Neuerscheinungen Gesellschaft und Politik


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17.02.19
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Stephan Hawking: Kurze Antworten auf grosse Fragen, Klett-Cotta, Stuttgart 2018, ISBN: 978-3-608-96376-2, 20 EURO (D)

Der im März 2018 verstorbene Stephan Hawking war auch aufgrund seiner populärwissenschaftlichen Bücher einer der bekanntesten Astrophysiker seiner Zeit. Von 1979 bis 2009 war er Inhaber des renommierten Lucasischen Lehrstuhls für Mathematik an der Universität Cambridge. Stephen Hawking lieferte bedeutende Arbeiten zur Kosmologie, zur allgemeinen Relativitätstheorie und zu Schwarzen Löchern. Dieses Buch, das posthum herausgekommen ist, widmet sich den wichtigsten Fragen der Gegenwart und nahen Zukunft der Menschheitsgeschichte. Es ist aus seinem umfangreichen persönlichen Archiv hervorgegangen und entstand kurz vor seinem Ableben. In Zusammenarbeit mit seinen Kollegen, seiner Familie und seiner Stiftung wurde es vorbereitet und fertiggestellt.

Dieses Buch ist eine Mahnung an die Lebenden, sich der Verantwortung für den Planeten und für die Menschheit einzusetzen: „Ich möchte mich all denen anschließen, die unmittelbares Handeln bei entscheidenden Herausforderungen unserer globalen Gemeinschaft einfordern. Ich hoffe, dass sich, wenn ich gegangen bin, Menschen mit Einfluss und Macht finden, die Kreativität, Mut und Führungsqualitäten besitzen. Mögen Sie die Kraft haben, die Ziele der nachhaltigen Entwicklung zu erreichen und nicht aus Eigennutz handeln, sondern im Interesse des Gemeinwohls.“ (S. 29)

Nach einer kurzen Einführung von Kip S. Thorne werden zehn von Hawking aufgeworfene Fragen von ihm selbst beantwortet. Dabei geht es um die Frage nach der Existenz Gottes, dem Ursprung des Universums, der Frage nach anderem intelligenten Leben im Universum, der Vorhersagbarkeit der Zukunft, Schwarze Löcher, die Möglichkeit von Zeitreisen, das Überleben auf der Erde, die Erforschung und Ansiedlung im Weltraum, Fragen der künstlichen Intelligenz und die vernünftige Gestaltung der Zukunft. Lucy Hawking steuert danach noch ein berührendes Nachwort bei. Im Anhang findet man noch eine Danksagung, einen Bildnachweis und ein Register.

 

Dieses Buch ist Hawkings Vermächtnis und seine letzte Mahnung an die Menschheit, sich den Problemen der Gegenwart und Zukunft zu stellen und nachhaltige Entscheidungen zum Wohle aller Menschen zu treffen. Es soll und wird Menschen in und außerhalb der Wissenschaften und in Politik beeinflussen, denn es enthält zentrale Botschaften in Kurzform zu drängenden Fragen der Menschheit.

 

Buch 2 

Volker Ulrich: Adolf Hitler. Die Jahre des Untergangs. Biografie, S. Fischer, Frankfurt/Main 2018, ISBN: 978-3-10, 397280-1, 32 EURO (D)

Volker Ulrich ist ein Zeithistoriker und Publizist: 1988 wurde er Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts. Danach leitete Ulrich bis 2009 leitete Ullrich das Ressort „Politisches Buch“ bei der Wochenzeitung Die Zeit. Er hat mehrere Bücher zu Themen der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts veröffentlicht.

Nach seinem ersten Band „Adolf Hitler. Biographie, Die Jahre des Aufstiegs 1889 – 1939“ aus dem Herbst 2013 folgt nun der zweite Band, der die Jahre des Untergangs von 1939 bis 1945: vom Zweiten Weltkriegs bis zum Sieg der Alliierten und der Befreiung 1945. Dabei rahmt er die Ereignisgeschichte in seine Annährung des Charakters Hitler ein, was auch notwendig ist, um seine Denkweisen und Handlungen zu verstehen. Der Titel ist angelehnt an Hitlers Inszenierung des Zusammenbruchs des NS-Staates und den verlorenen Krieg als heroischen Untergang, von der angeblichen Überlegenheit der „nordischen Herrenrasse“ schwieg er wohlweislich. Er sah sich selbst als Wiedergänger des Preußenkönigs Friedrich des Großen, ein psychologischer Kniff, um selbst keine Schuld und Verantwortung auf sich zu laden und sein Leben als „Heroe“ nicht zu gefährden.

Im Weiteren zeichnet Ulrich Hitler als intelligenten, selbstherrlichen, aber nicht psychopathischen Charakter. Hitler verstand es, je nach Situation und gesellschaftlichem Umfeld unter verschiedenen Masken aufzutreten und in wechselnde Rollen zu schlüpfen. Es gelang ihm, durch seine Eigenschaften als wirkungsvoller Massenredner unterschiedliche gesellschaftliche Milieus für sich einzunehmen und die Unzufriedenheit zu kanalisieren. Als sich schon abzeichnete, dass der Krieg verloren schien, geriete er sich in Durchhalteparolen von der scheinbar wieder erlangten Größe der deutschen Nation. Diese Neigung, Lüge und Wahrheit zu vermischen, der permanente Gebrauch von Feindbildern und sein Fanatismus zur Auslösung des Judentums und anderer „Rassenfeinde“. Wirkungsvoll inszenierte er sich nicht nur selbst, sondern wurde auch von seinem breiten Propagandasystem zu einer Ikone gemacht.

Neben schon existierenden, oft konkurrierenden Darstellungen zur Person Hitlers benutzt Ulrich zahlreiche neue Quellen wie Tagebücher. Es ist also keine Biografie über Hitler, die sich lediglich an schon bekannten Quellen orientiert, sondern interpretiert neue Befunde in ein mannigfaltiges Psychogramm des größten Massenmörders der Weltgeschichte hinein. Die immer wiederaufkommende Frage bei Hitler-Biografien ist diejenige nach der Schuld: Viele Biografien schieben die gesamte Schuld für das Grauen in der NS-Zeit auf eine kleine Elite und entlasten damit Millionen von ganz normalen Helfern und Mittätern. In diesem Buch passiert dies erfreulicherweise nicht, daher kann es mit Gewinn gelesen werden.

 

Buch 3

 

Volker Bausch, Mathias Friedel, Alexander Jehn (Hrsg.): Deutschland und Afghanistan. Verwobene Geschichte(n), De Gruyter Oldenbourg, Berlin/Boston 2018, ISBN: 978-3-110-59596-3, 49,95 EURO (D)

Dieser Sammelband beschreibt episoden- und geschichtenhaft die Hintergründe der Beziehungen zwischen Deutschland und Afghanistan. Die mehr als 100jährige Geschichte wird anhand bisher unveröffentlichter Text- und Bildquellen näher erläutert.

Zehn deutsche und afghanische Journalisten, Experten, ehemalige Spitzendiplomaten und Schriftsteller in zwölf Beiträgen aus unterschiedlichen Blickwinkeln die miteinander verwobene Geschichte der beiden Länder.

Das Buch beginnt mit einem Vorwort der Herausgeber und Rangin Dadfar Spanta, ehemaliger Außenminister Afghanistans und einer Einführung von Alexander Jehn. Danach stellt Gunter Mulack Afghanistan und die strategische Bedeutung der Region als Spielball der Weltmächte dar. Danach geht es um die ersten Beziehungen während des 2. Weltkrieges. 1915/16 bemühten sich Oskar Niedermayer und Werner von Hentigs um eine Bündniszusage des Landes gegen Britisch-Indien, was von Thomas Schmid skizziert wird. Volker Bausch beschäftigt sich mit der Beziehung der Weimarer Republik und dem König Amanullah 1920-1929. Anschließend geht es um Evakuierungsflüge von Diplomaten aus Kabul, das von feindlichen Truppen belagert wurde. Es folgt eine Darstellung von Volker Bausch über die strategische Bedeutung Afghanistans für das NS-Regime, bevor eine deutsch-afghanische Familiengeschichte erzählt wird. Danach folgt ein Bildteil quer durch die 100jährige Geschichte der Beziehungen beider Länder. Danach erörtert Volker Bausch die Beziehungen der BRD und Afghanistan im Kalten Krieg vor dem Einmarsch der sowjetischen Truppen. Reinhard Schlagintwelt geht dann auf die Erinnerungen eines deutschen Diplomaten in Afghanistan zwischen 1958n bis 1961 ein.

Nach einer zweiten deutsch-afghanische Familiengeschichte werden die Beziehungen der DDR und Afghanistan zwischen 1973 und 1990 erörtert. Die Amani-Schule in Afghanistan wird in den Kriegswirren nach 1990 vorgestellt, bevor Sultan Karimi die Mediothek Afghanistan und ihr Bemühen um Frieden näher erläutert. Danach werden Zahlen des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung über die Lage in Afghanistan (2009-2017) präsentiert. Paul F. Glause beschäftigt sich anschließend mit den von Deutschland geförderten Schulen in Kabul. Weiterhin setzt sich Taqi Akhlaqi mit den Fluchtbewegungen aus Afghanistan in die BRD auseinander. Hassan Ali Djan und Veronica Frenzel gehen auf die Situation von Afghanen in der BRD zwischen Heimat und Ausgrenzung ein. Im Anhang findet man noch einen Bildnachweis und eine Auflistung der Autoren.

 

Afghanistan wird in der BRD oft mit Krieg, Armut, Zerstörung und radikalem Islamismus gleichgesetzt. In diesem Buch wird auch ein anderes Afghanistan gezeigt: eines der Hoffnung und des Wiederaufbaus. Besonders der Artikel über Afghanistan als Spielball der Weltmächte zeigt, dass oft fremde Invasoren über deren Schicksal bestimmt haben und noch immer bestimmen.

Das Buch bietet einen guten Zugang aus verschiedenen Blickwinkeln auf ein Land im Krieg und wurde von Experten geschrieben. Leider ist das Kapitel über die Migration aus Afghanistan in die BRD zu kurz gehalten, besonders die umstrittene Abschiebung in ein Kriegsgebiet hätte deutlicher diskutiert werden müssen.

 

Buch 4

Marc Grimm/Bodo Kahmann (Hrsg.): Antisemitismus im 21. Jahrhundert. Virulenz einer alten Feindschaft in Zeiten von Islamismus und Terror, De Gruyter Oldenbourg, Berlin Boston 2018, ISBN: 978-3-11-053471-9, 119,95 EURO (D)

 

Antisemitismus ist in der BRD, Europa und in der Welt erschreckend weit verbreitet, er zeigt sich nicht nur in Diskriminierungen und Gewalttaten, sondern oft auch unterschwellig im Alltag. Dieser Sammelband von hochrangigen Wissenschaftlern beschäftigt sich dessen Virulenz im 21. Jahrhundert. Er erscheint in der Reihe Europäisch-Jüdische Studien des Moses-Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien.

Das Themenfeld wird nach einer Einleitung der Herausgeber über die Perspektiven und Kontroversen der Antisemitismusforschung im 21. Jahrhundert in vier Themenblöcke mit Essays unterteilt.

Zunächst geht es um theoretische und konzeptionelle Überlegungen wie die Definitionskontroversen über Antisemitismus, „Israelkritik“ und deren Grenzen, zum Verhältnis von Antisemitismus und Sexismus und die Verbindungslinien und Unterschiede zwischen Shoah und Porajmos. Anschließend folgen Essays zum islamischen Antisemitismus: Dabei werden der muslimische Antisemitismus in Europa, der Forschungsbereich des islamischen Antisemitismus in der BRD, das Verschwörungskonstrukt des „jüdisch-westlichen Krieges gegen den Islam“, Antisemitismus und Antizionismus unter südasiatischen Muslimen und Antisemitismus im Iran seit 1979 behandelt.

Weiter geht es mit Antisemitismus in der öffentlichen Diskussion. Dabei werden die Abwehr der Antisemitismuskritik bei der Debatte um Günter Grass, antiisraelische Schuldprojektionen zur Erzeugung eines positiven Selbstbildes an zwei Beispielen, antisemitistische Argumentationsmuster in der deutschsprachigen Medienberichterstattung über Israel, mediale Judenbilder und das Motiv des „rechtsbrechenden Juden“ in der Diskussion um kulturell-religiöse Vorhautbeschneidungen erörtert.

Der Antisemitismus in politischen Bewegungen wird in Form von vier Beiträgen über dem aktuellen Stand der Maßnahmen der EU gegen Antisemitismus, antisemitistische Verschwörungstheorien in der Protestbewegung der Mahnwachen für den Frieden, die Nähe von Russland zu extrem rechten und antisemitischen Parteien in Europa und Antizionismus an Universitäten in den USA.

Im Anhang findet man noch die Biografie der Autorinnen und Autoren sowie ein Personenregister.

Zahlreiche sozialwissenschaftliche Studien der jüngeren Vergangenheit haben gezeigt, dass sich Antisemitismus nicht nur in der extremen Rechten, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft findet. Daher ist die Herangehensweise mit dem Schwerpunkt Antisemitismus in der öffentlichen Kommunikation zu loben.

Der Bereich des islamisch motivierten Antisemitismus ist lange Zeit vernachlässigt worden, nimmt jedoch im Buch zu starken Raum ein. Die meisten antisemitischen Straftaten in der BRD werden immer noch von extremen Rechten begangen, dies kommt in den Beiträgen aber nicht zum Ausdruck. Dabei wären Antisemitismus in der AfD, Antisemitismus in Publikationen der extremen Rechten oder der Antisemitismus bei Pegida und seinen Ablegern äußerst spannend.

 

Buch 5

Wolfgang Templin: Der Kampf um Polen. Die abenteuerliche Geschichte der Zweiten Polnischen Republik 1918-1939, Ferdinand Schöningh, Paderborn 2018, ISBN: 978-3-506-78757-6, EURO (D)

 

Nach der staatlichen Reorganisation  als Zweite Republik nach Ende des Ersten Weltkrieges im Jahr 1918 war die polnische Geschichte durch eine mühsame staatliche Reorganisation und mehrere militärische Konflikte mit nahezu allen Nachbarstaaten gekennzeichnet. Hitler und Stalin vereinbarten im Zusatzprotokoll des Ende August 1939 geschlossenen deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes die erneute Aufteilung Polens. Auf den Polenfeldzug der Wehrmacht, den Beginn des Zweiten Weltkriegs, und die sowjetische Invasion Ostpolens folgten Jahre der deutschen und der sowjetischen Besetzung. Im Zweiten Weltkrieg starben etwa sechs Millionen Polen.

Die Geschichte der zweiten Republik Polen 1918-1939 beschreibt in diesem Buch der Publizist und ehemalige Leiter des Warschauer Büros der Heinrich Böll-Stiftung, Wolfgang Templin, der von 2010-2013 dort eigene Wahrnehmungen in der Vergangenheitsdeutung kennenlernen konnte. Er machte dort die Erfahrung, dass die Interpretation dieser Zeit immer noch für die gegenwärtige Politik von Bedeutung war und innerpolnische Auseinandersetzungen befruchteten, die für das Ausland nicht nachvollzogen werden könnten: „Mein Buch richtet sich in erster Linie an den deutschen und westeuropäischen Leser, der diese Zeit zumeist aus einer anderen Perspektive wahrnimmt. Verständigung und Annäherung in schwierigen Zeiten setzen ein wechselseitiges Verständnis voraus.“ (S. 227)

Im Folgenden werden die Entwicklungslinien dieser Epoche beschrieben:

Anfang 1918 verlangten die Mittelmächte in Brest-Litowsk von Russland die Unabhängigkeit für Polen, dabei wurden Polens Grenzen von Deutschland und Österreich enger als 1772 gezogen. Nachdem das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn den Krieg faktisch verloren hatten und das Russische Reich im Chaos des Russischen Bürgerkriegs versank, erlangte Polen, auch durch politische Unterstützung der Westmächte, seine volle staatliche Souveränität zurück.

Am 7. Oktober 1918 proklamierte der Regentschaftsrat in Warschau einen unabhängigen polnischen Staat und übernahm fünf Tage später die Befehlsgewalt über die Armee.  Im November 1918 übernahm der aus der Haft entlassene Józef Pi?sudski in Warschau als vorläufiges Staatsoberhaupt die Macht. Er berief einen verfassunggebenden Sejm ein, der eine demokratische Verfassung ausarbeiten und verabschieden sollte. Im Versailler Vertrag musste Deutschland die völlige Unabhängigkeit Polens anerkennen. Die ersten Jahre der Unabhängigkeit vergingen mit dem inneren Aufbau des Staates. Die bestehenden staatlichen Strukturen, welche die drei verschiedenen Teilungsmächte hinterlassen hatten, mussten vereinheitlicht und teilweise neu geschaffen werden. Außerdem war das Land weitgehend vom Krieg verwüstet, wie auch seine Grenzen in weiten Teilen nicht festgelegt waren.

Als im Jahre 1921 die neue Verfassung verabschiedet wurde, in der nur ein schwacher Präsident vorgesehen war, verzichtete Pi?sudski auf die Ausübung dieses Amtes und zog sich ins Privatleben zurück. Die Jahre bis 1926 waren innenpolitisch von mehreren aufeinanderfolgenden parlamentarischen Regierungen bestimmt. Zum ersten offiziellen Präsidenten Polens wurde 1922 Gabriel Narutowicz gewählt, ein Vertreter der gemäßigten Linken. Dieser wurde wenige Tage nach seiner Amtseinführung von einem nationalistischen Fanatiker ermordet. Zu seinem Nachfolger wählte die Nationalversammlung den gemäßigten Sozialisten Wojciechowski. Da die Mehrheitsverhältnisse im polnischen Parlament instabil waren, gab es häufig Regierungswechsel.

Polen entwickelte ab 1921 gute Beziehungen zu Großbritannien und Frankreich, die an Polen als strategischem Bündnispartner interessiert waren und den Bau eines neuen Hafens in Gdingen finanzierten. Aus dem Fischerdorf mit 1000 Einwohnern wurde in wenigen Jahren ein Groß- und Militärhafen mit über 100.000 Einwohnern. Weil Gdingen mit dem Danziger Hafen konkurrierte und Polen gegen den Willen der Danziger Regierung ein polnisches Munitionslager durchsetzte, kam es zu Spannungen mit der Freien Stadt Danzig. Der Zugang zu Ostpreußen vom restlichen Deutschen Reich war möglich per Korridorzug von Konitz bis Dirschau durch das polnische Gebiet auf der Ostbahn oder per Schiff.

Immer wieder kam es aufgrund von unklaren Grenzverläufen des wiederhergestellten polnischen Staates zu Konflikten mit den Nachbarn. Mit Deutschland gab es zwischen 1919 und 1921 Kämpfe vor allem um den Besitz Oberschlesiens, die sich in drei Aufständen niederschlugen. Die Volksabstimmung in Oberschlesien am 20. März 1921 ergab eine Mehrheit von fast 60 % für den Verbleib bei Deutschland. Dabei gab es erhebliche regionale Unterschiede; in einigen Gebieten überwog das pro-polnische Votum. Polnische Freischärler begannen daraufhin am 3. Mai 1921, unterstützt von französischen Besatzungstruppen – Italiener und Briten stellten sich auf die deutsche Seite –, einen bewaffneten Aufstand, um den Anschluss des östlichen Teils Oberschlesiens an Polen gewaltsam durchzusetzen. Die Alliierten wollten vorher nur den Landkreis Pleß an Polen anschließen. Das Deutsche Reich konnte aufgrund der Beschränkungen durch den Versailler Vertrag und aufgrund der Intervention der anglo-französischen Sieger nicht gegen die Freischärler vorgehen, trotzdem kam es zu einigen blutigen Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Polen. Mit Billigung der deutschen Regierung versuchten Freikorps gewaltsam den Anschluss an Polen zu verhindern. Am 20. Oktober 1921 beschloss der Oberste Rat der Alliierten, nach einer Empfehlung des Völkerbundes, das oberschlesische Industriegebiet an Polen zu übertragen, dem es als Autonome Woiwodschaft Schlesien angeschlossen wurde. Beim Deutschen Reich verblieb der flächen- und bevölkerungsmäßig größere, eher agrarisch strukturierte Teil des Abstimmungsgebiets.

Dabei wurden die Provinzen des Königreichs Preußen, Westpreußen und Posen, die durch die Teilungen Polens an Preußen kamen, aus der Weimarer Republik herausgelöst und ohne Plebiszite der neuen Republik einverleibt. Polen bekam dadurch einen Zugang zur Ostsee. Einen Teil der Gebiete hatte polnisches Militär im Großpolnischen Aufstand bereits zuvor militärisch besetzt. Die alte Hansestadt Danzig wurde zur Freien Stadt Danzig erklärt und verblieb mit Nutzungsrechten Polens am Danziger Hafen außerhalb der Grenzen des neuen polnischen Staates unter der Aufsicht des Völkerbundes. Für weitere Gebiete sah der Versailler Vertrag Volksabstimmungen über die Staatszugehörigkeit vor.

Auch im Osten stießen die polnischen territorialen Bestrebungen stießen auch auf Widerstand. Wegen der nicht eindeutig abgrenzbaren Siedlungsgebiete verschiedener Völker gab es hier sich überschneidende Gebietsansprüche, vor allem mit den Ukrainern und den Litauern. Eine Woche nach der polnischen Unabhängigkeitserklärung riefen auch die Ukrainer in Lemberg ihre Unabhängigkeit aus, was den Polnisch-Ukrainischen Krieg um das ehemalige habsburgische Königreich Galizien auslöste. Besonders heftige Kämpfe wurden um Lemberg geführt, das polnische Freiwilligenverbände und reguläre Armeeteile am 21. November einnahmen. Der Krieg dauerte bis März 1919 an und wurde durch ein Abkommen zwischen Polen und der Ukraine am 21. April 1920 beendet. Der Völkerbund sah die Ziehung einer Grenzlinie vor, durch die mehrheitlich polnischsprachige Gebiete um Wilna in Litauen und Lemberg in Galizien dem polnischen Staat verloren gegangen wären. Die Pläne Pi?sudskis zielten hingegen auf die Wiedererrichtung einer Republik unter polnischer Führung in der Tradition der 1795 untergegangen Adelsrepublik, zu der auch mehrheitlich von Ukrainern und Weißrussen bewohnte Gebiete gehören sollten. Polnische Truppen besetzten daher 1919 den östlichen Teil Litauens um Wilna, das seine Unabhängigkeit gerade gegen Russland durchgesetzt hatte. Zudem drangen polnische Truppen tief in die Ukraine vor, was aufgrund der Überschneidung mit den territorialen Ansprüchen Sowjetrusslands zum Polnisch-Sowjetischen Krieg führte.

Das Ende des Krieges war bald soweit: Am 18. März 1921 unterzeichneten die Kriegsparteien in der lettischen Hauptstadt Riga den Friedensvertrag von Riga. Pi?sudski gelang es, die polnische Staatsgrenze etwa 200 km östlich der geschlossenen polnischen Sprachgrenze mit relativer Bevölkerungsmehrheit, der Curzon-Linie, zu ziehen. Im östlichen Teil Polens betrug der polnische Bevölkerungsanteil 1919 etwa 25 %, 1938 bezeichneten sich 38 % als polnisch. Die Bevölkerungsmehrheit bezeichnete sich als ukrainisch, weißrussisch oder jüdisch. Mehrheitlich polnisch – mit einem hohen Anteil Juden – waren dagegen die Städte Wilna und Lemberg.

Józef Pi?sudski war unzufrieden mit der innenpolitischen Situation, führte im Mai 1926 mit Unterstützung zahlreicher Anhänger in der Armee einen Staatsstreich durch und blieb bis zu seinem Tod im Mai 1935 an der Macht. Allerdings bekleidete Pi?sudski hierbei nur selten und nur für kurze Zeit offiziell bedeutende Ämter. Er war z. B. nie Staatspräsident, sondern überließ dieses Amt seinem loyalen Gefolgsmann Moscicki. Pi?sudski war meist nur Verteidigungsminister. Allerdings war er die allgemein anerkannte oberste Autorität im Staat. Auch gab es zumindest bis zum Ende der 1920er Jahre eine mehr oder weniger funktionierende im Parlament vertretene Opposition; diese wurde allerdings konsequent an der Übernahme der Macht gehindert.

Nach der Ermordung von Innenminister Bronislaw Pieracki im Juni 1934 ließ die Regierung in der Kleinstadt Bereza Kartuska im heutigen Weißrussland ein Internierungslager für ukrainische Nationalisten, Kommunisten und andere prominente Regimegegner anlegen. Das Regime nannte sich selbst Sanacja  („Gesundung“). Eine auf die Person Pi?sudski zugeschnittene neue Verfassung trat nach dessen Tod 1935 in Kraft. Der Trend hin zu einem autoritären Staat verstärkte sich weiter; die Rechte vor allem der slawischen Minderheiten (Ukrainer, Weißrussen) wurden massiv eingeschränkt, die Juden diskriminiert.  Einige Monate vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gaben die Regierungen Frankreichs und Großbritanniens Garantieerklärungen zum Schutze der Unabhängigkeit Polens ab. Diese blieben nach Kriegsausbruch aber ohne größere Folgen, was von Polen als „Verrat des Westens“ angesehen wurde.

 

Hier sind Parallelen zur Weimarer Republik unverkennbar: Auseinandersetzungen zwischen linken und rechten Fraktionen, eine instabile Republik und das Hervorbrechen von autoritären Lösungen. Der häufige Kriegszustand und Grenzstreitigkeiten ließen das Land nicht zur Ruhe kommen. Eine erneute Teilung der gerade erst wieder errichteten polnischen Republik stand immer im Raum, dies bewahrheitete sich schließlich auf schlimme Weise.

Dies ist wichtig für das Verständnis des heutigen Polens in seiner Sandwichposition zwischen den Großmächten Deutschland und Russland. Wie zwischen 1918-1939 wird das Gespenst einer erneuten Teilung gerade von nationalistischer Seite immer wieder hervorgehoben. Das Buch liefert dazu einen guten Beitrag, es hilft, um die innenpolitischen Geplänkel und außenpolitischen Sorgen besser einzuordnen.

 

 







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