Neuerscheinungen Feminismus und Bildung

16.03.22
KulturKultur, Feminismus, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Sandra Jungmann: Laut und Selbstbestimmt. Wie wir wurden, wer wir sind, Leykam, Wien 2022, ISBN: 978-3-7011-8236-0, 22 EURO (D)

In 15 Porträts stellt Sandra Jungmann eindrucksvolle Charaktere unserer Zeit vor. Junge Feminist*innen, die neue Wege einschlagen. Sie sind Kämpfer*innen für Selbstbestimmung und gegen Diskriminierung, solche, die „es leid sind, aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechtes oder ihrer sexuellen Orientierung benachteiligt zu werden.“ (S. 7) Sie werden gefragt, woher sie den Antrieb nehmen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, wie sie sich zu den Personen entwickelt haben, die sie heute sind, welche ihre Schlüsselmomente waren, welche Hürden sie genommen haben und mit welchen Vorurteilen sie immer noch konfrontiert werden.

So zum Beispiel Verena Altenberger, die zu den beliebtesten und gefragtesten österreichischen Schauspieler*innen zählt. Sie berichtet davon, dass ihre Mutter ihr ihres eigenes Körperbild als vollschlankes Ideal weitergab und sie sehr darunter litt. Heute versucht sie in der Schauspielbranche die Kollegin zu sein, die sie als junge Frau gebraucht hätte, und bietet Hilfe bei Sexismus oder Diskriminierungen an.

Oder Oula Khattab, die 2017 von Syrien nach Wien flüchtete. Sie ist Juristin und Menschenrechtsaktivistin, Sie leitet den Verein AFTA, einen Frauengesundheitskreis für Migrantinnen und hat die Initiative Souriat (Syrian Women for Justice and Peace) ins Leben gerufen. Sie berichtet von ihrem Leben in Syrien, die Migration nach Wien und antimuslischem Rassismus.

Spannend ist auch das Porträt von Antje Schomaker, Indie-Popmusikerin und Songwriterin aus Berlin. Es zeigt sich, dass Gleichberechtigung in der Musikbranche oft nur auf dem Papier existiert. Sie fördert junge Künstlerinnen, arbeitet mit Frauen zusammen, empfiehlt andere Musikerinnen als Vorbands weiter und gibt ihnen auf ihrem Instagram-Profil eine Plattform.

Die Porträts sind offen und direkt, sprechen auch Probleme und Schwächen an und haben in gewisser Weise Vorbildcharakter. „Dieses Buch ist für alle geschrieben, die bereit sind, die Strukturen zu hinterfragen, mit denen sie groß geworden sind. Die auf der Suche nach Menschen sind, die Großes leisten, die sich und anderen Orientierungshilfen geben wollen. Die bereit sind, ihren Horizont zu erweitern und mutiger zu werden.“ Dafür kann dieses lesenswerte Buch empfohlen werden.

 

Buch 2

Bock-Famulla, K. u.a.: Länderreport Frühkindliche Bildungssysteme 2021. Transparenz schaffen – Governance stärken, Verlag Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 2021, ISBN: 978-3-86793-936-2, 28 EURO (D)

Alle zwei Jahre berichtet der „Länderreport Frühkindliche Bildungssysteme“ über den Stand der frühkindlichen Bildung in den deutschen Bundesländern. Die 16 einzelnen Länderprofile mit den jeweiligen Stärken und Entwicklungsbedarfen der Kindertagesbetreuung basieren auf dem Ländermonitoring Frühkindliche Bildungssysteme, das seit 2008 kontinuierlich den Status quo und die Entwicklung der Frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung (FBBE) beobachtet.

Der Report enthält Analysen neuer Herausforderungen und Trends. Eine kritische Bilanz wird fast drei Jahre des Inkrafttreten des Gesetzes zur Weiterentwicklung der Qualität und Verbesserung der Teilhabe in Tageseinrichtungen und in der Kindertagespflege gezogen. Dazu werden die Verankerungen von bundeseinheitlichen Standards für die Personal- und Leitungsausstattung empfohlen, die durch nachweisliche Stufenpläne von den Ländern bis zu einem gemeinsam abgestimmten Zeitpunkt zu verändern sind. Außerdem die Verankerung einer dauerhaften und auskömmlichen Finanzbeteiligung des Bundes.

Danach folgen die umfassenden Länderprofilen, jedes Land in einem einzelnen Kapitel. Dies geschieht nach folgender Systematik. Zunächst wird auf den Status Quo der Kindertagesbetreuung eingegangen. Danach folgt eine Analyse der Qualitätsentwicklungen im Rahmen des KITA-Qualitäts- und Teilhabegesetzes. Dies wird von Empfehlungen zur Verbesserung und Herausforderungen abgeschlossen. Drei große Teilbereiche schließen sich an, die per Fließtext und Tabellen und Grafiken behandelt werden: Teilhabe sichern, Bildung fördern – Qualität sichern und Investitionen wirkungsvoll einsetzen.

Nach den Länderprofilen gibt es einen ausführlichen Tabellenanhang, der auch Bundesländervergleiche ermöglicht. Quellenangaben und allgemeine Anmerkungen schließen das Buch ab, die allerdings zu klein geschrieben sind.

Es zeigte sich, dass den Kindern trotz eines massiven Platz- und Qualitätsausbaus in allen Bundesländern vergleichbare Teilhabe- und Bildungschancen gewährleistet werden können. Es gibt es ein Ost-West-Gefälle, was im Vergleich zum letzten Monitoring etwas verbessert wurde: Im Osten gibt es dank einer höheren Anzahl an Plätzen mehr Krippenkinder als im Westen. Dagegen ist die Qualität im Westen höher, was an dem Personalschlüssel festgemacht wird.

Die diesjährigen Auswertungen werden durch Prognoseergebnisse des erstmals veröffentlichten „Fachkräfte-Radars für KiTa und Grundschule“ der Bertelsmann Stiftung ergänzt. Der Fachkräfte-Radar zeigt in datenbasierten Szenarien, wie sich Bedarf und Angebot an KiTa-Fachkräften bis 2030 entwickeln könnten. Dort zeigte sich, dass bis 2030 mehr als 230.000 Fachkräfte fehlen werden, jedenfalls rein rechnerisch.

Notwendige Gegenmaßnahmen sollten jetzt schon eingeleitet werden, was immer wieder betont wird. Gefordert werden mehr Ausbildungskapazitäten, Berufsschullehrkräfte, attraktive Beschäftigungs- sowie Ausbildungsbedingungen für pädagogische Fachkräfte und dafür notwendige Finanzmittel, um diese Maßnahmen für den Fachkräftemangel zu flankieren.

Dies ist zwar ein kein neues Phänomen, aber eine besorgniserregende Zukunftsprognose. Nicht nur für die Rechte von Kindern, sondern auch für Eltern und die Gesellschaft als Gesamtes. Auch wenn die Schlussfolgerungen hier nicht beinhalten, dass die jetzigen pädagogischen Fachkräfte wegen Überlastung überhaupt in ihrem Job bleiben und auch dort Verbesserungen eingeleitet werden sollen, ist der Report ein lesenswerter Indikator für rasch zu treffende notwendige Weichenstellungen.

 

Buch 3

Matthias Pöhlmann: Rechte Esoterik. Wenn sich alternatives Denken und Extremismus gefährlich vermischen ,Herder, 2021, ISBN: 978-3-451-39067-8, 22 EURO (D)

Während der Pandemie kamen vielfältige Verschwörungsmythen in Umlauf. Auf Demos gegen die Maßnahmen marschierten Neonazis zusammen mit Leuten aus dem alternativ-esoterischen Milieu. Die scheinbar unvereinbare Mischung wird von dem evangelischen Theologen Matthias Pöhlmann in diesem Buch genauer betrachtet.

Im ersten Kapitel geht es um eine Bestandsaufnahme des Verschwimmens der Grenzen in der Pandemie. Nach einer Definition von Esoterik gibt es eine Liste von inhaltlichen Aspekten, die die grundsätzliche Anschlussfähigkeit gegenüber rechten Ideologien ermöglichen. Näher beleuchtet wird die Vernetzung von „Querdenkern“ und Esoteriker*innen in der Pandemie, es werden Verbreitungswege offen gelegt. Danach werden rechte Verlage mit teilweise esoterischer Ausrichtung vorgestellt und es gibt eine Geschichte der Verbindung von Esoterik und rechtem Denken seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Danach werden prägende Protagonist*innen und Gruppen vorgestellt. Speziell wird dann auf rechte Esoterik und Reichsbürger, Qanon und rechte Esoterik, die Anastasiea-Bewegung, Vernetzungs- und Querfrontstrategien und eine nochmalige Ausführung von Einfallstore für rechtes Denken innerhalb der esoterischen Szene.

Seit der „Flüchtlingskrise“ 2015 gibt es verstärkte Überlappungen zwischen der beiden Szenen. Es gibt Einfallstore für rechtes Denken innerhalb der esoterischen Szene: Esoterische Weltdeutungen neigen zu Verschwörungstheorien und zu einem Schwarz-Weiß Denken. Sie sind gegenüber einem rational bestimmten Weltverhältnis kritisch eingestellt. Und es wird gewarnt: „Verschwörungsmythen stellen für die Demokratie, die auf Konsens, Verhandlungsbereitschaft und Aushandlungsprozesse angelegt ist, eine große Gefahr dar.“ (S. 241)

Am Ende gibt es aus christlicher Sicht orientierende und praktische Hilfestellungen und ein theologisches Plädoyer für eine Kultur der gegenseitigen Rücksichtnahme in der Gesellschaft.

Im Anhang gibt es noch Adressen für Information und Beratung: zum Umgang mit Verschwörungstheorien und ihren Vertreter*innen, Informations- und Beratungsstellen für rechte Esoterik und Verschwörungsideologien, zur Politische Bildung, des Faktenchecks und einer Filmdoku über rechte Esoterik. Außerdem enthält er weiterführende Literatur, ein Personen- und Sachregister und die Anmerkungen.

Fundiert und mit Rückgriff auf Forschungsergebnisse beschreibt Pöhlmann gegenwärtige, antidemokratische, antimoderne "alternative Milieus" und analysiert die wichtigsten gegenwärtigen Strömungen. Das Thule-Seminar als weithin historische intellektuelle Scharnierfunktion zwischen neuheidnischen und rechten Bewegungen sollte größere Beachtung beigemessen werden. Auch sind die empfohlenen Gegenmaßnahmen nicht sonderlich hilfreich. Die Stärke des Buches liegt in der aktuellen differenzierten und fundierten Übersicht über die genannten Milieus und Verschwörungsdenken und zeichnet sich durch einen guten Anhang aus, der weiterführende Lektüre ermöglicht.


Buch 4

Hannah Ross: Revolutions. Wie Frauen auf dem Fahrrad die Welt veränderten, Mairisch, Hamburg 2022, ISBN: 978-3-948722-14-1, 24 EURO (D)

Dies ist eine Geschichte des Radfahrens aus der Sicht von Frauen: „Auf dem Fahrrad konnten sie ihre Welt vergrößern, und sie waren entschlossen, diese Chance zu nutzen.“ Sie setzten sich gegen restriktive Vorstellungen von Weiblichkeit zur Wehr, Fahrräder wurden zu „feministischen Freiheitsmaschinen“ (S. 11) Nicht nur Spitzensportlerinnen stehen im Mittelpunkt, sondern auch andere Pionierinnen von Europa über Nordamerika bis nach Afghanistan oder Indien.

Im ersten Teil geht es um das Aufkommen des Fahrrades im späten 19. Jahrhundert und den frühen Pionierinnen. Unvorstellbar heutzutage, dass sich diese mit körperlicher Gewalt konfrontiert sahen, wie Lady Dorothea Gibb, die in York mit Steinen beworfen wurde.

Der zweite Teil handelt von Frauen, die im Rahmen von Freiheit, Gleichheit und Schwesternschaft eingesetzt haben. Wie Prinzessin Reema, die saudische Botschafterin in den USA, die sich für radelnde saudische Frauen einsetzt.

Im dritten Teil geht es um diejenigen, die abseits von befahrenen Straßen radelten und damit Vorbild für andere Frauen wurden. Wie Fanny Hunter Wickman, die zusammen mit ihrem Mann ausgedehnte Fahrradtouren für Monate unternahm zum Beispiel durch Spanien oder Algerien. Fanny schrieb daraus Reiseberichte.

Der vierte Teil behandelt Frauen, die Rekorde erreichten und Leistungen zeigte, die ihnen niemals zugetraut wurden. Wie Alfonsina Strada: Sie verfolgt ihren Traum, einmal beim Giro d’Italia mitzufahren. Schon bei der Anmeldung muss sie Widerstände überwinden, wird ausgelacht und gedemütigt. Dennoch schafft sie es auch mit Unterstützung ihres Ehemanns Luigi, 1924 am Giro teilzunehmen.

Die Message ist: Verfolge Deinen Traum und trotze allen Widrigkeiten, dann ist alles möglich. Viele Zustände scheinen wie aus der Zeit gefallen und sind sehr befremdlich für heutige Betrachter zu lesen. Ein spannendes Buch, das gut recherchiert und aussagekräftig erzählt ist, wobei es ohne großangelegtes Pathos auskommt.


Buch 5

Holger Renner/Benjamin Perry/Manja Plehn: Kinder essen im Ganztag. Mit Arbeitshilfen zum Download, Herder, 2. Auflage 2022, ISBN: 978-3-451- 39223-8, 20 EURO (D)

Dieses Buch verzahnt zwei Fragestellungen: Welche Anforderungen müssen erfüllt werden, um eine Essens- und Verpflegungssituation in Schule und Hort zu gewährleisten, die die Kriterien einer gesunden und ernährungsphysiologischen wertvollen Ernährung für Grundschulkinder beachten? Und welche Herausforderungen ergeben sich für eine pädagogische Gestaltung der Nahrungsaufnahme?

Der Profikoch in einer Schulküche Benjamin Perry zeigt im ersten Kapitel, ernährungswissenschaftliche Grundlagen und was für eine gesunde Entwicklung von Kindern im Grundschulalter zuträglich ist. Er gibt Tipps für die Praxis und geht auf das kindgerechte Setting ein.

Die folgenden Kapitel rücken die pädagogische Gestaltung der Mittagsessensituation in Hort und Angeboten ganztägiger Bildung und Betreuung in den Fokus. Die Mittagszeit hat über den Aspekt der Nahrungsaufnahme auch soziale und kulturelle Dimensionen. Zuerst werden die Säulen der Ernährungsbildung (Qualität der Schulverpflegung, die Mahlzeitengestaltung, gezielt durchgeführte ernährungsbezogene Lehr- und Lern-Arrangements im formalen und non-fomalen Bildungsbereich der Ganztagsschule) angesprochen.

Danach geht es die Faktoren einer gelingenden Kommunikation zwischen den Beteiligten über Wünsche, Aufgaben und Verantwortungsbereiche. Die Bedürfnisse größerer Kinder und deren Einfluss auf die Gestaltung der Mittagsessenssituation werden dann vorgestellt, bevor Aufgabenfelder in der Interaktion mit Kindern, das Vorbild-Sein am konkreten Beispiel, skizziert werden. Projekte, die dazu dienen, die Ernährungsbildung im Alltag erlebbar zu machen, und die pädagogische Gestaltung von Interaktionen kommen dann zur Sprache. Wie das Mittagessen für alle genussvoll und erfahrungsreich organisiert werden kann (Räume, Zeitstrukturen, Freiraum, Abläufe), wird dann präsentiert.

Ein Beispiel des Schülerhauses Dreisamtal in Kirchzarten, wo viele Faktoren für alle Beteiligten positiv erlebbar umgesetzt werden konnten, wird zum Abschluss präsentiert.

Zusätzlich zum Buch gibt es Arbeitshilfen zum Download: Reflexionsimpulse zum pädagogischen Handlungsfeld „Schulverpflegung“, Dialogimpulse für Kinder und erprobte Rezepte von Benjamin Perry. Die Adresse ist auf Seite 9 zu finden.

Das Buch will keine permanente Durchorganisation und auch noch Pädagogisierung der Kinderbetreuung, es sind Hinweise und Praxistipps auf niedrigem Level, die hier veranschaulicht werden und in das pädagogische Teilziel der Ernährungsbildung jenseits von theoretischer Wissensvermittlung. Der Ansatz, Impulse zu ernährungsphysiologischen Grundlagen und zur Gestaltung des pädagogischen Handlungsfeldes Mittagessen zu verbinden, ist überzeugend und macht Sinn für alle Beteiligten. Die vorgestellten Projekte bieten gute Anregungen, das Praxisbeispiel hätte dagegen wesentlich ausführlicher sein können, nicht nur durch Erfahrungsberichte von Fachkräften, sondern auch mit Statements der Kinder. Auch mehr Praxisberichte wären wünschenswert.









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