Neuerscheinungen Sachbuch

17.07.22
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Wolfram Elsner: China und der Westen. Aufstiege und Abstiege. Vom Reich der Mitte zum gegenwärtigen Konflikt, Papyrossa, Köln 2022, ISBN: 978-3-89438-777-8, 22 EURO (D)

Das 21. Jahrhundert ist durch eine globale geostrategische Konstellation gekennzeichnet, die mit dem Abstieg der US-Hegemonie und dem Aufstieg Chinas gekennzeichnet ist, die voraussichtlich die nahe Zukunft prägen wird.

Wolfram Elsner untersucht diese Aufstiegs-Abstiegs-Konstellation und ihre Vorgeschichte in Eurasien über 5000 Jahre, seit den Zeiten der alten Seidenstraßen und des alten Reichs der Mitte.

Elsner will deutlich machen, dass „ die Geschichte eine solche von Aufstiegen und Abstiegen und von Aufstiegs-Abstiegskonstellationen ist und dass das, was wir zurzeit als greifbares aktuelles Geschehen erleben (…) zugleich historische Normalität, eine Rückkehr zu einer alten historischen Normalität in den globalen Strukturen ist.“ (S. 12)

In der Einleitung werden langfristige kontinentale Aufstiegs-Abstiegs-Konstellationen erläutert und mit Beispielen unterfüttert. Und auf das Verhältnis China-USA übertragen. „Die ‚Thukydides-These‘ eines angeblich unvermeidlichen Krieges aufgrund einer wechselseitigen Misstrauens-, Angst- und Handlungseskalation wird heutzutage durchaus auf die aktuelle Aufstiegs-Abstiegs-Konstellation China-USA angewendet und beherrscht offenbar das geostrategische Denken großer Teile der US-Elite.“ (S. 25)

Es folgt ein Ritt durch die Geschichte in drei Teilen. Dabei wird der aktuelle Aufstieg Chinas als Wiederherstellung einer durch koloniale Unterdrückung zwischenzeitlich unterbrochenen historischen Normalität gezeigt. Dabei benutzt er das Konzept der „Großen Divergenz“ des italienischen Philosophen Domenico Losurdo, der eine objektiv wachsende Kluft zwischen China und dem Westen bezeichnete.

China schaffte es, die großen Divergenzen seiner inneren Struktur zu reduzieren, mit den Neuen Seidenstraßen, der Süd-Süd-Kooperation und der internationalen Kreditvergabe und die globalen Strukturen in Richtung Multipolarität zu transformieren.

In seiner Bilanz stellt Elsner fest: „China überwand eine Reihe von inneren Krisen. Sein Aufstieg war in der Rückschau aber kaum zu verhindern. Die neue alte historische Normalität setzte sich durch. (…) Aktuelle Analysen zeigen, dass die kritischen Faktoren nach oben weisen. (…) 2035 dürfte China auf fast allen Gebieten führend und in der Lage sein, alle Güter, die es braucht, selbst herzustellen, (…). (S. 228)

Die Frage, ob der Konflikt China-USA in einen heißen Krieg mündet, wird laut Elsner in den USA entschieden. Wer setzt sich durch: die Falken oder die Pragmatiker? Denn: „Die direkte Konfrontation können sie (die USA, M.L.) nicht gewinnen. Top-Militärs, Militärberater, Waffeningenieure wissen das.“ (S. 241)

Im Anhang finden sich noch die Anmerkungen und ausgewählte Literatur.

Dieses Buch stellt die lange Geschichte Chinas vor und berücksichtigt dabei die Ausprägung der aktuellen globalen Aufstiegs- Abstiegs-Konstellation bis in die 2010er Jahre.

Das Buch bietet viel Diskussionsstoff, vor allem für die jüngeren Entwicklungen und bietet einen anderen, objektiveren Zugang, der nicht eurozentrisch ist. Elsner geht hier auf die Vorurteile ein, die China ggü. hierzulande üblich sind, und entkräftet diese mit klaren Ausführungen und schafft einen holistischen und auch kulturellen Zugang. Der gegenwärtige Krieg in der Ukraine ist natürlich nicht Thema, wohl in Elsners nächstem Buch.

 

Buch 2

Heidi Horten Collection. Das Haus und seine Geschichte, Hirmer, München 2022, ISBN: 978-3-7774-3887-0, 45 EURO (D)

Im Frühjahr 2022 wird im Herzen der Stadt Wien ein neuer Kunst-Ort eröffnet. Zwischen ALBERTINA und Oper entsteht das Museum für die renommierte Sammlung von Heidi Goëss-Horten. Die erste Museumspublikation widmet sich der Entstehung des Ausstellungshauses, seiner Architektur und Baugeschichte und ordnet es in den Kontext europäischer Museumsneugründungen ein.

Das Buch beginnt mit einer persönlich gehaltenen Vorwort von Heidi Goëss-Horten. Darin schildert sie, wie sie damit begann Werke aus ihrer Sammlung weltweit in temporäre Ausstellungen abzugeben, den Erfolg ihrer ersten Ausstellung WOW! und ihr Entschluss, ein eigenes Museum in Wien zu gründen. „Ich wollte einen Ort initiieren, der wachsen kann und an dem meine Kunstsammlung in Ausschnitten permanent zu sehen ist.“ (S. 25)

Ein zweites Vorwort aus der Feder von Agnes Husslein-Arco würdigt die Neugründung als „wahren Meilenstein in der Geschichte bedeutender Kunstinstitutionen des Landes.“ (S. 31)

Dieselbe Autorin führt danach ein ausführliches Gespräch mit Heidi Goëss-Horten über ihre Leidenschaft zu Kunst. Wiederum Agnes Husslein-Arco beschreibt danach Beginn und die Etappen die Sammelleidenschaft der Museumsgründerin. Danach geht Michael Rauchensteiner auf die Protagonisten der Albertinischen Linie ein.

Andreas Nierhaus beschäftigt sich in seinem architekturhistorischen Beitrag mit den Häusern der „Erzherzoglichen-Albrecht’schen Baugruppe“ an der Ringstraße. Die Planung der Baugruppe und die einzelnen Häuser, in der Aristokratie und Großbürgertum zusammenfanden, war damals ein Spiegel der neuen gesellschaftlichen Realitäten.

Matthias Boeckl skizziert danach das ehemalige Kanzleigebäude Erzherzogs Friedrichs und die Baugeschichte des Wiener Opernquartiers bis hin zur neuen Bauherrin Heidi Goëss-Horten und die Entwürfe von drei Architekturbüros sowie der Museumsbau von the nextEnterprise Architects von 2020 bis 2022.

Anschließend stellen Marie-Therese Harnoncourt-Fuchs und Ernst J. Fuchs das Zusammenwirken von historischem Bestand und zeitgenössischer Adaptierung mit Grundrissen vor, die Architektur wird als elementares Medium für die Interaktion mit der Kunstsammlung begriffen.

Agnes Husslein-Arco und Christiane Kuhlmann stellen die verschiedenen künstlerischen Interventionen von Andreas Duscha, Hans Kupelwieser, Constantin Luser, Markus Schinwald und Oswald Stimm vor. Dabei nimmt die Gestaltung des Salons bzw. Tea Rooms einen Schwerpunkt ein, daneben geht es um das Raumkonzept, reflektierende Flächen in den Sanitärräumen, bewegte Statik und eine bespielbare Skulptur.

Zum Abschluss geht es um die Transformation zeitgenössischer Kultur in alten Strukturen. Dazu gibt es Transformations-Beispiele mit dem Louvre, der Eremitage und der Wiener Hofburg oder des industriellen Erbes.

Zwischen den Essays gibt es großformatige Abbildungen der Bauphasen und der fertigen Räumlichkeiten sowie des Hauses von außen.

Im Anhang findet sich noch ein Namensregister.

Es wird deutlich, wie es geschafft wurde, den Charakter des Kanzleigebäudes grob zu erhalten, aber ein modernes Museumsgebäude mit ungewöhnlichen Raumsituationen entstehen zu lassen. Der Wettbewerb der drei Entwürfe zum Museumsbau hätte ein eigenes längeres Kapitel verdient. Auch ein Literaturverzeichnis zum Haus und auch eine kurze (Link)Sammlung zur ersten eigenen Ausstellung WOW! Aufgenommen werden können.

Sonst ist es ein Buch, das Lust auf die folgenden Ausstellungen macht, auch ein teilweise persönlich gehaltenes Buch, wo die Bauherrin ihre Motivation und Ziele darlegt, ohne dass dabei übertrieben wird.


Buch 3

Margot Käßmann/Konstantin Wecker (Hrsg.): Entrüstet Euch! Von der bleibenden Kraft des Pazifismus, bene, 2022, ISBN: 978-3-96349-249-4, 19 EURO (D)

Margot Käßmann und Konstantin Wecker sind davon überzeugt, dass es eine gefährliche Illusion ist, Waffengewalt mit Waffen stoppen zu können. Für die aktualisierte Neuausgabe dieses Buches haben die Theologin und der Liedermacher neben vielen eigenen Gedanken zum Thema Krieg und Frieden auch Texte verschiedener pazifistischer Traditionen zusammengestellt, die zeigen, welche Kraft ein gewaltloses Handeln haben kann.

Das Buch enthält ein großes Interview mit Wecker und Käßmann über deren Ziele, die aktuelle weltpolitische Situation und Pazifismus. Danach folgen zahlreiche Essays über das Thema Frieden und Zivilismus von vielen bekannten Persönlichkeiten wie Friedrich Schorlemmer, Eugen Drewermann usw. Dazu gibt es noch Gedanken in Form von Liedtexten von Konstantin Wecker.

Die Kritik richtet sich unter anderem gegen Waffengewalt, die Aufrüstung in der BRD und anderen westlichen Staaten und die neue alte These der Abschreckung.

Es droht eine Rüstungsdynamik wie im Kalten Krieg. Aufgrund dieses Verhaltens bildet sich ein ständiger Kreislauf von Aktion und Reaktion. Bei diesem Schema liegt das zentrale Augenmerk auf der „Verteidigungspolitik“ der einzelnen Länder. Im Aktions-Reaktionsmodell gesprochen, bedeutet jede rüstungspolitische Entscheidung eines Landes eine sofortige rüstungspolitische Reaktion des Gegners. Dieses ständige Agieren und Reagieren basiert einzig auf dem Fakt, dem Gegner nie das Gefühl der Überlegenheit zu vermitteln. Als Voraussetzung ist ein gewisser Grundkonflikt zu nennen, ohne den es diese spezielle Reaktion auf genau diesen einen Gegner gar nicht geben würde.

Dies wäre eine klare Absage an langfristige Friedensperspektiven für Europa.

Das Buch ist ein notwendiger Appell an die Vernunft, den Glauben an zivile Lösungen im 21. Jahrhundert und die Lehren aus 2 Weltkriegen. Die Fehler wie im Kalten Krieg oder anderen Konflikten scheinen sich zu wiederholen. Die nun einsetzende Militarisierung in den NATO-Staaten wird auf Dauer keine Lösung sein.

Das Buch zeigt auch implizit auf, dass die westlichen Staaten nicht alle Möglichkeiten einer friedlichen Lösung ausschöpfen. Die Hinzuziehung von China als tragender Akteur der Weltpolitik sozusagen als eine Art Vermittlungsorgan wird – jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit – diskutiert.


Buch 4

Letizia Paoli u.a.: Doping für Deutschland. Die „Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin“. Geschichte, Ergebnisse und sportpolitische Forderungen, transcript, Bielefeld 2022, ISBN: 978-3-8376-6052-4, 35 EURO (D)

Die Evaluierungskommission der Freiburger Sportmedizin wurde aufgelöst, ohne dass es zu einer Darstellung der bisherigen Ergebnisse kam. Die Autor*innen wollen die zentralen Ergebnisse der Kommission auswerten, zusammenfassen und öffentlich zugänglich machen.

In dem Buch rekonstruieren die Autor*innen, die alle sechs Mitglieder der Evaluierungskommission der Freiburger Sportmedizin in ihrer letzten Besetzung waren, die Rolle der Freiburger Sportmedizin, die „gegen Spielregeln, Prinzipien und Normen der medizinischen Ethik und womöglich gegen strafrechtliche Bestimmungen verstoßen haben, um sportpolitische Erfolge für die Geldgeber zu sichern“. (S. 24) Als Hauptakteure werden Joseph Reul und Armin Klümper benannt und kritisiert. Es werden auch die Faktoren analysiert, die diese Verstöße ermöglichten und „Freiburg zum Hauptzentrum des Dopings in der Bundesrepublik gemacht hat.“ (S. 25) Dabei sprechen sie von dopingfördernde Erwartungen hochrangiger Politiker“. (Ebd.)

Zunächst werden getrennt voneinander die Rolle von Reul und Klümper bei der Organisation und Legitimierung des Dopings von Athlet*innen beleuchtet.

Danach wird die Arbeit verschiedener Kommissionsmitglieder zusammengefasst, die die Forschungs- und Publikationstätigkeit der Abteilung Sportmedizin der Universität Freiburg bewertet haben und dabei gravierende Mängel festgestellt haben.

Anschließend geht es um die verworrene Geschichte der Evaluierungskommission. Es wird auch die Frage der Verantwortung gestellt, hochproblematische Praktiken an der Universität wurden nicht bemerkt.

Das letzte Kapitel werden die Hauptergebnisse zusammengefasst und die Perspektive der Verantwortung wird um die deutschen Sportinstitutionen und öffentlichen Institutionen und das IOC erweitert.

Akteure und Institutionen, die Mitverantwortung tragen, werden als erste aufgeführt und Versäumnisse analysiert. Die Gründe dafür, dass die beiden Kommissionen 2007 und 2016 nur einen Teil des Puzzles zusammenfügen konnten, sind auch in der Geschichte der Kommissionen und ihren Beziehungen zur Universität Freiburg selbst zu suchen. Der Evaluierungskommission wurden Akten vorenthalten, andere wurden versteckt oder galten als verschollen.

Dennoch wird festgestellt: „Das Ende der Kommissionsarbeit ist nicht das Ende der Aufklärung in Freiburg.“ (S. 225) Sie fordern dringende Änderungen, um weitere Dopingskandale zu vermeiden und die Gesundheit der Athlet*innen und die Integrität des Sports zu schützen: „Wir hoffen, dass die dafür mitverantwortlichen Institutionen – die Universität Freiburg sowie die regionalen, nationalen und internationalen öffentlichen Sport- und Antidoping-Organisationen – aus dem Aufstieg und Rückgang der Freiburger Sportmedizin Schlussfolgerungen ziehen und auf dieser Grundlage notwendige Reformen implementieren.“ (S. 234)

Dieses Buch ist eine scharfe Anklageschrift und erhebt ungeschminkt heftige Vorwürfe. Wenn sie sich bestätigen sollten, wäre das Sprengstoff für den deutschen Sport, seine internationale Reputation und die Aufdeckung einer Doppelmoral, mit dem Finger im Hinblick auf Doping auf andere Länder zu zeigen und sich selbst die Rolle des moralischen Musterknaben zuzugestehen.

Auf jeden Fall wird das Buch für viele Diskussionen sorgen. Ob und wie die Reaktion der Angeschuldigten ausfallen, wird, dürfte spannend zu beobachten sein.

 

Buch 5

Gerhard Fatzer/Daniel C. Schmid (Hrsg.): Kunst der Veränderung. Vorurteilslose Führung und Organisationsentwicklung, Psychosozial Verlag, Gießen 2021, ISBN: 978-3-8379-2927-0, 29,90 EURO (D)

Vom Start-up bis zur reifen Organisation, alle Teams und Organisationen benötigen Kulturarbeit. Im Zeitalter von Globalisierung und digitalem Wettbewerb sind daher vorurteilsfreie Führung und Kulturentwicklung von zentraler Bedeutung. Gerhard Fatzer und Daniel C. Schmid zeigen mit den hier zusammengestellten Texten wichtige Grundlagen von Veränderungsarbeit und Management auf. Die Autoren und Autorinnen aus dem Umfeld von Edgar H. Schein, dem Mitbegründer der Organisationsentwicklung, regen zu einem internationalen Dialog über die »Kunst der Veränderung« im Zeitalter der Digitalisierung an und bringen hierzu deutsche und amerikanische Ansätze zusammen. Die präzisen Beschreibungen der Grundlagen von nachhaltiger Organisationsentwicklung können direkt in Projekten und Transformationsprozessen eingesetzt werden.

Das Buch wird von Gerhard Fatzer eingeleitet, der seinen Lernweg während seines USA-Aufenthaltes schildert. Er hatte zunächst in Kalifornien und dann in Boston alle wichtigen Begründer der Organisationsentwicklung kennengelernt und ihre Werke anschließend als Pionier in den deutschsprachigen Raum gebracht.

Im zweiten Teil wird das Lebenswerk des Vordenkers Edgar H. Schein dargestellt. Er gilt als einer der renommiertesten Vertreter der Organisationsentwicklung und schrieb grundlegende Werke zu den Themen Organisationskultur, Prozessberatung, Karriere und vorurteilslose Führung.

Diese Entwicklungslinien und seine Methode werden in einem Interview mit Egon Zahnder nachgezeichnet. Danach erläutert Gerhard Fatzer die Grundlagen von Scheins vorurteilslosen Führens.

Ehemalige Schüler und Weggefährten von Schein kommen dann in verschiedenen Beiträgen zu Wort. Sabina Schoefer stellt zuerst die „Kunst der Sieben“ dar. Anschließend geht es im folgenden Beitrag von Claus Otto Scharmer um die Schlüsselprinzipien Scheins. Peter Senge beschreibt den Einfluss Scheins auf seine „fünf Disziplinen“, Daniel C. Schmid stellt die Emigrationsgeschichte der Familie Schein disziplinübergreifend dar. Scheins Sohn Peter skizziert den Einfluss seines Vaters auf seinen persönlichen Werdegang. John Van Maanen setzt sich mit den Erfahrungen aus der gemeinsamen Zeit mit Schein an der MIT Sloan School of Management auseinander, wo Organisationspsychologen ausgebildet wurden. Den Abschluss macht der Beitrag von Wolfgang G. Weber, der einen Vergleich von Scheins Lebenswerk mit dem Diskursansatz von Habermas anstellt.

Im dritten Teil werden grundlegende Ansätze der Organisationsentwicklung präsentiert. Constantin Peer beschäftigt sich mit der produktiven Koexistenz zwischen der neuen und alten Welt, zwischen unterschiedlichen Denkweisen und Werten. Gerhard Fatzer stellt die Ansätze des Dialogs und der Lerngeschichten zur Implementierung von Veränderungsprozessen vor.

Michael Renneberg stellt – angelehnt an das systemtheoretischen Verständnis des Bewusstseins von Niklas Luhmann – die systemischen Zwischenräume, jene Sphären, in denen der mittelbare Kontakt zwischen Systemen stattfindet, dar und erweitert dies mit eine zen-dialogischen Haltung.

Christoph E. Mandl und Hanna Mandl beschäftigen sich mit der Gestaltung und Entwicklung von Social Labs. Dies sind intensive experimentelle Interventionen, die Stakeholder eines Systems zusammenbringen, um gemeinsam die Ursachen hinter Problemen zu suchen und Lösungen zu entwickeln. Wolfgan Pilatz setzt sich mit Trend Exploration, dem gemeinsamen Erkennen, Auswählen, Adaptieren und Nutzen von Trends, auseinander.

Im vierten Teil gibt es noch transkribierte Ausschnitte aus der Interviewserie „Managing Crisis. Creating a Triple A Society“, die während der Pandemie im Frühjahr 2020 durchgeführt wurden. Dort kommen Edgar H. Schein, Amy C. Edmondson, Peter Senge und Claus Otto Scharmer zu Wort.

Die benutzte Literatur befindet sich hinter den jeweiligen Beiträgen. Ein Stichwortverzeichnis fehlt.

Die vorurteilslose Führung wird wohl ewig ein Ideal bleiben, leider. Der Begriff scheint zu hoch gegriffen, vorurteilssensible oder vorurteilskritische Führung wäre besser gewählt. Sonst ist es eines der wenigen Werke, die explizit Führung und Kultur zusammen denken. Es wird gezeigt, dass für gelingende Führung und Entwicklung das Verständnis der Kultur mit entscheidend ist. Führung wird zu Recht als Beziehunsebene verstanden und das innerhalb einer Gruppe mit flachen Hierarchien, geprägt von Vertrauensvorschuss und selbstständigem Arbeiten und Denken.


Buch 6

Michael Normann: Airbus Helicopters Tiger. Der europäische Kampfhubschrauber, Motorbuch Verlag, Stuttgart 2022, ISBN: 978-613-04461-6, 34,90 EURO (D)

Der 1991 erstmals geflogene Airbus Helicopters Tiger ist der erste in Europa hergestellte Kampfhubschrauber und seit 2002 in Serienproduktion. Derzeit fliegen die Streitkräfte von Deutschland, Frankreich, Spanien und Australien das Muster. Von bewaffneter Aufklärung über die Luftnahunterstützung bis hin zur Bekämpfung feindlicher Hubschrauber und Panzer reicht die Bandbreite. Seit seiner Indienststellung nahm der Hubschrauber schon an mehreren Konflikten teil. Die gesamte Entwicklungsgeschichte, die Produktion, die Technik und den Einsatz beschreibt Michael Normann hier mit viel Detailwissen.

Zuerst wird die Entwicklung eines europäischen Kampfhubschraubers seit Mitte der 1980er Jahre beschrieben. Der Autor setzt schon in der Spätphase des Kalten Kriegs an und beschreibt die Entwicklungsziele und mögliche Einsatzgebiete, nämlich in Mitteleuropa.

Das Konzept und das deutsche bzw. französische Vorläufermodell stehen dann im Mittelpunkt. Vorläuferprojekte, frühere Versionen und eine Tabelle mit deren technischen Daten werden danach behandelt. Detaillierter wird es dann im folgenden Abschnitt, wo das Schutzkonzept, Triebwerk, Optiken, Strix, Osiris, Radarwarngeräte, Raketenwarnsysteme, Laserwarnsysteme und Störkörperwerfer vorgestellt werden. Waffensysteme (Bordwaffen, Lenkwaffen, ungelenkte Raketen) und bisherige Einsätze in Afghanistan und Mali folgen danach.

Danach wird ein Vergleich des Airbus Helicopters Tiger mit anderen aktuellen Kampfhubschraubern angestellt.

Im letzten Kapitel gibt es noch eine Zusammenfassung und es wird ein Blick in die Zukunft geworfen. Dort werden das Modernisierungspaket, der Tiger Mk.3 und moderne Elektronikkomponenten angerissen. Und auch die beunruhigende Entwicklung vom Hubschrauber aus ferngesteuerte Kampfdrohnen als autonom agierendes Kriegsgerät.

Im Anhang finden sich noch die Anmerkungen.

Leider steht dieser Kampfhubschrauber wieder durch den Angriffskrieg Russland wieder im Mittelpunkt. Hier bekommen Interessierte eine fundierte Übersicht der Basics und einen Vergleich zu anderen seiner Art und viele Illustrationen im Flug oder auf dem Boden.

Die bekannt gewordenen Unglücke und die offensichtliche Unvermögen des Herstellers, die Gründe dafür nachhaltig zu beheben, werden zwar problematisiert, aber nicht in der Deutlichkeit wie notwendig.








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