Rezension „Egon Krenz - Wir und die Russen“


28.11.19
KulturKultur, Sozialismusdebatte, TopNews 

 

Von Max Brym

Der letzte Generalsekretär der SED Egon Krenz hat pünktlich zum 30. Jahrestag des Mauerfalls ein neues Buch im Verlag „Edition Ost“ herausgegeben. In „Wir und die Russen“ erfährt man viel zeitgeschichtlich relevantes. Egon Krenz kann gut und leserlich schreiben. Dies unterscheidet ihn positiv von anderer Erbauungsliteratur ehemaliger SED Bürokraten. Das zentrale Thema ist im Titel schon genannt. Egon Krenz weist nach, dass die Existenz der DDR im Wesentlichen von den Interessen der Sowjetunion abhängig war. Glaubhaft beschreibt er wie ernst es Stalin mit „einem neutralen Gesamtdeutschland“ auf bürgerlicher Grundlage gewesen ist. So war die Stalin Note von 1952 zur Wiedervereinigung Deutschlands glaubhaft. Ausgiebig zitiert der Autor Vertreter des US Imperialismus, sowie Konrad Adenauer, unter dem Motto: Lieber das halbe Deutschland ganz als das ganze Deutschland halb“. Anschließend war die Sowjetunion gezwungen das System in der DDR dem eigenen bürokratisch angeblich „sozialistischem System“ anzupassen. Was Krenz nicht anspricht ist, dass diese Politik der Sowjetunion und der SED fatal war. Es gab nach der Niederlage des Faschismus in Gesamtdeutschland ein breites Bewusstsein, nach dem mit dem Faschismus auch der Kapitalismus verschwinden müsse. Die KPD und die SED sprach Anfangs jedoch nur von einer „antifaschistisch demokratischen Umwälzung“. Die Selbstaktivität der Arbeiterklasse wurde dadurch unterbunden. Stefan Heym hat dies in seinem Tatsachenroman „Schwarzenberg“ ausführlich beschrieben. In dem aus Versehen nicht besetzten „Schwarzenberg“ ergriffen die Arbeiter 1945, die Macht nahmen die Produktion auf und sperrten die Nazis ein. Diese gesamtdeutschen Bestrebungen wurden in den westlichen Besatzungszonen mit der Restaurierung des Kapitalismus und im Osten letztendlich mit einem antikapitalistischen bürokratischem System unterdrückt. Zu solchen Erkenntnissen kann sich Krenz nicht durchringen.

Interessantes in „Wir und die Russen“

Im Jahr 1984 wurde Honecker nach Moskau zitiert. Vorgeworfen wurde ihm einen „deutschen Sonderweg“ mit seiner Losung „Koalition der Vernunft“ einzuschlagen. Honecker wies damit auf die Gefahr der Raketenarsenale in West und Ostdeutschland hin. Er wollte mit Bonn verhandeln. Moskau misstraute ihm dabei zutiefst. Einer der Hauptankläger gegen Honecker war nicht der schon sehr geschwächte Tschernenko, sondern das jüngste KPDSU Politbüromitglied Gorbatschow. Schön ist die Stelle wonach Marianne Strauß (Ehefrau von F.J.Strauß) meinte: „Ach dieser Honecker ist so ein netter Mensch, leider ist er Kommunist.“ Im Jahr 1988 wurde Honecker zur Beerdigung von F.J. Strauß nach München eingeladen. Honecker wollte die Einladung annehmen, aber Krenz und andere waren dagegen. Letzteres bedauert Krenz im Nachhinein. In der Tat, Honecker mit Gauweiler, auf einem Bild bei der Beerdigung von Strauß wäre amüsant gewesen.

Details und Fakten

Krenz beschreibt wie skeptisch Honecker der neuen Politik von Gorbatschow ziemlich bald entgegenstand. Krenz attestiert Honecker einen zunehmenden Realitätsverlust bezüglich der inneren Situation in der DDR Ende der achtziger Jahre. Egon Krenz selbst nennt einige Fakten wonach die Arbeitsproduktivität in der DDR nur 44 % der westdeutschen Produktivität ausmachte. Er kritisiert auch, dass ab 1971zwar 3 Millionen neue Wohnungen in der DDR errichtet wurden, aber die Altbausubstanz in den Städten der DDR zunehmend zerfiel. Allerdings wendet sich Krenz, entschieden gegen das Urteil wonach die DDR, 1989 Pleite gewesen sei. Dazu nennt er deutliche Fakten. Die schlecht funktionierende Planwirtschaft der DDR, die Wirtschaft der DDR wurde erst durch die westdeutsche Treuhand zerschlagen. Krenz schreibt:“ 1919 wurden in Deutschland noch 57 % der Vorkriegsproduktion erreicht,1946 immerhin noch 42 %-1994 hingegen waren es gegenüber 1989 (in der DDR) nur noch 39 %.“ Zeitgeschichtlich interessant ist auch der Fakt wonach bundesdeutsche Zeitungen in den achtziger Jahren im „Kronprinzen“ Krenz den „Betonkopf“ und den „Mann Moskaus“ sahen in Honecker aber einen „verantwortungsbewussten Deutschen“ erkannten. Viel findet man bei Krenz zur Wandlitz Astrologie in der damaligen bundesdeutschen Medienlandschaft.

Herbst 1989

Egon Krenz bezeichnet die Proteste in der DDR im Herbst nicht als konterrevolutionär. Er beschreibt sich selbst als Mann welcher gegen Honecker für eine Erneuerung des Sozialismus eintrat. Ausführlich betrachtet er den Massenprotest am 4. November 1989 in Berlin. Er zitiert viel aus den gehaltenen Reden. Von Stefan Heym, über Markus Wolf, bis hin zum Schauspieler J.J. Liefers. Alle sprachen sich für „Sozialismus und Demokratie“ aus. Krenz schreibt dann über die angebliche Revolution vom 9. November. Nach Krenz war es „keine Revolution“, sondern eine „fehlerhafte oder absichtliche Zettelwirtschaft“ von Günther Schabowski. Die Grenztruppen hatten ausdrücklich auf Befehl von Krenz, das Verbot Schusswaffen einzusetzen. Dieses Verbot gab es seit der Leipziger Massendemonstration im Oktober 1989. Mit der Öffnung der Mauer durch die SED war in Wahrheit, die Möglichkeit einer politischen Revolution in der DDR passe.

Die Krux bei Krenz


Egon Krenz kritisiert nicht die elementare Basis des stalinistischen Systems. Die Arbeiterklasse war politisch entmachtet eine Bürokratie wirtschaftet an ihrer Stelle. Das kann auf die Dauer nicht gutgehen. Letzteres wusste Leo Trotzki schon in seinem Buch „Verratene Revolution“ aus dem Jahr 1936. Entweder holt sich nach Trotzki, ‚das Proletariat die politische Macht zurück‘, oder es kommt die Konterrevolution“. Solche finalen Erkenntnisse finden sich bei Krenz nicht. Dennoch ist das Buch von Egon Krenz empfehlenswert. Einiges kann aus der Fülle des vorgelegten Materials entnommen werden. Offensichtlich wollte sich die SED Bürokratie mit der Öffnung der Mauer retten. Krenz bezog sich auf das Versprechen von Gorbatschow, „die DDR niemals aufzugeben“. Krenz bedauert persönlich wie sehr er sich in Gorbatschow getäuscht hat. Gegen Ende des Buches plädiert Egon Krenz für „Frieden mit Russland“ als Lehre aus der Geschichte. Krenz wendet sich gegen die „gefährliche NATO Politik“ gegenüber Russland.

Bestellungen unter https://www.eulenspiegel.com/verlage/edition-ost/titel/wir-und-die-russen.html







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