Neuerscheinungen Pädagogik und Psychologie

18.09.20
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Torsten Linke: Sexuelle Bildung in der Kinder- und Jugendhilfe. Die Bedeutung von Vertrauenskonzepten Jugendlicher für das Sprechen über Sexualität in pädagogischen Kontexten, Psychosozial-Verlag, Gießen 2020, ISBN: 978-3-8379-2944-7, 49,90 EURO (D)

In dieser an der Universität Kassel angenommenen Dissertation im Fachbereich Humanwissenschaft geht es um die Möglichkeiten und die Bedeutung sexueller Bildung im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe. Torsten Linke untersucht, wie eine vertrauensvolle Arbeitsbeziehung im sozialpädagogischen Alltag entsteht und welche Anforderungen sich hierdurch an pädagogische Fachkräfte ergeben. Das Erkenntnisinteresse richtet sich dabei auf Jugendliche als zu untersuchende Gruppe und Arbeitsfelder der Jugendhilfe, speziell die Jugendarbeit und Hilfen zur Erziehung.

Im ersten Teil der Arbeit werden der aktuelle Forschungsstand und das Ziel der Arbeit behandelt. Es folgt eine theoretische Gründung und eine Auseinandersetzung mit den zentralen Thematiken bezüglich des Untersuchungsanliegens unter Einbeziehung vorliegender Forschungsergebnisse. Danach werden die Anlage und die Durchführung der empirischen Untersuchung auch in Bezug auf forschungsmethodische und forschungsethische Fragen dargelegt. Dann werden die Ergebnisse der empirischen Untersuchung präsentiert und ausgewertet. Im letzten Teil geht es um Schlussfolgerungen und eine Einordnung in den pädagogischen Kontext.

Die durch Interviews gewonnenen empirischen Erkenntnisse sind die folgenden: Jugendliche berichten von Erfahrungen mit formalen, non-formalen und informellen Angeboten, in denen mit ihnen vonseiten pädagogischer Fachkräfte über Sexualität gesprochen wird. Das Sprechen über Sexualität wird von dabei von zwei entscheidenden Faktoren beeinflusst. Erstens einem vorliegenden Bedarf hinsichtlich eines sexuellen Themas aufseiten der Jugendlichen und zweitens ihrem individuellen Vertrauenskonzept zu pädagogischen Fachkräften und Institutionen. Das Vertrauenskonzept bezog sich auf die drei theoretischen Formen von Vertrauen (Systemvertrauen, spezifisches Vertrauen, persönliches Vertrauen), das jedoch individuell unterschiedlich ausgeprägt ist. Diese unterschiedliche Ausprägung bezieht sich auf die konkreten Erfahrungen der Jugendlichen mit der Jugendhilfe, wobei insbesondere die Ebene des persönlichen Vertrauens von Bedeutung ist. Es zeigte sich, dass sich dieses Vertrauenskonzept in einem Prozess bildet und sich bestimmte Faktoren benennen lassen, die Vertrauen in die Jugendhilfe fördern können. Auf der Ebene der personalen Faktoren zeigte sich, dass Jugendliche an pädagogische Fachkräfte deutlich Kommunikationsbedarf über Sexualität richten und dass die hierfür entscheidenden Vertrauenskonzepte sehr heterogen ausfallen.

Die Jugendhilfe sollte für die besondere Vulnerabilität Jugendlicher sensibel sein und insbesondere Tabuisierungen, Bagatellisierungen und Diskriminierungen hinsichtlich Sexualität in den Blick nehmen. Außerdem sollten die individuellen Bedürfnisse der Jugendlichen berücksichtigt und ihnen ernst gemeinte Möglichkeiten der Partizipation und bei der Gestaltung ihres Lebens eingeräumt werden.

Die Arbeit ist ein Gewinn für die Praxis der sozialen Arbeit und der sexuellen Bildung und Beratung. Es ergeben sich auch Anhaltspunkte für die (künftige) Ausbildung professioneller Fachkräfte. Inwieweit es eine spezielle Ausrichtung der Jugendhilfe auch in kultureller Hinsicht angesichts einer realen interkulturellen Gesellschaft in der BRD geben sollte, ist eine spannende Frage.

Buch 2

Frauen* beraten Frauen* (Hrsg.): Freiheit und Feminismen. Feministische Beratung und Psychotherapie, Psychosozial-Verlag, Gießen 2020, ISBN: 978-3-8379-2942-3, 39,90 EURO (D)

Anlässlich des 40jährigen Bestehens des Vereins Frauen* beraten Frauen* erscheint dieser Band über das Thema Freiheit aus feministischer Perspektive. Dabei stehen folgende Fragen im Mittelpunkt? Wie können wir Freiheit leben, wenn unsere Gegenwart so voll ist von Pflichten, Normen, Zwängen und Gewalt? Wie können wir in Beratung und Therapie das Begehren nach Freiheit wecken, stärken, verwirklichen? Wie schaffen wir eine gute Balance zwischen Autonomie und Angewiesenheit, Freiheit und Bindung? In diesem Sammelband werden die komplexen Zusammenhänge zwischen Freiheit und Feminismen aus philosophischer, politischer, beraterisch-therapeutischer und literarischer Sicht in Texten von Mitarbeiterinnen von Frauen* beraten Frauen* und Gastautorinnen beleuchtet.

Kaum ein anderer Begriff ist so umkämpft und Thema von Abhandlungen, die wahrscheinlich in die hunderttausende gehen. Die Beiträge bieten sowohl einen individuellen als einen historischen Rückblick bzw. Entwicklungslinien der Arbeit des Vereins in den letzten Jahrzehnten. Es werden dabei der Begriff der Freiheit mit Inhalten gefüllt, deren Hindernisse und die Pervertierung von Freiheit bzw. die Diskurspiraterie von extrem rechter und kapitalistischer Seite angeprangert. Die Klammer der Texte sind das Verständnis von emanzipatorischer Beratung als Aufklärungsräume und Gegenentwürfe zu Teilen der gesellschaftlichen Praxis: „Feministische Beratung ist kein Training der besseren Anpassung an krankmachende Verhältnisse, sondern eine Praxis der Freiheit.“ (S. 12) Autonomie, Solidarität und Selbstwert sind dabei Schwerpunkte. Die Situation von migrierten Frauen, zudem noch mit nicht-weißer Hautfarbe, ist jedoch deutlich unterrepräsentiert.

Die Texte sind eine Möglichkeit der Reflexion über bestehende Zustände, in denen Feminismus zwar einige Verbesserungen erreicht hat, aber längst noch nicht ein Ideal der Gleichberechtigung erreicht hat. Aber auch eine Bestandsaufnahme der eigenen Arbeit, zukünftigen Schwerpunkten und Zielen, was auch Anregungen der Autorinnen mit einem „Außenblick“ zeigen.

Buch 3

Pieter Loomans (Hrsg.): Licht und Schatten der Meister. Karlfried Graf Dürckheims Propagandatätigkeit und C. G. Jungs Thesen in der NS-Zeit, Psychosozial Verlag, Gießen 2020, ISBN: 978-3-9379-2890-7, 36,90 EURO (D)

Dieser Band ist das Ergebnis einer Tagung in Todtmoos 2017, in dem eine Aufarbeitung der Verstrickungen bzw. das Verhältnis zum Nationalsozialismus von Karlfried Graf Dürckheim und C. G. Jung stehen. Karlfried Graf Dürckheim. Psychotherapeut und Zen-Lehrer, begründete zusammen mit Maria Hippius die Initiatische Therapie. Schon im November 1933 unterzeichnete er das Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler. Er wurde er als assoziierter Mitarbeiter der Presseabteilung des Auswärtigen Amts 1938–1939 und 1940–1945 nach Japan geschickt. In dieser Zeit machte er auch nationalsozialistische Propagandaarbeit in Japan. Am Geburtstag Adolf Hitlers 1942 hielt er eine zweistündige Rede zum Thema vor dem deutsch-japanischen Kulturinstitut in Kumamoto. Kritiker C. G. Jungs werfen ihm Sympathie mit Aspekten des Nationalsozialismus und einen naiven Umgang mit Antisemitismus vor.

Der Band dokumentiert „intellektuelle und zum Teil auch affektive Reaktionen und (…) erste Verarbeitungsschritte der bitteren Tatsache, in den unliebsamen Besitz eines bis dahin nicht gekannten, weil vom Erblasser und einigen seiner Getreuen streng unter Verschluss gehaltenen Erbteils gelangt zu sein.“ (S. 9) Es ist von heutigen Psychotherapeuten und Psychologen verfasst, die die Schatten-Aspekte von Graf Dürckheim und C.G. Jung herausarbeiten, die in vielerlei Hinsicht Vorbild für Generationen ihres Berufsstandes waren.

Eingeleitet wird diese Auseinandersetzung mit dem Beitrag des Historikers Hans-Joachim Bieber über Graf Dürckheims Wirken in der NS-Zeit. Pieter Loomans setzt sich danach kritisch mit dem Meister-Schüler-Verhältnis auseinander. Danach unternimmt Rüdiger Müller den Versuch, die nationalsozialistische Periode Graf Dürckheims in ein psychologisch plausibles Ablaufs- und Entwicklungsgeschehen seiner Lebensgeschichte einzuordnen. Anschließend analysiert Günter Langwieler den Kenntnisstand zum Thema Jung und der Nationalsozialismus und interpretiert dazu Schriften und Dokumente. Anschließend thematisiert Tilmann Moser überblickshaft die psychologischen und psychotherapeutischen Herausforderungen kollektiver und individueller Erinnerung an die NS-Zeit und ihre Verbrechen. Ein erneuter Abdruck des schon 1996 veröffentlichten Beitrages von Hans-Willi Weis über Graf Dürckheims spirituellem Weltanschauungsgebäude und ein zweiter Artikel desselben Autors zu ergänzenden Überlegungen aus heutiger Sicht runden das Buch ab.

 

Dies ist eine erste kritische Aufarbeitung innerhalb der Psychologie und Psychotherapie über ihre geistigen Vorbilder in der NS-Zeit., dem noch detaillierte Beiträge folgen sollten. Diese Aufarbeitung kommt zwar nach mehr als 70 Jahren spät, aber nicht zu spät. Und sie ist bei weitem noch nicht zu Ende. Das Buch zeigt auch die problematische Seite eines „Meister-Schüler-Verhältnisses“. Eine kritiklose Aneignung, Autoritarismus und eine Mystifizierung des Lehrers sollte keine Grundlage weder für die Psychologie noch für andere Bereiche des wissenschaftlichen und normalen Lebens sein.

Buch 4

Anne Kahlisch Markgraf: Tiergestützte Intervention für Menschen mit Demenz, Reinhardt, München 2020, ISBN: 978-3-497-02940-2, 24, 90 EURO (D)

Tiergestützte Interventionen ist der Oberbegriff für alle Angebote, in denen geeignete Tiere eingesetzt werden, um diese positiven Wirkungen gezielt zur Förderung physischer, sozialer, emotionaler und kognitiver Fähigkeiten ebenso wie zur Erhöhung von Freude und Lebensqualität zu erreichen. Tiergestützte Interventionen können Raum schaffen für neue Erlebens-, Handlungs- und Verhaltensmöglichkeiten. Dies hilft auch bei Menschen mit Demenz, wie die Autorin in diesem Buch zeigt. Anne Kahlisch Markgraf stellt die zahlreichen Anwendungsmöglichkeiten der tiergestützten Intervention und weiteres Hintergrundwissen für dieses Krankheitsbild aus ihrer eigenen Arbeit vor. Es besteht die Möglichkeit des Downloads von Onlinematerialien, das Passwort findet man am Ende des Buches.

Im ersten Abschnitt geht es um eine Definition und die Grundlagen einer Demenzerkrankung. Verschiedene Betreuungskonzepte und Aspekte der Kommunikation bilden dabei Schwerpunkte. Es wird auch deutlich, dass die Autorin sich in dem Buch nur auf die Alzheimer-Erkrankung bezieht, die inklusive der Mischformen mit weit über 70% den größten Teil der Demenzformen darstellt. Es gibt auch Literaturempfehlungen, spezielle Tipps und verschiedene Beispiele.

Danach geht es um Grundlagen der Tiergestützten Intervention: Dabei wird eine Definition, rechtliche und finanzielle Aspekte, Informationen zur Betreuungsaufwand und Pflege, eine Literaturliste, Links und Beispieldokumente vorgestellt. Anschließend geht es um die Grundlagen der Tierhaltung sowie einen ersten Einblick über den Einsatz verschiedener Tierarten bei Menschen mit Demenz. Dabei werden auch hilfreiche Downloads, Literatur und Links genannt.

Weiterhin folgen verschiedenen artübergreifende Ideen und Vorschläge für die Betreuung von Menschen mit Demenz. Dabei werden auch Hinweise ohne aktives Tier gegeben. Notwendiges Material, Art der Wiederholungen und eine Reflexion der Intervention werden auch behandelt. In diesem Zusammenhang gibt es viele praktische Beispiele. In einem Exkurs beschreibt Ewa Hadel ihre eigenen Erfahrungen mit der tiergestützten Therapie mit Hund in der Palliativmedizin.

Im Anhang findet man noch ein Literaturverzeichnis, den Bildnachweis und ein Register.

Dieses Buch stellt die Grundlagen des bisherigen Wissens eines jungen Ansatzes dar und zeigt anhand von vielen Beispielen aus der Praxis auf, in welcher Weise Tiere in der therapeutischen Praxis mit Menschen mit Demenz erzielen kann. Fragen der Evaluation, Ausbildungs- oder Weiterbildung und des Qualitätsmanagements werden nicht ausreichend behandelt. Dagegen werden die wichtigsten Merkmalen tiergestützter Therapie und deren Interaktionsformen, rechtliche Dimensionen, Organisation, Durchführung und Tierschutz mit Hinweis auf weitere Quellen oder Links ausführlich vorgestellt.

Buch 5

Leslie S. Greenberg: Emotionsfokussierte Therapie, 2. Auflage, Ernst Reinhardt Verlag, München/Basel 2016, ISBN: 978-3-497-02246-5, 26, 90 EURO (D)

In diesem Buch legt Leslie S. Greenberg die Grundlagen der von ihm mitbegründeten Emotionsfokussierte Therapie (ETF) dar. Als Reaktion auf die Überbetonung von kognitiven Prozessen in der Psychotherapie werden bei der ETF Emotionalen experimentell als therapeutische Hebel eingesetzt, um Veränderungen beim Klienten herbeizuführen. Die ETF gründet auf einer humanistischen Grundhaltung und verfolgt das Ziel, emotionale Erfahrungen in realen Beziehungen sowie in der eigenen Erfahrung des Selbst zu verändern. Die ETF wurde als Ansatz für die Praxis entwickelt und basiert auf zeitgenössischen psychologischen Funktionstheorien. Sein Modell konzentriert sich sehr stark auf Emotionen sowohl bei der Konzeptualisierung menschlicher Not als auch als therapeutische Hebelwirkung.

Eine wichtige Voraussetzung der EFT ist, dass Emotionen für die Konstruktion des Selbst von grundlegender Bedeutung sind und eine Schlüsseldeterminante für das Selbst darstellen. Auf der grundlegendsten Funktionsebene sind Emotionen eine adaptive Form von Informationsverarbeitung und Handlungsbereitschaft, die Menschen an ihrer Umwelt orientieren und fördern ihr Wohlergehen. Emotionen sind bedeutsam, weil sie Menschen darüber informieren, dass ein wichtiges Bedürfnis, ein wichtiger Wert oder Ziel kann in einer Situation vorgerückt oder geschädigt werden Emotionen sind also beteiligt.

Praxisbeispiele zeigen, dass in der Sitzung mit Emotionen und Bedeutungen gearbeitet wird, mit dem Ziel, schlecht angepasste Emotionen in Bezug auf das Erleben von sich selbst und der Welt mit neuen, adaptiven Emotionen zu verändern.

Dieses Buch führt in die Ziele, Funktionsweisen und Veränderungsprozesse der ETF ein. Es ist sowohl für Einzel-, Familien- und Paartherapeuten interessant, die eine zusammenfassende Grundlagenarbeit über die ETF benötigen, aber auch für Klienten, die sich über den psychotherapeutischen Ansatz informieren wollen. Das Buch hat wissenschaftlichen Charakter und ist lässt sich nicht einfach nebenbei lesen. Einige Stellen, besonders die Theorie (Kap. 3) sollten mehrfach gelesen werden. Hilfreich sind die Zusammenfassungen nach jedem Kapitel und das Glossar.

 

 

 







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