Neuerscheinungen Krimis und Romane


Bildmontage: HF

16.02.20
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Lars Kepler: Lazarus, Lübbe, Köln 2018, ISBN: 978-3-785-72650-1, 22 EURO (D)

Mit dem Buch „Lazarus“ erschien der bereits siebte Fall mit dem Stockholmer Ermittler Joonna Linna Der gefährlichste Serienmörder Schwedens, Jurek Walter, der damals auch von Joonna Linna verfolgt wurde, wurde vor Jahren für tot erklärt. Er war bei einem dramatischen Polizeieinsatz von mehreren Kugeln getroffen in den Fluss gestürzt. Allerdings wurde seine Leiche trotz intensiver Suche jedoch niemals gefunden.

Als sich eine Spur grausamer Morde durch ganz Europa zieht, vermutet Joonna Linna als einziger, dass Walter dahinter stecken könnte. Als in der Kühltruhe eines Opfers ein fürchterlicher Fund gemacht wird, der Kopf der verstorbenen Ehefrau Joonna Linnas, wird sein Verdacht konkreter.

Hier wird das Spiel früherer Bücher weitergeführt: Ermittler Joonna Linna auf der Hatz nach dem Serienmörder Jurek Walter, obwohl er auch von manchen Kollegen wegen seiner Theorie belächelt wird. Durch geschickte Perspektivwechsel, wird man immer tiefer ins Geschehen gezogen, durchdachte Wendungen und gestreute Zweifel, lassen einen regelrecht in ein Lesefieber verfallen. Es wenn immer mehr Tote geborgen, die unter den grausamsten Methoden ihr Leben verloren haben.

Die besonders persönlichen Verbindungen von Linna zu Walter geben dabei zusätzlich Spannung, es entwickelt sich zunehmend eine Art persönlicher Abrechnung. Auf diese Weise lernt man auch das private Leben des Ermittlers und seines Umfeldes näher kennen. Die Rollen von Gut und Böse sind in diesem Buch schnell verteilt, ein privates Duell.

Der Schreibstil ist flüssig, fesselnd und rasant und erzeugt eine düstere Stimmung, die sich auf den Leser sofort überträgt. Grausamkeiten, Morde und blutigen Schockmomente sind reichlich erhalten, dieser Krimi ist also nichts für feinfühlige Stimmungen oder zarte Gemüter. Dieser siebte Band dieser steht seinen Vorgängern an Spannung in nichts nach und lässt sich kurzweilig lesen.

Buch 2

Sarah Lark: Wo der Tag beginnt. Roman, Lübbe, Köln 2019, ISBN: 978-3-7857-2643-3, 20 EURO (D)

Sarah Lark wurde mit ihren fesselnden Neuseeland- und Karibikromanen zur Bestsellerautorin, die auch ein großes internationales Lesepublikum erreicht. In ihrem neuen Roman geht es um ein Kapitel der neuseeländischen Geschichte, das Schicksal der Formation der Moriori.

Die Moriori waren eine Formation polynesischer Herkunft, das etwa ab 1500  auf den neuseeländischen Chathaminseln siedelte und dort bis Anfang des 19.Jahrhunderts weitgehend ungestört lebte. 1835 fielen die zwei M?ori-Stämme der Ng?ti Mutunga und der Ng?ti Tama von der Nordinsel Neuseelands in ihr Stammesgebiet ein. Über 200 Moriori wurden dabei getötet und die Überlebenden versklavt. Sie gelten heute als ausgestorben und werden in der Geschichte Neuseeland nur am Rande gewürdigt.

Ihr Schicksal bringt Sarah Lark wieder an das Licht der Öffentlichkeit. Einer der beiden Handlungsstränge des Romans spielt 1835 auf den Chathaminseln mit der Protagonistin Moriori Kimi, sie wird von den Maori verschleppt und versklavt. Ihre bisherigen Beschützer, die Götter und ihr Mann, konnten ihr nicht helfen. Zur selben Zeit zieht die Deutsche Ruth für ihre Liebe nach Neuseeland. Die Lebenswege beider Frauen begegnen sich.

Der andere Handlungsstrang spielt in der Gegenwart: Die junge Archäologin Sophie entdeckt bei einer Forschungsreise auf den Chathaminseln inmitten historischer Baumzeichnungen eine Schnitzerei jüngeren Datums, deren Rätsel sie zu lösen versucht.

Sarah Lark greift ein in weiten Teilen nicht bekanntes Sujet, die Geschichte der Moriori, und verknüpft dies in zwei Handlungssträngen bis in die Gegenwart. Mystisches wird mit dem Schicksal von zwei Frauen verbunden, die jeweils ihren eigenen Weg gehen und Stärke beweisen. Ein spannend geschriebener Roman mit einer Prise Exotik und einem tiefen Einblick in die Geschichte Neuseelands.

Buch 3

Arnaldur Indridason: Verborgen im Gletscher. Island Krimi, Lübbe, Köln 2019, ISBN: 978-3-7857-2657-0, 22,90 EURO (D)

Nach dem Roman „Schattenwege“ präsentiert der isländische Autors Arnaldur Indriðason  einen neuen Fall des pensionierten Polizisten Konráð.

Eine Gruppe deutscher Touristen entdeckt auf dem zweitgrößten abschmelzenden Gletscher Islands Langjökull eine Leiche im Eis entdeckt. Diese wird als der vor über dreißig Jahren spurlos verschwundenen Geschäftmann Sigurvin identifiziert. Die damalige ergebnislose Suche prägte den mit dem Fall betrauten Kriminalpolizisten Konráð. Er ist zwar schon seit kurzem im Rentenalter, lässt es sich aber nicht nehmen den Fall nochmal aufzunehmen, als ihn seine Nachfolgerin Marta darum bittet.

Konráð war seinerzeit mit dem Fall befasst und von der Schuld Hjaltalíns überzeugt. Ohne Leiche konnte dem Verdächtigen kein Mord nachgewiesen werden, der Verdacht haftete jedoch wie Pech an ihm und überschattete sein ganzes Leben. Nach dem Fund der Leiche verlangt Hjaltalín, der inzwischen im Sterben liegt, noch einmal Konráð zu sprechen und beteuert auch im Angesicht seines Todes erneut seine Unschuld. Konráð glaubt ihm als einziger und rollt den Fall neu auf. Er studiert erneut die alten Unterlagen, befragt erneut die Zeugen von damals, unzählige Hinweise verfolgt, Verdächtige und Zeugen erneut unter die Lupe genommen. Schließlich ergeben sich Zusammenhänge mit einem anderen ungeklärten Fall. Der Verdacht erhärtet sich, dass ein vermeintlicher Unfall, bei dem vor sechs Jahren ein Mann ums Leben kam, ein Mord war, der im Zusammenhang mit dem Fall Sigurvins steht, werden auch offizielle Ermittlungen durch die Mordkommission aufgenommen.

Die einzelnen Ansätze, Befragungen und Nachforschungen werden akribisch beschrieben, zwischendurch erhält man immer wieder Einblicke in das Privatleben des Polizeibeamten. Es geht dabei auch um seine Kindheit, vor allem den nie geklärten Mord an seinem Vater im Jahre 1963 und dessen zwielichtige Vergangenheit, aber auch um seine glückliche Ehe und den Krebstod seine Frau Erna, den der Ermittler niemals ganz überwunden hat.

Der Wechsel zwischen Vergangenheit und deren Aufarbeitung in der Gegenwart machen diesen Krimi aus. Der Wechsel zwischen diesen beiden Handlungsebenen ersetzt Aktion und überstrapazierte emotionale Geschichten. Dennoch ist der Spannungsaufbau verbesserungswürdig, aus der komplexen Handlung selbst hätte ein aufregender Erzählstil mehr machen können. Wogegen die Atmosphäre sehr gut beschrieben wird. Eingearbeitete Hinweise auf den Klimawandel mit dem Schmilzen der Gletscher und andere Probleme bietet etwas Gesellschaftskritik und Authentizität.

In diesem Band steht nicht nur der aktuelle Fall im Mittelpunkt, sondern auch die Person von Konráð. Bei seinen Ermittlungen muss sich dabei zahlreichen Erinnerungen aus seinem eigenen Leben stellen. Der Ermittler wird als Persönlichkeit sehr differenziert ausgearbeitet, hat eine Menge nicht aufgearbeiteter Probleme, was ihn sympathisch macht.

Buch 4

Andrew Shaffer: Hope never dies. Kriminalroman, Droemer, München 2019, ISBN: 978-3-426-30746-5, 14,99 EURO (D)

In Zeiten des Chaos der Regierung Trump treibt die Nostalgie nach seinen Vorgängern seltsame Blüten. Jetzt brachte Andrew Shaffer mit „Hope never Dies“ einen neuen Krimi in den USA heraus, in dem Obama und sein ehemaliger Vizepräsident Biden als skurriles Ermittlerduo einen Mordfall aufklären. Das Obama-Biden-Team kehrt aus dem politischen Ruhestand als Aktionshelden hervor.

Die Idee, Obama und Biden als Verbrechensbekämpfungsteam zu besetzen, traf Shaffer nach eigenen Angaben erst nach den Wahlen von 2016, als Nostalgie einsetzte und im Internet Erinnerungen an die Obama-Biden-Allianz auftauchten. Er hörte sich Hörbücher an, die vom ehemaligen Präsidenten und Vizepräsidenten erzählt wurden, und sah sich Videos ihrer Reden an.

Der Roman beginnt damit, dass Biden auf seinen Computer starrt und Paparazzi-Bilder von Obama anguckt. Wie ein eifersüchtiger Ex ist er wütend, dass Obama ihn nicht mehr beachtet, sondern mit seinen neuen prominenten Freunden spektakuläre Freizeitaktivitäten ausübt: Basejumpung mit Bradley Cooper, Kitesurfen auf den Britischen Jungferninseln mit Richard Branson, Kajakfahren mit Justin Trudeau. Vergessen fühlt er sich nach acht Jahren mit Obama, nur sein Schäferhund Champ ist noch da. Wie auf Knopfdruck ändert sich dies natürlich. Als Biden ein flackerndes Licht untersucht, das er draußen sieht, lauert Obama im Schatten und raucht eine Zigarette.

Obama ist zurückgekehrt und hat eine düstere Nachricht für Biden: Sein Freund und Dirigent Finn Donnelly wurde tot auf den Gleisen vor dem Bahnhof Wilmington aufgefunden, mit einer Tüte Heroin in der Tasche. Sie beschließen, den Fall selbst zu lösen. Beim Versuch, das Rätsel zu lösen, treffen Obama und Biden auf eine Biker-Gang, Drogenhändlern und einen korrupten Polizisten. Beide tragen lächerliche Verkleidungen und streiten sich wie Geschwister. Biden setzt seine Fliegersonnenbrille, ein Hawaiihemd und eine Baseballmütze mit einem klaffenden, bestickten Fisch auf, auf dem „Kiss My Bass“ steht, und Obama trägt eine neumodische Kappe.

Obama tadelt Biden, weil er nicht in Form ist und Jill einen Blumenstrauß aus Lilien statt Rosen geschenkt hat. Er bemerkt, dass Lilien Sympathie bedeuten, und schimpft mit ihm über sein unordentliches Auto.

So sehr sie sich auch gegenseitig ärgern und streiten, es gibt spürbare Zuneigung. In einer Szene stürmt Obama in ein Clubhaus einer Motorrad-Gang in Delaware stürmt und beiläufig eine abgesägte Schrotflinte trägt, um Joe Biden vor einer Horde wütender, schwer bewaffneter Biker zu retten.

Die Ermittlungen werden von einer Holmes-Watson Persiflage begleitet. Obama spielt einen zerebralen, distanzierten, analytischen Holmes, dagegen Bidens einen unbeholfenen, impulsiven Watson. Dies macht den ganzen Kriminalroman interessant, der eigentliche Fall spielt nur eine Nebenrolle.

Dieses gelungene Buch mit dem bekannten Ermittlerduo ist jedoch nicht als Parodie für Actionthriller zu verstehen und es ist keine Satire ihrer Politik. Eher eine geschickte Vermarktungsstrategie einer weit verbreiteten Sehnsucht nach einer scheinbar heilen Welt vor der Trump-Ära, allerdings eine spannende und witzige.

 

Buch 5

Ulrike Schweikert: Die Charité Band 2. Aufbruch und Entscheidung, Rowohlt Polaris, Hamburg 2019, ISBN: 978-3-499-27453-4, 14,99 EURO (D)

Dies ist der zweite Band der erfolgreichen Charité- Reihe von Ulrike Schweikert, der als Fortsetzung des ersten Bandes gedacht ist. Hier eine kurze Übersicht über den ersten Band: Im Jahre 1831 wütet in Berlin die Cholera. Viele Infizierte werden in das Charité-Krankenhaus in Berlin eingeliefert, wo viele Ärzte, Schwestern und Wärter um das Überleben Dieser und anderer Patienten kämpfen. Der Leser lernt viele, bemerkenswerte Persönlichkeiten kennen und  deren Lebenswege. Zum einen ist da der junge attraktive Arzt Dr. Dieffenbach zu nennen, der durch seine Wissbegierde und sein unermüdliches Engagement maßgeblich an vielen Entwicklungen in der Medizin verantwortlich ist.

Seine Ehefrau Emilie und auch die Gräfin Lodovica, welche die Charité und die Weiterbildung der Wärter finanziell großzügig unterstützt und die Wärterin Elisabeth, die ihm bei vielen seiner Behandlungen und Operationen hilfreich und den Patienten tröstend zur Seite steht, bildet verschiedene Frauenpersönlichkeiten ab. Da es Frauen zur damaligen Zeit nicht vergönnt war, Medizin zu studieren, waren sie dazu verdammt, solche einfachen Aufgaben ausführen zu müssen. Elisabeth hat immer wieder ihre gesetzten Grenzen übertreten, um für ihre Schützlinge die bestmögliche Behandlung zu erwirken. Während ihrer Zeit in der Charité verliebt sie sich in den jungen, anstrebenden Arzt Dr. Heydecker, der die rechte Hand Dr. Dieffenbachs ist. Durch ihre Verpflichtung den Diakonissen gegenüber müssen die beiden ihre Beziehung allerdings erst einmal geheim halten, was sie vor einige Herausforderungen stellt. Eine wichtige Figur ist auch die junge Hebamme Martha, die in ihrem Beruf mit vielen Herausforderungen zu kämpfen und die ein oder andere schwierige Entscheidung zu treffen hatte, die das Schicksal vieler Menschen und auch ihr eigenes Leben über Jahre hinweg beeinflussen sollte. Außerdem gibt es viele medizinische Hintergründe und Geschichten und Informationen über die Rolle von Frauen im 20. Jahrhundert.

Im zweiten Band geht es um das Schicksal von zwei Frauen, die verschiedene Leben führen und doch Freundinnen werden. Der Schauplatz verlagert sich Ende des 19 Jahrhunderts bis zum 1. Weltkrieg. Es vereinen sie der Glaube an Gleichberechtigung und der Kampf für mehr Rechte. Rahel Hirsch ist eine der ersten Ärztinnen, die an der Charité praktizieren, und bei ihren männlichen Kollegen sexistisch diskriminiert wird. Die junge Arbeiterin erleidet das gleiche Schicksal, wie so viele Frauen in dieser Zeit. Sie wird Mitglied in der proletarischen Frauenbewegung und kämpft für das Wahlrecht für Frauen und Gleichberechtigung. Rahel verliebt sich in den jungen Fliegerpionier Michael, was durch den Ausbruch des 1. Weltkrieges auf eine harte Probe gestellt wird.

 

Stärker noch als im ersten Band geht es um starke Frauen, die für Gleichberechtigung kämpfen und im 19. Jahrhundert in einer patriarchalen Gesellschaft leben und darunter leiden, obwohl es in Berlin freier zugeht als auf dem Land. Ihr Mut und ihr Lebensweg werden geschildert, das Sujet geht etwas von der Charité weg und bekommt gesamtgesellschaftlichen Charakter. Ein lesenswerter Roman, der durch die Charaktere besticht.

Buch 6

 

Andreas J. Schulte: Eifeldeal. Kriminalroman, Emons, Köln 2019, ISBN: 978-3-7408-0527-2. 10,90 EURO (D)

Dies ist die Fortsetzung der Eifel-Krimis von Andreas J. Schulte mit dem Ermittler Paul David in der Hauptrolle, der eigentlich sein Leben und die Ruhe genießen wollte. In diesem dritten Fall kommt es in der  Eifel zu einer Reihe rätselhafter Todesfälle, die alle mit einer neuen Designerdroge zu tun haben, die schreckliche Nebenwirkung hat. Dabei wird der Ermittler im Laufe des Falles mit seiner eigenen Vergangenheit als Militärpolizist und mit Relikten aus dem Kalten Krieg konfrontiert.

Innerhalb der US-Streitkräfte gab es synthetische Versuche zur Entwicklung eines Stoffes, der die Soldaten widerstandsfähiger machen sollte. Diese synthetischen Versuche waren streng geheim und wurden nur einer kleinen Anzahl von Militärs verraten. Das in einem geheimen Ort der US-Streitkräfte befindliche Labor zur Herstellung sollte nach dem Ende des Kalten Krieges vernichtet werden. Bei seiner Suche nach den Herstellern und Dealern trifft David hochrangige Militärs aus der alten Zeit wieder, so erfährt man auch etwas über seine berufliche Vergangenheit und die Stationierung von US-Streitkräften während des Kalten Krieges in der Eifel und der Umgebung.

Paul David kommt bei seinen Recherchen aber ein schrecklicher Verdacht: Wurde das Labor heimlich weiterbetrieben und stammen die neuen Drogen daraus?

Die Ermittlungen werden von einer Entführung, einer Erstürmung und anderen Aktionszenen begleitet, für Spannung ist also gesorgt. Dies und die verwobene Aufklärung des Falles machen den Krimi nicht langweilig. Man lernt auch Privates aus der Vergangenheit des Ermittlers und seines Vaters kennen, das die Story persönlich macht.

 

 







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