft ein utopisches Szenario, um im Kopf eine Vorstellung davon zu schaffen, wie es sein sollte. Als Belohnung dafür winkt dann. Die Belohnung, Veränderungen anzupacken, wäre eine lebenswerte Zukunft, die man zusammen schaffen kann. Ganz so einfach ist dies jedoch nicht. Es braucht schon mehr als eine imaginäre Vorstellung für die Überwindung von Hindernissen, die politische und ökonomische Interessengruppen bilden und dem entgegenstehen. Das Wichtigste im Buch ist die Motivation, dass aus Utopien auch mit der Zeit reale Gegebenheiten werden können. Und Utopien sind allemal besser als Dystopien.

 

Buch 2

Dietrich Krauss (Hrsg.): Die Rache des Mainstreams an sich selbst. 5 Jahre »Die Anstalt« - mit Max Uthoff, Claus von Wagner, Mely Kiyak, Norbert Blüm, HG Butzko, Gabriele Krone-Schmalz und vielen anderen, Westend Verlag, Frankfurt/Main 2019, ISBN: 9783864892479, 20 EURO (D)

Die Sendung „Die Anstalt feiert in diesem Jahr ihren fünften Geburtstag und hat sich inzwischen als eine satirische Institution im deutschen Fernsehen und der Medienwelt insgesamt etabliert. Scharfer Humor bis an die Grenze und nach Meinung mancher Kritiker darüber hinaus über aktuelle politische und gesellschaftliche Themen wird dabei transportiert. Sie gilt als eine der erfolgreichsten Satiresendungen im deutschen Fernsehen und ist die Nachfolgeproduktion von „Neues aus der Anstalt“. Dem dreiköpfigen Autorenteam gehört neben Max Uthoff und Claus von Wagner der Journalist und Kabarettredakteur Dietrich Krauß an, der das Buch herausgibt.

Neben ihren Machern Max Uthoff und Claus von Wagner selbst schreiben Kollegen, Kritiker, Medienwissenschaftler, Kolumnisten und Politiker über das Phänomen, Ziele und Höhepunkte der Sendung: „Zum Jubiläum öffnet auch diese Anstalt ihre Tore und gewährt Einblicke in ihre Arbeit, in die Debatten und Begegnungen rund um die Sendung: Künstlerkollegen berichten von der Arbeit im Anstaltsensemble, Gäste erzählen die ganze Geschichte zu besonderen Anstaltsmomenten, wie dem Auftritt des Flüchtlingschors oder dem Besuch aus Griechenland. Wissenschaftler erläutern die Anstaltsthemen, wie transatlantische Lobbys und wie sie satirisch verarbeitet wurden. KritikerInnen reflektieren über das Verhältnis von Journalismus und Satire im Allgemeinen und der Anstalt im Besonderen. Und auch die Macher unternehmen den Versuch, zur Abwechslung mal in eigener Sache aufzuklären.“ (Vorwort)

Dies alles geschieht in eigenen Beiträgen. Am Ende des Buches findet man noch eine Chronologie der Sendung in Kurzform.

Das Jubiläum wird genutzt, um einen bisweilen kritischen Rückblick über die Sendung zu diskutieren. Fans erfahren Hintergründiges zur Sendung und auch mehr über die darstellenden und planenden Personen. Der Zustand des Journalismus in der BRD wird hier zu kritisch betrachtet, er ist oft besser als sein Ruf, wenn der Boulevard und der Springer-Verlag aus der Bewertung ausgenommen werden.

 

Buch 3

Franz Alt/Helfried Weyer: Unsere einzige Erde, Patmos, Ostfildern 2019, ISBN: 978-3-8436-1140-4, 28 EURO (D)

Der Fernsehjournalist und Buchautor Franz Alt setzt sich in diesem Buch für ein neues ökologisches Bewusstsein und der Bewahrung der Schöpfung ein. Dabei stellt er nicht nur die Bedrohung der Schönheiten der Erde vor, sondern auch Rettungsstrategien, bevor es bald zu spät ist. Dies wird von Panoramafotos von Natur und Landschaften von Helfried Weyer visualisiert.

Im ersten Abschnitt des Buches warnt Alt vor den Folgen der Klimakrise: „Die Klimakatastrophe wird Verwüstungen und Klimakriege zur Folge haben, die außerhalb unseres bisherigen Vorstellungsvermögens liegen. (…) Die Klimaveränderung hat nicht nur ökologische, sondern auch soziale Auswirkungen. In einzelnen Regionen werden die landwirtschaftlichen Erträge schon in zehn Jahren um 50 Prozent zurückgehen.“ (S. 36) Dabei bemüht er die Schöpfungsgeschichte, um die ökologische Verantwortung anzugehen.

Danach beschreibt er die Lehren aus der Vergangenheit und seine Vorschläge zur Überwindung der Klimakrise, vor allem durch ein beginnendes Solarzeitalter.

Nach der Gegenwart und der Vergangenheit schaut er hoffnungsvoll in die Zukunft und appelliert an das theologische Gewissen: „Vor allem Jesus und Buddha sind Wegbereiter einer globalen ökologischen Ethik, ohne die sich nichts wesentlich ändern wird. Im Geist des ökologischen Jesus müssen freilich nicht alle Umweltschützer Christen sein, wohl aber alle Christen Umweltschützer sein. (S. 134)

Zwischen den Kapiteln des Buches sind die Bilder von Helfried Weyer zu sehen, die mit christlichen Zitaten und Thema sowie Ort der Aufnahme begleitet werden. Im Anhang findet man noch ein Literaturverzeichnis, einen Textnachweis und Informationen zu Autor und Fotograf.

Dies ist ein Beitrag aus theologischer Sicht zur Klimakatastrophe. Er besticht durch viele Fakten, trägt aber keine apokalyptische Züge, sondern macht Hoffnung, durch Entgegensteuern der Klimakrise zu begegnen. Jeder Einzelne kann seinen Beitrag leisten. Das Buch lebt aber vor allem von den wunderschönen Landschaftsaufnahmen von Helfried Weyer.

 

Buch 4 

Andreas G. Weiß: Trump- Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Was wir nie für möglich hielten, hat uns schon verändert, Patmos Verlag, ISBN: 978-3-8436-1139-8, 24 EURO (D)

Der Theologe und USA-Experte Andreas G. Weiß zeigt in diesem Buch die Hintergründe auf, die den Aufstieg und die Herrschaft Trumps möglich gemacht haben. Dabei nennt er immer wieder die US-amerikanische »Zivilreligion« mit ihrem quasi-religiösen Patriotismus sowie die Rolle wirtschaftlicher Erfolgsstorys für die US-amerikanische Gesellschaft.

Das Konzept der „Zivilreligion“ als analytisches Konzept eignet sich zur Beschreibung bestimmter religiöser Einstellungen, die von den meisten Mitgliedern der Gesellschaft geteilt werden. Zivilreligiöse Einstellungen werden mit Hilfe verschiedener Symbole ausgedrückt, zu denen neben nationalen Symbolen, z.B. der amerikanischen Flagge, auch Symbole mit stark biblischer Konnotation gehören. Diese „zivilreligiösen“ Symbole treten vor allem im öffentlichen Raum auf und weniger in den eigentlichen religiösen Räumen der verschiedenen amerikanischen Religionsgemeinschaften. Besonders hervorzuheben ist die Benutzung von „zivilreligiösen“ Symbolen in der politischen Rhetorik: Elemente der US-amerikanischen Zivilreligion sind der häufige Bezug zu Gott in Politikerreden. Aber auch die häufige Erinnerung und Ermahnung, dass die Vereinigten Staaten von Amerika für bestimmte Werte stehen, die von allen Amerikanern angeblich geteilt werden, können als „zivilreligiös“ angesehen werden, da hierdurch ein ideelles Selbstbild der amerikanischen Gesellschaft zum Ausdruck kommt. Weitere Elemente einer solchen Religion sind für ihn die amerikanische Geschichtsdeutung, die oft starke Parallelen zum Alten Testament hat, mit den USA als New Israel (God’s own nation), und der Unabhängigkeits- und Grundsatzerklärung analog zu den Zehn Geboten. Teil eines zivilreligiösen Ritus sind für ihn auch die dazugehörigen Feiertage.

Es gebe auch aus dem konservativen Lager Gegenwind: Dies musste der Präsident besonders durch den nicht geplanten Widerstand katholischer Bischöfe zu seinen Einwanderungsdekreten schmerzlich bemerken: Nachdem Trump das Aus für Obamas „Deferred Action for Childhood Arrivals“ (DACA) verkündet hatte und damit dem besonderen Schutz für Kinder von illegal in die USA eingewanderten Familien eine Deadline von sechs Monaten setzte, kam es zu Protestaktionen. Der Erzbischof von New York, Kardinal Timothy Dolan, stellte öffentlich gegen die Pläne von Donald Trump und mit ihm weite Teile der katholischen Amtskirche, aber auch zahlreicher Gläubigen in den USA.

Weiß‘ Deutung des Erfolg von Trump und seiner Politik ist eine mögliche Lesart. Ein wichtiger liegt auch im Versagen der Demokraten unter Obama, was die Basis von Trumps aufstieg war. Die Wirtschaftskrise hatte für normale Leute weitgehende Folgen: Gewöhnliche Bürger erfahren, dass die Struktur unter ihnen zusammenbricht und in der der amerikanische Traum zu Ende geträumt ist. Ferner berichtet er vom Verlust geregelter Arbeit, Schulden, Armut großer Teile der Bevölkerung und wachsender Klassengegensätze, und von den Eliten und der politische Klasse, die sich um sich selbst dreht und die das Vertrauen bestimmter Bevölkerungskreise verloren hat.

Es war eine Zeit, in der die liberalen Hoffnungen sanken und das neu gestärkte rechte Lager sich von Triumph zu Triumph berauschte. Die Demokraten kontrollierten beide Häuser des Kongresses zusätzlich zur Präsidentschaft, nach ihren Versäumnissen saß Donald Trump im Oval Office und die Republikaner hatten eine fast nie dagewesene Macht über das politische System der USA eingenommen. Dies hätte Weiß eingehender analysieren und in seine Reflektion über Trumps Aufstieg einbauen müssen.

 

Buch 5

Lorenz Jung (Hrsg.): C.G. Jung. Archetypen. Urbilder und Wirkkräfte des kollektiven Unbewussten, Patmos Verlag, Ostfildern 2018, ISBN: 978-3-8436-1088-9, 19 EURO (D)

C.G. Jungs Ideen, Begriffe und Theorien sind bis heute weit verbreitet und haben sich vielfach bewährt. Seine Ideen kamen aus der Welt der Symbole, aus den Träumen und Mythen. Jung ging mit seinen Nachforschungen einen langen Weg von der Phantasie zur Realität und vereinte die menschliche Psychologie mit ihrem wahren Selbst und seiner alten Geschichte.

In diesem Band werden die wichtigsten Schriften Jungs zu Archetypen und ihrer Bedeutung gesammelt dargestellt. Dies sind folgende Werke: „Über die Archetypen des kollektiven Unbewussten“ aus dem Jahre 1934, Auszüge aus „Der Begriff des kollektiven Unbewussten“ aus dem Jahre 1936, „Die psychologischen Aspekte des Mutterarchetypus“ aus dem Jahre 1938, „Zur Psychologie des Kindarchetypus“ aus dem Jahre 1940, „Zum psychologischen Fall der Korefigur“ aus dem Jahre 1941 und „Die Psychologie der Tricksterfigur“ aus dem Jahre 1954. Im Anhang findet man noch eine Bibliografie der genannten Werke, einen Quellennachweis, ein Verzeichnis der Gesammelten Werke und ein Namensregister.

Nach Jung sind Archetypen universell vorhandene Strukturen in der Seele aller Menschen, unabhängig von ihrer Geschichte und Kultur. Sie können sich im Einzelnen und in Gesellschaften unterschiedlich realisieren. Jung fiel auf, bestimmte archetypische Motive, in Träumen moderner Personen, welche keinerlei Kenntnisse der Alchemie haben, auftreten können. Seine Beschäftigung mit Mythen, Märchen und Vorstellungsbildern aus unterschiedlichen Zeiten und Kulturen, die nicht voneinander beeinflusst worden waren, brachten ihn zu der Erkenntnis, dass gewisse Ideen fast überall und zu allen Zeiten vorkommen und sich sogar spontan von selber bilden können, gänzlich unabhängig von Migration und Tradition.

Sie werden nicht vom Individuum gemacht, sondern sie passieren ihm. Dabei ging er von typischen Formen, die spontan und mehr oder weniger universal, unabhängig von Tradition, in Mythen, Märchen, Phantasien, Träumen, Visionen und Wahngebilden auftreten, aus Er nannte diese Gemeinsamkeiten Archetypen, denen im Individuationsprozess vieler seiner Patienten eine besondere Rolle zukäme. Dieses Material und vor allem seine Bedeutung für die Kultur und den Einzelnen setzte er in Verbindung mit den Entwicklungsprozessen seiner Patienten.

Die Lehre von den Archetypen ist entscheidend für Jungs analytische Psychologie, die auch heute noch sehr viel Resonanz erfährt. Somit ist bei der Beschäftigung mit seiner Lehre das Verständnis der Archetypen erforderlich, so dass das Buch alle diejenigen ansprechen soll, die sich intensiv mit Jungs Psychologie und Philosophie auseinandersetzen wollen. Für Neueinsteiger wäre eine Einleitung über Jungs Leben, Lehre und Wirken notwendig geworden und eine Zeittafel am Ende des Buches hätte die Einordnung seiner Schriften erleichtert.

&nb


[1] Schumacher, E.F.: Die Rückkehr zum menschlichen Maß. Alternativen für Wirtschaft und Technik (Small is Beautiful), Reinbek 1977; veränd. Neu-Auflage Heidelberg 2001







<< Zurck
Diese Webseite verwendet keine Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz