Neuerscheinungen Diverses

18.05.22
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Anna Lembke: Die Dopamin Nation. Balance finden im Zeitalter des Vergnügens, Unimedica im Narayana Verlag, Kandern 2022, ISBN: 978-3-96257-295-2, 24,80 EURO (D)

Dr. Anna Lembke ist Professorin für Psychiatrie und Suchtmedizin an der Stanford University School of Medicine und Leiterin der Stanford Addiction Medicine Dual Diagnosis Clinic.

In diesem Buch, das ein Bestseller in den USA ist, geht um den schmalen Grat des Gleichgewichts zwischen Zuständen von Vergnügen und Schmerz, und warum es heute wichtiger ist denn je, diese Balance zu finden. Wir leben in einer Zeit noch nie dagewesener Dopamin-stimulierender Reizüberflutung: Sei es durch Drogen, Essen, soziale Medien, Glücksspiel, Shoppen, Sex oder der ständige Griff zum Smartphone.

Die Autorin erklärt, dass echte Zufriedenheit und Verbundenheit nur erreicht werden können, wenn wir die Kontrolle über unser Dopamin behalten.

Die Mechanismen der Sucht werden deutlich gemacht: Die Erhöhung der Gefühle zum Beispiel durch das Glückshormon Dopamin im Gehirn, das dazu führt, dass man sich kurzfristig großartig fühlt, aber auch die Produktion der entgegengesetzten Prozesse und Gefühle zum Beispiel durch Stresshormone wie Cortisol, die die Stimmung und geistige Gesundheit auf lange Sicht zerstören.

Mithilfe der Schmerz-Genuss-Balance-Analogie zeigt Lembke deutlich, warum schmerzhafte, nicht nur angenehme Reize süchtig machen können.

Sie verwendet zahlreiche Fallstudien aus ihrer eigenen Erfahrung und beruflichem Kontext, um das Buch zu illustrieren. Es ist eine Exposition über die neuropharmakologischen Substrate der Sucht mit Fallstudienbeispielen aus ihrer psychiatrischen Praxis. Darunter auch Klienten, die sich ihren Problemen stellten und schließlich erfolgreich eine Vielzahl von Substanz- und Verhaltenssüchten überwanden.

Das Buch kann zu einem tieferen Verständnis beitragen, die feine Balance zwischen den Lust- und Schmerzerfahrungen unserer Belohnungssysteme zu verstehen. Es beschreibt die grundlegende Neurochemie der Sucht auf ansprechende Weise. Zielpersonen dürften alle Berufsgruppen, die irgendwie mit dem Thema Sucht zu tun haben, und Betroffene sowie deren Angehörigen sein, die eine neurochemische, wissenschaftlich fundierte Einführung in das Thema benötigen.

Dies ist jedoch nur ein Blickwinkel, alle verschiedenen Facetten des Thema Sucht können nicht auf einmal dargestellt werden.


Buch 2

Frank Rosin: Ehrlich wie `ne Currywurst, Ecowing, Wals bei Salzburg 2022, ISBN: 978-3-7110-0304-1, 24 EURO (D)

Frank Rosin ist aus mehreren Fernsehsendungen bekannt wie „Kerner kocht“, „The Taste“ und „Rosins Restaurants“. In dieser Biografie beschreibt Frank Rosin seinen Weg zum bekannten Koch mit Sternelokal und mehreren TV-Formaten. Das Buch wurde zusammen mit Andreas Hock verfasst und enthält einige Abbildungen.

Mit Kulinarik und Gastronomie ist er quasi groß geworden. Sein Vater hatte ein Geschäft für Gastronomiebedarf, seine Mutter einen Imbiss, wo er schon früh ausgeholfen hat. Bei Pommes rot-weiß und Currywurst ist es nicht geblieben. Er entschied sich schon früh dafür, Koch werden zu wollen.

Bei den ersten Aushilfsjobs konnte er gleich sein Können beweisen, da der Koch ausfiel: Er musste eine ganze Hochzeitsfeier bekochen. Seine Ausbildung war hart, wenig Geld, hohe Arbeitsbelastung und ein rauer, fast unmenschlicher Umgangston. Dasselbe bei seiner Arbeit bei der Sea Cloud, wo es galt, für das Vergnügen der Gäste abseits zu schuften.

Rosin war auch einige Zeit in den USA und erlebte ganz neue Eindrücke. Sein Start in die Selbständigkeit danach war stressig, dennoch berichtet er mit einem Hauch von Stolz darüber. Sein erstes eigenes Restaurant in Dorsten in NRW war der Start für sein Aufstieg zu einer bekannten Kochgröße. Seine ersten Auszeichnungen als Sternekoch, seine TV-Engagements und die Beziehungen zu anderen Kochgrößen werden ausführlich geschildert.

Sein zweiter Berufswunsch war Musiker, er besitzt ein gewisses Talent, was er auch im privaten Bereich immer wieder förderte. Dennoch hat er seine Entscheidung, Koch zu werden, nicht bereut. Fast schon leidenschaftlich und idealistisch klingen seine beruflichen Schilderungen.

Seine Botschaft an die Leser ist, dass man alles erreichen kann, wenn man bereit ist, dafür viel Mühe zu investieren und sich von Rückschlägen nicht entmutigen lässt. Er hat eine seiner Leidenschaften zu seinem Beruf gemacht, dies ist wohl der Schlüssel zu seinem Erfolg.

Die Biografie ist authentisch geschrieben, auch weil viele Episoden vorkommen, wo es nicht nach Wunsch und Plan lief. Dabei gibt er Einblicke in seine Gefühlswelt und zeigt auch die Schattenseiten des Kochbetriebes. Wobei es auch amüsante Episoden gibt.

Ein interessantes und kurzweiliges Lesevergnügen, wobei er leider wenig von seinem Privatleben preisgibt.


Buch 3

Andre Kobsch: Stralsund. Eine nostalgische Bilderreise von 1900 bis 1960, Sutton, Erfurt 2022, ISBN: 978-3-96303389-6, 22,90 EURO (D)

Die Jahre zwischen 1900 und 1960 waren in Stralsund mit gewaltigen politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen verbunden, die den Alltag der Menschen nachhaltig veränderten und prägten. Andre Kobsch präsentiert eine Stadtgeschichte in Bildern zur wechselvollen Vergangenheit Stralsunds. Dazu werden rund 170 zumeist noch nicht veröffentlichte historische Ansichtskarten und Fotografien aus privaten Sammlungen gezeigt.

Die Bilder werden in sechs Kapiteln gezeigt. Dies beginnt mit Impressionen der Altstadt wie Dampfschiffe der Fährgemeinschaft Altefähr, das Warenhaus von Leonhard Tietz in der Ossenreyerstraße oder Schustergeschäften.

Danach wird Alltägliches Besonderem gegenübergestellt. So die Feierlichkeiten zur Enthüllung des Lambert-Steinwich-Denkmals mit Menschenmassen vor der Nikolaikirche, die Ansicht einer Festwoche, wo Stralsunder und Gäste aus Schweden 1928 den 300. Jahrestag der erfolglosen Belagerung der Hansestadt durch Wallensteins Truppen feierten oder Innenansichten der katholischen Kirche in Stralsund.

Bilder aus den Vorstädten folgen danach. Dort werden unter anderem Geschäfte in der Frankenvorstadt oder das Empfangsgebäude des Bahnhofes Rügendamm gezeigt.

Hotels und Gaststätten wie eine Innenansicht des Café Mehlert oder das Hotel Goldener Löwe am Alten Markt sind dann an der Reihe. Weiter geht es mit Vereinen und Verbänden wie die 300jährige Feier des Gutenberg-Bundes des Ortsvereins Stralsund oder des Männergesangvereins Stralsund.

Zum Abschluss geht es dann um das Militär. Zu sehen sind ein Platzkonzert des Musikkorps des Infanterieregiment Nr. 42, die Skagerrakfeier aus dem Jahre 1928 oder die 15jährige Stiftungsfeier des Vereins Kaiserliche Marine Stralsund.

Die Bilder sind zwar nostalgisch anmutend, sie zeigen aber auch eine Stadt im Wandel. Es ist weniger ein Zeugnis geprägt von den Verwerfungen der Zeit wie die beiden Kriege, die Unruhen 1919, die NS-Zeit und der DDR-Zeit mit neuen Werten und Änderungen auf allen Ebenen, sondern gibt einen Einblick in den Alltag, Festtage und Kultur.

Ein Einleitungstext mit grundlegenden Informationen zu Wirtschaft, gesellschaftliche Klassen, Hafen, Einwohnerzahl usw. fehlt leider.

 

Buch 4

Jean-Christophe Grangé: Tag der Asche. Thriller, Lübbe, Köln 2022, ISBN: 978-3-7857-2787-4, 22 EURO (D)

Das Elsass während der Weinernte: In einer Kapelle wird unter den Trümmern eines Freskos die Leiche von Samuel, einem Mitglied der Täufergemeinde, entdeckt. Das Gebetshaus liegt unweit des Wohnorts der religiösen Gemeinschaft, deren Bewohner ein Leben wie vor 300 Jahren führen und sich durch den Weinbau finanzieren.

Um zu klären, ob es sich um einen Unglücksfall oder doch um Mord handelt, werden Pierre Niemans und Ivana Bogdanovic, zwei Ermittler der Zentralstelle gegen Gewaltverbrechen an den Ort des Geschehens gerufen.

Die beiden teilen sich auf: Ivana schleust sich inkognito als Erntehelferin auf das abgeschottete Weingut der Täufergemeinde ein und versucht dort, das Vertrauen zu gewinnen und aus erster Hand mehr zu erfahren. Dies gestaltet sich als zäh, die Mitglieder sind verschlossen und lassen wenig Einblicke über ihre Glaubensgemeinschaft zu. Dies erhöht natürlich auch die Spannung, da der Leser nur häppchenweise mehr erfährt.

Währenddessen ermittelt Niemans offiziell, dabei merkt er schnell, dass die Täufergemeinde in der Gegend angesehen ist und seine Fragen zu einem möglichen Mord auf Unverständnis und Schweigen treffen. Niemans lässt sich davon nicht beirren, je mehr er ermittelt, ist er von einem Verbrechen überzeugt.

Als noch ein zweiter Mord geschieht, nimmt das Geschehen um das Rätsel der Täufergemeinde Fahrt auf und der Spannungsbogen steigt an. Ivanas Ermittlungen bringen Schreckliches zutage, dabei gerät sie selbst in Lebensgefahr.

Die beiden Ermittler bleiben geheimnisvoll, viel über sie und ihre Vergangenheit wird nicht erzählt. Bis auf die Ausnahme, dass Ivana ein schwierige Kindheit und Jugend hatte, und in Heimen gelebt hat. Eigenschaften werden nur bei der Art zu ermitteln, deutlich. Pierre Niemans schafft es, sich schnell mit den örtlichen Behörden zu überwerfen und ist kein einfacher Charakter. Er ist menschenscheu, ihnen gegenüber misstrauisch, eigenwillig und würde heutzutage als nicht teamfähig bezeichnet werden. Er verlässt sich auf seine Erfahrungen und besitzt Hartnäckigkeit bei seinen Ermittlungen. Ivana kann besser mit Menschen umgehen und ist kommunikativer.

Die Atmosphäre des Thrillers und die Charakteristik der Mitglieder der Täufergemeinde ist düster und gruselig. Dazu passen auch die Landschaftsbeschreibungen und die kalten, dunklen Herbsttage. Eine für einen Thriller gelungenen Rahmen.

Der Thriller bleibt nicht an der Oberfläche, sondern spricht grundlegende und sehr aktuelle Fragen an: Euthanasie, genetische Selektion, Eliminierung der Behinderten, rassistische Überlegenheit, religiöser Fanatismus und Radikalismus.

Niemans Nihilismus und Paternalismus sind zwar auf Dauer etwas anstrengend, dennoch macht das ungleiche Ermittlerpärchen auch einen Reiz des Buches aus. Spannung ist genug vorhanden, die düstere, mysteriöse Atmosphäre, die durch die intensive Beschreibung der Glaubensgemeinschaft erzeugt wird, verstärkt dies nur.


Buch 5

Christian Hentschel: Das jetzt wirklich allerletzte Ostrockbuch, Neues Leben, Berlin 2021, ISBN: 978-3-355-01877-7, 20 EURO (D)

Christian Hentschels „Das vermutlich allerletzte Ostrockbuch“ war ein solcher Erfolg, dass nun ein Fortsetzungsband folgt. 16 Musiker mit Wurzeln in der DDR erzählen von ihren Anfängen, ersten Erfolgen, Bands und Krisen von der Zeit vor und nach der Wende.

Von der Systematik her ist es wie das erste aufgemacht. Es werden Interviews geführt, die meisten Fragen drehen sich um die Geschehnisse der letzten 30 Jahre. Die Interviews wurden während der Pandemie 2021 geführt, nur die Gespräche mit Holger Biege und Mike Schafmeier stammen aus dem eigenen Archiv.

Zuerst werden die oder der Künstler mit Bild und beruflicher Biografie vorgestellt, dann folgen die ausführlichen Interviews. Diese werden mit einigen Abbildungen oder Covern umrahmt.

So gibt es unter anderem ein Interview mit Bodo Kommnick, der beinahe 30 Jahre Gitarrist von Lift war und zusammen mit Ivonne Fechner mit Blackbird produziert. Kommnick berichtet über seinen Einstieg als Gitarrist von Lift 1985, seine früheren Stationen bei Caravan und Formel 1 und den Puzzleteilen von Gründen für den Ausstieg bei Lift wie interne Streitigkeiten, wieder ein anderer Musiker sein und der Kreativität wieder Lauf zu lassen.

Oder mit Dan Lucas, alias Lutz Salzwedel, lange Zeit Frontmann der Bands Passion und Karussell, später Karo. Mit seiner Singleauskopplung Heart of America wurde er einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Hier geht es um sein neues Album The Long Road, die Gründe für das Ende von Karo und seine wenig bekannte Zusammenarbeit mit der Münchener Freiheit.

Oder die seltene Konstellation von Joe und Wolf-Rüdiger Raschke von Karussell, wo Vater und Sohn in einer Band spielen. Joe berichtet, dass er schon mit vier Jahren wusste, dass er einmal mit seinem Vater auf Tour gehen wollte. Joe entwickelt die meisten musikalischen Ideen digital, Wolf-Rüdiger traditionell am Klavier. Beide arbeiteten in der Corona-Zeit an einem neuem Album.

Dies ist eine ausgewählte Sammlung von musikalischen Ostlegenden, die über die Zeit vor und nach der Wende sprechen. Die Gespräche finden in schon fast vertrauter Atmosphäre statt. Es wird viel Insiderwissen über die Interviewten und deren Musik sowie Bands ausgebreitet, nicht nur witzige Anekdoten oder Nostalgisches, sondern auch Schwierigkeiten bei der Karriere oder Misstöne von Bandmitgliedern.

Ob dies wirklich das allerletzte Ostrockbuch sein wird, dürfte nach den Aussagen des Autors im Vorwort bezweifelt werden.


Buch 6

Natalie Livingstone: Die Frauen der Rothschilds. Das unterschätzte Geschlecht der mächtigsten Dynastie der Welt, Quadriga., Köln 2022, ISBN: 978-3-8699-5118-8, 26 EURO (D)

Hinter den Kulissen hielten sie die Fäden in der Hand, aber in Erscheinung traten immer nur ihre Männer: die Frauen der mächtigen Rothschilds. Die Biographien dieser charismatischen Personen lässt die Historikerin Natalie Livingstone nun in ihrem Buch wieder aufleben.

Livingstone verleiht den pluralistischen, privilegierten und begabten Frauen eine Stimme, deren Vision und Hartnäckigkeit die Geschichte geprägt haben. Sie hatten zwar aufgrund ihrer Bekanntheit und ihres Vermögens erhebliche Vorteile gegenüber anderen Frauen ihrer Zeit. Sie mussten jedoch mit einer doppelten Diskriminierung leben: Als Jüdinnen in einer teilweise antisemitischen christlichen Gesellschaft und als Frauen innerhalb einer patriarchalischen Familie und Gesellschaft.

Angefangen von der Heirat Gutles mit Mayer Amschel Rothschild 1770, die die Rothschild-Dynastie begründete, wird ein Panorama der Zeitgeschichte offenbart, das bis in die jüngste Vergangenheit reicht.

Die Frauen der Rothschild-Dynastie hatten die unterschiedlichsten Talente und Berufe: Geschäftsfrauen, Politikberaterinnen, Sozialreformerinnen, Diplomatinnen, Zoologinnen, Sportlerinnen, Künstlerinnen Multiplikatorinnen des Judentums. Sie brachen bewusst gesellschaftliche Regeln, standen in der Öffentlichkeit und waren Vorreiterrinnen; genauso gab es auch Opportunistinnen, Traditionalistinnen und Frauen der leisen Töne.

Sie erfüllten in der traditionell männlich dominierten Familie zum Teil ihre Rollen als Erzieherin, Ehefrau oder Mutter, verließen jedoch ihre Interessen, Wünsche und Fähigkeiten nie aus den Augen und waren auf ihren verschiedenen Gebieten verhältnismäßig progressiv und willensstarke Charaktere. Sie unterstützten sich gegenseitig und bauten auf dem Vermächtnis ihrer Mütter und Tanten auf.

Wie so oft konzentriert sich die Geschichte weitgehend auf Männer, wobei Frauen gelegentlich als Ehefrau, Mutter oder Tochter erwähnt werden. Hier holt Natalie Livingstone die Frauen aus dem Schatten ihrer illustren Ehemänner und der Familiendynastie und stellt sie in den Vordergrund ihres Buches.

Das Buch ist umfangreich recherchiert bietet eine hervorragende Geschichte der Rothschild-Frauenlinien. Die Autorin verleiht den verschiedenen, privilegierten und begabten Frauen eine Stimme, deren Vision und Hartnäckigkeit die Geschichte geprägt haben. Überraschend ist, dass sie niemals ihre jüdischen Wurzeln oder Kultur vergaßen und sich dafür, auch nach Gründung des Staates Israel, engagierten.











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