Neuerscheinungen Politik und Gesellschaft


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20.10.19
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Andreas von Westphalen: Die Wiederentdeckung des Menschen, Westend Verlag, Frankfurt/Main 2019, ISBN: 9783864892134, 22 EURO (D)

In diesem Buch widerlegt Andreas von Westphalen die These des Menschenbildes im Kapitalismus und beweist anhand vieler spannender Beispiele, dass dem menschlichen Wesen oft die konträren Eigenschaften wie Solidarität, Individualität und Empathie innewohnen. Er wendet sich dabei gegen die vorherrschende Meinung in Wirtschaft und Politik, dass der Mensch ist von Natur aus egoistisch und faul sei, den größten Nutzen für sich selbst herauszuschlagen gedenkt und seine beste Leistung nur unter Konkurrenzdruck bringen könne.

Stattdessen plädiert er in seiner anthropologischen Untersuchung für die Produktion zentraler Bedürfnisse des Menschen und eine ökologische Hinwendung zu weniger Wirtschaftswachstum und dezentralisiertes Wirtschaften.

Dabei setzt er sich mit anthropologischen Klassikern auseinander und benutzt einen guten Begründungsaufbau seiner Thesen, die sich auch gegen den Kapitalismus als solchen richten.

Es ist eines der besseren Bücher über das Wesen des Menschen und trifft aktuelle Befindlichkeiten. Der Autor reflektiert leider nur randständig den Sozialdarwinismus als Merkmal des kapitalistisch denkenden und handelnden Menschen.

Der Begriff Sozialdarwinismus wird oft als Übertragung der Darwinschen Evolutionstheorie auf menschliche Gesellschaften definiert. Tatsächlich gab es schon vor Charles Darwin (1809-1882) evolutionäre Theorien des sozialen Wandels. Darwins schnell und breit rezipierte Evolutionstheorie war nicht der Ursprung des Sozialdarwinismus, sondern der Katalysator einer Entwicklung, die schon früher begann und in der Darwin vor allem als wissenschaftliche Autorität bemüht wurde.

Der historische Sozialdarwinismus erlebte seine große Zeit in der zweiten Hälfte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Damals gab es Sozialdarwinisten in vielen Ländern und allen politischen Lagern, von Sozialisten über die Liberalen bis hin zu Nationalsozialisten – wobei jede Gruppe aus der Darwinschen Theorie nahm, was sie für ihre Ziele brauchen konnte. Als Vater des Sozialdarwinismus gilt der britische Philosoph und Soziologe Herbert Spencer (1820-1903), der eine umfassende Gesellschaftstheorie, Ethik und Wissenschaftstheorie auf die Idee der Evolution gründete. Die Konkurrenz der Menschen um ihre Existenzgrundlagen befördere Eigenschaften wie Fleiß, Innovation, Anpassungsfähigkeit und Selbstkontrolle und damit den Fortschritt der Menschheit.

Spencer prägte die Begriffe „struggle for existence“ und „survival of the fittest“, bezog diese aber nicht auf die Natur, sondern wandte sie auf den Menschen an: die "fittesten" sind nach Spencer diejenigen, die an die Anforderungen des Marktes und des sozialen Lebens am besten angepasst sind. Dieser Sozialdarwinismus ist ein entscheidender Punkt des vorherrschenden Neoliberalismus und ist dem Phänomen des chauvinistischen Besitzdenkens in der westlichen Welt ähnlich.

 

Buch 2

Rainer Mausfeld: Angst und Macht. Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien, Westend, Frankfurt/Main 2019, ISBN: 978-3-86489-281-3, 14 EURO (D)

Der Psychologe Rainer Mausfeld wurde durch seiner Publikation von 2015 Warum schweigen die Lämmer? Wie Elitendemokratie und Neoliberalismus unsere Gesellschaft und unsere Lebensgrundlagen zerstören  einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Darin vertritt Mausfeld die These, die ursprünglichen Definitionen der Begriffe Demokratie und Freiheit seien verfälscht worden Freiheit sei lediglich die Macht der ökonomisch Mächtigen. Die Machtsicherung der neuen Machtelite, die hauptsächlich Finanzelite sei, vollziehe sich in neuen Formen der Transformation der Macht und der Manipulation des Bewusstseins, um Macht nicht sichtbar werden zu lassen. Eine entscheidende Rolle spielen dabei seiner Auffassung nach die Medien. Er vertritt die These, dass den Medien in kapitalistisch organisierten Gesellschaften vor allem eine systemstabilisierende Funktion zukäme. Danach wird eine objektive Berichterstattung der Massenmedien in kapitalistisch organisierten Gesellschaften durch bestimmte Filter verhindert.

Sein neues Buch über den Zusammenhang von Angst und Macht und den Herrschaftstechniken der Erzeugung von Angst in neoliberalen Demokratien knüpft er an dieses Buch an und erweitert damit seine Analyse von Herrschaft. Macht und Angst gehören in der politisch­gesellschaftlichen Welt eng zusammen. Macht bedeutet das Vermögen, seine Interessen gegen andere durchsetzen zu können und andere dem eigenen Willen zu unterwerfen. Macht hat also für den, der sie hat, viele Vorteile und für diejenigen, die ihr unterworfen sind, viele Nachteile. Macht löst bei den ihr Unterworfenen häufig Gefühle aus, von der Macht überwältig und ihr gegenüber ohnmächtig zu sein. Macht erzeugt also Angst. Da Angst selbst wiederum Macht über die Geängstigten ausübt, haben diejenigen, die es verstehen, Angst zu erzeugen, eine sehr wirkungsvolle Methode, auf diese Weise ihre Macht zu stabilisieren und zu erweitern. Angsterzeugung ist ein Herrschaftsinstrument, und Techniken zum Erzeugen von gesellschaftlicher Angst gehören zum Handwerkszeug der Macht. Diese Einsicht ist so alt wie die Zivilisationsgeschichte.“

Das Buch basiert im Wesentlichen auf Vorträgen zu dem Thema Angsterzeugung als Herrschaftstechnik. Er spaltet dabei die Gesellschaft in Mächtige und Ohnmächtige auf und liefert Beispiel und Techniken, wie die Mächtigen die Ohnmächtigen durch das Erzeugen von Angst manipulieren. Auf einer kurzen Reise durch die Geistesgeschichte macht er Angsterzeugung als Herrschaftstechnik historisch fest.

Außerdem geht er auf traditionelle Wege der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien (Mediokratie, vorgebliche Bedrohung) und die systematische Erzeugung gesellschaftlicher Angst im Neoliberalismus ein. Dann geht er am Schluss auf die Lösungsmöglichen und Befreiung von dieser Spirale ein. Dies sind die Befreiung von der „Ideologie einer Alternativlosigkeit kapitalistischer Demokratien“ (S. 99) und die Umkehr der „Wurzeln der Machtverhältnisse“, der privaten Kontrolle der Wirtschaft. Ein „zivilisatorisches Gegenmittel“ könne nur eine wirklich demokratisch legitimierte Form gesellschaftlicher Macht sein. Diese stehe auf der Grundlage eines egalitären Humanismus, einer „Anerkennung aller Menschen als Freie und Gleiche ungeachtet ihrer faktischen Differenzen“, der Solidarität und Gemeinsinn als Fundamente gesellschaftlichen Handels anerkennt.

Mausfeld nennt hier richtige und interessante Ansätze wie eine Wirtschaftsdemokratie und eine Zurückgewinnung emanzipatorischer Ziele wie Solidarität und Selbstbestimmung. Wie es jedoch dazu kommen, kann wird nicht geschildert. Auch die Autoritätshörigkeit in allen Bereichen der Gesellschaft wird nicht genügend behandelt. Dies ist eher ein thesenartiges Buch; insgesamt müsste Mausfeld mehr in die Tiefe gehen und vieles präzisieren, vielleicht in einem Folgeband.

 

Buch 3

Bart van Es: Das Mädchen mit dem Poesiealbum, Dumont, Köln 2019, ISBN: 978-3-8321-9856-5, 22 EURO (D)

Die niederländische Jüdin Lien wird im Alter von acht Jahren von ihren Eltern zu einer ihr fremden niederländischen Familie nach Dordrecht geschickt, um sie nach der nationalsozialistischen Besatzung vor der drohenden Deportation zu retten. Jans und Henk van Es nehmen das fremde Mädchen aus Den Haag liebevoll auf. Diese Familie riskierte ihr eigenes Leben, um jüdische Kinder vor dem sicheren Tod zu bewahren. Die beiden waren Teil eines sozialistischen Netzwerks, das den Nazis Widerstand im Geheimen leistete. Ein Kopfgeld wurde damals auf jeden gefundenen Juden ausgesetzt, was auch Niederländer dazu bewog, Juden zu verraten und an die Nazis auszuliefern. Das jüdische Mädchen hatte nichts weiter dabei als einen Brief und ein Poesiealbum, als es die Eltern auf die Reise zu der Familie van Es geschickt haben.

Lien und ihre Geschichte blieb ein gut gehütetes Geheimnis, auch nach dem Ende der Besatzung. Erst als der Enkel von Liens Adoptivmutter diesem auf die Spur kommt, sucht den Kontakt zu Lien, lässt sich ihr Leben erzählen und recherchiert die historischen Zusammenhänge. Bart van Es fasste seine Erforschungen in diesem Buch zusammen.

Liens Lebensgeschichte ist fröhlich und traurig zugleich: Fröhlich deshalb, weil es ihr gelang zu überleben und traurig deshalb, weil sie auf der Flucht vor den Kopfgeldjägern und den Nazis viele bittere Erfahrungen machen musste.

Als eines Abends zwei niederländische Polizisten ihr Versteck durchsuchten, konnte sie fliehen und ihr Pflegevater wurde verhaftet. Er wird in ein Gefangenenlager gebracht und misshandelt. Lien wechselt innerhalb des Netzwerkes von einem Unterschlupf zum nächsten. In einem Haushalt wird sie sexuell missbraucht und dadurch traumatisiert, hat aber das Glück, die Besatzungszeit zu überleben.

Nach Kriegsende erfährt sie, dass ihre ganze Familie im KZ umgekommen ist. Sie kehrt zur Familie van Es zurück und fasst langsam wieder Fuß. Lien geht wieder zur Schule, macht später eine Ausbildung. Mit 19 erlebt sie eine erneute sexuelle Belästigung, diesmal von ihrem Pflegevater, was in der Folge einfach totgeschwiegen wird. Auch als Erwachsene wird sie nie wirklich richtig glücklich. Lien heiratet, ihre jedoch unglückliche Ehe macht sie depressiv. Sie lässt sich scheiden, kümmert sich um sich selbst, macht eine Therapie und stellt sich wieder dem Leben.

Bart van Es‘ Geschichte über das lange gehütete Familiengeheimnis und über das Leben Liens wühlt auf. Seine Großeltern sieht er gleichzeitig als Helden, aber auch als Täter wegen der sexuellen Nötigung und dem Beschweigen der Tat. Es ist zugleich eine personenzentrierte Geschichte der Besatzungszeit durch die Nazis, wo ein jüdisches Leben nichts galt und selbst unschuldige Kinder verfolgt wurden und Schreckliches durchmachen mussten. 

 

Buch 4

Thomas Mullen: Darktown, Dumont, Köln 2018, ISBN: 978-3-8321-8353-0, 24 EURO (D)

Das Buch spielt in der unmittelbaren Nachkriegszeit, als in den USA dunkelhäutigen Polizisten eingestellt werden. Atlanta im Süden der USA ist der Ort der Handlung. Dunkelhäutige Polizisten stoßen dort überall auf Ablehnung: innerhalb der weißen Mehrheitsbevölkerung gibt es offenen Rassismus und bei der Minderheit der Afroamerikaner gelten sie meist als Verräter, die die Drecksarbeit für den von Weißen dominierten Staat machen.

Dies ist die Rahmenhandlung für den eigentlichen Kriminalfall, den es zu lösen gilt. Die beiden Hauptprotagonisten des Buches sind die Afroamerikaner Lucius Boggs und Tommy Smith, die vor kurzem erst bei der Polizei sind. Als eine junge Afroamerikanerin in dem von Weißen abschätzig genannten Viertel „Darktown“ ermordet auf einer Müllhalde aufgefunden wird, merken die beiden, dass niemand ernsthaft an der Klärung des Falles Interesse zeigt. Obwohl sie nicht die Berechtigung Ermittlungen anzustellen und damit ihren neuen Job riskieren, beginnen Boggs und Smith heimlich zu ermitteln. Dabei kommt der junge weiße Polizist Denny Rakestraw ins Spiel: Rakestraw stellt die Vermutung an, dass sein weißer Partner, der hier auch als Rassist dargestellt wird, etwas mit dem Mord zu tun hat und Ermittlungen behindert. Er ermittelt ebenfalls auf eigene Faust in dem Mord. Im Laufe des Buches kreuzen sich die Wege der drei Polizisten und sie tun sich bei ihren Undercover-Ermittlungen zusammen. Diese Symbiose ist nicht immer vorurteilsfrei, führt aber letztlich zum erfolgreichen Abschluss des Falles.

Das Buch ist eine gelungene Mischung zwischen Gesellschaftsporträt nach dem Ende des 2. Weltkrieges im Süden der USA und einem spannenden Mordfall, der von ungleichen Partnern bearbeitet wird. Der Hass gegenüber dunkelhäutigen Menschen lange nach dem Ende der Sklaverei in den USA ist auch heute noch virulent und institutioneller Rassismus ist nicht ausgestorben, somit hat das Buch auch einen aktuellen Hintergrund.

 

Buch 5

Silvia Staub-Bernasconi: Menschenwürde – Menschenrechte  Soziale Arbeit. Die Menschenrechte vom Kopf auf die Füße stellen, Verlag Barbara Budrich, Opladen/Berlin/Toronto 2019, ISBN: 978-3-8474-0166-7, 29,90 EURO (D)

Die langjährige Dozentin für Soziale Arbeit, Silvia Staub-Bernasconi, über die Menschenrechtsorientierung der Profession Sozialer Arbeit, die nicht nur „eine Kritik an gesellschaftlich verursachtem oder toleriertem Leid und Unrecht, sondern auch am Mandat staatlicher wie privater Träger und ebenso an der Profession“, miteinschließt. (S. 10)

Im ersten Kapitel geht es um die historischen Wegbereiter der Menschenrechtsorientierung in der Sozialen Arbeit und die Institutionalisierung. Danach wird der Mandatsbegriff geklärt und begründet, weshalb Soziale Arbeit ihr bisheriges Doppelmandat von Hilfe und Kontrolle seitens des Staates zu einem Triplemandat im Dreieck von „AdressatInnen-SozialarbeiterInnen- Trägern/Gesellschaft“ ausweiten muss. Anschließend werden die Beiträge der Delegierten zur Formulierung der Allgemeinen Menschenrechtserklärung von 1948 gewürdigt.

Im vierten Kapitel werden die wichtigsten philosophischen, religiösen und theologischen Vorstellungen von Menschenwürde im Rahmen der europäischen Denktradition vorgestellt. Danach wird an verschiedenen Beispielen gezeigt, dass Menschenwürde weltweit nicht unantastbar ist. Dabei wird vor allem auf ein Bildungsprojekt mit alleinerziehenden Frauen in Costa Rica vorgestellt. Außerdem werden die Themenkomplexe „Zivilcourage“ und „Ziviler Ungehorsam“ in einer historischen Abfolge von Vordenkern und rechtlichen Grundlagen skizziert. Wie dies im Rahmen der Sozialen Arbeit in die Realität umgesetzt werden kann, wird danach erläutert.

Dann folgt eine Verknüpfung der Wirtschafts-, Sozial- und Kulturrechten mit der Vorstellung einer sozial gerechten Weltgesellschaft. Anschließend wird speziell auf das Thema Armut eingegangen und wie die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse geregelt werden könnte. Im letzten Kapitel werden drei Zukunftsperspektiven für eine Menschenrechtsarbeit in der Sozialen Arbeit aufgezeigt: Dies sind erstens der Auf- und Ausbau von Ombudsstellen, zweitens die Initiierung und Unterstützung von sozialen Prozessen mit Armutsbetroffenen und drittens zukünftige Felder der Sozialen Arbeit.

Hier werden die geschichtlichen Hintergründe, die Durchsetzung und die Menschenrechtsorientierung innerhalb des Fachbereiches Soziale Arbeit ausführlich dargestellt. Das Buch setzt sich aber nicht eindeutig mit der Kritik der Menschenrechte auseinander. Viele Autoren der postkolonialen Kritik verweisen auf ein hierarchisches Verhältnis des Westens und Europas gegenüber anderen Regionen und betrachten den Menschenrechtsdiskurs vor dem Hintergrund einer kolonialen Geschichte und postkolonialen Gegenwart. Dazu gehören Autoren wie Frantz Fanon, Stuart Hall, die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison, Homi K. Bhabha, Edward Said, Gayatri Chakravorty Spivak oder Gauri Viswanathan. Damit verbunden ist eine Kritik am Eurozentrismus, etwa dass das Konzept der Menschenrechte seine Wurzeln in der europäischen Philosophie hat.

 







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