ROSA – brillante Graphic Novel über Rosa Luxemburg


02.07.20
KulturKultur, TopNews 

 

Von Hannes Sies

Laut Wikipedia war Rosa Luxemburg (1871-1919) „eine einflussreiche Vertreterin der europäischen Arbeiterbewegung, des Marxismus, Antimilitarismus und 'proletarischen Internationalismus'“.

Am 5. März 1871 als Rozalia Luksenburg in eine jüdische Familie in Zamo??, („Kongresspolen“, Kaiserreich Russland) geboren, wurde sie am 15. Januar 1919 in Berlin von rechtsextremen Paramilitärs, sog. Freikorps, ermordet -vermutlich im Auftrag der Heeresleitung unter General Ludendorff und mit Billigung der ersten Reichsregierung unter Friedrich Ebert (SPD). Grund war die berechtigte Angst konservativer Sozialdemokraten und vor allem der Militärs, Rosa könnte federführend eine kurz bevorstehende Revolution proklamieren. Ziel wäre eine Entmachtung von Adel und Militär, Enteignung der bürgerlichen Industriellen und Aufbau eines sozialistischen Deutschlands gewesen. So erfährt man es aus der historisch genauen Graphic Novel von Kate Evans, die der britische Guardian zu Recht „brillant“ nennt, und die jetzt auf Deutsch vorliegt. Sie vereint in ihrer Comic-Dokufiktion künstlerisch hohes Niveau mit geradezu akademischer Exaktheit und hohem Unterhaltungswert und wurde von der Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS) initiert.

„Seit ihrer Jugend war Rosa Luxemburg davon überzeugt, dass sich die Welt verändern muss. Schon in jungen Jahren kämpfte sie für die Rechte der Arbeiterschaft und die Idee des Sozialismus. Rosa Luxemburg war Jüdin, sehr gebildet, besaß einen scharfen Verstand und ein mitreißendes Temperament. Sie war eine großartige Rednerin und brillante Schriftstellerin. Konflikte scheute sie nicht. Sie kämpfte auf der Straße und ließ sich nicht einschüchtern, nicht von den Freikorps, nicht von der Polizei, auch von Morddrohungen und Gefängnisaufenthalten nicht. Die Graphic Novel »Rosa« von Kate Evans zeigt Rosa Luxemburgs intellektuelle Welt und setzt ihre Ideen in den Kontext einer bewegenden Lebensgeschichte.“ (Verlagstext)

Das Leben einer mutigen Revolutionärin wird mitreißend erzählt, von der Geburt, Kindheit und Jugend über den Zenit ihres wissenschaftlichen Werkes bis zum Finale in der deutschen Novemberrevolution 1918/19 und ihrem tragischen Tod, der vielleicht die Geschichte unseres Landes in eine unselige Richtung trieb. Dabei verschmilzt Evans die persönliche Entwicklung sehr lebendig mit Geschichte und marxistischer Theorie, die unaufdringlich und unterhaltsam präsentiert wird.

Auch Romanzen, erotische Abenteuer, Beziehungsprobleme werden eingeflochten, ohne dass die Darstellung zur Heiligengeschichte wird: Rosa Luxemburg zeigt in Kate Evans Darstellung, dass eine Frau nicht Schönheitsidealen entsprechen muss, um vielen Männern den Kopf zu verdrehen, und dass sie ruhig Haare sowohl auf den Beinen wie auf den Zähnen haben kann.

Eine gute Story braucht auch einen Bösewicht und diese Rolle fällt hier dem ersten Reichspräsidenten der Weimarer Republik, Friedrich Ebert, zu bzw. dessen Gehilfen, dem „Bluthund“ Gustav Noske, den Ebert zum Kriegsminister machte. Die Gesichter der beiden konservativen SPD-Funktionäre geraten zu karikaturhaften Grimassen, Noske nimmt diabolische Züge an, wenn er Massenmorde an Oppositionellen befiehlt. Ebert wurde zuvor in einer rein fiktiven Szene als geistig träger Dickschädel eingeführt, der selbst unter Anleitung von Rosa Luxemburg, sie war 1907 Lehrerin an einer SPD-Akademie, nicht kapiert, was Marx unter Dialektik verstand. (Ob die kanadische Comic-Autorin wusste, dass ihre Auftraggeberin, die Rosa-Luxemburg-Stiftung der Linkspartei, als quasi Konkurrenzorganisation der SPD-Parteistiftung gegenüber steht, die nach jenem Friedrich Ebert benannt ist?)

Wir nehmen als Schüler einige Comic-Seiten lang an ihrer Einführung in den Marxismus teil und sogar die Autorin Kate Evans lässt sich selbst als Figur auftreten. Sie fragt sich, warum nach dieser Lektion wir heute denn immer noch im Kapitalismus leben müssen? 40 Seiten zuvor hatte sie nachgezeichnet, wie Rosa sich ihre ersten Sporen als bedeutende marxistische Theoretikerin verdiente: Sie hatte Eduard Bernsteins Theorie widerlegt, wonach der reifende Kapitalismus immer komplexere Mechanismen, wie etwa ein ausgedehntes Kreditwesen, entwickelt, um dem von Marx prognostizierten krisenhaften Untergang zu entgehen -weshalb statt Revolution doch eher Evolution also Reformismus angesagt sei. Die studierte Ökonomin Rosa wies aber theoretisch nach, wie Kredite im Gegenteil die Krisen eher mit auslösen und v.a. verschärfen -was unseren heutigen Erfahrungen aus Finanz- und Euro-Krise 2009 entspricht. Dennoch hatte auch Bernstein vielleicht letztlich nicht ganz Unrecht: Die Geldkanonen der US-Zentralbank Fed und die EZB der EU feuern bis heute gegen die immer weiter gärende Krise und halten sie quasi durch gewaltige Kredite für globale Bail-outs im Zaum. Zumindest bis jetzt, wobei man aber den Eindruck eines gigantischen Pyramidensystems gewinnen kann -das am Ende doch eine großen Knall braucht.

Die Würdigung von Rosas Theoriearbeit geht noch weiter: Ihre Imperialismus-Theorie schließt eine Lücke in Marxens „Kapital“, das nicht erklären konnte, wie die kapitalistischen Märkte immer weiter ausgedehnt werden konnten. Laut Rosa: In brutalen Eroberungen rund um den Globus, im Kolonialismus und Imperialismus. Just anschließend an diese Erkenntnis taucht auf S.117 der Novel ein Schirmmütze tragender Serbe namens Gavrilo Princip in Sarajevo auf und tötet Erzherzog Franz Ferdinand -der Erste Weltkrieg beginnt. Dass Princip damit „Schuld“ am Krieg habe, wird jedoch verneint; er schoss zwar aber, „...während in Wahrheit die Militärmaschinerie schon lange zuvor in Bewegung gesetzt worden war.“ D.h. der imperialistische Weltkrieg war unvermeidlich.

Historisch genau, als Schulbuch geeignet

Die von Kate Evans gezeichnete und erzählte Geschichte ist eine fiktionale Darstellung wahrer Begebenheiten. Für die Darstellung der Charaktere und Schauplätze wurden Fotoquellen als Ausgangsmaterial verwendet, was man dem teils an Portraits, teils an Karikaturen erinnernden Stil anmerkt. Im Buch kursiv gesetzt sind direkte Zitate aus Rosa Luxemburgs Schriften. Wo diese gekürzt wurden, sind sie in voller Länge und mit Quellenangaben am Ende des Buches nachgewiesen. Für viele Dialoge wurden Luxemburgs eigene Worte verwendet, wie man durch nachgewiesene Originalzitate nebst Kontext am Ende des Buches sehen kann. Dadurch wird nahezu wissenschaftliches Niveau erreicht und das Werk unbedingt als Schulbuch für den Unterricht über Weimarer Republik und Faschismus empfohlen.

Die fiktionale Darstellung erleichtert den Zugang zur historischen Thematik, forderte aber ihr Recht:Um ein so ereignisreiches Leben wie das von Rosa Luxemburg auf 179 Seiten zu pressen, so der Verlag, wurden kleinere Ereignisse ausgelassen, einige Nebenfiguren miteinander verschmolzen. Und an manchen Stellen wurde die Abfolge der Ereignisse aus dramaturgischen Gründen verändert. Dies ist ein übliches Vorgehen bei solchen Darstellungen, doch das Buch legt wertvolle Zusatzinformation drauf: In den 43 Seiten umfassenden Anmerkungen werden alle Abweichungen von der historischen Überlieferung erklärt.

Kate Evans ist in Kanada geboren und in England aufgewachsen. Die Künstlerin, Autorin und Aktivistin zeichnet Comics für das Magazin »The Spark« und hat zahlreiche Bücher und Comics verfasst. Ihre Graphic Novel über Rosa Luxemburg erschien mit Unterstützung des New Yorker Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung und wurde von Independent und Observer als »Grafikbuch des Jahres« prämiert und sogar der Deutschlandfunk muss (nicht ohne seinen Antikommunismus wenigstens andeutungsweise hochzuhalten) zugeben:

„Auch wenn der Autoren-Text an manchen Stellen mehr Abstand von Luxemburgs damaligen politischen Einschätzungen halten könnte, überzeugt Evans mit diesem mitreißenden und gut recherchierten Portrait.“ Simone Miller, DLF

Zur Vorgeschichte der Publikation erläutert die RLS: „Aufgrund eines Hinweises nahmen wir schließlich Kontakt zu der in England lebenden Kate Evans auf. Kate hatte bereits einige Comic-Bücher veröffentlicht, darunter einen Band über den Klimawandel und den Bestseller The Food of Love über das Stillen. Rosa Luxemburg indes kannte sie nicht. Das machte aber, wie sich rasch zeigte, gar nichts, denn Rosa erwies sich für Kate als ein Fall von Liebe auf den ersten Blick. Mit einer Begeisterung, die man dem fertigen Werk anmerkt, machte sie sich ans Werk.“ Albert Scharenberg, RLS

Seit der englischen Erstpublikation im Herbst 2015 hat der Comic-Roman laut RLS einen regelrechten Siegeszug angetreten. So wurde das von zahlreichen Besprechungen (darunter 'Die Zukunft' und das 'Comics Bulletin') belobigte Buch u.a. von «Independent» und «Observer» als Grafikbuch des Jahres ausgezeichnet. Bi, Verlag und RLS; so habe Verso Press bereits über 23.000 Exemplare allein der englischsprachigen Ausgabe verkauft. Inzwischen sind auch zahlreiche Übersetzungen erschienen (bzw. erscheinen derzeit), darunter Deutsch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Russisch, Ukrainisch, Schwedisch, Tschechisch, Griechisch, Serbisch, Slowenisch, Türkisch, Hebräisch, Arabisch und Koreanisch. Dabei werden die meisten dieser Übersetzungen von linken Verlagen vor Ort produziert. Weitere Anfragen, darunter für eine Übersetzung in Thai, liegen Verso Press vor. Als überzeugte Internationalistin wäre Rosa Luxemburg von der Übersetzung der Comic-Biografie in so viele Sprachen zweifellos begeistert gewesen. Fest steht jedenfalls: Die Erfolgsstory von «Red Rosa» ist noch lange nicht zu Ende, hofft die RLS. Diese Hoffnung kann man teilen, auch wenn man am Ende Rosa in der Gegenwart sieht: Als Geist? Jedenfalls twittert sie zu „Occupation“ und stemmt sich aktueller Polizeigewalt entgegen...

Was fehlt? Eine Seite Kurzbio von Rosa (um ohne Suchmaschine im Smartphone den Überblick zu behalten) und ein Foto von Rosa Luxemburg: Dann könnte man die Ähnlichkeit der Zeichnungen mit der realen Person unmittelbar erkennen.

Die Zeichnungen von Kate Evans illustrieren auch das ebenfalls von der RLS initiierte Buchprojekt „Rosa Remix: Buch über die politische Aktualität Rosa Luxemburgs“, das aus einer RLS-Konferenz zur Wirkung Rosa Luxemburgs hervorging. https://www.rosalux.de/publikation/id/37385/rosa-remix-1?cHash=a3927dc115a072aaa3529c5a7e4d81f3

Kate Evans: «I am an artist with the brain of a woman», Interview RLS, https://www.rosalux.de/mediathek/media/element/889?cHash=49f8a0ee3783d3ffe7c9bd01d3a90392

Evans, Kate: Rosa. Die Graphic Novel über Rosa Luxemburg, 228 Seiten, Broschur., 20,-Euro, 2. Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2019

https://dietzberlin.de/Evans-Kate-Rosa-Die-Graphic-Novel-ueber-Rosa-Luxemburg

Beispiel für die präzis-akademischen Quellenangaben im Buch: "The anti-Masonic writings of General Erich Ludendorff", Paper presented at the 12th annual conference of the Canonbury Masonic Research Center, London – 30 October 2010 (PDF)

https://www.academia.edu/367715/The_anti-Masonic_writings_of_General_Erich_Ludendorff







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