Neuerscheinungen Kunst und Architektur


Bildmontage: HF

18.08.19
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Stephen Wilkes/Lyle Rexer: Day to Night. Hardcover mit zwei Ausklappseiten, Taschen, Köln 2019, 260 Seiten, ISBN: 978-3-8365-6269-0, 100 EURO (D)

Der Fotograf Stephen Wilkes gilt als Revolutionär der Fotografie. Er will in seinen Panoramabildern nicht nur einen Augenblick festhalten, sondern wählt einen künstlerischen Ansatz, der das Erleben von Zeit und Raum neu definiert. Mit der Hilfe neuester Digitaltechnik formt er die fotografische Bildgestaltung als Erzählbogen, als längeren Zeitraum und im Wechsel von Tag und Nacht. Er macht bevorzugt Bilder der schönsten und berühmtesten Orte der Welt, dort ermittelt er dann einen exakten, einen freien Ausblick gewährenden Standort und legt dann die Kameraposition fest. Er macht dann mehrere tausend Bilder in regelmäßigen Abständen im Laufe eines ganzen Tages. Anschließend entscheidet er aus diesen Unmengen von Bildern, welche von ihnen als finale Fotografie in Frage kommen. Wilkes fügt sie zu riesigen Tableaus zusammen und am Ende stehen Werke, die jeweils einen Tag umspannen, von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang, mit unterschiedlichen, für den Betrachter völlig neuartigen Lichtverläufen.

Ein Vielzahl dieser Panoramen von neuartigem Erleben von Raum und Zeit sind in diesem Bildband versammelt. Dabei finden sich eine oder mehrere Aufnahmen des Trafalgar Squares in London, dem Yellowstone National Park, des Roten Platzes in Moskau, dem L’Arc de Triomphe in Paris, dem Ganges in Indien, dem Serengeti National Parc, dem Schloss Schönbrunn in Wien oder Impressionen aus Shanghai, Siena oder Ottawa. Der Band erscheint in englischer, deutscher und französischer Sprache und wird von einer Einführung über Wilkes‘ Karriere und künstlerischen Ansatz eingeleitet.

Heraus kommen großformatige, sehr scharfe Farbbilder aus allen Teilen der Welt, die eine neue Sicht der Weltaneignung durch die Fotografie und ihrer neuen technischen Möglichkeiten eröffnen. Die tollen Bilder sind von einem kleinen Text zu Ort, Datum und technischen Dingen der jeweiligen Aufnahme begleitet. Diese Aufnahmen sprengen den bekannten Rahmen der Fotografie und erzählen praktisch eine Geschichte innerhalb eines Bildes, das erst nach tagelanger Kleinarbeit fertig ist.

 

Buch 2

Walter Gropius: Internationale Architektur. Bauhausbücher. Zweite veränderte Auflage, Gebrüder Mann Verlag, Berlin 2019, ISBN: 978-3-7861-2815-1, 59 EURO (D)

Dies ist ein Reprint des ersten Bandes der Bauhausreihe von Walter Gropius, worin das Schaffen moderner Architekten in verschiedenen Ländern vorgestellt wird. Die Grundlage ist die zweite Auflage von 1927,  sie wurde um 4 Beispiele gegenüber der Erstausgabe erweitert und mit 12 ausgetauschten Abbildungen versehen.

In seinem „Bilderbuch moderner Baukunst“ (S. 5) bietet Gropius zum Auftakt der Bauhausbücher einen Überblick über das aktuelle internationale Architekturschaffen. Ein Vorwort des Verfassers geht kurz aber detailliert auf die Leitgedanken ein, die die Avantgarde in allen Ländern vereinen: „Diese Verwandtschaft, die jeder Laie feststellen kann, ist ein Zeichen von zukunftsweisender Bedeutung und Vorbote eines allgemeinen Gestaltungswillen von grundlegend neuer Art, der seine Repräsentanten in allen Kulturländern der Erde findet.“ (S.5)

Auf diese Stellungnahme folgt ein umfangreicher Bildteil mit Baubeispielen aus aller Welt. Es werden anhand von subjektiven Kriterien neben eigenen Werken, Bauten von Vesnin und Mielnikow aus Moskau, eine Luftschiffhalle bei Orly von Freyssinnet, Häuser von Le Corbusier und Pierre Jeanneret in Paris, ein Wohnhaus von Vit Obrtel in Prag und verschiedene Bauten von Theo van Doesburg und C. van Eesteren in den Niederlanden gezeigt. Abgebildet sind allerdings nur die Außenfassaden oder Außenentwürfe, Innenräume fehlen dort.

Laut Gropius sind diese Abbildungen Zeugnisse einer neuen Entwicklung, die sich der ehemaligen Rolle der Architektur entledigt und sich in einer neuen Formensprache ausdrückt: „„Darüber hinaus propagiert Gropius die internationale Gültigkeit einer Architektur, die aus der Gesamtheit der Gesellschaft entsteht und auf ein einheitliches Ziel ausgerichtet ist. (…) Ihm zugrunde liegt letztlich die von Gropius in vielen Varianten formulierte Suche nach stilistischer Einheit als Ausdruck von Kultur.“ (S. V)

Dieses Band ist, wie im Vorwort mit Recht kritisch angemerkt wird, ein Konstrukt einer einheitlichen Moderne, die so nicht existiert hat. Der Band hat vielmehr den Vorteil, dass er die Errungenschaften des Bauhauses in einen internationalen Kontext setzt und seinen Reformgedanken illustrativ dokumentiert und festhält. Außerdem zeigt er internationale architekturhistorische Entwicklungen in der Zwischenkriegszeit mit viel Anschauungsmaterial.

 

Buch 3

Eva Maria Froschauer: Entwurfsdinge. Vom Sammeln als Werkzeug moderner Architektur, Birkhäuser, Basel 2019, ISBN: 978-3-0356-1611-8, 69,95 EURO (D)

Das Sammeln ist als produktives Werkzeug des Entwerfens in der Architektur ist das Thema dieses Buches. Im Zentrum stehen dingliche Sammlungsgegenstände, die auf jeweils eigene Weise zu Referenzobjekten werden. Dies sind Alltagsdinge, Artefakte, Souvenirs, Geschenke, Dinge der Natur und Fundstücke. Dabei werden innerhalb der Architekturgeschichte zahlreiche Formen wie Muster-, Vorbild- oder Objektsammlungen, die immer neue Wissens- und Materialgrundlagen zugänglich machten. Es wird aber auch an Einzelbeispielen deutlich gemacht, unter anderem beim Sammeln im Entwurfsvorgang bei Ernö Goldfinger, Renaat Braem, Rudolf Olgiati und Aldo Rossi sowie bei AFF Architekten und Vogt Landschaftsarchitekten. Hierbei wird das Verfahren der reflexiven Entwurfsforschung angewandt.

Dies geschieht entlang der Begriffe Sammeln und Entwerfen, die dann zusammengeführt werden, wobei das Ergebnis in der Architekturgeschichte anhand von sechs Fallstudien sichtbar wird. Der erste Teil wird entlang der Topoi Sammeln, Ding und Entwurfswerkzeug ermittelt. Zunächst wird bestimmt, was als entwurfsrelevantes Sammeln in der Architektur gelten kann. Danach wird das Sammelgut definiert sowie seine Wirksamkeit und seine Nützlichkeit in der Handhabe des Entwerfens bestimmt. Dies mündet in einem Katalog der Operationen, der neun verschiedene Arten der Artverwandlung vom Ding zum Entwurf beschreibt.

Der zweite Teil widmet sich ausführlichen Fallstudien, worin die zuvor entwickelten systemischen Ansätze konkretisiert werden. Darin wird das Sammeln als Werkzeug des Entwerfens in drei lose abgegrenzten Zeiträumen von 1939 bis in die Gegenwart konturiert. Die sechs Einzelstudien widmen sich Protagonisten, die jeweils einen bestimmten Typ des Produktivmachens von Sammlungen im Entwerfen darstellen.

Dabei zeigte sich, dass trotz aller Unterschiede, die sich mit der Erforschung der Sammler und ihres spezifischen Sammelgutes über Räume und Zeiten darstellen, ähnliche Praxen sichtbar wurden. Froschauer entwickelt drei systematische Perspektiven. Erstens das der „Verräumlichten Sammlungen“, Teile bewohnter Raumgebilde. Zweitens „Neugier nach Gegenständen“, die Materialverwendung, die das Arbeiten mit Sammlungsgegenständen ausprägen kann. Die dritte „Auf den Arbeitstischen der Gegenwart“ wird der neue Nutzen von Sammlungen als Teil des Entwerfens in der Gegenwartsarchitektur und Landschaftsarchitektur belegt. Ausgangspunkt ist jeweils das Öffentlich-Machen von privaten oder büroeigenen Sammlungen über temporäres oder dauerhaftes Ausstellen.

Die Untersuchung ist als interdisziplinäres Projekt zu werten, wo auch ein kunsthistorischer, kulturwissenschaftlicher und literaturwissenschaftlicher Zugang sichtbar wird und eröffnet eine neue Sicht auf Architekturgestaltung. Die Transformationsvorgänge von der Sammlung zum architektonischen Entwurf werden deutlich herausgearbeitet und dann in einer gelungenen Weise systematisiert. Die Arbeit bezieht sich allerdings nur auf den mitteleuropäischen Kulturraum, alles andere wäre wohl zu umfangreich geworden.

 

Buch 4

Christine Vogt/Jennifer Liß (Hrsg): British Pop Art. Meisterwerke massenhaft aus der Sammlung Heinz Beck, Kerber, Bielefeld/Berlin 2019, ISBN: 7356-0568-9. 39,95 EURO (D)

Die Kunstrichtung der Pop-Art entstand in der Mitte der 1950er Jahre in Großbritannien und in den späten 1950er Jahren in den USA als Gegenbewegung des abstrakten Expressionismus. Internationale Anerkennung und ihren Höhepunkt hatte sie in den 1960ern. Pop Art und Minimalismus gelten als erste Beispiele postmoderner Kunst. Pop-Art entspringt nicht dem Geist einer elitären Kunstkultur, sondern den populären Massenmedien oder den Subkulturen. Dabei spielte die Beat- und Popmusik eine wichtige Rolle.

Dies ist der Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Ludwigsgalerie Schloss Oberhausen vom 27.1.2019 bis 12.5.2019. Dort wird die Sammlung des Düsseldorfer Rechtsanwalts Heinz Beck gezeigt, die sonst im Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum zu sehen ist. Der Katalog der Ausstellung steht im Mittelpunkt, zwei Essays stellen Hintergründe, Entwicklungen und einzelne bekannte Werke vor.

In dem Beitrag von Christine Vogt werden die Grundzüge und Merkmale des britischen Pop-Arts und die Sammlung Heinz Beck vorgestellt. Richard Hamiltons Just What Is It That Makes Today’s Homes So Different, So Appealing? von 1956 gilt als erstes Werk der Pop Art, das alle typischen Ingredienzien enthielt. Die Arbeit wurde als Motiv für das Plakat zur Ausstellung This is Tomorrow genutzt, die 1956 in der Whitechapel Art Gallery in London stattfand. Diese Ausstellung war das letzte gemeinsame Ereignis der Independent Group, ein von befreundeten Künstlern gebildeter Kreis, der das Phänomen der Massenmedien und ihre Beziehung zur zeitgenössischen Kunst diskutierten. Gleichzeitig wollte der Kreis einer interessierten Öffentlichkeit neue Themen in ungewöhnlicher Präsentationsform nahebringen. Eduardo Paolozzi, Peter Blake, David Hockney, Allen Jones, R. B. Kitaj, Peter Phillips sowie Pauline Boty waren die weiteren wichtigsten Künstler der englischen Pop Art.

Jennifer Liß präsentiert in einem weiteren Essay das von Peter Blake und Jann Haworth gestaltete Beatles-Album zu Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band und dessen Geschichte.

Im Anhang werden noch die Lebensläufe der hier gezeigten Künstler und des Sammlers Heinz Beck behandelt. Außerdem werden die im Katalog gezeigten Werke in kurzen Texten näher vorgestellt und eine Literaturauswahl abgedruckt.

Eine Auswahl von Werken der britischen Pop-Art werden hier gezeigt und ausführlich behandelt, wobei dem Beatles-Album und seinen Nachfolgern mehr als 15 Seiten gewidmet ist. Die Essays führen zwar in Grundlagen ein, aber eine tiefergehende Beschäftigung mit den Unterschieden und Gemeinsamkeiten der britischen und US-amerikanischen Pop-Art, der Entwicklung in der BRD oder ihre innige Verbindung mit der Musikbranche wären wünschenswert gewesen.

 

Buch 5

Hamburgische Architektenkammer (Hrsg.): Architektur in Hamburg. Jahrbuch 2018/19, Junius Verlag, Hamburg 2018, ISBN: 978-3-88506-813-6, 39,90 EURO (D)

Dieses Jahrbuch 2018/19 beschäftigt sich mit aktuellen Trends und Entwicklungen rund um das Themengebiet Architektur und Stadtentwicklung.

Hamburg verändert sich städtebaulich in einer enormen Geschwindigkeit, viele alte Gebäude werden abgerissen und neue Entstehen. Darauf wird in dem Leitartikel Bezug genommen und in diesem Zusammenhang die Reihe „Vanishing Hamburg“ des Architekturfotografen Hagen Stier vorgestellt, der bedeutende Gebäude in Hamburg fotografierte, die mittlerweile in Teilen oder ganz verschwunden sind.

Danach folgen die wichtigsten Neubauten 2017/18, die in einem Text und dazugehörigen Bildern und Grundrissen sowie dem Architekturbüro behandelt. Dies sind Neubauten von verschiedenen Wohnquartieren, Erweiterungs- oder Umbauten öffentlicher Gebäude, die Transformation eines Denkmals oder die Rekonstruktion eines Kontorhauses in der Altstadt.

Im Hamburger Feuilleton wird zunächst ein Porträt der Architekten Stölken Schmidt vorgestellt. Danach wird die Frage diskutiert, wie sich Innenstadt und Stadtteilzentren städtebaulich weiterentwickeln könnten. Ein Interview mit Hamburgs Erstem Bürgermeister Peter Tschentscher über die Gestaltung des Wachstums in der Hansestadt folgt danach. Anschließend geht es um die Stadtentwicklung und Nachverdichtung, Wohnen als städteregionale Zukunftsaufgabe und die bedrohte Steenkampsiedlung in Bahrenfeld. Das Lebenswerk des verstorbenen Architekten Fritz Trautwein (1911-1993) wird danach in einem längeren Beitrag gewürdigt. Die Köhlbrandbrücke und das Säulenhaus an der Elbchaussee werden dann noch detailliert vorgestellt. Im Anhang findet man noch Informationen zu den Autoren und der Redaktion, den im Band erwähnten Architekten und Fotografen.

Neben den aktuellen architektonischen Projekten in Hamburg ist das Interview mit Peter Tschentscher über seine städtebaulichen Ansätze interessant. Ein Ärgernis ist, dass die Fehlentwicklungen im sozialen Wohnungsbau in Hamburg und Umgebung nicht ausreichend thematisiert werden. Sonst findet man alle Informationen über architektonischen Neuerungen und Projekte in einer der dynamischsten Wachstumsregionen in Europa. 

 

 







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