Neuerscheinungen Sachbuch und Wissenschaft


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28.09.19
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Olaf Schmidt: Der Oboist des Königs. Das abenteuerliche Leben des Johann Jacob Bach, Galiani, Berlin 2019, ISBN: 978-3-86971-185-0, 25 EURO (D)

Olaf Schmidt schildert in diesem Buch das abenteuerliche Leben von Johann Jacob Bach (1682-1722), dem älterer Bruder von Johann Sebastian Bach. Der Roman hält sich zum großen Teil an bekannte Fakten, vermischt aber bei biografischen Leerstellen diese mit fiktionaler Erzählweise. Dabei wird sein Leben mit den europäischen Ereignissen des Großen Nordischen Krieges vermischt.

Johann Jacob Bach wurde er mit 13 Jahren zum Vollwaisen. Die weitere Erziehung der beiden jüngsten Kinder, Johann Jacob und Johann Sebastian wurde durch den älteren Bruder Johann Christoph Bach, der als Organist an der Ohrdrufer Michaeliskirche tätig war, übernommen. sich Johann Jacob im Alter von 14 Jahren dazu entschied, die Schulausbildung zu beenden und eine Musikerlehre bei Johann Heinrich Halle, dem Nachfolger seines Vaters in Eisenach, zu beginnen. Danach streifte er als wandernder Musikant durch die deutschen Lande und wurde Mitglied des Collegium Musicum.

Im Jahr 1704 entschloss sich Johann Jacob als Oboist in die Dienste, d.h. in die Hofkapelle König Karls XII. . von Schweden zu treten. Diese Möglichkeit bot sich, da Karl XII. mit seinen Armeen im Laufe des Großen Nordischen Krieges in Polen bis nach Sachsen vorgedrungen war.

Der Große Nordische Krieg war ein in Nord-, Mittel und Osteuropa in den Jahren 1700 bis 1721 geführter Krieg um die Vorherrschaft im Ostseeraum. Eine Dreierallianz, bestehend aus dem russischen Zarenreich sowie den beiden Personalunionen Sachsen-Polen und Dänemark-Norwegen, griff im März 1700 das Schwedische Reich an, das von König Karl XII: regiert wurde. Trotz der ungünstigen Ausgangslage blieb der schwedische König zunächst siegreich und erreichte, dass Dänemark-Norwegen (1700) und Sachsen-Polen (1706) aus dem Krieg ausschieden. Als er sich ab 1708 anschickte, Russland in einem letzten Feldzug zu besiegen, erlitten die Schweden in der Schlacht bei Poltawa im Juli 1709 eine verheerende Niederlage, welche die Kriegswende bedeutete.

Durch diese Niederlage ihres ehemaligen Gegners ermutigt, traten Dänemark und Sachsen wieder in den Krieg gegen Schweden ein. Von da an bis zum Kriegsende behielten die Alliierten die Initiative und drängten die Schweden in die Defensive. Erst nachdem der als uneinsichtig und kriegsbesessen geltende Schwedenkönig im Herbst 1718 während einer Belagerung vor Frederikhald in Norwegen gefallen war, konnte der für sein Land aussichtslos gewordene Krieg beendet werden. Die Bedingungen der Friedensverträge von Stockholm, Frederiksborg und Nystad bedeuteten das Ende Schwedens als europäische Großmacht und den gleichzeitigen Aufstieg des 1721 von Peter I. gegründeten russischen Kaiserreiches.

Fortan begleitete Johann Jacob den schwedischen König mit seiner Kapelle auf dessen Feldzügen durch Nord- und Osteuropa. Als die Schweden in der Schlacht bei Poltawa 1709 in der Ukraine eine vernichtende Niederlage erlitten, floh Johann Jacob ebenso wie der schwedische König nach Konstantinopel an den Osmanischen Hof. Dort kam er in Kontakt mit dem französischen Musiker Pierre-Gabriel Buffardin und nahm die orientalische Musik in sein Repertoire auf. Im Jahr 1713 gelangte er wie auch König Karl XII. auf Umwegen nach Stockholm. Am 31. Mai 1715 heiratete er Susanna Maria Gaast, die allerdings schon nach wenigen Ehejahren verstarb. Johann Jacob heiratete erneut, starb allerdings nach einem bewegenden Leben mit 40 Jahren in Stockholm.

Trotz seines frühen Todes bietet das Leben Johann Jacob Bachs viele Facetten, die hier in spannender Form vom Autor transportiert werden. Sein zeitweiliges Leben im Tross des schwedischen Königs war natürlich auch gefährlich und entbehrungsreich und nicht immer so abenteuerlich wie hier beschrieben. Aber dies ist ja auch keine faktensprechende Biographie, sondern ein Roman.

 

Buch 2

A.Petersen: Die Moskauer, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2019, ISBN: 978-3-10-397435-5, 24 EURO (D)

Andreas Petersen geht in diesem Buch auf die deutschen kommunistischen Emigranten in der Sowjetunion ein, die unter anderem dort die Verbrechen des Stalinismus miterleben mussten. Er schildert eine Atmosphäre aus Angst, Verleugnung und Verleumdung unter Berücksichtigung von private Korrespondenzen und Aufzeichnungen der Opfer. Darunter auch Walter Ulbricht und Wilhelm Pieck, die durch Denunziation das eigene Leben in der UdSSR retten mussten.

Von den rund 5.000 kommunistischen Emigranten in der Sowjetunion kehren nach Kriegsende rund 1.400 in die DDR zurück. Ausgewählt und geschult von sowjetischen Instrukteuren, drängen sie in die Führungspositionen der sowjetischen Besatzungszone, der neu gegründeten SED und später der DDR. Diese nennt Petersen „Die Moskauer“, die „den Stalinismus überlebten und in der DDR eine ähnliche Verratsdiktatur errichteten“. Dieses „Trauma der Gründergeneration“, hätten diese auf die Gründung der DDR, ihrer Gesellschaft und des politischen Systems übertragen. Er schildert dabei die „Moskauer“ als Opfer und Täter zugleich.

Dieses „Trauma“ hätte sich fortentwickelt, auf die gesamte Gesellschaft übertragen und sei auch gar der Grund für den Untergang des Staatssozialismus 1989.

Das Positive des Buches ist die gute Aufarbeitung des Lebens und Wirkens von deutschen kommunistischen Emigranten in der Sowjetunion, die später auch Spitzenfunktionen in der SED und der DDR bekleideten anhand von vielen Originalquellen.

Die daraus abgeleiteten Thesen sind nicht haltbar: Der Begriff des Traumas ist in diesem Zusammenhang fehl am Platze. Eine kollektive Sozialpsychologie für die gesamte Gründergeneration der DDR zu entwerfen, steht in keiner Weise mit psychologischen Traumatologie und der dazugehörigen Forschung im Einklang. Individuen haben unterschiedliche Erlebnisse in der Sowjetunion gemacht, diese alle massenpsychologisch in einen Topf zu schmeißen, das ist höchst unseriös.

Auch die These, dass die DDR am stalinistischen Trauma der Gründergeneration gescheitert ist, ist nicht haltbar. 40 Jahre DDR-Geschichte muss dafür aufgearbeitet werden, was die Gründe für den Zusammenbruch des Systems aufmachten. Der Autoritarismus, der Mangel an Selbstkritik und Realitätssinn bei der Führung der DDR wird da sicherlich eine Rolle spielen, aber dies muss in einen größeren Zusammenhang (Entwicklungen in der Innenpolitik, Außenpolitik, Mentalität, Kultur, Versorgungsmangel, Repression des Staates usw.) gebracht werden.

 

Buch 3

Martin Krieger: Die Ostsee. Raum-Kultur-Geschichte, Reclam. Stuttgart 2019, ISBN: 978-3-15-011206-9, 39 EURO (D)

Seit Jahrhunderten ist die Ostsee das pulsierende Herz Nordeuropas, Nahrungsquelle, Urlaubsregion, Ort des Austausches von Waren und Ideen, Reichtümern, Schauplatz von Staaten und Krieg und Frieden. Skandinavier, Balten, Polen, Russen und Deutsche machten und machten die Ostsee zu einem transnationalen Begegnungsrau Martin Krieger, Nordosteuropahistoriker aus Kiel, schildert in dieser Überblicksdarstellung den Ostseeraum von der frühesten Besiedelung bis in die Gegenwart mit 7 Karten und 65 Abbildungen.

Die Gefahren der Gegenwart sieht er vor allem in einer existentiellen Bedrohung der natürlichen Umwelt: Plastikmüll, Industrie- und Haushaltsabwässer, Überfischung und starker Schiffsverkehr und die zunehmende Vermüllung der Strände werden dabei kritisiert. Auch die umweltpolitischen Folgen der Pipeline „Nord Stream 2“, die durch Meeresschutzgebiete verläuft, werden in diesem Zusammenhang angesprochen.

Die Chancen sieht er in der Digitalisierung, die vor allem in Nordeuropa und den baltischen Staaten schon weit entwickelt ist, und in der zunehmenden wirtschaftlichen Verflechtung der Anrainerstaaten: „Einmal mehr zeigt sich, dass die Ostsee immer noch das ist, was sie vor Jahrtausenden in die Geschichte eingetreten ist: ein Meer der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Interaktion und ein Kommunikationsraum. Die an den Küsten lebenden Menschen haben die immensen Möglichkeiten erkannt, die ihnen geistige Offenheit, Toleranz, aber auch Unternehmergeist und Mut bringen. Diese Chancen gilt es zu bewahren, auch wenn der Wind über dem Meer nicht immer günstig steht.“ (S. 268)

Dies ist eine gelungene Sammlung von historischen und aktuellen Facetten Ostsee und deren angrenzenden Regionen. Die zahlreichen literarischen Zeugnisse  von Reisen an Land und übers Meer, von Hansestädten und Dünenlandschaften, Geschichten und Geschichte, Schlachten und Schicksalen, florierendem Handel und Strandspaziergängen von vielen unbekannten Autoren und einigen großen Namen der Weltliteratur hätten aber etwas mehr Beachtung verdient. Das Werk ist transnational verfasst und enthält die Vision eines gemeinsamen kulturellen und wirtschaftlichen Raumes der Ostseeanrainer. Insgesamt gesehen ein Werk mit hoher geschichtlicher Aussagekraft und tollen Bildern.

 

Buch 4

Sarah Spiekermann: Digitale Ethik. Ein Wertesystem für das 21. Jahrhundert, Droemer, München 2019, ISBN: 9783426277362, 19,99 EURO (D)

Sarah Spiekermann, Professorin für Wirtschaftsinformatik an der Wirtschaftsuniversität Wien. entwickelt eine Ethik für die Technologien der Zukunft und zugleich ein Plädoyer für Freiheit und Selbstbestimmung im Zeitalter der Digitalisierung. Dabei geht sie darauf ein, dass neben allen greifbaren Vorteilen Ängste und Zweifel an neuen digitalen Produkten und Lebensweisen sind allgegenwärtig vorzufinden seien. Der Begriff der Ethik im digitalen Zeitalter müsse neu mit Leben gefüllt werden.

Spieckermann kritisiert, dass die Menschen zu passiven Empfängern einer entmündigenden Technik degradiert werden, und fordert deshalb ein radikales Umdenken zu dem Grundverständnis einer Technik, die uns dient, statt uns zu beherrschen. Die Digitalisierung dürfe nicht länger vom Gewinnstreben der IT-Konzerne getrieben sein, sondern muss humanistische Werte wie Freundschaft, Privatheit und Freiheit verwirklichen helfen. Sie entwickelt dabei Werte, die mit Hilfe von Technik geschaffen werden kann. Darunter zählt sie Freundschaft, Verlässlichkeit, private Korrespondenz, Selbstbestimmung oder Angebote zur Freizeitgestaltung.

Mit diesem Buch ist der Autorin ein starker Aufschlag in einer wichtigen gesellschaftlichen Debatte gelungen. Die verschiedenen Ansätze sind sehr interessant und sprechen verschiedene Themen und ethische Fragestellungen an, die es in einer digitalisierten Welt zu diskutieren gilt. Hier wird die ganze Spannbreite der ethischen Herausforderungen deutlich und auch konkret beleuchtet und durchdacht. Nicht nur für Wissenschaftler, sondern auch für den ganz normalen Bürger bietet dieses Buch ein Gewinn. Digitalisierung hat schließlich Auswirkungen auf uns alle.

Wenn man jedoch die Sorge innerhalb der Arbeitswelt, dass die Digitalisierung und die künstliche Intelligenz zahlreiche Jobs bedroht, mit zur Ethik hinzuzählt, hätte dieser Aspekt in dem Buch wesentlich mehr Beachtung verdient. In der neuen digitalisierten Welt entkoppelt die digitale Vernetzung Ort und Präsenz, die menschliche Interaktion wird weniger werden und auch manche Jobs werden demnächst wegfallen können. Eine Chance könnte daher das bedingungslose Grundeinkommen sein.

 

Buch 5

Michail Bulgakow: Die weiße Garde. Aus dem Russischen neu übersetzt von Alexander Nitzberg, Galiani, Berlin 2018, ISBN: 978-3-86971-159-1, 30 EURO (D)

Michail Bulgakow veröffentlichte seinen ersten Roman „Die weiße Garde“ im Jahre 1924, der über das Ende des 1. Weltkrieges und die Wirren des russischen Bürgerkriegs im weitesten Sinne handelt. Der zum Teil autobiografische Roman spielt in Kiew in der chaotischen Umbruchzeit, die auf die Oktoberrevolution und den Zerfall des Russischen Reichs folgte. Protagonisten sind die Turbins, eine russische Familie: der 28-jährige Militärarzt Alexei, sein 17-jähriger Bruder Nikolka und seine 24-jährige Schwester Jelena. Zusammen mit ihren Freunden und Nachbarn durchleben sie die Wirren und die Entbehrungen des Bürgerkriegs.

Die Beziehung zum deutschen Leser erschließt sich gleich am Anfang. Der Roman beginnt im Jahr 1918, als in der Ukraine unter der deutschen Besatzung ein marionettenhaftes Regime des Hetmans Skoropskyi gebildet wird. Viele russische Offiziere treten in seinen Dienst ein, weil sie ihn als das kleinere Übel gegenüber den Bolschewiki und den ukrainischen Nationalisten von Symon Petliura ansehen. Nachdem die Deutschen jedoch im Westen eine Niederlage erleiden und sich aus der Stadt zurückziehen, kann der konservative Skoropadskyj nur noch auf russische Offiziere bauen, die ihn vor dem links-nationalistischen Petljura beschützen sollen. Während sie sich auf die Verteidigung der Stadt vorbereiten, wirft Skoropadskyj plötzlich hin und flieht nach Deutschland.

Die wenigen Verteidiger der Stadt, unter denen sich auch Alexei und Nikolka befinden, werden ihrem Schicksal überlassen. Einige Kommandeure ziehen den aussichtslosen Kampf vor, andere ordnen die Auflösung ihrer Verbände an, um das Leben der überwiegend aus Junkern, zu denen auch Nikolka gehört bestehenden russischen Soldaten zu retten. Nachdem Petljuras Truppen die Stadt einnehmen, beginnen brutale Massaker an Juden und jenen russischen Offizieren und Junkern, die sich nicht gut genug als Zivilisten tarnen konnten. Alexei wird auf der Flucht lebensgefährlich verletzt, wird jedoch von einer Frau gerettet, die später seine Lebensgefährtin wird.

Er wird nicht erkannt und nach seiner Gesundung von Petljuras Truppen dazu beordert, ihnen als Militärarzt zu dienen. Als er den für seine Brutalität berüchtigten Oberst Leschko behandelt, nutzt Alexei die Chance und erschießt ihn. Nach mehrtägiger Flucht kehrt er in sein Haus zurück, wo er den abreisenden Nikolka trifft. Dieser will mit der Familie seines getöteten Kommandeurs wegfahren, während Jelena bereits mit ihrem Verehrer abgereist ist. Das gemütliche gemeinsame Heim besteht nicht mehr. Viele seiner Freunde sind tot oder abgereist, um sich den weißen Truppen von General Denikin im Don-Gebiet anzuschließen. Alexei findet seine Retterin und beobachtet den Einmarsch der Bolschewiki.

Das verbreitete Theaterstück Die Tage der Turbins baut auf Bulgakows Roman auf. Nach drei anderen Werken von Bulgakow wurde „Die weiße Garde“ von Alexander Nitzberg neu ins Deutsche übersetzt.

In seinem langen Nachwort behandelt Nitzberg die Geschichte des Romans und seine Rezeption. Er sieht den Roman „ein Werk des radikalen Modernismus, experimentell, fragmentiert, oft genug kryptisch.“ Seine Machart erinnert Nitzberg an das „Paradigma der poetischen Prosa eines Andrej Bely (1880-1934) und den Futuristen. Bulgakow schlägt Haken, wählt ungewöhnliche Perspektiven, ordnet die Kapitel mosaikartig an, unterbricht den Text gewaltsam mit Einschüben, Zwischenbemerkungen, Liedern, Inschriften, Zitaten.“ (S. 523f)

Die Sprache Bulgakows ist den Kriegswirren und der oft grausamen Realität angepasst, lässt sich aber in kein Schema pressen: Sie ist gleichzeitig subjektivistisch, radikal real, roh, pathetisch, emotional und ein wenig naturalistisch. Der Zerfall der alten Ordnung ist den Charakteren angemessen, das Lavieren zwischen den beteiligten Parteien und die Sorge um das eigene Überleben wird hier plastisch zum Ausdruck gebracht. Ein kein leicht zu lesender Roman, jedoch mit fesselnden Wendungen über ein in Westeuropa eher unbekanntes Sujet und Zeitalter.

 

 







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