Neuerscheinungen Literatur

05.02.23
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Alain Claude Sulzer: Doppelleben. Roman, Galiani, Berlin 2022, ISBN: 978-3869712499, 23 EURO (D)

Alain Claude Sulzer erschafft in diesem Buch ein Zeit- und Sittengemälde von Paris im Zweiten Kaiserreich und die Parallelität von zwei Lebenswelten.

Den zwillingsgleich lebenden Brüdern Jules und Edmond de Goncourt entging fast nichts. In ihren geheimen Tagebüchern dokumentierten und kommentierten sie mit spitzer Feder das gesellschaftliche Leben im Paris des 19. Jahrhunderts, lästerten über Diners mit der Cousine des Kaisers und sonnten sich im Glanz der Pariser Literaturkreise, diskutierten mit Zola und Flaubert über Literatur. Das Leben der Brüder Goncourt hatte aber auch Schattenseiten: Jules hat sich bereits 1849 wahrscheinlich bei einem Bordellbesuch mit Syphilis infiziert, einer damals unheilbar scheinenden Krankheit.

Ihre feine Beobachtungsgabe war berühmt-berüchtigt. Nur waren sie eben doch blind für die existentiellen Dramen, die sich in ihrem eigenen Haus abspielten. In ihrer intellektuellen und feingeistigen Welt war ihre Haushälterin Rose, die sie von klein auf kannten und fast zur Familie gehörte, ein Fremdkörper, mit dem sich nicht viel befassen brauchte. Die beiden wussten, obwohl sie jeden Tag zusammen waren, kaum etwas über Rose, die in großen existentiellen und seelischen Nöten war. Sie lebten in ihrer eigenen Welt, alles drehte sich um die Kultur oder (verständlicherweise) auch um Jules’ Krankheit und den schlimmen Verlauf.

Sulzer nennt dies Gegenwelten, obwohl wohl der Ausdruck Parallelwelten besser passt. Ambivalent ist das Verhältnis der beiden Brüder zu Rose. Aufgeschreckt durch ihre schwere Tuberkuloseerkrankung war sie plötzlich im Leben der beiden sehr präsent. Es wurden goutierte Ärzte hinzugezogen, ohne auf Kosten zu achten, um alles andere kümmerten sie sich auch. Und sie verbrachten viel Zeit am Bett der Kranken und sprachen ihr Mut zu.

Dieser Eifer war früher nicht zu sehen. Die beiden wollten oder haben es tatsächlich nicht gemerkt, dass Rose in der Zeit davor in den Wintermonaten immer mit Fieber gearbeitet hat. Sie hatte einfach kein Zutrauen, es ihnen zu sagen.

Von ihren privaten Geheimnisse, ihrem Umgang und ihrem Seelenzustand wussten sie fast gar nichts. Sie hatte sich in einen jungen Händler schwer verliebt, der dies aber nicht wert war, weil er sie unglücklich machte und sie finanziell fast ruinierte. Sie bekam unbemerkt ein Kind von ihm, das tragischerweise verstarb. Sie bestahl ihre Dienstherren, machte Schulden und wurde zur Trinkerin. Ihren Kummer darüber und den Schmerz über ihre unglückliche Liebe verbarg sie heimlich.

Erst spät erfahren die Brüder einiges von dieser Geschichte, nachdem Rose bereits verstorben ist. Sie merken jetzt, dass sie von Rose als Person fast nichts wussten. Sie verarbeiten zwar diese Geschehnisse in einem eigenen Roman, bleiben jedoch in einigen Punkten überheblich und oberflächlich.

Es wird sehr deutlich, wie die Gesellschaftsstruktur, Mentalität und der gelebte Alltag bestimmt nicht nur in Frankreich im 19. Jahrhundert aussah. Ein Dienstmädchen sollte einfach ihre Arbeit machen, sonst wurde sie nicht weiter wahrgenommen. Das Interesse galt der eigenen Gesellschaftsschicht und es wurde darauf geachtet, nicht viel mit „niederen Ständen“ zu tun zu haben. Die Rolle der Frau war aus heutiger Sicht gesehen schlimm und Dienstmädchen besaßen nur wenig Reputation.

Dies ist ein tiefschürfender Roman, der von real existierenden Personen und deren Zeugnisse handelt, dennoch fiktional bearbeitet wurde. Vor allem durch das passende Zeitpanorama und dem Habitus in Frankreich des 19. Jahrhunderts. Und auch durch die Sprache, die aus einem Zeitalter stammt und daher etwas befremdlich zu lesen ist, aber auch authentisch wirkt. Es zeigt sich auch, dass die großen Ideale der Französischen Revolution im Alltag wenig gelebt wurden und dass Standesdünkel und Klassengegensätze weit verbreitet waren.


Buch 2

 

Marilynne Robinson: Jack. Roman, S. Fischer, Frankfurt/Main 2022, ISBN: 978-3-10-397107-1, 26 EURO (D)

Mit diesem Roman beendet Marilynne Robinson ein Zeitpanorama in den USA, die in ihrem vorherigen Buch "Gilead" begonnen und in den Folgebänden "Home" und "Lila" fortgesetzt wurde, Die vier Bücher erzählen eine zusammenhängende Geschichte, die sich auf die Familien Boughton und Ames konzentriert, die in und aus der fiktiven Stadt Gilead, Iowa, leben.

Dieser Roman hat – gemäß dem Titel – als Hauptfigur Jack Boughton, der als schwarzes Schaf der Familie schon in den früheren Roman auftaucht. Als Sohn von Reverend Boughton erscheint er dort als Kleinkrimineller, Atheist und moralische Schande für seinen theologischen Vater. Letzteres ist Jack sehr bewusst, er hat dadurch und seine immer noch vorhandene Affinität zur Religion Selbstzweifel und verspürt eine innere Leere.

Nachdem er aus dem Gefängnis entlassen wurde, will er sich selbst züchtigen und aus Angst vor einem kriminellen Rückfall alleine ohne menschliche Kontakte leben. Diese selbstauferlegte Eremitage und seine Bemühungen, mit sich selbst ins Reine zu kommen, wird in vielen inneren Monologen deutlich. Diese Suche nach sich selbst gelingt aber seiner mangelnden Selbstakzeptanz nicht. Als er wider seinen Plänen wieder Menschen begegnet, verliebt er sich in die Bischofstochter Della Miles. Dies entwickelt sich zur Gegenseitigkeit. Sie ist so ziemlich das Gegenteil von Jack: Sie glaubt an das Gute im Menschen, ist von der Liebe zu Gott beseelt und führt ein geregeltes Leben. Und: sie ist Afroamerikanerin, während Jack ein Weißer ist.

Letzteres ist das Haupthindernis für ihre Liebe: es ist eine verbotene Liebe. Noch in den 1950er Jahren vor der Bürgerrechtsbewegung für Gleichberechtigung war eine Beziehung zwischen Menschen schwarzer und weißer Hautfarbe verboten. Der institutionelle und gesellschaftliche Rassismus verhindert ein offenes Ausleben ihrer Gefühle.

Dessen ist sich Jack bewusst, der aus eigener Erfahrung nun über die Rechtmäßigkeit von Gesetzen nachdenkt und seine weißen Privilegien besser wahrnimmt. Aber er gibt sich wieder mal die Schuld: er lasse es zu, dass Della sich wegen ihrer Liebe in Konflikt mit dem Gesetz und gesellschaftlichen Standards begibt. Dies wird wieder durch innere Monologe, in denen die Autorin ihre Kritik an rassistischen Realitäten zum Ausdruck bringt, transportiert.

Der Roman ist schwer zu lesen ohne die vorherigen Teile zu kennen, oder wenigstens eine Zusammenfassung zu lesen. Es werden aktuelle Themen wie Rassismus und deren Überwindung, Privilegien, aber auch ethische Implikationen wie Gnade und Schuld behandelt. Und natürlich das klassische Motiv der Liebe. Diese Vielzahl der Themen und die Eindringlichkeit der Sprache von Robinson zeichnen diesen Roman aus.


Buch 3

Alina Lindermuth: Fremde Federn. Roman, Kremayr & Scheriau, Wien 2023, ISBN: 978-3-218-01386-4, 24 EURO (D)

In ihrem neuen Buch beschäftigt sich Alina Lindermuth damit, was passiert, wenn ein Familienmitglied plötzlich auf Pflege angewiesen ist.

Tom zieht nach seiner Trennung trotz einiger Bedenken bei seiner Großmutter Rosmarie ein. Die neue Wohngemeinschaft funktioniert ganz gut, bis Rosmarie plötzlich durch einen Sturz körperlich eingeschränkt ist und auch geistige Folgeschäden sich zeigen. Sie wird zu einem dauerhaften Pflegefall und dies stellt nicht nur Rosmaries Leben auf den Kopf, sondern auch das von Tom, der gerade einen stressigen Start-Up-Job begonnen hat.

Ein 24-Stunden-Pflegemodell soll helfen, die Situation in den Griff zu kriegen. Die beiden neuen Pflegerinnen Kata und Josipa werden Teil des neuen Lebens im Haus. Rosmarie muss sich an zwei neue Personen gewöhnen und akzeptieren lernen, dass sie wenig selbst machen kann.

Für Tom ist die Situation auch völlig ungewohnt. Seine beruflichen Aufgaben kollidieren immer wieder mit Fragen rund um die Pflege, auch zeitlich. Rosmaries Hühnerstall im Garten ist für sie ein Sehnsuchtsort und spielt auch eine Rolle im Roman.

Die sprachlichen Mittel, denen sich die Autorin bedient, sind solide, ohne das hier ein literarisches Kunstwerk abgebrannt wird. Der immer wieder eingestreute Humor und die assoziative Sprache sind gelungen.

Es wird deutlich, dass ein gutes Zeitmanagement bei der Pflege wichtig ist, also die Selbststeuerung der eigenen Aufgaben in einem bestimmten zeitlichen Rahmen. Dazu gehören neben der Pflege von Angehörigen auch alle anfallenden Dinge, die das eigene Leben der Pflegeperson betreffen. Die eigene Zielsetzung ist so zu setzen, dass negativen Gefühlen durch Misserfolg bei der Erledigung der Aufgaben vorgebeugt werden kann. Der Roman zeigt: Das Leben mit einer pflegebedürftigen Person bringt jeden Tag unerwartete Dinge mit sich.

An diesem Beispiel werden Einblicke positiver und negativer Art in ein Thema gegeben, das viele vor sich herschieben oder wenn es dann passiert, von den Dynamiken überrascht werden. Das tägliche Leben wird durcheinandergewirbelt, auch durch fremde Personen, die pflegen, aber auch gleichzeitig durch ihre vertrauensvolle Tätigkeit zur Hausgemeinschaft, wenigstens temporär gehören.

 

Buch 4

Thore D. Hansen: Taupunkt, Europa Verlag, München 2023, ISBN: 978-3-95890-470-5 20 EURO (D)

Nach Politthrillern und Sachbüchern legt der Journalist und Schriftsteller Thore D. Hansen nun einen Klimaroman vor.

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit hat Wissenschaftler Tom Bayer das auch im Weltklimarat umstrittene Phoenix-Programm entwickelt. Es fordert die Aufhebung von Welthandel und Globalisierung, dazu Climate-Engineering, komplette Umstellung der Landwirtschaft, rigorose Geburtenkontrolle, künstliche Sicherung der Polarkappen, gigantische Aufforstungen - allesamt schwerste Eingriffe in das gewohnte Leben der Menschen. Kein Wunder, dass die Regierungen der Welt nichts davon wissen wollen. Nach einer weiteren gescheiterten Klimakonferenz zieht sich Tom aus dem Weltklimarat zurück.

Toms Bruder Robert ist Großlandwirt in Norddeutschland. Sein Land leidet unter der Dürre und er selbst an Alkoholsucht. Die ungleichen Brüder trennt ein alter familiärer Konflikt, während sich ihre ebenso ungleichen Töchter anfreunden. In Deutschland entschließt sich Tom, mit seinem Forderungskatalog an die Öffentlichkeit zu treten, und löst damit eine mediale Hetzjagd aus. Die Auseinandersetzungen zwischen Klimaleugnern und Klimaaktivisten werden immer gewalttätiger. Nicht nur Bruder Robert sieht seine wirtschaftliche Existenz bedroht und verliert sich in Verschwörungstheorien. Während das Thema Klimawandel die Brüder entzweit, stellen sich die Töchter zwischen die unversöhnlichen Geschwister und fordern ihre Zukunft ein.
Plötzlich ist die lange vorhergesagte Klimakatastrophe Realität. Eine ungeheure Hitzewelle wälzt sich über Europa; Stromausfälle und Brände bringen das öffentliche Leben zum Erliegen, Zehntausende Menschen sind vom Hitzetod bedroht.
Der Katastrophenschutz versagt. Alleingelassen auf Roberts Hof in Ostdeutschland kämpft Familie Beyer ums physische Überleben und muss sich ihren Dämonen stellen.

Dies ist kein genuin dystopischer Roman wie andere, die die Klimakrise zum Thema haben. Er will für einen Schockmoment sorgen, wenn die Klimakatastrophe eintritt und Leib und Leben bedrohen. Dies schafft Hansen auch, er schildert in emotionaler Sprache und metaphorisch gekonnt die verschiedenen Situationen und Ereignisse. Ein Roman, der wachrüttelt, indem er die heute vielfach verdrängten Folgen des Klimawandels den Leser*innen vor Augen führt.


Buch 5

Leigh Bardugo: Wer die Hölle kennt, Knaur, München 2022, ISBN: 978-3-426-22718-2, 19 EURO (D)

 

Seit Jahrhunderten ziehen acht mächtige studentische Verbindungen der Elite-Universität Yale die Fäden hinter Politik und Wirtschaft – das neunte Haus jedoch überwacht die Einhaltung der Regeln. Denn die Macht der Verbindungen beruht auf uralter, dunkler Magie.

Zwar ist es Geisterseherin Alex Stern gelungen, im Auftrag des neunten Hauses eine Verschwörung auf dem Campus aufzuklären, doch dabei wurde ihr Mentor Daniel Arlington von einer Bestie verschlungen.

Dieses zweite Buch der Serie greift das Herbstsemester nach den Ereignissen des ersten auf. Alex Stern und ihre Vertrauten sind nicht von dem Tod von Daniel Arlington restlos überzeugt. Alex Stern gibt sich auch selbst eine Teilschuld für die Situation. Sie wollen eine Reise in das Innenleben der Hölle machen und ihn versuchen, dort rauszuholen. Nicht nur diese waghalsige Expedition steht an, es sind zwei Morde auf dem Uni-Campus geschehen, die aufgeklärt werden müssen.

Wie auch in beim Vorgängerband gibt es neben der Handlung viel Mythologie, düstere Geheimgesellschaften und atmosphärische Beschreibungen des Campuslebens als Hintergrundszenario. Der zweite Band lehnt sich auch im Wechsel der Zeitstränge am ersten Band an. Es geben zum Beispiel Rückblenden von Sequenzen zur Beziehung von Alex Stern und Daniel Arlington.

Die Handlung selbst ist meist spannend mit abflachendem und wieder ansteigenden Kurven. Es wird zwar oft eine düstere, morbide Stimmung verbreitet, dies ist aber Teil des Erzählstils. Leser*innen sollten sich auch darauf einstellen mit vielen Leichen, Ungeheuern und hässlichen Dämonen zu tun zu bekommen.

Nicht nur Horror und Phantasie sind Teil des Buches. Es zeichnet sich dadurch aus, dass gekonnt Magie in eine Alltagswelt eingewebt wird, und durch eine genaue Charakterisierung.


Buch 6

Kai Pannen: Drei Freunde retten die Schule. Leselöwen 2. Klasse, Loewe, Bindlach 2023, ISBN: 978-3-7452-1437-8, 9,95 EURO (D)

In dieser Geschichte geht es um die drei Klassenmaskottchen Dino, Hörnchen, das Einhorn und Mümmel, der Hase. Die drei Freunde werden am Abend in der Schule im Geheimen wieder lebendig. Sie lassen sich allerlei Streiche einfallen und haben viel Spaß dabei. Bevor am nächsten Morgen der Unterricht wieder beginnt, liegen sie wieder in ihren Kisten wie ganz normale Stofftiere.

Eines Nachts merken sie jedoch, dass sie nicht allein in der Schule sind. Sie gehen der Sache auf den Grund und merken, dass ein Einbrecher in die Schule eingedrungen ist. Es dauert nicht lange, bis er sie bemerkt. Werden Sie ihm das Handwerk legen können?

Das Buch ist für die 2. Klasse zur Unterstützung des Lesenlernens konzipiert. Einfache Sätze und die Silbenfärbung unterstützen beim Erschließen des Textes. Bunte Bilder sorgen für Lesepausen und helfen dabei, die Geschichte zu verstehen und visuell anschaulich zu machen. Sprechblasen sorgen für Abwechslung.

Nach jedem Kapitel gibt es Aufgaben, woran das Kind überprüfen kann, ob es alles verstanden hat.

Zu den markierten Wörtern gibt es zum Schluss noch den Weg zu einem Lösungswort.

Im Anhang gibt es noch eine Biografie des Autors.

Das Buch ist anschaulich und kindgerecht didaktisch gestaltet, ohne dass das Kind überfordert wird und dies zu Misserfolgen führen könnte. Die Geschichte selbst ist spannend erzählt, zu den Hauptfiguren kann Empathie entwickelt werden. Zusätzlich gibt es auf dem Onlineportal des Verlages noch weitere Extras.







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