Neuerscheinungen Geschichte


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07.01.20
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Jill Lepore: Diese Wahrheiten. Eine Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika, C.H. Beck, München 2019, ISBN: 978-3-406-73988-0, 39,95 EURO (D)

Die Historikerin Jill Lepore erzählt die Geschichte der USA von ihren Anfängen bis zur heutigen Weltmacht in der Krise. Mit neuem Blick fragt sie, ob die fundamentalen "Wahrheiten" (Thomas Jefferson), auf denen die amerikanische Gesellschaft aufgebaut ist - politische Gleichheit, natürliche Rechte, Volkssouveränität - von der Geschichte bestätigt oder betrogen worden sind. Ausgehend von dieser Fragestellung beschreibt sie in vier Kapiteln die mehr als zweihundert Jahre alte Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika. Die vier Kapitelüberschriften „die Idee“, „das Volk“, „der Staat“ und „die Maschine“ zeigen bereits eine klare Gliederung. Dabei lässt sie die vorhergehenden Ursprünge nicht außer Acht, die Geschichte beginnt bereits 1492. Die indigenen Formationen kommen zwar auch vor, aber mehr als Opfer des Kolonialismus durch weiße Siedler.

Durch die Bündelung der Erfahrungswelten von weißen Siedlern, Ureinwohnern und afrikanischen Sklaven, gelingt es ihr, den Blickwinkel auf die Geschichte zu erweitern. Das traurige Kapitel der Sklaverei wird ausführlich besprochen: In der Ausdehnung des analytischen Blicks auf die britischen Besitzungen in der Karibik wird deutlich, wie sehr die Freiheitsrhetorik der dreizehn Kolonien von den Pflanzern in Barbados und Jamaika als Sicherheitsrisiko wahrgenommen wurde. In der Tat verlor das Britische Empire mit der Niederlage die Hälfte seiner Sklaven. Vertreter des politischen Machtzentrums wie die Präsidenten Andrew Jackson und Abraham Lincoln bekommen ebenso wie weniger bekannte Personen ihren Platz. Herrschaftsgeschichte wird hier zum Glück nicht erzählt.

Danach folgen die Herausbildung des modernen Staates und konkurrierender Konzepte von Staatsbürgerschaft, Konflikte um Immigration, „Rasse“ und Geschlechterhierarchien, die Entwicklung der Massengesellschaft, die Große Depression und die mobilisierte Nation im Zeitalter der Weltkriege. Im letzten Kapitel geht es um die Folgen der Atombombenabwürfe, den Kalten Krieg und die Stellung der USA als Weltmacht, auch nach dem Ende des Warschauer Paktes. Aber auch Zukunftstechnologien und Einfluss neuer Medien auf die politische Kultur werden breit diskutiert.

Persönliche Schicksale Einzelner und verschiedene Perspektiven dienen für Lapore als Aufhänger für die Erklärung der historischen Entwicklung. Dies schafft eine authentische Basis für die Erschließung von einer großen Menge an historischem Stoff. Neben vielen anregenden Informationen und Fragestellungen gibt es in einigen Punkten auch Anlass zur Kritik.

Lapore lässt die Geschichte der USA schon früher beginnen als im 18. Jahrhundert und zwar mit der Entdeckung Amerikas durch Columbus, was gleichzeitig auch der Beginn der Kolonisation darstellte. Die indigene Vorgeschichte wird seltsamerweise jedoch gar nicht beschrieben.

Sie stellt zwar dar, dass die soziale Ungleichheit kein Ruhmesblatt für die Erfüllung der „Wahrheiten“ der US-amerikanischen Gesellschaft ist, der Mythos des „American Dream“ wird nicht infrage gestellt. Der Grundgedanke des „American Dreams“ findet sich bereits in der Unabhängigkeitserklärung. Nur so könne eines der elementarsten Rechte des Menschen gewährleistet werden, das Streben nach Glück (pursuit of happiness). Der „amerikanische Traum“ gründet auf der Vorstellung, die USA seien eine Meritokratie und Leistungsgesellschaft. Von den europäischen Wurzeln losgelöst waren die damaligen Siedler ganz auf sich selbst und ihre eigene Leistungsbereitschaft gestellt. Den Begriff „American Dream“ prägte der amerikanischen Schriftsteller James Truslow Adams in seinem Buch The Epic of America im Jahre 1931. Der „American Dream“ wurde sehr rasch zu einer feststehenden Formel, weil die Idee längst verbreitet war. 

Dieser Mythos des „American Dreams“ lässt viele Einwohner der USA heute noch glauben, dass die einzelne Person selbst durch seine Leistungsbereitschaft entscheidet, ob er/sie zu Reichtum und Ansehen kommt. Dass dieser kapitalistische Individualismus zu Entsolidarisierung und oberflächlichem Glück führt, bleibt unhinterfragt. Die Bildungschancen sind nicht für alle gleich, da diese von dem Vermögen der Eltern noch stärker abhängt als in der BRD.

Die Amtszeit der Präsidentschaft von Trump und er selbst kommen gnädig davon, da sie eindeutige Stellungsnahmen und Positionen in weiten Teilen meidet. Dabei bietet die Ära von Trump genügend Beispiele, um zu zeigen, dass die fundamentalen „Wahrheiten“ nur noch wenig Gültigkeit besitzen.

Insgesamt aber bietet Lepores Geschichte der USA viele Wahrheiten, zeigt eine problematische Geschichte mit vielen Widersprüchen und stellt viele Fragen und gibt einige Antworten. Ihre Vorgehensweisen von einer Mélange aus Stimmen aus dem Establishment und der intellektuellen Elite und marginalisierter Personen oder Gruppen ist eine neue gewinnbringende Stufe der kritischen Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit und Gegenwart. Vielen heiklen Themen geht sie nicht aus dem Weg in ihrer opulenten Historie mit über 1000 Seiten, dass manche unter den Tisch fallen müssen, ist klar. Sie schafft es, durch die Frage nach der Realisierung der „Wahrheiten“, über die auch heute noch in den USA heftig diskutiert wird, die Brücke zwischen Geschichte und Gegenwart zu schlagen.

 

Buch 2

Marian Füssel: Der Preis des Ruhms. Eine Weltgeschichte des Siebenjährigen Krieges, C.H. Beck, München 2019, ISBN: 978-3-406-74005-3, 32 EURO (D)

Marian Füssel, Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Georg-August-Universität Göttingen, legt eine groß angelegte, Darstellung des Siebenjährigen Krieges vor und deutet ihn als globalen Krieg des 18. Jahrhunderts, dessen Ereignisse zwischen 1756 und 1763 ganz Europa, aber ebenso die überseeischen Imperien Frankreichs, Großbritanniens und Spaniens oder die Indianerstämme Nordamerikas in Mitleidenschaft zogen. Er will in seiner Darstellung nationale einseitige Sichtweisen überwinden und stattdessen eine globale Perspektive auf die Vorgänge und Ereignisse bieten.

Die Weltgeschichte des Krieges wird aus einer mikrohistorisch angeleiteten Perspektive dargestellt. Dazu werden ca. 200 Selbstzeugnisse ausgewählt, die von allen Schauplätzen und Parteien des Krieges stammen. Dort werden die Ebenen von Struktur und Ereignis miteinander verschränkt und die Abfolge der Kriegsereignisse in Raum und Zeit immer wieder von systematischen Querschnittsthemen des Kriegsalltags unterbrochen: „Im Sinne einer globalen Kriegsgeschichte ‚aus der Nähe‘ werden strukturelle Tableaus mit einzelnen Nahsichten auf bestimmte Ereignisse, Akteure und Situationen verknüpft.“ (S. 31) Er erweitert die Ansätze der Erfahrungsgeschichte in Richtung einer Wissens- und Informationsgeschichte des Krieges.

Der Krieg veränderte die bisherige Welt auf vielen Gebieten. Innerhalb der politischen Machtkonstellation Europas hatte der Krieg eine europäische Pentarchie von Großbritannien, Frankreich, Preußen, Russland und Österreich etabliert. Spanien und die Niederlande verloren an Einfluss. Der Krieg wurde auf vier Kontinenten ausgetragen und war ein globaler Krieg. Er forderte mehr als eine Million Opfer, wobei die meisten Soldaten nicht in Schlachten, sondern an Krankheiten starben. Für die Zivilbevölkerung war der Krieg nicht nur mit Toten verbunden, sondern er vernichtete auch ganze Existenzen.

Füssel deutet ihn als konstitutiven Bestandteil der zeitgenössischen Kultur: „Der Krieg war nicht das Andere des Jahrhunderts der Aufklärung, er gehörte untrennbar dazu. Merkantilistisches Wirtschaftsdenken, eine neue Kultur des Konsums, eine florierende Presselandschaft, die Mathematisierung der Kriegsführung oder ein neuer, literarisch stimulierter Landespatriotismus sind nur einige der Faktoren in den vielfältigen Relationen zwischen Krieg und aufgeklärtem Jahrhundert.“ (S. 18)

Er diskutiert breit die verschiedenen Theorien über den Krieg, der in einigen Aspekten für ihn Anzeichen und Vorläufer des modernen Kriegs war. So gab es eine von früheren Kriegen abweichende Informationspolitik, Füssel spricht hier von einer kommunikativen Verdichtung im globalen Maßstab (S. 515).

Füssels Ansatz, anhand der ca. 200 Selbstzeugnissen aller Parteien eine Wahrnehmungs- und Deutungsgeschichte des Krieges vorzulegen, überzeugt und macht das Buch authentisch. Der Schreibstil ist flüssig, die Kapitel systematisch angeordnet. Das Buch besitzt einen opulenten Anhang mit den Anmerkungen, einem Siglenverzeichnis, einem Literaturverzeichnis, einem Bildnachweis und einem Personenregister. Eine Zeitleiste fehlt allerdings. Obwohl er von einem starken Einsatz der Medien für die Kriegspropaganda spricht (ab S. 315), werden hier meist geografische Karten gezeigt und einige künstlerische Werke abgebildet. Das ist definitiv zu wenig an Originalquellen. Zu loben ist dagegen seine kulturgeschichtlicher und sozialgeschichtliche Herangehensweise und die breit angelegte und mühevolle Erfassung von Primär- und Originalquellen.

Insgesamt gesehen wird in den nächsten Jahren keine Abhandlung, die sich mit dem Siebenjährigen Krieg und seinen Folgen beschäftigt, an diesem Werk vorbeikommen.

 

Buch 3

Philippe Rogger/Regula Schmid (Hrsg.): Miliz oder Söldner? Wehrpflicht und Solddienst in Stadt, Republik und Fürstenstaat 13.-18.Jahrhundert, Ferdinand Schöningh, Paderborn 2019, ISBN: 978-3-506-79258-7, 64 EURO (D)

Dieses Forschungsband erscheint in der Reihe „Krieg in der Geschichte“ und orientiert sich an der internationalen Tagung am 17/18.3.2017 in Bern mit dem Titel „Miliz oder Söldner? Wehrpflicht und Solddienst in Stadt, Republik und Fürstenstaat (15-18.Jh.)“ Der zeitliche Rahmen wurde für dieses Buch aufgrund von Kontinuitäten auf das 13. Jh. ausgedehnt. Ausgehend von der Leitfrage, inwieweit das von Machiavelli um 1500 entworfene Bild des treulosen Söldners auf der einen und des verlässlichen Bürgersoldaten auf der anderen Seite durch die Forschung bewiesen werden kann oder nicht. Die dreizehn Beiträge des vorliegenden Bandes untersuchen die Schnittstellen von Miliz und Söldnerwesens in einem Verfassungsstrukturen, Regionen und Epochen übergreifenden Vergleich. Sie konfrontieren unterschiedliche Forschungstraditionen und durchbrechen bewusst die großen Entwicklungsnarrative zugunsten einer phänomenologisch orientierten, strukturellen Betrachtungsweise.

Der Forschungsband beginnt mit einer Einleitung der Herausgeber über die wechselvolle Beziehung zwischen Miliz und Söldnern in dem Untersuchungszeitraum und enthält allgemeine Thesen zu diesem Beziehungsgeflecht. Es folgt ein Jahrhunderte und Territorien umgreifender Beitrag von Michael Sikora über die Beziehungsgeschichte von Söldnern und Miliz, wobei letztere als die „guten Soldaten“ galten.

Die danach folgenden Fallstudien werden in drei Themenbereiche gegliedert: Im ersten Teil geht es um die zwei Aspekte: die Diskrepanz zwischen modellhaften Vorstellungen und der Praxis feudaler Heere des Mittelalters und der Blick auf die von militärischen Denkern des 16. und 17. Jahrhunderts vorgetragenen Überlegungen über das Söldnertum. Kelly DeVries stellt einen Vergleich der Heeresstrukturen und die Frage nach den Auswirkungen des Wandels auf Gesellschaft und militärisch-politisches Denken vor. Anschließend präsentiert Horst Carl militärtheoretische Reflexionen zum Söldnertum im 16. und 17. Jahrhundert.

Der zweite Teilbereich beschäftigt sich mit Heeren in Städten und Republiken und fürstliche Heeren. Zunächst behandelt Regula Schmid den Wandel des Heerwesens in der Stadt, die ihre eigenen Bürger zum Kriegsdienst heranziehen konnte und deren Forderungen nach politischer Partizipation. Roberto Biolzi geht dann auf den Kriegsdienst des Adels im Herzogtum Savoyen im Spätmittelalter ein. Danach skizziert Maarten Prak die Rolle von Milizen am Beispiel der Stadt ‚s-Hertogenbosch am Ende des 18. Jahrhunderts. Philippe Rogger belegt danach anhand zahlreicher Biografien die enge Verzahnung zwischen eidgenössischer Wehrorganisation und in fremden Diensten gemachte Kriegserfahrungen. Anschließend zeigt André Holenstein das Scheitern einer nationalen Verteidigungsorganisation als Spiegel der schweizerischen Integrationsblockade im späten Ancien Régime.

Der dritte Teilbereich diskutiert den Themenbereich Handeln mit militärischer Gewalt- Personale Verknüpfungen und strukturelle Schnittstellen zwischen Miliz und Solddienst. Christoph Dartmann erweitert diesen Blickwinkel um den der Kriegsinvestoren und deren militärpolitische Verstrickung. Danach behandelt Michael Busch die Schnittstellen zwischen Miliz und Söldnerwesen anhand der schwedischen Heeresreform von 1682. Dies untersucht auch Holger Graf in seinem Beitrag über die Landgrafschaft Hessen-Kassel im 17. Jahrhundert. Die Anwerbung von fremden Truppen durch die Stadt Zürich im 17. Jahrhundert beleuchtet Sarah Rindlisbacher. Anschließend gibt Rudolf Jaun noch einen Ausblick über das Beziehungsgeflecht zwischen Miliz und Söldnerwesen im 19. Jahrhundert. Im Anhang findet man noch die Biografien der Autoren.

Hier stehen nicht die die Unterschiede, sondern die Schnittstellen, Verflechtungen und Analogien zwischen Miliz und Söldnerwesen im Mittelpunkt. Das Buch zeigt, dass die Grenzen zwischen Milizen und Söldner oftmals unscharf waren und häufig die Zuschreibung entscheidend für die Bezeichnung war: „Die Dichotomien Machiavellis helfen in zentralen Fragen nicht weiter, vielmehr verstellen sie den Blick für die Komplexität vormoderner Heeresverfassungen.“ (S. 4) Genau diese Komplexität wird in den verschiedenen Beiträgen gut herausgearbeitet, was zu einer Ausdifferenzierung in den Militärpraktiken des Mittelalters und der Frühen Neuzeit führt, die für weitere Forschungen grundlegend sein sollte.

Buch 4

Ulrich Lappenküper: Bismarck und Frankreich 1815 bis 1898. Chancen zur Bildung einer „ganz unwiderstehlichen Macht“?, F. Schöningh Verlag, Paderborn 2019, ISBN: 978-3-506-79333-1, 68 EURO (D)

In diesem Fachbuch beschäftigt sich Ulrich Lappenküper, Geschäftsführer der Otto-von-Bismarck-Stiftung, mit der Rolle, die Otto von Bismarck bei der Ausgestaltung des preußisch/deutsch-französischen Verhältnisses im 19. Jahrhundert gespielt hat. Er möchte damit dem Fakt entgegentreten, dass bisher keine umfassende Abhandlung über das Verhältnis des ersten deutschen Reichskanzlers zu Frankreich existiert: „Im Zentrum der Studie steht das Bestreben, die preußisch/deutsch-französischen Beziehungen des 19. Jahrhunderts in der Biographie eines ihrer Schlüsselgestalten zu spiegeln.“ (S. 11)

Die Monografie stützt sich wesentlich auf die Auswertung des Bismarck-Archivs in Friedrichsruh, Recherchen im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes in Berlin, in den Archives du Ministeres des res étrangeres in Paris sowie den dortigen Archives Nationales. Es wird aber auch geopolitische, strategische, wirtschaftliche, kulturelle, konfessionelle sowie mentale Hintergründe bei der Untersuchung miteinbezogen. Das Werk soll zur Transformation der internationalen Beziehungen im 19. Jahrhundert, zum französisch-deutschen Verhältnis und zur Biografie Bismarcks einen Beitrag leisten.

In insgesamt acht Kapiteln, die seiner Lebensgeschichte entlang verfasst sind, beschäftigt sich die Monografie mit Bismarcks Kindheit und Jugend, seinem Junkerleben bis hin zu den verschiedenen Etappen seiner politischen Laufbahn in Preußen und im Deutschen Reich.

Aus der Untersuchung geht hervor, dass Otto von Bismarck zunächst als Beobachter (Schüler, Student, Gutsherr), danach als Meinungsbildner (Diplomat), als politischer Akteur (Ministerpräsident/Reichskanzler) und als meinungsbildender Zuschauer nach seinem Rücktritt fungiert. Sein Frankreichbild und seine Frankreichpolitik sind dabei ambivalent.

Sein Vater Ferdinand hatte ein negatives Frankreichbild, das jedoch keine bleibende Wirkung auf Otto hatte. In den 1830er Jahren reiste er als Rechtsreferendar erstmals nach Frankreich und verliebte sich dort sogar in eine unbekannte Dame. Dies führte zu einer Affinität zur französischen Kultur, 1848 plädierte er gar für eine preußisch-französische Entente. Seit der Ernennung zum Bundestagsgesandten maß er Frankreich aus machtpolitischen Erwägungen eine sehr wichtige Bedeutung bei. In den 1850er Jahren reiste er öfter nach Paris und hatte 1862 den Posten des französischen Gesandten an der Seine übernommen. Dort allerdings machte sich ein Meinungsumschwung breit, was aus Begegnungen mit Napoleon III. und der gehobenen Gesellschaft resultierte. Als preußischer Ministerpräsident und Außenminister favorisierte er kein Bündnis mit Frankreich mehr, sondern wollte durch den Freihandel das Verhältnis festigen.

Als in Frankreich ab Mitte 1870 ein antipreußischer Kurs zu erkennen war und die Frage der spanischen Thronkandidatur des Hohenzollern-Prinzen Leopold aufkam, kam es zur Eskalation und zum bewussten Krieg. Als Reichskanzler sorgte er mit der Annexion Elsass-Lothringens dafür, dass das Verhältnis der Nachbarn völlig vergiftet wurde. Rassistische Entgleisungen und das Gerede von der „Erbfeindschaft“ waren ihm nicht fremd. Bismarck zielte außenpolitisch darauf ab, im Kreise der europäischen Pentarchie auf der Seite der Mehrheit zu stehen und Frankreich von jeder Bündnisfähigkeit auszuschließen. Bismarck verweigerte sich allen multilateralen Formen der Wirtschafts- und Währungszusammenarbeit. Er verweigerte sogar der deutschen Industrie die Teilnahme an den Weltausstellungen in Paris 1878 und 1889. Nach seinem Rücktritt 1890 konnte er sich eine Versöhnung nicht vorstellen und sah Frankreich nach wie vor als Feind an. Kurz vor seinem Tod gab Bismarck zwar Fehler in seiner Frankreichpolitik zu, war aber immer noch davon überzeugt, dass es niemals Frieden geben werde, wie es in seinen Memoiren heißt.

Diese genaue Aufarbeitung von Otto von Bismarcks Frankreichbild und Frankreichpolitik bietet einen biografischen Zugang zu dem ambivalenten, seit 1870 mehrheitlich von gegenseitiger Abneigung geprägten Verhältnis der beiden Nachbarn und Großmächte. Wie Machtgerangel, radikaler Nationalismus und Kriege selbst einen hochgebildeten Mann wie Bismarck zu rassistischen, undifferenzierten und scheinbar allgemeingültigen Ansichten über Frankreich entstehen lassen, ist hier gut dokumentiert. Auf dem Gebiet der Kolonialpolitik waren Frankreich und das Deutsche Reich nicht nur in Afrika Konkurrenten, dies hätte mehr berücksichtigt werden müssen.

 

Buch 5

Jens Bisky: Berlin. Biographie einer grossen Stadt, Rowohlt, Berlin 2019, ISBN: 978-3-871-34814-3, 38 EURO (D)

Die Metropole Berlin war nicht nur im 20. Jahrhundert Panorama deutscher wie europäischer Geschichte. Jens Bisky legt passend zum 30jährigen Jubiläum des Mauerfalls und dem Ende einer geteilten Stadt eine opulente Gesamtdarstellung der Geschichte Berlins vom Dreißigjährigen Krieg bis in die Gegenwart über fast 1000 Seiten vor.

Das Buch erzählt die Geschichte einer Weltmetropole der Konflikte und Gegensätze und dem Zusammenprall unterschiedliche Milieus und Lebensentwürfen. Bisky nähert sich dabei Berlin mit „sympathisierender Neugier“ (S. 16), und schildert ihre Entwicklung von einer märkischen Handelsstadt bis zur heutigen Weltmetropole. Die Darstellung lässt die Ursprünge Berlin außen vor und beginnt erst mit der Entwicklung zur Residenzstadt der Hohenzollern und des gleichzeitigen Aufstiegs Brandenburg-Preußens zur europäischen Macht: „Die Doppelstadt an der Spree war älter, aber erst seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges entwickelte sie sich zu einem Ort, der auf den Karten des politischen, künstlerischen, intellektuellen Europas verzeichnet werden musste.“ (S. 15)

Weiterhin zeigt er die Modernisierungsmaßnahmen von obrigkeitlicher Seite seit dem Amtsantritt des Großen Kurfürsten und die fehlende kommunale Eigenständigkeit und das fehlende Mitsprachrecht der Einwohner. Die sich allmählich entwickelnde bürgerliche Kultur in der Stadt, die Auswirkungen des Zusammenbruchs Preußens und den Gegensätzen bis zur und in der Revolution 1848 und ihre Entwicklung als Wissenschafts-, Kultur- und Industriestandort werden ebenfalls ausführlich gezeigt. Die wechselseitige Verknüpfung der Hauptstadt mit deutscher und internationaler Geschichte seit der Regierungszeit von Wilhelm II. über die Revolution 1918, der Ausrufung der Weimarer Republik, die Klassengegensätze, die kurze kulturelle Blüte in den „Goldenen Zwanzigern“ bis hin zur Ernennung Adolf Hitlers als Reichskanzler und dem Sitz der „Terrorzentrale des Dritten Reiches“ folgen danach. (S. 15)

Der Kampf um Berlin, die Eroberung durch die Rote Armee, Wiederaufbau, weltgeschichtliche Bedeutung im Kalten Krieg, die Teilung der Stadt, der Mauerbau, die Koexistenz von West-Berlin und Ost-Berlin und schließlich der Fall der Mauer in einem denkwürdigen 20. Jahrhundert kommen danach zur Sprache. Für Bisky beginnt nach 1989 eine „neue Epoche“, die bis heute andauert. (S. 16) Im letzten Kapitel wirft der Autor einen Blick auf zukünftige Projekte und zu lösende Probleme. Im Anhang findet man noch die Anmerkungen, die benutzte Literatur, ein Personenregister und den Bildnachweis.

Neben der Heranziehung von Romanen, Filmen, Liedern und Gemälden über die Stadt stützt er sich in seiner Quellenauswahl auf Statistiken, Dokumente, Tagebücher, Briefe und Beschreibungen sowie wissenschaftliche Literatur. Zahlreiche schwarz-weiße Abbildungen visualisieren den Fließtext.

Was zeichnet für Bisky Berlin im Besonderen aus? Als hervorstechendes Charakteristikum macht er „wiederkehrende Phasen der Überspannung aller Kräfte, der Anhäufung von Problemen“ in der Geschichte Berlins aus. (S. 16) Diese Ansicht liegt natürlich im jeweiligen Auge des Betrachters, es werden so vielfältige Antworten geben wie es die Stadt ist.

Bisky beschränkt sich hier auf die Geschichte Berlins als bedeutende Großstadt, die Anfänge werden nicht beschrieben. Einerseits ist es schade, da die Wurzeln Berlins ausgespart werden, anderseits hätte dies noch für eine weitere Zunahme der Seitenzahl gesorgt, die ohnehin fast 1000 liegt. Der Autor legt hier eine sehr ausführliche Darstellung der Stadtgeschichte im Kontext der nationalen und internationalen Entwicklung vor, die angenehm zu lesen ist und alle wichtigen Aspekte zumindest anspricht. Die Geschichte Ost-Berlins hätte noch ausführlicher sein können, hier bietet sich der Besuch der laufenden Ausstellung über Ost-Berlin im Ephraim-Palais als Ergänzung an. Außerdem hätte man eine Zitatensammlung von bekannten Persönlichkeiten über Berlin miteinbauen können. Insgesamt aber ein lesenswertes Buch mit Tiefgang.

 







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