KRITIK DES „GEGENSTANDPUNKT“


07.11.15
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Buchbesprechung von Thomas Schwendener

Vor Kur­zem ist das Buch "Der bür­ger­li­che Ma­te­ria­lis­mus und seine Ge­gen­spie­ler" des Au­to­ren Mein­hard Creydt er­schie­nen. Darin kri­ti­siert der Psy­cho­lo­ge und So­zio­lo­ge die Vor­stel­lun­gen des bür­ger­li­chen Ma­te­ria­lis­mus und sei­ner lin­ken An­hän­ge­rIn­nen. Der fol­gen­de Text ist eine Be­spre­chung der stärks­ten Mo­men­te des Bu­ches: der Kri­tik an der "Mar­xis­ti­schen Grup­pe" und ihrer Nach­fol­ge-Zeit­schrift "Ge­gen­stand­punkt".


Das po­li­ti­sche In­ter­net­ver­hal­ten jun­ger Män­ner zeich­net sich in aller Regel da­durch aus, dass knapp Ver­stan­de­nes mit gros­ser Geste und Ve­he­menz ver­tre­ten wird. Jeder, der sich ab und an in den ent­spre­chen­den Win­keln des In­ter­nets auf­hält, kennt es: Ir­gend­wann be­tritt einer den Raum, der sich durch be­son­de­re Prin­zi­pi­en­fes­tig­keit, hohe mo­ra­li­sche Au­to­ri­tät oder das Be­scheid­wis­sen aus­zeich­net. Wäh­rend die ers­ten bei­den Ei­gen­schaf­ten im Spek­trum des Schul­buch­mar­xis­mus be­zie­hungs­wei­se der An­ti­deut­schen an­zu­tref­fen sind und ihnen mit­tels Ar­gu­men­ten meist re­la­tiv ein­fach bei­zu­kom­men ist - wobei die Be­tref­fen­den das selbst­ver­ständ­lich sel­ber kaum mit­krie­gen - wird es bei den An­hän­gern der Zeit­schrift "Ge­gen­stand­punkt" (GSP) etwas schwie­ri­ger. Schliess­lich ist das Mit­tel der Pro­fi­lie­rung die­ser Be­scheid­wis­sen­den das "bes­se­re Ar­gu­ment" und ihr pro­kla­mier­ter Zweck die Er­klä­rung und Kri­tik eines Ge­gen­stan­des.

 

Sche­ma und Denk­be­schrän­kung

Selbst­ver­ständ­lich kann man längst nicht alle Freun­dIn­nen des GSP der Ka­te­go­rie des pro­fi­lie­rungs­be­gie­ri­gen Be­scheid­wis­sers zu­schla­gen, aber den­noch soll die Frage ge­stat­tet sein, warum unter sei­nen An­hän­gern die­ser Typus recht weit ver­brei­tet ist. Laut Creydt be­die­nen die Au­to­rIn­nen des GSP die "Men­ta­li­tä­ten (...) Be­leh­ren und Recht­ha­ben" (128), weil sie die "nicht­in­ten­dier­ten, in­di­rek­ten und la­ten­ten Ef­fek­te ihres Tuns" (129) kei­ner Auf­merk­sam­keit wür­di­gen. In den theo­re­ti­schen Ur­teils­ver­kün­dun­gen des GSP geht es "nicht darum, sich einer Po­si­ti­on ge­wach­sen zu zei­gen, son­dern ab­zu­fer­ti­gen und zu ver­reis­sen" (217). Statt sich auf einen Ge­gen­stand ein­zu­las­sen und ihn in sei­ner oft­mals wi­der­sprüch­li­chen Rea­li­tät theo­re­tisch zu ent­wi­ckeln, wird an ihm die ei­ge­ne ar­gu­men­ta­ti­ve Über­le­gen­heit de­mons­triert. Der in­tel­lek­tu­el­le Zen­tra­lis­mus des "Ge­gen­stand­punk­tes" - bei ei­ni­gen Adep­t­In­nen exis­tiert das Wis­sen ge­wis­ser­mas­sen in von den ei­ge­nen geis­ti­gen Po­ten­zen ge­trenn­ten (Lehr-)Per­so­nen - bringt dabei al­ler­hand un­er­quick­li­che Phä­no­me­ne her­vor: Nur we­ni­ge An­hän­ge­rIn­nen der grau­en Hefte ken­nen über­haupt eine an­de­re po­li­ti­sche Spra­che als jene des GSP-Dis­kur­ses. Kom­ple­xe Pro­ble­ma­ti­ken wer­den "dar­auf­hin durch­fil­tert, ob (...) axio­ma­ti­sche Grund-Sät­ze ver­letzt oder be­stä­tigt wer­den" (187), was zu einer ganz ei­ge­nen Art der Auf­merk­sam­keit führt. Da das ei­ge­ne "nicht be­wuss­te Denk­netz­werk" - das sich auch in sei­ner sprach­li­chen Re­pro­duk­ti­on zeigt - nicht the­ma­ti­siert wird, wird "die Auf­nah­me neuer Er­kennt­nis­se (...) dann mas­siv be­ein­träch­tigt, wenn sie zu den be­ste­hen­den Be­wusst­seins­in­hal­ten nicht pas­sen" (125) und damit im Den­ken iso­liert blei­ben. Damit wird eine pro­duk­ti­ve Aus­ein­an­der­set­zung mit an­de­rem Den­ken un­ter­lau­fen und "es bleibt dann meist dabei, den Be­kehr­ten zu pre­di­gen" (212). Ei­ni­ge der Vor­hal­tun­gen tref­fen be­stimmt auf ver­schie­de­ne theo­re­ti­sche Strö­mun­gen zu; aber es ist doch frap­pant, wie sprach­lich und ge­dank­lich uni­form es in den be­tref­fen­den Mi­lieus zu und her geht.

 


Sub­jekt, In­ter­es­se, Psy­cho­lo­gie

Na­tür­lich könn­te man ein­wen­den, dass das alles ei­gent­lich keine Rolle spiel­te, wenn nur die In­hal­te und Ar­gu­men­te rich­tig seien. Tat­säch­lich muss man dem GSP zu­min­dest zu­gu­te­hal­ten, dass er al­ler­hand (linke) Il­lu­sio­nen und Dog­men rich­tig de­stru­iert hat und damit die theo­re­ti­sche Er­ha­ben­heit sei­ner An­hän­ge­rIn­nen über die linke Szene zu­min­dest im An­satz in der Rea­li­tät fun­diert ist. Bloss sind die ent­wi­ckel­ten In­hal­te laut Creydt meist kei­nes­wegs kor­rekt. Viel­mehr seien "viele der MG/GSP-Tex­te (...) ihrem Ge­gen­stand wenig ge­wach­sen" (130); was man zum Teil auch auf die theo­re­ti­sche Ver­fah­rens­wei­se, den end­gül­ti­gen agi­ta­to­ri­schen Ur­teils­spruch, be­zie­hen kann. Im gröss­ten und stärks­ten Teil des Bu­ches wid­met sich der Autor red­lich und un­auf­ge­regt der Theo­rie­pro­duk­ti­on der MG/GSP und weist nach, wo sie sich irren.

Das Meis­te davon weiss zu über­zeu­gen: Der GSP macht die Ka­pi­ta­lis­tIn­nen mit ihren Zwe­cken zum Sub­jekt des Ka­pi­ta­lis­mus, statt die öko­no­mi­sche Ei­gen­ge­setz­lich­keit des Ka­pi­tals zu the­ma­ti­sie­ren und zu ent­wi­ckeln, wie die In­di­vi­du­en in ihrem "Auf­ein­an­der­stos­sen" eine "über ihnen ste­hen­de, frem­de ge­sell­schaft­li­che Macht" (Karl Marx, MEW 42, 127) pro­du­zie­ren. Zudem fas­sen MG und GSP "die Ar­beit­neh­mer­inter­es­sen nicht als das auf, was sie sys­tem­im­ma­nent sind, son­dern laden sie still­schwei­gend auf mit einem an­de­ren In­halt" (60). Da gibt es dann nicht mehr ein gül­ti­ges In­ter­es­se der Lohn­be­zie­he­rIn­nen sich gegen, aber auch mit dem Ka­pi­tal zu re­pro­du­zie­ren, die Ar­bei­te­rIn­nen ma­chen laut GSP schlicht einen Feh­ler, weil ihre Ab­hän­gig­keit vom Un­ter­neh­mer nicht "ihr Mit­tel" (GSP 4/96, 82) sei. Hier müss­te man die Kal­ku­la­ti­on der Pro­le­ta­ri­sier­ten mal ernst neh­men, die sie in Hin­blick auf Heim­com­pu­ter, Klein­wa­gen und Som­mer­fe­ri­en vor­neh­men. Das ra­tio­na­lis­ti­sche Welt­wild der Pro­pa­gan­da­trup­pe bleibt auch blind für psy­cho­lo­gi­sche Pro­zes­se, die eben nicht ein­fach ein Re­sul­tat der ge­dank­li­chen Ver­ar­bei­tung der Welt sind. "Gegen die kri­tik­wür­di­ge Po­si­ti­on, Ge­füh­le eines In­di­vi­du­ums hät­ten nichts mit sei­nen Ge­dan­ken zu tun, wird die kom­ple­men­tär pro­ble­ma­ti­sche Po­si­ti­on ge­setzt, Ge­füh­le seien nichts an­de­res als das Re­sul­tat von Ge­dan­ken" (112). Dem­ge­gen­über ent­wi­ckelt Creydt in einem ei­ge­nen Ka­pi­tel Be­schaf­fen­heit und Zu­sam­men­hang von Denk­pro­zes­sen und psy­chi­schen Pro­zes­sen.

Doch nicht nur in­halt­li­che Feh­ler wer­den of­fen­ge­legt, auch die Vor­stel­lung der Auf­klä­rung der Men­schen durch gute Ar­gu­men­te wird einer Kri­tik un­ter­zo­gen. Dabei the­ma­ti­siert Creydt die Prä­for­ma­ti­on des bür­ger­li­chen Be­wusst­seins durch "ob­jek­ti­ve Ge­dan­ken­for­men", gegen die Auf­klä­rung kaum an­kommt. Zudem weist er auf den ganz und gar äus­ser­li­chen Stand­punkt des "Ge­gen­stand­punk­tes" hin: "Für MG/GSP exis­tiert keine in der ge­sell­schaft­li­chen Rea­li­tät vor­han­de­ne Ten­denz, auf die sie sich ein­las­sen kön­nen als etwas, das es zu ver­stär­ken und ent­wi­ckeln gilt. MG/GSP tre­ten mit ihren Fens­ter­re­den der ge­sell­schaft­li­chen Rea­li­tät von aus­sen ent­ge­gen." (212)


Der Staat als Schöp­fer­gott

Einen be­son­de­ren Stel­len­wert im Theo­rie­ge­bäu­de des GSP nimmt der Staat ein. Auch dies­be­züg­lich ist der MG-Agi­ta­tor sich sei­ner Ver­ant­wor­tung ge­gen­über den An­hän­ge­rIn­nen be­wusst und er­klärt in Bezug auf die so­ge­nann­te Staats­ablei­tungs­de­bat­te der 70er Jahre voll­mun­dig: Die vor­lie­gen­de Ana­ly­se "ist (...) die Staats­ablei­tung, be­en­det also jene un­se­li­ge De­bat­te für all die­je­ni­gen, die ein In­ter­es­se an der Er­klä­rung des Staa­tes haben (...)" (Karl Held, der bür­ger­li­che Staat, 1). In der Staats­ablei­tungs­de­bat­te wurde ver­sucht, die Form Staat aus den öko­no­mi­schen Ver­hält­nis­sen ab­zu­lei­ten und zu zei­gen, warum eine aus­ser­öko­no­mi­sche Zwangs­ge­walt für die Re­pro­duk­ti­on des Ka­pi­ta­lis­mus not­wen­dig ist und wie diese mit den Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­sen ver­bun­den ist. Bei MG/GSP nun gerät der Staat zum De­mi­ur­gen der bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft, diese "gilt als Re­sul­tat des staat­li­chen Wir­kens" (66). Was als kom­ple­xe wech­sel­sei­ti­ge Vor­aus­set­zung und Her­vor­brin­gung ver­stan­stan­den wer­den muss, wird beim GSP zur blos­sen Ein­bahn­stras­se. Denn "aus den markt­wirt­schaft­li­chen De­mo­kra­ti­en des Wes­tens ist (...) zu ler­nen, dass sie mit ihrer Ge­walt tat­säch­lich alles das schaf­fen, wor­auf sie sich wie auf eine vor­find­li­che 'Lage' (...) be­zie­hen" (GSP 1/1994, S. 19). Es ist nun nicht von der Hand zu wei­sen, dass eine Ge­sell­schaft, die auf Tausch­be­zie­hun­gen be­ruht, etwa auch staat­lich ga­ran­tier­te Rechts­be­zie­hun­gen ken­nen muss, damit die über den Tausch ver­mit­tel­te An­eig­nung nicht ge­walt­sam ge­stört wird. Das Recht wird in der Theo­rie des GSP aber nicht als Not­wen­dig­keit der bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft ver­stan­den, son­dern die bür­ger­li­che Ge­sell­schaft gilt als Re­sul­tat staat­li­chen Wir­kens. Damit stellt der GSP den Zu­sam­men­hang schlicht auf den Kopf. Es gälte ge­ra­de den not­wen­di­gen Zu­sam­men­hang von Staat und Öko­no­mie in ihrer wech­sel­sei­ti­gen Ver­wie­sen­heit zu ent­wi­ckeln, statt die bür­ger­li­che Ge­sell­schaft schlicht aus dem Staat fol­gen zu las­sen.

Hiess es beim frü­hen Marx noch, dass es ein Aber­glau­be sei, "dass das bür­ger­li­che Leben vom Staat zu­sam­men­ge­hal­ten wer­den müsse, wäh­rend um­ge­kehrt in der Wirk­lich­keit der Staat von dem bür­ger­li­chen Leben zu­sam­men­ge­hal­ten wird" (MEW 2, 127), wird beim Ge­gen­stand­punkt nicht nur die Ge­sell­schaft vom Staat ge­schaf­fen, son­dern der Staat muss auch die All­ge­mein­heit gegen die reine Par­ti­ku­la­ri­tät stif­ten. Die Staats­theo­rie des GSP kennt "keine dem öko­no­mi­schen Ge­sche­hen im­ma­nen­ten Mo­ti­ve für den Will­kür­ver­zicht der Bür­ger oder für den Ver­zicht auf ihren un­mit­tel­ba­ren Ego­is­mus und für die Ver­fol­gung der In­ter­es­sen unter An­er­ken­nung der Be­din­gun­gen des Sys­tems der Pri­vat­in­ter­es­sen" (65). Nein, laut MG han­delt es sich beim Ka­pi­ta­lis­mus um "ge­walt­sam ge­schaf­fe­ne und er­hal­te­ne so­zia­le Ver­hält­nis­se" (Karl Held, Die Psy­cho­lo­gie des bür­ger­li­chen In­di­vi­du­ums, 17). Man soll­te aber weder am Selbst­ver­ständ­nis der Bür­ge­rIn­nen an­knüp­fen, die ihre Un­ab­hän­gig­keit und ihr Son­der­in­ter­es­se ver­ab­so­lu­tie­ren, noch soll­te man die Re­la­ti­vie­rung ihrer Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen rein der staat­li­chen Sphä­re zu­schrei­ben. Denn im Ge­gen­satz etwa zum Feu­da­lis­mus sind die ge­sell­schaft­li­chen Be­zie­hun­gen und die An­eig­nung des Mehr­pro­dukts im Ka­pi­ta­lis­mus ge­ra­de nicht not­wen­dig mit aus­ser­öko­no­mi­schem Zwang ver­bun­den, son­dern mit der Gleich­heit und Frei­heit der Tau­schen­den in der Zir­ku­la­ti­ons­sphä­re. Die oben er­wähn­ten Tausch­be­zie­hun­gen sind Wil­lens­be­zie­hun­gen, die die Tau­schen­den frei­wil­lig ein­ge­hen; wenn auch die staat­li­che Ge­walt den Re­gel­bruch im Aus­nah­me­fall sank­tio­nie­ren muss.

Das Buch ist le­sens­wert und die Kri­tik an MG/ GSP ist gut in­for­miert und sau­ber durch­ar­gu­men­tiert.


Mein­hard Creydt:
Der bür­ger­li­che Ma­te­ria­lis­mus und seine Ge­gen­spie­ler.
In­ter­es­sen­po­li­tik, Au­to­no­mie und linke Denk­fal­len;
VSA-Ver­lag; Ham­burg 2015; 244 Sei­ten

 

Dieser, hier geringfügig gekürzte Artikel erschien unter der Überschrift „Über das Bescheidwissen und seinen Inhalt“ in:

vorwärts - die sozialistische zeitung, Zürich, Nr. 29/30 vom 28. August 2015







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